10.06.2002

BRASILIENUnter der Glasglocke

Der Hyundai-Konzern hat die erfolgreichste Nationalmannschaft aller Zeiten in die südkoreanische Industriestadt Ulsan gelockt. Doch die Gäste bleiben lieber unter sich. Von Alexander Osang
Seung Youn Seo würde gern die Karaokemaschine vorführen, die sie für Ronaldo besorgt haben. Seo ist der Direktor des Hyundai-Hotels von Ulsan, in dem die brasilianische Nationalmannschaft untergekommen ist. Er nähert sich über die Küche, um keinen der etwa hundert brasilianischen Journalisten zu wecken, die in der zweiten Etage seines Hotels wie dicke, aber hungrige Krokodile dösen. Es ist früher Nachmittag. Seung Youn Seo schleicht in den Ballsaal, wo die Karaokemaschine steht. Sie hat acht Millionen Won (etwa 6920 Euro) gekostet. Sie wandelt Fußtritte zu Licht und Musik um, wenn Seo alles richtig verstanden hat. Sie steht zwischen Spielautomaten wie ein schlafendes Ungeheuer. Gleich daneben spielen Rivaldo und sein Trainer Luís Felipe Scolari eine Partie Billard. Sie schauen auf. Seung Youn Seo verbeugt sich.
"Ronaldo mag die Maschine sehr", sagt der Direktor leise, während er wieder durch die Küche läuft. Er ist verlegen. Er weiß nicht, ob die beiden Stars sich gestört fühlten. Er weiß so vieles nicht mehr. Seung Youn Seo ist ein Fremder in seiner eigenen Küche. Er hat es so gewollt und auch wieder nicht.
Anfang des Jahres ist er mit Vertretern der Hyundai-Gruppe und dem Bürgermeister von Ulsan nach Brasilien gereist, um seine Stadt vorzustellen. Sie wollten die Brasilianer unbedingt hier haben. Brasilien ist die schillerndste Fußballnation der Welt, Ulsan ist das Herz des Hyundai-Konzerns. Es ist eine Industriestadt, die in den letzten 30 Jahren aus dem Acker gewachsen ist wie einst Eisenhüttenstadt. Von dem kleinen Berg am Meer, auf dem das Gästehaus des Konzerns steht, sieht man auf die Betriebe wie auf die neue Welt. Am Feierabend marschiert eine Armee in grauen Uniformen durch die Straßen. 35 000 Ulsaner arbeiten für das Unternehmen. Hyundai besitzt die Universität, 16 000 Wohnungen, 10 Schulen, Kindergärten, Kulturzentren, Hotels und riesige Warenhäuser. Die Autoproduktion ist nur der kleinere Teil der Firma.
"Wir sind die Nummer 1 der Welt im Schiffbau", sagt Hoteldirektor Seo und formt den Zeigefinger seiner rechten Hand zu einer Eins. Sie sind die Brasilianer der Schwerindustrie.
Der Gründer des Konzerns Chung Ju Yung war ein großer Sportfan, der einst die Olympischen Spiele nach Seoul holte. Sein Sohn Chung Mong Joon ist Vizepräsident der Fifa. Er war lange Jahre Berater der Schwerindustriesparte im größten Unternehmen Südkoreas und ist noch heute größter Einzelaktionär dieses Konzernteils.
"Es gibt das Gerücht, dass er für das Amt des Staatspräsidenten kandidiert, wenn wir das Viertelfinale erreichen", sagt Hoteldirektor Seo. Chungs Vater scheiterte einmal als Präsidentschaftskandidat, diesmal könnte es klappen. Korea spielte gut, und Hyundai hat die große Krise überstanden. Der Breitwandfirmenfilm im Informationszentrum des Konzerns endet mit den Worten: "Hyundai tut alles dafür, die gesamte Welt zu umarmen."
Die brasilianischen Fußballer konnten sich der Umarmung nicht entziehen.
Die Stadt Ulsan bezahlt ihnen das Hotel, sie trainieren auf modernen Trainingsplätzen, sie bekommen Charterflüge, Busse und Videospielzeug.
"Wir begrüßen Brasilien - die weltbeste Fußballmannschaft", steht auf den Plakaten am Straßenrand von Ulsan.
Kurz nach halb vier beginnen Koreaner in gelben Polizeiwesten die Hotellobby abzusperren. Hinter den Absperrungen warten Journalisten und Fans. Die Spieler bewohnen die beiden obersten Etagen des Hotels, es gibt zwei Fahrstühle. In der ersten Kabine steht Ronaldo. Er ist oft der Erste, denn er braucht am meisten Zeit für den kurzen Weg zum Bus. Geduldig schreibt er Autogramme. Er spricht leise, seine Lider wandern langsam auf und ab. Man kann ihn sich kaum an der Karaokemaschine vorstellen. Die Fahrstühle bringen weitere Spieler, die in Hausschuhen zum Bus schlurfen. Zuletzt kommen Trainer Scolari und Rivaldo, die in den vergangenen Tagen unzertrennlich wirken.
Rivaldo fiel beim Spiel gegen die Türkei wie tot um, als er von einem Ball getroffen wurde. Er wurde danach von der ganzen Welt kritisiert. Rivaldo streute sich Asche aufs Haupt. Auch sein Trainer Scolari bereute die Szene mehrfach vor Journalisten. In Wirklichkeit findet er Rivaldos Verhalten wohl korrekt.
"Man muss alles versuchen, um zu gewinnen - alles", sagt er.
Scolari ist ein harter Mann. Er kommt aus Passo Fundo im Süden und war Verteidiger. Es heißt, er habe Journalisten gewürgt und Fußballer geohrfeigt. Er liebt Spieler, auf die er sich verlassen kann. Er vergisst nichts. Er hat als Clubtrainer in Brasilien Emerson entdeckt und Ronaldinho, er hat Junior, Marcos und Roque Junior trainiert. All diese Spieler sind im Aufgebot. Er hat Romário zu Hause gelassen, weil er sich von ihm hintergangen fühlte. Einmal auf der Pressekonferenz rutscht ihm der Name in die Aufzählung seiner Führungsspieler "Ronaldo, Romário, Rivaldo", sagt er und lächelt, als er es merkt. Aber nur kurz.
Unter Scolari gibt es keine Diven mehr wie Edmundo, Romário, Zico oder Bebeto. Ronaldinho fügt sich wie ein Sohn, Rivaldo wie ein Schüler. Ronaldo schweigt. Scolari will eine disziplinierte, arbeitsame Mannschaft.
Wahrscheinlich hätte er sich hervorragend mit dem Hyundai-Vater Chung Ju Yung verstanden.
Aber Scolari ist nicht allein gekommen. Brasilianer kommen nicht allein.
Vor dem Trainingsplatz ist ein etwa 80 Meter langer und 10 Meter breiter überdachter Korridor errichtet worden, durch den alle Spieler müssen. Dort drin warten die Journalisten. Es ist heiß, niemand kommt, aber zu Hause braucht man Neuigkeiten. Einige Journalisten fangen schon mal ohne die Spieler an, sie reden in Diktiergeräte, Handys, Mikrofone, manche interviewen sich gegenseitig. Jaeci Carvalho vom "Estado de Minas" erklärt den Lesern von Francesco Duartes "Hoje em Dia" gerade, warum die Weltmeisterschaft in Frankreich weitaus besser organisiert war als diese hier. Die beiden Männer sitzen auf dem Bürgersteig. "Damals gab es ein richtiges Zelt für die brasilianischen Journalisten, nicht nur so einen Zirkusgang", sagt Carvalho. Dann kommt José Luís Runco, der Mannschaftsarzt mit der weinroten Nase. Sie halten ihm ihre Kassettenrecorder und Handys hin. Man kann auch immer mal dem ehemaligen Weltmeister Tostão ein paar Fragen stellen, der heute Kolumnist bei "Folha de São Paulo" ist.
Aber nicht zu oft.
Dann kommen endlich die Spieler. Ronaldo läuft an der langen Journalistenreihe vorbei und bleibt einfach irgendwo stehen. Alles klumpt sich um ihn. Er lacht, es ist wie Stuhltanz.
Ronaldo sagt, dass er jetzt 80 Prozent seiner Kraft spüre, im Viertelfinale werden es 100 sein. Ein Chinese fragt auf Englisch, was er von China hält. Ronaldo läuft weiter. Er redet kein Englisch. Der brasilianische Pressesprecher legt dem Chinesen die Hand auf die Schulter und sagt: "Ronaldo denkt, dass China eine gute Mannschaft hat, die man nicht unterschätzen darf." Der Chinese schreibt es auf.
Rivaldo erzählt einem anderen Journalistenhaufen, dass er sein theatralisches Umfallen bereut. Aber geschossen habe schließlich der Türke. Ricardinho will das Beste tun, um Emerson zu ersetzen. Edmilson gibt zu, im ersten Spiel nervös gewesen zu sein, Anderson Polga sagt, dass es im Fußball auf und ab gehe. Roberto Carlos sagt, dass dies sein Turnier wird. Natürlich glaubt auch Ronaldo, dass dies sein Turnier wird, und natürlich will auch Rivaldo die Chinesen nicht unterschätzen. Und wahrscheinlich haben das alle Reporter auch schon vom Vortag auf dem Band.
Beim Übungsspiel löst sich Ronaldo aus seiner Trägheit, macht drei, vier Schritte und ist weg. Ronaldinho spielt zwei schöne Pässe, man könnte stundenlang am Rand sitzen und ihnen zuschauen. Am Ende übt Scolari mit seinen Stars Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho Freistöße im Vorabendlicht. Hinterm Tor erzählt ein alter Reporter von Rádio Globo AM einem jüngeren Reporter von Rádio Mania FM von allen Weltmeisterschaften, bei denen er war. Live.
"1974 waren wir schwach. 1982 hatten wir ein Showteam. Das beste Team war das von 1994. Die hier passen noch nicht zusammen", sagt José Carlos Araújo von Rádio Globo AM. Sie reden über die guten alten Zeiten und über das Schicksal. Ist es ein Zufall, dass Emerson wegen Verletzung genau am selben Tag aus der Mannschaft fiel wie vor vier Jahren Romário? Wieso konnte Ricardinhos Flugzeug nicht beim ersten Mal in Ulsan landen und musste nach Japan zurück? Und wenn es an den tief hängenden Wolken lag, warum hingen die Wolken tief?
Es darf keine Stille geben. Kein Schweigen, das Reden darf nie aufhören. Wenn Ruhe ist, stirbt das Spiel. In den Stundenhotels am Hafen sind Hunderte Mitarbeiter des größten brasilianischen TV-Senders Globo untergekommen. Nachts sitzen sie auf ihren runden Puffbetten im Rotlicht und interviewen sich gegenseitig. Am Tage streichen sie in avocadogrünen Globo-T-Shirts durch die Stadt, immer auf dem Weg vom Trainingsplatz zum Hotel. Sie sind in einer brasilianischen Glasglocke. Es erinnert an die Koreaner, die sich beim Spiel gegen die Türkei als Brasilianer verkleideten und dann artig in ihren grün-gelben T-Shirts das Spiel absaßen.
Letztlich bleiben immer alle unter sich.
"Ich soll täglich fünf Beitrage über unser Team und die Stadt anfertigen. Aber es gibt da eigentlich keine Verbindungen. Die Mannschaft versucht von den armen Koreanern nur rauszuholen, was rauszuholen geht", sagt Marus di Genova von TV Globo .
Irgendwann sind alle wieder im Hotel, das überall stehen könnte. Wenn die Fußballer den Pool benutzen, ist er für die anderen Hotelgäste gesperrt. Wenn die Fußballer zum Training aufbrechen und wenn sie zurückkommen, ist die Lobby gesperrt. Die Journalisten warten in der zweiten Etage. Zusammen mit den Fans. Sie sind ja auch Fans. Sie fassen die Spieler an, tragen ihre Trikots. Einige haben Trommeln gekauft und trommeln nachts vorm Hotel.
Direktor Seung Youn Seo raucht ein bisschen mehr als sonst, sagt er.
"Die Trommeln stören natürlich die anderen Gäste, aber es hat auch Vorteile."
Welche? "Es kommen viele Prominente hierher", sagt er.
Wer? "Der norwegische Botschafter war hier. Und der namibische Präsident war auch hier. Anfang der Woche war der ehemalige Fifa-Präsident Havelange unser Gast. Er kam mit seiner Enkeltochter."
Der Hoteldirektor sieht zu, wie die Spieler wieder in den Fahrstühlen verschwinden, als seien sie nie da gewesen. Er hat alle Zimmer renovieren lassen. Aber aus den Fenstern sieht man auf die Neubausiedlungen der Hyundai-Mitarbeiter.
Direktor Seo hat bei seiner Reise nach Brasilien Mentalitätsunterschiede festgestellt. "Die brasilianischen Bürger sind langsamer als wir. Was daran liegt, dass wir vier Jahreszeiten haben. Wir müssen im Frühling und Sommer dafür sorgen, dass wir im Winter nicht hungern und nicht frieren. In Brasilien ist es immer schön", sagt er und streichelt die Hyundai-Firmenchronik, die vor ihm auf dem Tisch liegt.
Am nächsten Morgen nimmt Ulsans Bürgermeister Sim Wan Gu in großer Hitze an einer Gedenkveranstaltung zum Memorial Day teil. Etwa tausend zumeist alte Menschen trauern im Stadtpark um die gefallenen koreanischen Soldaten. Kein Ausländer ist hier. Der Bürgermeister führt anschließend stolz durch den Stadtpark, der anlässlich der Weltmeisterschaft angelegt wurde; es gibt einen Springbrunnen, ein Schwimmbad, eine Windmühle und einen amerikanischen Fast-Food-Pavillon.
"Wir sind sehr glücklich, dass wir die ausländischen Teams hier begrüßen dürfen", sagt Sim Wan Gu.
Er will eigentlich gar nicht mehr über die Brasilianer reden. Immer wieder verweist er auf die Türken und Spanier, die auch in Ulsan Quartier gemacht haben. Er ist von der Opposition im Rathaus kritisiert worden, dass er so viel Geld für die Brasilianer ausgegeben hat. Sie haben die Steuern angehoben, um es zu finanzieren, sagt er.
"Die Welt schaut auf unsere Stadt. Wir sind sehr glücklich", sagt Wan Gu, dessen Vater noch Bauer auf einem Feld war, wo heute eine Raffinerie steht. Dann redet er wieder über Spanier, Türken und auch über die Deutschen, die ja am 21. Juni in Ulsan im Viertelfinale gegen Italien spielen, wie er gehört hat.
"Sie kommen doch auch, die Deutschen?", fragt er. Er schaut die drei älteren Referenten an, die ihn begleiten. Die schauen sich an.
Dann nicken sie.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 24/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRASILIEN:
Unter der Glasglocke

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich