10.06.2002

FRANKREICHBlaues Auge

Der Titelverteidiger droht an seiner Arroganz zu scheitern - das Team ist verwöhnt und in die Jahre gekommen.
In den feinsten Häusern Südkoreas, in denen die französische Fußball-Nationalmannschaft in diesen Tagen logiert, ist Roger Lemerre, 60, leicht zu erkennen. Fast immer trägt der Coach zu weißen Turnschuhen eine dunkelblaue Trainingshose und ein dunkelblaues T-Shirt. Er sieht in der Kombination aus Baumwolle und Ballonseide zwar eher aus wie der Zeugwart als der Teamchef der Equipe Tricolore, doch Lemerre trägt die Kluft, als weise sie ihn als Mitglied eines elitären Ordens aus. Auf seinem Hemd ist in Brusthöhe ein kleiner, goldener Stern gedruckt: das Symbol der Weltmeister.
Seine Selbstherrlichkeit kann der frühere Trainer der Militär-Nationalelf auch sonst kaum verbergen. Bei Auftritten vor asiatischen und südamerikanischen Journalisten, wie vorigen Mittwoch in Pusan, wies er Fragen auf Englisch übel gelaunt zurück: "Seulement en français."
Auch die Berichterstatter aus dem eigenen Land kanzelt er gern ab. Als französische Journalisten sich im Trainingscamp von martialisch bewaffneten Sicherheitskräften gegängelt fühlten, blaffte Lemerre: "Es tut gut, die Presse unter Befehlsgewalt zu sehen."
Der Chefcoach wähnt sich unantastbar. Denn die Nationalmannschaft hat Maßstäbe gesetzt. 1998 gewann das Team die WM im eigenen Land, zwei Jahre später die Europameisterschaft und vergangenes Jahr den Confederations Cup. In ihren Reihen steht Zinedine Zidane, der beste Spieler der Welt. Und seit Jahren pilgern Sportwissenschaftler und Trainer aller Kontinente ins Ausbildungszentrum des Verbandes nach Claire-fontaine, um das französische Erfolgsmodell zu studieren.
Kurzum: Frankreich reiste "als Favorit" nach Südkorea, wie Kapitän Marcel Desailly ungerührt von sich gab: "Jeder Einzelne von uns hat die nötige Klasse, und wir haben als Team die nötige Klasse."
Doch es kam anders. Nach 180 WM-Minuten gegen Senegal (0:1) und Uruguay (0:0) hat Frankreich noch kein Tor geschossen, die alten Gesetzmäßigkeiten sind außer Kraft. Im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark braucht die Mannschaft zum Verbleib im Turnier einen Sieg mit zwei Treffern Unterschied.
Das Imperium wankt. Mit der Equipe Tricolore ist es wie mit vielen anderen Systemen, die über einen längeren Zeitraum dominieren. Ihre Protagonisten werden selbstgefällig und lassen keine Einflüsse von außen mehr zu - bis sie davon überrascht werden, dass ihr Modernitätsvorsprung aufgezehrt ist.
Frankreichs Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Senegal belegte das exemplarisch. So staunte Stürmer David Trézéguet noch Tage später, es sei "unglaublich, dass uns so etwas passieren konnte". Dann kaute er wieder an einem Lutscher. Es schien, als hielte er die eigene Unbesiegbarkeit noch immer für ein Naturgesetz.
Torwart Fabien Barthez nölte, man habe "gegen eine Auswahl aus Montpellier und Lorient verloren". Tatsächlich kennen sich die Kicker aus Senegal, allesamt bei französischen Proficlubs unter Vertrag, mit der Spielweise des Weltmeisters so gut aus wie wohl keine andere Nationalmannschaft. Viele von ihnen sind in den Fußballinternaten des Landes aufgewachsen.
Die Arroganz der Macht demonstrierten Frankreichs Kicker mitunter auch bei Siegen. Dem Münchner Profi Mehmet Scholl ist von einem Freundschaftsspiel mit der deutschen Nationalelf in Paris die "sehr überhebliche Art" in Erinnerung geblieben. "Die werden nicht wieder Weltmeister", prophezeite der Bremer Torsten Frings. Das damalige Ergebnis (0:1) war knapp - die Franzosen hatten sich darauf verlegt, den Deutschen eine Lektion in Spielkultur zu erteilen.
Je erfolgreicher Lemerres Mannschaft wurde, desto rigider verrammelte sie sich nach außen. Kritik an Taktik oder Aufstellung etwa betrachtet der Trainer grundsätzlich als unbotmäßige Einmischung - und bürstet sie im Feldwebelton ab.
Das schlägt nun bei der WM auf den Hardliner-Coach zurück. Denn die Defensive mit Barthez, 30, Desailly, 33, Bixente Lizarazu, 32, Frank Leboeuf, 34, und Lilian Thuram, 30, ist, wie der frühere Nationalspieler Eric Cantona mäkelte, "verdammt noch mal zu alt und zu langsam".
In Frankreich aber galt bislang: Die Helden von 1998, die der Grande Nation den ersten Titel schenkten, sind sakrosankt; selbst Absurdes wird noch goutiert. So verkündete Barthez erst kürzlich, wieder von England nach Paris zu ziehen und zum täglichen Training bei Manchester United einzufliegen - seine Beziehung zum Topmodel Linda Evangelista stehe sonst auf dem Spiel.
Das Land war gerührt. Denn "Les Bleus", wie das Team genannt wird, sind seit dem Triumph vor vier Jahren nicht mehr nur Fußballer - sie sind Stars der Werbung, Figuren des Jet-Set und Lieblinge der Politik. Sie treten bei Wohltätigkeitsgalas neben Gérard Depardieu oder Céline Dion auf, tanzen in den schicken Nachtclubs von Monte Carlo oder treffen sich mit Jacques Chirac. Wenn die Landesauswahl in Clairefontaine trainiert, lässt sich der Staatspräsident schon mal im Hubschrauber von Paris aus die 50 Kilometer über die Wälder von Rambouillet fliegen, um an der Seite von Zidane zu dinieren.
Dass ihre Elf nicht nur eine Ansammlung perfekt spielender Millionäre, sondern eine verschworene Gemeinschaft sei, ist im Bewusstsein der Franzosen fest verankert. Das war auch die Botschaft eines Films, der nach dem WM-Triumph zum Renner wurde: "Les Yeux dans les Bleus" - die Augen auf die Blauen.
Der Autor Stéphane Meunier, der die Aufnahmen im Trainingslager und während des Turniers in Frankreich gemacht hatte, transportierte aus der Kabine eine veredelte Form von Sepp-Herberger-Romantik. Der Film zeigt in Großaufnahmen die Anspannung der Spieler, bis sie sich nach dem Finalsieg gegen Brasilien in tagelangen Orgien entlädt, und immer wieder sieht man, wie die Kicker sich gegenseitig anfeuern mit ihrem Schlachtruf: "Tous ensemble" - alle zusammen.
Dass der populäre Streifen eine strenge Zensur durchlief, ist indes kaum bekannt. Der damalige Trainer Aimé Jacquet sichtete das gesamte Material zweimal, ehe Filmemacher Meunier die Bilder zusammenschnitt. So durfte kein Spieler bei der täglichen Lektüre von "L'Equipe" gezeigt werden - Jacquet führte mit der Sportzeitung 1998 eine heftige Fehde.
Die Verherrlichung des Teamgeists, das zeigt sich jetzt, war nur Sozialkitsch. Denn in Südkorea entpuppen sich auch Frankreichs Heroen als ein ganz banales Team, in dem jeder dem anderen die Schuld zuweist, wenn es nicht läuft.
So lamentierte Kapitän Desailly in kleiner Runde heftig über mangelnden Einsatz des Mittelfeldspielers Emmanuel Petit und des Stürmers Trézéguet. Der Angreifer wehrte sich - und sah die Schuld für die Niederlage bei der Verteidigung. Auch Petit und Barthez machten Stimmung. Sie versorgten französische Journalisten bei Zigaretten und frischem Orangensaft mit Indiskretionen.
Offen äußerte sich indes keiner der Kicker: Sie fürchten um ihre Position. Denn für Lemerre, autoritär bis ins Mark ("Ich habe die Demonstrationen 1968 in Paris miterlebt, aber ich stand auf der anderen Seite der Barrikaden"), gilt Ausscheren aus dem Glied als eine Art Hochverrat. Der stramme Trainer hat schon angedeutet, wie er gegensteuert: "Manchmal sind Diktaturen notwendig." MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 24/2002
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