10.06.2002

SCHAUSPIELERDas Chaos des Lebens

Der US-Schauspieler Richard Gere über das Universum, die Liebe und seinen neuen Film „Untreu“
Gere, 52, wurde 1980 berühmt mit seiner Rolle als männlicher Prostituierter in "Ein Mann für gewisse Stunden". 1990 feierte er mit "Pretty Woman" einen Riesenerfolg. Gere ist Buddhist. Er war in erster Ehe mit dem Supermodel Cindy Crawford verheiratet und lebt in New York mit der Schauspielerin Carey Lowell zusammen. In dem Adrian-Lyne-Film "Untreu" spielt er gemeinsam mit Diane Lane und Olivier Martinez. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Mr. Gere, in Ihrem ersten Kinoerfolg "Ein Mann für gewisse Stunden" haben Sie den Verführer gespielt - wie in späteren Filmen auch. In "Untreu" dagegen sind Sie der betrogene Ehemann. Fiel Ihnen dieser Rollenwechsel schwer?
Gere: Ich suche mir meine Rollen nicht unter strategischen Aspekten aus, zum Beispiel, ob ich das Publikum mit einem ganz anderen Gere überraschen sollte. Mir kommt es darauf an, Menschen zu spielen, die sich verändern, die von sich selbst überrascht sind - oder die erstaunt zusehen, was das Universum für sie bereithält.
SPIEGEL: Der Geschäftsmann Edward Sumner, den Sie in "Untreu" spielen, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Seine Frau wird von einem schönen französischen Buchhändler verführt.
Gere: Oberflächlich gesehen, ist Sumner ein Mann, der es sich in einem routinierten Familienleben bequem gemacht hat. Dann beginnt seine Frau diese leidenschaftliche Affäre. Das ist zunächst mal einfach Ehebruch. Aber im Grunde ist es das Leben, das Schicksal, das ihn betrügt. Sumner hat eigentlich keinen Fehler gemacht, seine Frau etwa schlecht behandelt. Das Universum hat seine eigenen Gesetze, die nicht mit den Regeln der Menschen übereinstimmen.
SPIEGEL: Sie meinen, jeder ist seinem Schicksal ausgeliefert?
Gere: Der einzige Weg, sein Schicksal zu ändern, ist, sich innerlich zu befreien. Wenn man nicht mehr im Mittelpunkt seines eigenen Lebens steht, ist man frei.
SPIEGEL: Aber in der Liebe geht es durchaus um das Ich, um die eigenen Gefühle.
Gere: Sie schildern das übliche menschliche Verhalten. Man liebt jemanden, eine Frau, einen Mann, ein Kind, ein Haus, man möchte es besitzen, man fühlt sich verbunden. Aber das ist eine Art von Liebe, die eigentlich mehr einer Art Investment Banking gleicht. Ich denke, wahre Liebe bedeutet, etwas zu geben und nicht zu erwarten, dafür etwas zu bekommen. Das zu erreichen ist extrem schwierig.
SPIEGEL: Haben Sie diese Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe?
Gere: Natürlich nicht. Aber ich kenne den Unterschied zwischen echter Liebe und der üblichen Vorstellung von Liebe.
SPIEGEL: Theoretisch oder auch im alltäglichen Zusammenleben?
Gere: Manchmal auch im täglichen Zusammenleben. Aber es ist nicht leicht, das durchzuhalten.
SPIEGEL: Werden Sie manchmal von Eifersucht geplagt?
Gere: Leider, aber es ist ein Gefühl, das man überwinden muss.
SPIEGEL: Wie Sumner sind Sie verheiratet, haben ein Kind, ein Haus, sind erfolgreich. Fühlen Sie sich der Figur daher verbunden?
Gere: Ich bin Schauspieler: Ich muss die Person, die ich spiele, selber werden - egal, wer ich außerhalb des Sets bin. Rollen sind Konstrukte. Aber natürlich kenne ich das Chaos und die Gefahren, die mit dem Familienleben einhergehen. Wenige Leute, die lange verheiratet sind, setzen sich aufs Sofa und unterhalten sich so intensiv, wie wir es gerade tun. Manchmal rede ich mit Journalisten mehr als mit meiner eigenen Frau.
SPIEGEL: Was dazu führen kann, dass Partner sich langsam auseinander leben, ohne es zu merken.
Gere: Deshalb glaube ich, dass jedes Paar sich immer wieder Zeit nehmen muss, um sich aufeinander zu besinnen. Man muss sich fragen: Ist mir etwas entgangen? Wie geht es dem anderen? Das ist nicht unbedingt angenehm, aber unentbehrlich, wenn eine Beziehung sich weiterentwickeln soll.
SPIEGEL: Sie wurden am Beginn Ihrer Karriere zum schönsten Mann der Welt gewählt und vor drei Jahren zum "Sexiest Man Alive". Sie sind reich und berühmt. Warum sind Sie Buddhist geworden und bekennen sich damit zu
einer Religion, in der das alles nicht zählt?
Gere: Ich bin dankbar, dass mir dieses Leben die Chance eröffnet hat, so gute Lehrer zu finden. Der Rest bedeutet nicht viel. Mir ist es nie um Geld und Ruhm gegangen; für mich ist das wie ein kleines Restaurant auf dem Weg, in dem man schnell einen Imbiss isst. Das Ziel ist, die innere Befreiung zu erreichen.
SPIEGEL: Sie sind in einem streng methodistischen Elternhaus groß geworden - was haben Sie am Christentum vermisst?
Gere: Mitgefühl und Wohltätigkeit haben eine sehr große Bedeutung im Christentum. Das finde ich wundervoll. Aber es geht, im Gegensatz zum Buddhismus, weniger darum, die Natur des Bewusstseins, des Universums zu untersuchen.
SPIEGEL: In "Untreu" geht es um die Frage der Schuld. Welche Antworten gibt der Buddhismus darauf?
Gere: Der Buddhismus kennt das Wort "Schuld" gar nicht. Sicher kann es passieren, dass man anderen Unrecht tut, sie verletzt. Im Übrigen finde ich nicht, dass der Film von Schuld handelt.
SPIEGEL: Nein? Es geht doch um Lügen, Ehebruch und Gewalt.
Gere: Wenn man in eine Pfütze springt, wird man nass. Wird man nass, weil man schuld ist?
SPIEGEL: Weil man sich entschieden hat zu springen.
Gere: Ich denke, das hat nichts mit der Frage nach Moral zu tun. Das Universum ist neutral. Man springt und wird nass. Alles ist eine Frage von Ursache und Wirkung. Selbstverständlich darf man deshalb nicht einem anderen Schaden zufügen. Die negative Energie, die man abgibt, trifft einen irgendwann selbst.
SPIEGEL: Man kriegt nicht alles, aber alles zurück?
Gere: Genau. Aber es gibt Menschen, die haben so hart an sich gearbeitet, dass sie nicht für eine Millisekunde den Impuls haben, jemanden zu verletzen. Oder zurückzuschlagen. Die meisten von uns werden doch schon wütend, wenn ein anderer hupt. Ich denke, am Ende geht es um Verantwortung, nicht um Schuld.
SPIEGEL: In eine ähnliche Richtung geht Ihr Protest gegen die Reaktion der US-Regierung auf die Attentate vom 11. September.
Gere: Ja, das stimmt. Ich glaube, dass wir mehr über die Ursachen nachdenken müssen, die zu dem Anschlag geführt haben. Wir sind alle mitverantwortlich für die Erfahrungen, die wir machen. Solange es irgendjemanden auf der Welt gibt, der hungert, der gefoltert wird, dem in irgendeiner Weise Unrecht angetan wird, lebt keiner von uns in Sicherheit. Sie nicht und auch ich nicht.
SPIEGEL: Die amerikanische Öffentlichkeit wirft Ihnen vor, sich in der Diskussion um den 11. September "nicht-amerikanisch" zu verhalten. Was sagen Ihre Freunde?
Gere: Viele Leute beteuern, sie seien froh, dass ich mich derart kritisch äußere, sie selbst würden ähnlich denken, aber sich nicht trauen, etwas zu sagen. Ich jedenfalls habe die flächendeckenden Bombardements Afghanistans abgelehnt.
SPIEGEL: Der Film spielt in New York, und Sie selbst leben in New York. Wie haben die Angriffe des 11. September Ihr Verhältnis zu der Stadt verändert?
Gere: Die Angriffe haben nicht unbedingt mein Verhältnis zu der Stadt geändert, sie haben aber mein gesamtes Lebensgefühl beeinflusst. Es ist vielleicht vergleichbar mit dem, was Edward, die Figur, die ich in "Untreu" spiele, fühlt, als er entdeckt, dass er betrogen wird. Du merkst auf einmal, dass du aller Sicherheit beraubt bist, dass alles, worauf du dich noch am Tag zuvor verlassen hast, nicht mehr gilt. Sie müssen sich vorstellen: Das World Trade Center lag direkt gegenüber meiner Wohnung. Noch heute bekomme ich jedes Mal einen Schreck, wenn ich aus dem Fenster schaue und sehe, dass es nicht mehr da ist.
SPIEGEL: Sie halten sich viel in Indien auf. Spielen Sie mit dem Gedanken, buddhistischer Mönch zu werden?
Gere: Ja, ich denke hin und wieder darüber nach. Aber meine Freunde behaupten, ich würde hier gebraucht, und im Moment höre ich noch auf sie.
SPIEGEL: Soll Ihr zweijähriger Sohn Homer später auch einmal Buddhist werden?
Gere: Er ist noch ein bisschen zu klein, um mit buddhistischen Lehren vertraut gemacht zu werden. Man kann einem Kind aber erklären, dass auch eine Ameise ein Lebensrecht hat: Man zeigt ihm das Tier, erzählt, dass es, genau wie ein Mensch, nach einer Frucht zum Essen sucht, dass es sich vor dem Regen schützen will. Das ist eine sehr tief greifende Lektion.
SPIEGEL: Und wie ist es mit dem Lebensrecht von Mücken?
Gere: Das ist so eine Sache. Selbst der Dalai Lama sagt, manchmal sei es sehr schwierig, eine Mücke zu lieben. INTERVIEW:
SUSANNE BEYER, MARIANNE WELLERSHOFF
* Bei der Premiere von "Untreu" am 6. Mai in New York.
Von Susanne Beyer und Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 24/2002
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