17.06.2002

WORLD CUP 2002Das Wunderkind

Es ist egal, welches Land Weltmeister wird. Am Ende gewinnt wieder Franz Beckenbauer. Von Alexander Osang
Kurz bevor die Regenzeit beginnt, sitzt Franz Beckenbauer in einem chinesischen Restaurant in Shizuoka und beschreibt das Raketenabwehrsystem der Transall. Vor ihm steht eine Haifischflossensuppe. Beckenbauer nennt die Transall so selbstverständlich Transall wie er Sepp Maier "Sepp" nennt. Er redet von kleinen heißen Phosphorkügelchen, die ausgesandt werden, um feindliche Raketen abzulenken. Die Kügelchen irritierten die Rakete, die sich ja auf die heißen Triebwerke richte, sagt er. Beckenbauer weiß das alles, weil er zusammen mit dem Bundeskanzler in einem dieser Flugzeuge saß, als das Raketenabwehrsystem versehentlich ausgelöst wurde. Sie kamen gerade aus Afghanistan. Es hat danach ein bisschen Ärger mit der Bayerischen Staatskanzlei gegeben, weil so was im Wahlkampf natürlich eher Schröder hilft als Stoiber.
"Ich habe davon gehört, und natürlich ist es nicht schön, weil der Edmund Stoiber ja ein sehr enger Freund des FC Bayern ist. Aber die Wahlen müssen sie allein gewinnen. Ich lasse mich da nicht in eine bestimmte Ecke hineininstrumentalisieren. Es war für mich eine sportpolitische Herausforderung", sagt Beckenbauer, und man spürt, wie schwer ihm diese Sätze aus seinem neuen Leben noch fallen. Er spricht sie, weil ihm dieses Leben gefällt. Als Schröder ihn bei einem Essen im Kanzleramt fragte, ob er mitkommen wolle, hat er sofort zugesagt.
"Ich hab genau draufgesessen auf dem Raketenabwehrsystem", sagt Beckenbauer, als sei er Karussell gefahren.
Zwei Stunden später fliegt Frankreich aus dem Weltmeisterschaftsturnier.
Beckenbauer erfährt es am Telefon, weil sein Hotelzimmer keinen Fernseher hat, der das Spiel überträgt. Er hat aber auch keinen gesucht. Beckenbauer steckt in einem Anzug des Fernsehsenders Premiere und wartet darauf, von Marcel Reif abgeholt zu werden, dessen Experte er heute Abend sein wird. Er hat noch eine Viertelstunde, vielleicht noch einen Espresso. Vorm Hotel geht die Welt unter, es fängt an zu regnen und hört nicht mehr auf. Franz Beckenbauer sieht gut aus, entspannt, er
hat einen Koffer in der einen Hand und einen Anzugsack in der anderen.
Reif hat Plastikregenschirme organisiert. Sie laufen zum Bahnhof, wo sie den Schnellzug zum Stadion nehmen wollen. Die Nacht, als der Regen kam, ist auch die Nacht, als Deutschland Kamerun traf. Es regnet jetzt stark, die Plastikschirme holt sich der Wind. Auf dem Bahnhof drängeln sich Leute, die zum Spiel wollen. Zwei Briten wollen ein Autogramm, sie tragen aus unerfindlichen Gründen Deutschland-T-Shirts. Der Bahnsteig wird immer voller. Reif sieht nervös aus, er hat nicht mal Platzkarten reserviert. Franz Beckenbauer aber steht an der Bahnsteigkante wie ein Kind, das seinem Schicksal vertraut. Er weiß, dass man ihn nicht im Stich lässt. Er wird abgeholt. Immer.
"Sie steigen doch nicht in die zweite Klasse ohne reservierte Plätze?", fragt einer der Engländer, als der Zug einrollt.
"Doch, wir mussten uns knapp entscheiden", sagt Beckenbauer, lächelt und zwängt sich zusammen mit all den anderen in den schmalen, verschwitzten Waggon. Es gibt einen Platz am Fenster. Dort setzt er sich hin und schreibt Autogramme.
Reif lächelt. "Der Mann ist unglaublich. Ich habe den noch nie aufgeregt erlebt, selbst wenn es bei uns mal bis nachts um vier geht. Der ist immer ausgeglichen. Wenn wir nicht in 16 Minuten aussteigen müssten, würde der noch bis Osaka Autogramme schreiben. Ich nehme jede Wette an, dass der 2006 Fifa-Präsident wird. Die haben doch auf dem Kongress schon an ihm rumgebaggert wie verrückt. Der hätte keine fünf Gegenstimmen bekommen. Wahrscheinlich nicht mal einen Gegenkandidaten."
Als sie aus dem Zug steigen, treibt auf dem überfüllten Bahnsteig eine andere deutsche Delegation heran, die von Otto Schily angeführt wird. Alexander Freiherr von Fircks, der im Innenministerium für die WM 2006 zuständig ist, drängt sich zu Beckenbauer vor. "Der Minister wäre zu einem kurzen Gespräch bereit", ruft er stolz, aber Beckenbauer hat keine Zeit. Er ruft nur "Grüß Gott" zu Schily hinüber, der schnell in den Massen versinkt.
Er mag Schily, sagt er.
"Der hat uns sehr geholfen. Er hat bei der letzten EM die Grenzkontrollen verstärkt, auch bei einem Freundschaftsspiel gegen Holland, das hirnloserweise nur ein paar Monate vor der WM-Vergabe angesetzt worden war. Wenn da was passiert wäre, hätten wir die WM nicht bekommen", sagt er und springt in den Premiere-Van.
Sie rollen auf das Stadion zu, das aus dem warmen Nebel auftaucht wie das T.-Rex-Gehege im Jurassic Park. "Es ist absolut verrückt, was die hier machen. Die bauen die Stadien in die schönsten Gegenden. Das hier braucht nach der Weltmeisterschaft kein Mensch mehr", sagt Reif. "Bei dem Klima wächst ja alles ganz schnell wieder zu", sagt Beckenbauer und lacht. Einen Tag später wird er auf einer Pressekonferenz in Yokohama sagen, dass die Bedingungen exzellent seien. Wunderschöne Stadien, wunderschöner Rasen.
"Die Aufstellung bleibt so?", fragt Reif.
"Ja", sagt Beckenbauer, als sei er der Trainer. Er weiß es nicht, er kann es gar nicht wissen. Aber er weiß, dass es Marcel Reif beruhigt. Und außerdem hat er Recht. Nach dem Spiel steht Johannes B. Kerner mit knatterndem Sommeranzug im Regen und fragt: "Und Ziege? Hast du den auch stärker gesehen?"
Beckenbauer nickt, aber man kann nicht erkennen, ob ihn der Sieg der Deutschen nun freut oder ärgert. Ziege! Er steigt in die Limousine. Beckenbauer ist die Instanz. Es ist nicht so, dass er sich aufdrängt. Sie fragen ihn wie einen Wahrsager. Immer mehr Menschen aus allen Lebensbereichen glauben, dass es Glück bringt, wenn man ihn berührt.
Im Auto telefoniert er mit der "Bild"-Zeitung. Sie machen seine Kolumne aus dem, was ihm so einfällt, und dem, was ihnen noch einfällt.
"Die machen das gut", sagt Beckenbauer. "Das brauch ich nicht gegenzulesen."
Am nächsten Tag steht in der "Bild"-Zeitung, wie er die Mannschaft umstellen würde. Er weiß es nicht, und so stört es ihn auch nicht. Er liest kaum was. Die meisten Zeitungsartikel sind ihm zu lang, sagt er.
Nachts um zwei kommen sie im Fifa-Hotel von Tokio an, wo ein Zimmer zurzeit 400 Dollar kostet. Beckenbauer stellt sich noch für eine Zigarre und zwei Bier mit seinen Vizepräsidenten vom deutschen Organisationskomitee der nächsten WM an die Hotelbar. Auf einer Videowand läuft eine Wiederholung von Senegal gegen Uruguay. Als die Zigarre halb weg ist, kommt Berti Vogts vorbei. Vogts flüstert Beckenbauer zu, dass er mit Kuweit damals Südafrika geschlagen habe, das vorübergehend wie Deutschlands nächster Gegner aussah. Dann sagt er, dass er morgen früh wegfliegen müsse, um sich ein Spiel der schottischen U21 anzugucken.
"U21?", fragt Beckenbauer. "Jetzt ist Weltmeisterschaft, Berti."
"Das interessiert in Schottland keinen", sagt Vogts so stolz, als wäre das sein Verdienst. Am Abend scheidet Südafrika aus.
Beckenbauer schaut schweigend den Senegalesen zu. Vielleicht tut ihm Vogts Leid, oder er denkt an Stoiber. Er sagt nichts mehr. Irgendwann legt er die Zigarre in den Ascher und geht einfach. Er macht das, was er will. Niemand versucht ihn zurückzuhalten.
Am nächsten Mittag wird Franz Beckenbauer in Yokohama von der Frage eines Schulmädchens überrascht. Es passiert in der Aula der deutschen Schule, die Beckenbauer zusammen mit Otto Schily besucht. Schily hatte gerade erzählt, dass er der dienstälteste Innenminister der Europäischen Union ist, Beckenbauer hatte aus den Giesinger Kindertagen berichtet, als sie barfuß mit Wollknäueln auf Kellerfenster spielten. Gleich würde die Autogrammstunde beginnen, da fragte eine dünne Stimme aus dem Rang: "Was machen Sie eigentlich so hier in letzter Zeit, Herr Beckenbauer."
Der Direktor der Schule lächelte gütig, Beckenbauer schien zu wackeln.
"Tja. Das weiß ich manchmal selber nicht so genau. Eine gute Frage. Was mach ich eigentlich?", sagte er und fing an, irgendetwas von Beobachtungen, Vorbereitungen und Nebentätigkeiten zu erzählen.
Beckenbauer ist seit drei Wochen in Asien. Er hat an einem unschönen Fifa-Kongress teilgenommen und ist dann zur deutschen Mannschaft nach Miyazaki gereist, wo er sich zu Tode langweilte. Die Abstände zwischen den Spielen, die er für Premiere kommentieren musste, waren groß. Ab und zu spielte er eine Partie Golf mit Sepp Maier. Und am Ende verrenkte er sich den Rücken bei der Wassergymnastik. Er rief bei Premiere an und bat, zwischen Achtel- und Halbfinale nach Hause fahren zu dürfen. Manchmal hat man den Eindruck, Fußball interessiere ihn nicht mehr.
Aber was dann?
Er hat letzte Woche in Seoul und Yokohama zwei Pressekonferenzen zur WM 2006 durchgeführt, obwohl es nichts zu sagen gab. Gar nichts. Das Organisationskomitee hat einen absurden Film vorgeführt, bei dem zunächst eine Hand voll schwarzer Jungs auf einer Insel Fußball spielen und später Gerd Müller das 2:1 gegen Holland schießt. Sie haben die WM in Japan und Korea als überwältigenden Erfolg gelobt. Beckenbauer sagte immer wieder, dass man die Freundlichkeit der Japaner und Koreaner nicht nach Deutschland transportieren könne, obwohl er für das Gegenteil zu sprechen schien.
"Zwanzig wunderbare Stadien haben sie hier", sagt Beckenbauer, und dieses feine Lächeln kräuselt seine Lippen. "Die Frage ist, ob wir so viele Stadien brauchen. Aber es ist perfekt organisiert, und der Rasen ist wunderbar."
Alles, was er sagt, hebt sich gegenseitig auf. Bis nichts mehr da ist außer einem positiven Eindruck. Auch all die scharfen Kritiker der Fifa umkreisen ihn nur. Sie können nicht mehr machen, als ihm seine Unverbindlichkeit vorzuwerfen.
Beim Fifa-Kongress in Seoul freute er sich für Blatter. Ist Blatter sein Freund?
"Ich kenn den Sepp schon seit 1974", sagt er, als sei das eine Antwort. Er sagt, dass Hayatou kein überzeugender Gegenkandidat gewesen sei. "96 Prozent der Leute haben nicht verstanden, worum es überhaupt ging", sagt er und zählt Blatters Vorzüge auf. Seine Umtriebigkeit, seine Weltläufigkeit.
Es ist, als schließe er die Augen und warte darauf, dass es vorbeigehe.
"Natürlich hatten wir auch kein Interesse an einer neuen Fifa-Mannschaft. Wir haben unsere Freunde in der Fifa, an die wir gewöhnt sind. Und sie an uns", sagt Beckenbauer.
Es heißt, dass es in vier Jahren leichter ist, einen Blatter zu beerben als einen vergleichsweise frischen Präsidenten. Wenn Beckenbauer das wirklich will.
Nach der Pressekonferenz geht er kurz verloren. Jemand schickt ihn in eine falsche Richtung, es dauert ein bisschen, aber irgendwann finden sie ihn wieder. Beckenbauer setzt sich neben den Fahrer. Er hat offenbar keine Lust zu reden. Er starrt raus in das graue Tokio, das keinen Anfang zu haben scheint, kein Ende und keine Mitte.
Im Hotel geht er in die Bar und sieht sich an, wie die Argentinier rausfliegen. Das scheint ihn wirklich zu treffen.
"Das haben sie nicht verdient", sagt er. "Das sind die besten Fußballer, und dann geht''s dem Land auch so schlecht. Es wäre eine Chance gewesen, jetzt versinken die doch völlig in der Depression."
Er sagt, dass die Saison und die Qualifikationen einfach zu lang seien, viele der Stars seien müde und verletzt, wenn sie hier ankommen. Die Franzosen sind raus, die Argentinier, die Portugiesen. Die Italiener haben es gerade so geschafft, und die Spanier haben ihn auch nicht überzeugt.
"Die Fifa muss sich was einfallen lassen", sagt Beckenbauer, aber es klingt, als rede er mit sich selbst.
Was wäre denn das Reizvolle an einem Job als Fifa-Präsident? "Die Fifa ist der größte Massenverband der Welt. Sie ist stark, aber auch zerstritten. Man müsste die verschiedenen Parteien wieder zusammenführen. Das wäre schon eine Aufgabe."
Beckenbauer lässt sich den Zigarrenschrank aufschließen und nimmt eine Monte Christo, eine "kleine Nachmittagszigarre", wie er sie nennt. Er hat sich das Zigarrenrauchen angewöhnt, als er mit seinem Freund Fedor Radmann um die Welt reiste, um für Deutschland zu werben.
"Da saßen wir abends nach langen Gesprächen auf den Terrassen der schönsten Hotels der Welt, haben ein Glas Rotwein getrunken und eine Zigarre geraucht", sagt Beckenbauer. Es sieht so aus, als habe er in diesem Moment sein Ziel erreicht. Er ist der entspannteste deutsche Fußballexperte, den es gibt. Er ist charmant. Er reist gern. Ist es das?
"Man führt natürlich Gespräche auf ganz anderem Niveau", sagt er.
Was hat er denn vorhin beim Essen mit Schily beredet? "Ach, der fliegt ja heute Nacht schon wieder nach Europa zurück. Und ich habe ihn gefragt, ob er Schlaftabletten nimmt. Er nimmt keine."
Manchmal fragt man sich, ob Beckenbauer mehr weiß, als er sagt. Oder ob die nächste Aufgabe, die ihm sein Schicksal zuweist, nicht doch eine Nummer zu groß sei. Aber das war ja schon immer das Problem.
Er sagt, dass er gar nicht weiß, ob er 2006 noch lebe, um Fifa-Boss zu werden. Er sagt, dass Gesundheit das Allerwichtigste ist. Er sagt, dass Sheringham, der auf der Videowand gerade über das Tor der Nigerianer schießt, ein "Blinder" sei und Klose ein "Guter". Und dann sagt er noch schnell, dass sie kein Sturmproblem beim FC Bayern haben. Es ist ein ewiges Einerseits und Andererseits. Beckenbauer fühlt sich wohl im Vagen. Er ist wie der Ball. Er muss rollen. Man weiß nicht, was ihn treibt, aber er rollt immer wieder ins Tor.
* Beim Besuch der Deutschen Schule in Yokohama am vorigen Mittwoch.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 25/2002
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