10.06.2002

DEUTSCHE MANNSCHAFTDer Kaiserlehrling

Mit schlichten Konzepten führte Teamchef Rudi Völler die Auswahl aus den Niederungen des Weltfußballs. Bei seinem Turnier-Debüt arbeitet der Selfmade-Coach auf Probe: Mit der WM in Südkorea und Japan soll er seine Eignung für die großen Ziele der Zukunft beweisen.
Auf der "Bühne für die Austragung dramatischer Szenen", wie die Präfektur Ibaraki in ihrer Broschüre das örtliche Kashima-Stadion preist, blickte Rudi Völler, 42, ernüchtert ins Gras wie auf den Abspann eines aufwühlenden Films. Sekunden nachdem der Gegner aus Irland in der Nachspielzeit des WM-Vorrundenspiels den 1:1-Ausgleich erzielt hatte, schwang der Teamchef der Deutschen dann seinen rechten Fuß pfeffernd durch die Abendluft - und es sah aus, als träte er gedanklich nicht gegen den Ball, sondern einen imaginären Allerwertesten.
Im Untergeschoss der Arena tropfte später aus den grauen Locken der Schweiß auf sein sandfarbenes Jackett. Ein Kratzer hinter seinem linken Ohr ließ auf heftiges Haareraufen schließen.
"Ja, der Druck", sagte mit italienisch übersteigerter Gestik der einstige Publikumsliebling bei AS Rom, "der Druck, der Druck war immer groß. Ist ja bei einer WM so, sind fast alles Endspiele. Ich kann''s nur wiederholen."
Der Druck, der "enorme Druck", war dann wirklich der meistwiederholte Begriff in den Tagen seit jener Nachspielzeit, die eine Ahnung zur Gewissheit wendete: Die deutsche Mannschaft wird trotz des kühnste Phantasien beflügelnden 8:0-Auftaktsieges gegen Saudi-Arabien an diesem Dienstag eine Art Endspiel gegen Kamerun austragen - und dort mindestens ein Remis erzwingen müssen, um weiter Aufenthaltsrecht im Wettbewerb zu genießen.
Völler, der Turnier-Debütant als Trainer, will den Druck mindern, indem er die Lage der Fußballnation als "Normalfall" einordnet. Dazu greift er auf das stattliche Floskel-Arsenal eines erleuchteten Weltmannes zurück: "Ist doch logisch", war "schon immer so" und "wird immer so sein", formuliert der Routinier mit 90 Länderspielen und drei WM-Teilnahmen als Stürmer gern. "Ich war, glaubt mir, lange genug dabei."
Mit derlei Andeutungen aus den vermeintlichen Verschlusssachen des Rasensports verrät der Teamchef ein Herrschaftswissen, das vielleicht nicht jeden Spieler, aber zumindest die Berufszweifler beruhigt, die im Medienzentrum die Fragen stellen. Dorthin, vier Minuten vom Hotel, bringt ihn der Chauffeur fast täglich in einer schwarzen Nissan-Limousine.
Völler lässt hier die Öffentlichkeit an den Gedanken eines pragmatischen Tatsachenmenschen teilhaben. Nicht zufällig repräsentiert er in dieser Runde den Stil der Elf: engagiert und geradlinig, aber mäßig phantasievoll und nicht immer mutig.
Metaphysische Weisheiten oder Auszüge aus der Sprache der Managerseminare, wie sie manche Berufskollegen pflegen, sind von ihm nicht zu erwarten. Der Selfmade-Trainer aus dem hessischen Hanau ist der Heimwerkertyp unter selbst ernannten Philosophen.
Christoph Daum, der eigentlich für den Job des obersten deutschen Fußball-Lehrers vorgesehen war, bis ihn seine Haarspitzen des Kokainkonsums überführten, warb in doppelseitigen Farbanzeigen mit spirituellen Merksprüchen ("Auf ausgetretenen Pfaden kommt man nur dort an, wo andere schon gewesen sind"). Dagegen lockt "Liebling Völler" ("Express") Pauschaltouristen seit jeher mit einem schlichten Slogan: "Neckermann macht''s möglich."
Ähnlich prosaisch lehrt er die Nationalspieler unspektakuläre Strategien: Hinten wird "kompakt und eng" gestanden, vorn über die Flügel angegriffen, wie "Ruuudi" es zu Zeiten seiner Wühlarbeit in gegnerischen Strafräumen bei Altmeister Otto Rehhagel in Bremen schätzen lernte. Dass Profis wie Marco Bode oft das Gefühl beschleicht, der Instrukteur sei selbst "noch ein Spieler", schadet nicht automatisch der Autorität.
Denn der Spielerfreund Völler, der die heutige Kickergeneration für disziplinierter hält als die seine, gibt den Jungs zwar gern "ein bisschen Freilauf" - etwa in die Herberge ihrer Gattinnen an freien Tagen. Andererseits verlangt er gebieterisch das "eine oder andere Opfer". So durfte Torwart Oliver Kahn am Ruhenachmittag nicht golfen, und Kreativspieler Bernd Schneider muss ab und zu, wi e nach der Pause im Irland-Spiel, auch mal schmucklos an der Außenbahn schuften.
Der Weltmeister von 1990 hat das alles "oft mitgemacht" in der Zeit, als er "noch ganz andere Lebenseinstellungen" hatte. Als Spieler, erinnert sich Reiner Calmund, Manager seines früheren Arbeitgebers Bayer Leverkusen, habe Völler fehlerfrei "Cola-Dosen aufmachen und den Fernseher im Hotel einschalten" können. Um mehr hat er sich nicht kümmern müssen.
Jetzt aber treibt ihm die Verantwortung den Schweiß ins Kräuselhaar, und nach dem dummen Ausgleich der "Irländer", wie Völler tagelang den Gegner nannte, bekam er nachts kein Auge zu.
Ist die Gelassenheit also vorgetäuscht, die "fast fernöstliche Langmut", die ihm die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" andichtete, bloß aufgesetzt? Der Mann mit dem so gemütlich klingenden Spitznamen "Tante Käthe" sinkt im Quartier von Miyazaki tief ins Sofa und antwortet verblüffend: "Ich weiß nicht, ob es gespielt ist."
Ein paar Golfballabschläge weiter südlich stochert Deutschlands ewiger Oberteamchef vor dem Saunagang in seinem Lachs. "Ich hab ihn ein bisschen beobachtet", sagt amüsiert Franz Beckenbauer am Tag nach dem zweiten WM-Gruppenspiel, "da siehst mal, welche Anspannung drin ist." Tja, der Rudi, armer Kerl - "das ist schon ''ne Belastung, mein lieber Mann".
Aber mei, konzediert hoheitsvoll der Fußball-Kaiser, "des tut ihm gut. Für einen jungen Menschen ist das der ideale Job. Er hat ja nicht jedes Jahr ein Turnier. Also, alle zwei Jahre kannst ein wenig Aufregung verkraften". Als Beckenbauer 1986 sein WM-Debüt als Coach gab, stimmte er die Spieler auf das Event in Mexiko mit der Auskunft ein: So eine Weltmeisterschaft sei "ein echter Scheiß".
Jetzt ist der Aufsichtsratsboss der Bayern München AG in seiner Eigenschaft als Organisationschef der nächsten WM 2006 auf Ballhöhe. Er muss aus der Veranstaltung in Asien Lehren ziehen, und das gilt nicht nur für den Ticketversand und die Imbissbuden. D er Perfektionist Beckenbauer wird schauen, dass in vier Jahren der WM-Gastgeber eine ordentliche Mannschaft stellt. Dazu braucht er einen Trainer, der bei der Feuerprobe nicht kollabiert.
Auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder ist der Ansicht, dass die Nationalelf 2006 "mit den Besten der Welt mitmischen" und Völler hier beim Testlauf seine Eignung für derartige Ambitionen mehr als andeuten soll: "Den Beweis muss er bringen", auch wenn er bereits einen Vertrag bis zum WM-Abpfiff 2006 hat.
Wenn nun Inspektor Beckenbauer in seinem Hotelzimmer den internen Kanal für den DFB-Tross einschaltet, kann er Völlers Auftritte vor der Presse auf dem Fernsehschirm verfolgen. Er sagt, der Rudi mache das gut. Andererseits weiß Beckenbauer, dass der Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld "nicht ausschließen" könne, "sich zu melden, wenn der Posten wieder frei wird". Völler also steckt mitten im Examen.
Der Franz wird die Messlatte schon nicht zu hoch hängen. Er war ja seinerzeit ebenfalls nur als Übergangscoach zur Imagepflege der DFB-Auswahl vorgesehen - ursprünglich als Statthalter für Wunschkandidat Helmut Benthaus wie später Völler für Daum. Bei der WM-Premiere in Mexiko rieb sich Beckenbauer in Scharmützeln mit Journalisten ("kleine Spanferkel") auf und ließ biederen Defensivfußball spielen.
Damals, während der Ränkespiele zwischen dem "Münchner Tisch" im deutschen Quartier bei Querétaro und der "Kölner Mafia", griff er nicht schlichtend ein. Spieler beklagten mangelnde Zuwendung, die Bezeichnung "Blinder" war aus dem Mund des cholerischen Teamchefs fast noch ein Lob.
Völler dagegen, nach Mayer-Vorfelders Beobachtungen "für die Spieler ein Idol der vergangenen Epoche", redet alle stark. Wenn er meint, dass Oliver Bierhoff nur zum Einwechselspieler tauge, sagt er: Bierhoff sei "immer in der Lage, ein Tor zu erzielen". Beim Torschusstraining der Reservisten lobt er Lars Ricken ("Ja, schön") auch, als der
Ball vorbeifliegt. Der Versuch, die Arbeit des Teamchefs auf dessen Lernreise zu charakterisieren, endet mitunter in sprachlichen Verrenkungen. Mittelfeldspieler Christian Ziege etwa glaubt, dass "die Art und Weise, wie Völler das macht, dazu beiträgt, dass es ganz wenige Punkte gibt, wo man sich drüber aufregen kann". Ein solches Urteil ist kein Ritterschlag.
Es legt den Verdacht nahe, Völlers Wirken beschränke sich darauf, den Rat des Veteranen Udo Lattek zu befolgen - nämlich, "keine Angriffsfläche zu bieten". Auch nicht gerade wie summa cum laude klang die Bewertung des Völler-Assistenten Michael Skibbe im britischen Fernsehen: Völler sei "sehr beliebt in Deutschland, jeder kennt ihn. Deshalb ist er der beste Teamchef für die deutsche Mannschaft".
Der populäre Landes-Repräsentant mit der markanten Spitznase ist ja auch wirklich nicht der Mann des großen Entwurfs. Über die Taktik ließ sich Völler im Laufschritt unterrichten. Mit dem Fachmann Skibbe berät er sich beim täglichen Jogging durch den Ferienpark Seagaia.
Immer eine halbe Stunde geht es durch Pinienhaine hinter dem Teamhotel. Irgendwo zwischen Golf Course und Baseball Ground wurde verabredet: erste Attacken fünf Meter hinter der Mittellinie in des Gegners Spielhälfte, Distanz zwischen Abwehr und Angriff maximal 35 Meter.
Offenbar sind die Strategien wie in Stein gemeißelt. Derart unflexibel taumelte die passiv agierende Elf gegen Irland dem Gegentreffer entgegen. Hätte nicht die Einwechslung des hünenhaften irischen Kopfballspezialisten Niall Quinn eine angemessene Reaktion hervorrufen müssen?
In Krisensituationen wirkt Völler seltsam unbewegt. Man dürfe "sicherlich Fehler machen, nur nicht zweimal den gleichen", sagt er. Aber schon nach dem peinlichen 0:0 gegen Finnland im letzten Herbst musste das Idol einräumen, zu dogmatisch am Personalkonzept festgehalten zu haben: "Ich hätte eher wechseln müssen."
Und hat er nicht wieder versäumt, sich gegen eine trügerische Atmosphäre der Sorglosigkeit im Umfeld der Mannschaft zu wehren, die bereits vor dem 1:5 gegen England im vergangenen September den Blick für die Gefahren trübte? Man werde etwaige Probleme schon "gebacken bekommen", teilte er diesmal ungerührt mit.
Dem Ex-Kapitän Bierhoff etwa kommt er auf dieser Tour "sehr selbstsicher" vor. Völler weiß genau, dass er der Nationalelf aus den Niederungen des Weltfußballs herausgeholfen hat, aber noch nicht über das Mittelmaß hinaus. Er hat, wie der Kritiker Günter Netzer erkannte, "die Abwärtsentwicklung gebremst". Mehr hat auch Beckenbauer seinerzeit nicht so schnell geschafft.
Als befände er sich in einem Zweikampf, erwähnt der Kaiserlehrling Völler, was er "dem Franz voraus" habe: nämlich die Erfahrung der Relegationsspiele um den WM-Startplatz gegen die Ukraine. Da sei der Druck "fast unmenschlich" gewesen.
Das waren die Tage, da auch DFB-Organisationschef Bernd Pfaff erkannte, dass Völler "nicht der liebe Rudi ist". Je näher das Turnier rückte, desto mehr bestätigte sich die Warnung des Bayer-Mannes Calmund: Völler könne auch "zur Wildsau werden".
Auf zwei kleinen Fingern pfeifend dirigiert der ungeduldige Teamchef die Spieler bei Trainingsschluss zum Bus. Mit Beckenbauerschem Jähzorn und rudernden Armen beklagt er sich bei Mitarbeitern, wenn etwa unbefugte Beobachter zu nahe an den Übungsplatz rücken. Andererseits erlaubt er jugendlichen Zaungästen schon mal persönlich, die Absperrung zum Spielfeldrand zu überklettern wie neulich im Trainingslager im Schwarzwald.
Manche Widersprüche bleiben. Völler, der auf Anraten seiner Ehefrau keine Krawatten trägt, wirbt im Fanartikelkatalog für die "DFB Jacquardkrawatte" mit eingewebtem DFB-Logo, 100 Prozent Seide.
Man muss das ebenso wenig ernst nehmen wie die Sache mit dem Druck, dem unmenschlichen, dem enormen Druck. "Wenn man unter Druck gesetzt wird", hat der Teamchef gelernt, "muss man den Ball nach vorne hauen." Er wird die Deutschen wieder angreifen lassen. JÖRG KRAMER
* Durch Robbie Keane am vergangenen Mittwoch.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 24/2002
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