17.06.2002

DEUTSCHE MANNSCHAFTZu früh explodiert

Das Werben um Stürmerstar Miroslav Klose hat begonnen. Ein Clubwechsel ist jedoch erst nächstes Jahr vorgesehen. Für 2003 werden jetzt die Weichen gestellt.
Deutschlands neuer Überflieger stand am Ende der Nachmittagsschicht auf Socken im Pulk der Kamerateams und mühte sich um eine gleichgültige Miene. Die Neuigkeit ehre ihn, teilte Miroslav Klose ziemlich unerschüttert auf die Botschaft des Fragestellers vom Privatfernsehen mit: Juventus Turin, so die angeblich brandaktuell aus Italien überlieferte Kunde, biete für ihn "50 Millionen Euro".
Klose zuckte milde die Schultern. Was sollte er auch sagen? Noch zwei Minuten zuvor hatte der Interviewer vom Öffentlich-Rechtlichen am Trainingsplatz im südkoreanischen Seogwipo nicht von 50, sondern "15 Millionen" gesprochen.
Vielleicht waren es auch Dollar oder Lire, vielleicht war es doch Inter statt Juve. Eines hatte aber auch Klose, 24, verstanden: Er, der spät entdeckte Angreifer vom 1. FC Kaiserslautern, ist jetzt der Schlager des deutschen Fußballs.
Mit seinen WM-Kopfballtoren, seinen Freuden-Salti, mit seinen Dribblings und verblüffenden Pässen hat der gebürtige Pole im In- und Ausland einen ordentlichen Wirbel angerichtet. In der westpfälzischen Heimat berichteten Anwohner von Paparazzi-Jagden auf Kloses Eltern und Freundin. Das Gezerre um die sportlichen Dienste des Spätaussiedlers führte zu ersten Zerwürfnissen, mit Schuhausrüstern wird bereits um neue Verträge gefeilscht.
Wenn es denn so etwas wie eine Karriereplanung des schüchternen Stürmers gegeben hat, so ist er ihr seit seinen Auftritten in Asien enteilt. "Die Leistungsexplosion", stellt sein in Luxemburg ansässiger Anwalt und Berater Michael Becker nüchtern fest, "kam eindeutig zu früh."
Sportlich könnte ein Vereinswechsel Kloses Entwicklung gerade jetzt fördern. Nach Lage der Dinge wird der 1. FC Kaiserslautern erneut nicht im europäischen Wettbewerb spielen. Auch Deutschlands Teamchef Rudi Völler hielte es für wünschenswert, wenn Klose regelmäßig "international zum Einsatz kommt".
Die Vertragslage lässt einen Transfer derzeit jedoch nicht sinnvoll erscheinen. Da geht es Klose wie einem hoch begabten Mimen, der ein Hollywood-Angebot ausschlagen muss, weil ihn Vereinbarungen an eine Provinzbühne binden. Eine Veränderung kommt wohl erst in einem Jahr in Frage. Für 2003, weiß Anwalt Becker, werden "jetzt die Weichen gestellt".
Finanziell wird sich die Geduld auszahlen. Klose, in Kaiserslautern auf weniger als eine Million Euro Grundgehalt taxiert, hat sich in seinem vor gut einem Jahr bis 2005 verlängerten Arbeitsvertrag eine Klausel einbauen lassen, die ihm den Verbleib in der Pfalz womöglich üppig versüßt.
Denn in zwei Jahren kann er den Club verlassen, sobald ein Interessent eine festgelegte, relativ bescheidene Ablösesumme an den FCK zahlt - dem Vernehmen nach rund sieben Millionen Euro. Üblicherweise zahlt ein Käufer in solchen Fällen die Differenz zum Marktwert direkt, als Handgeld, an den Spieler.
Warum also, fragt Berater Becker, sollte er "auf Kosten von Klose" auf einen schnellen Vereinswechsel drängen? Denn jetzt könne ja Kaiserslautern den Preis bestimmen - "und wer 20 Millionen Ablöse zahlen muss, zahlt keine 10 Millionen Handgeld mehr". In einem Jahr jedoch, glaubt der Anwalt, könne er dem FCK mit Blick auf die Vertragsfristen schon günstigere Konditionen für eine Freigabe abtrotzen: "2003 bestimme ich, was Sache ist." Gegen einen Sofort-Transfer des Torjägers spricht auch die unvermittelt gewachsene Zuneigung des Arbeitgebers. Als Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund jüngst Interesse anmeldete, beschied ihn FCK-Vorstandschef Jürgen Friedrich: Bei einem Klose-Verkauf "reißen mir die Leute die Bude ab". Calmund, berichten Unterhändler, habe 15 Millionen Euro sowie den Verzicht auf den Tschechen Jan Simák geboten, der einst auf Kaiserslauterns Wunschliste stand und nun doch von Hannover 96 zu Bayer wechselt.
Die Ablehnung der Offerte wirkte keineswegs friedensstiftend. Als FCK-Geschäftsführer Gerhard Herzog in Japan Befürchtungen äußerte, Calmund könne seine Stellung als WM-Delegationsmitglied der Deutschen zu neuen Avancen an Klose missbrauchen, konterte der Leverkusener: Dem "Kasper" Herzog sei in Fernost wohl "der Reis nicht bekommen". Klose-Manager Becker argwöhnt, Herzog mache "den Jungen verrückt".
Solcher Zirkus veranlasst Miroslav Klose, Rudi Völlers Empfehlung zu folgen: "Ganz ruhig bleiben!" Nach dem Sommerurlaub will er mit seiner Juliette das neue Eigenheim in der Gemeinde Blaubach beziehen, die Freundin "aus dem Rampenlicht nehmen" und dann "neu trennen, was wichtig ist und was nicht".
Schon jetzt ist klar: Wenn er sagt, er fühle sich "in der Pfalz pudelwohl", dann meint er die Region, nicht den Verein.
Die Pfalz, das sind seine Eltern, die ihm Karrieretipps geben. Vater Josef, der wegen der angekündigten Schließung des TDK-Hörkassettenwerks in Rammelsbach im Dezember mit dem Verlust des Arbeitsplatzes rechnen muss, riet ihm ahnungsvoll ab, als Polens Nationalcoach den Jungprofi vor eineinhalb Jahren für die Auswahl des Geburtslandes anwerben wollte. Sonst hätte er nie für Deutschland spielen dürfen.
Die Pfalz, das sind auch die Jungs von der SG Blaubach-Diedelkopf, mit denen Klose bis vor vier Jahren in der Bezirksliga kickte und letzten Sommer noch auf Mannschaftstour an den Plattensee reiste. Das ist auch Blaubachs Jugendleiter Erich Berndt, sein Entdecker, der jetzt als Nachwuchscoach beim 1. FC Kaiserslautern den Vertrag nicht verlängert bekam.
Der FCK ist der Club, der Klose Anfang 2000 gerade mal 200 Mark mehr Monatsgage für die Umwandlung des Amateurvertrags in einen langfristigen Profikontrakt bot. Und der ihn im vergangenen Jahr direkt nach einer Länderspielreise in die Amateurelf zum Regionalligaspiel gegen Wacker Burghausen kommandieren wollte - was der Stürmer für "eine dumme Idee" hielt. Zuletzt war er nicht sicher, ob ihn die Lauterer gar "loswerden wollten".
Jetzt wird er wohl bleiben. Klose will "dieses Jahr noch lernen", bis sich solche Ausdauer bezahlt macht. Im Moment seien die Spitzenclubs ohnehin "im Sturm zugekauft", schätzt Anwalt Becker. Doch "nächstes Jahr ist ein völlig anderes Jahr", sagt der Profi vieldeutig. Neben Leverkusens Calmund ("2003 wär' auch okay") hat Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Angel ausgeworfen. Der schätzt Klose als "bescheidenen Zeitgenossen".
Mit einem Auslandswechsel hat es der Shootingstar nicht eilig: "Ich bin doch noch am Anfang meiner Karriere." Angeblich haben sich Manchester United, AS Rom und FC Barcelona gemeldet.
Irgendwann will Klose jedoch "neue Trainer und neue Taktiken kennen lernen". Die Lebensgefährtin hat er auf die große Fußballwelt schon mal vorbereitet: "Sie weiß jetzt, was Abseits ist." JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 25/2002
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