10.06.2002

FILMButler im Blick

Robert Altmans „Gosford Park“ ist ein großes Gesellschaftspanorama des England der dreißiger Jahre.
Es gießt in Strömen, als die Countess of Trentham an einem düsteren Novembertag des Jahres 1932 zum Landsitz Gosford Park aufbricht, wo sie bei Verwandten ein Wochenende mit illustren Gästen, gutem Essen und angeregten Gesprächen verbringen will.
Doch die Kamera wendet sich von der Countess ab und nimmt stattdessen den Butler in den Blick, der an der Eingangstür steht. Wenig später erfasst die Kamera die Zofe, die so lange warten muss, bis ihre Herrin eingestiegen ist, und verweilt etwas länger auf der durchnässten jungen Frau.
Robert Altmans neuer Film "Gosford Park" hat einen Blick und ein Herz für jene Menschen, die im Regen stehen und dabei zusehen müssen, wie die anderen trockenen Fußes durchs Leben gehen.
Das faszinierende, berührende und sehr vergnügliche Porträt einer Klassengesellschaft ist Altman bei seinem ersten in Großbritannien produzierten Film gelungen. Mit dem neugierigen und präzisen Blick eines Fremden beschreibt er Regeln und Rituale einer Welt, in der selbst die Dienstboten nicht alle an ein und demselben Tisch essen.
Die Kamera dagegen kennt keinen Standesdünkel: Sie überwindet spielend die Klassenschranken, wandelt elegant vom Salon in die Küche, schwenkt vom Gesinde zum Geschmeide und kann sich an beidem nicht satt sehen. Statt zu den hohen Herrschaften aufzublicken, macht sie im Zweifelsfall allerdings lieber vor dem Butler einen Diener.
Über 20 Figuren treffen in "Gosford Park" aufeinander, und dennoch wird daraus nie ein Wimmelfilm. Er ist durchgehend besetzt mit Stars oder Charakterdarstellern wie Kristin Scott Thomas, Helen Mirren, Alan Bates, Ryan Phillippe oder Maggie Smith, und doch hat jede Figur, ob Lordschaft oder Zimmermädchen, ob Filmstar oder Haushälterin, ihre eigene Geschichte, für die sich Altman und sein Autor Julian Fellowes nahezu gleich viel Zeit nehmen.
Inspiriert von Jean Renoirs Klassiker "Die Spielregel" (1939), der ein Porträt der französischen Vorkriegsgesellschaft zeichnete, erzählen sie von einem Mord nach einem Jagdausflug, anlässlich dessen die Gäste nach Gosford Park gekommen sind. Doch die Aufklärung ist weniger kriminalistischer Natur.
Vielmehr werden jene Geheimnisse aufgedeckt, die hier lange unter die kostbaren Teppiche gekehrt wurden, die tragischen Verstrickungen, die einige Figuren aneinander fesseln. Während der Inspektor den Fall vergeblich zu lösen versucht, wird der Zuschauer zum Detektiv britischer Sozialgeschichte.
Immer wieder blickt die Kamera wie ein geheimer Beobachter durch Scheiben, Zweige und Kerzenständer auf die Figuren; oft betrachtet sie die Diener, die unfreiwillig ihre Herren belauschen. In dieser Welt muss man Augen und Ohren stets sehr weit offen halten. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 24/2002
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