17.06.2002

JAPAN„Krieg im Frieden“

Die Erfolge des Nationalteams haben eine ungeahnte Euphorie ausgelöst - die Polizei sieht die innere Ordnung gefährdet.
Die Bosse des Elektronikkonzerns Panasonic in Tokio stellten sich stur. Oberstes Gebot, so ließ das Unternehmen wissen, sei "der reibungslose Geschäftsablauf". Da sei "schon der Gedanke absurd", dass Tausende von Beschäftigten während der Arbeitszeit das Spiel der japanischen Fußball-Nationalelf im Fernsehen verfolgten.
TV-Verzicht wie bei Panasonic galt vorigen Freitagnachmittag in fast allen Betrieben des Landes. Denn "Soccer" ist auch nach gut zwei Wochen Weltmeisterschaft nicht wirklich angekommen im japanischen Establishment. Und so bekam wohl die Hälfte der Nation nicht unmittelbar mit, wie die Gastgeber Tunesien 2:0 besiegten und den bislang größten Erfolg ihrer noch jungen Fußballgeschichte feierten - den Einzug ins Achtelfinale eines WM-Turniers.
Im Nagai Stadium von Osaka indes herrschte eine Art Ausnahmezustand. Fast 50 000 Menschen, die meisten von ihnen in die blauen Trikots des japanischen Teams gekleidet, schwelgten im Glück - und für einen Moment schien es, als sei die wirtschaftlich arg gebeutelte Hightech-Nation endlich mal wieder mit sich im Reinen.
Das Coming-out von Japans Kickern könnte für das Land weit reichende Folgen haben. Denn einerseits stellen Spieler wie Junichi Inamoto, Hidetoshi Nakata oder Takayuki Suzuki Grundwerte der eigenen Gesellschaft in Frage. Sie tauchen nicht mehr im Kollektiv ab, sondern betonen, sichtbar an ihren grell gefärbten Haaren, ihre Einzigartigkeit. "Vor vier Jahren bei der WM in Frankreich wollte im japanischen Team niemand auffallen", sagt Stürmer Suzuki, "heute, in unserer Mannschaft, will jeder etwas Besonderes sein."
Andererseits setzt der Fußball in der jungen Generation Emotionen frei, die mit den autoritären Methoden der japanischen Sicherheitskräfte nur schwer zu kontrollieren sind: Ausgelassenheit und Massenaufläufe in den Innenstädten - eine Schreckensvision für die Mehrheit eines Landes, in dem Millionen von Menschen auf engstem Raum leben und Zurückhaltung als eine der größten Tugenden gilt.
Die Ordnungshüter zeigen sich alarmiert. Ein hoher japanischer Polizeibeamter vertraute Innenminister Otto Schily bei dessen Besuch in Tokio an, bisher habe sein Land "noch kein Problem mit Hooligans". Doch wenn die Nationalelf weiter so erfolgreich spiele, "werden wir eines kriegen".
Schon geben die Hardliner den Kurs vor. Weil "die Sicherheit nicht gewährleistet" sei, verhinderte die Tokioter Stadtverwaltung die Übertragung des Spiels gegen Tunesien auf zwei Großbildschirme im beliebten Amüsierviertel Shibuya - erwartet worden waren etwa 10 000 Fans. Auch die Präfekturen in den Provinzen Saitama und Hiroshima sagten Liveübertragungen in zwei Stadien ab. Der Grund: Nach dem Sieg der Japaner gegen Russland waren einige Telefonzellen demoliert worden. Tags darauf schrieb die konservative Zeitung "Sankei" von Japans "erstem Krieg im Frieden".
Damit lag das Blatt durchaus im Trend. Denn vor der WM hatten die Medien wochenlang die Furcht vor Gewaltausbrüchen geschürt. In banger Erwartung britischer Hooligans zeigten die TV-Sender immer wieder die brutalen Bilder aus dem Brüsseler Heyselstadion, wo im Mai 1985 bei Ausschreitungen 39 Menschen ums Leben gekommen waren - als seien die Exzesse ein aktuelles Beispiel für die Gefahr durch marodierende Fußballanhänger.
Viele Japaner erwarteten deshalb den Beginn der WM wie die nahende Apokalypse. So verbarrikadierte sich die Händlerin Fumiko Takafuji, 56, die mit ihrer Tochter direkt neben dem Stadion von Ibaraki lebt, vor der Partie der Argentinier gegen Nigeria mit zehn Nachbarn und Verwandten in ihrer Wohnung - den Hinweis, an Spieltagen möglichst viele Freunde einzuladen und alles zu verrammeln, hatte ihr die örtliche Polizei gegeben.
Die Notgemeinschaft hatte sich im Supermarkt mit Lunchpaketen, Bier und Zigaretten für drei Tage eingedeckt und verbrachte die erste Nacht auf dem Fußboden - als hätte es Bombenalarm gegeben. "Ohne meine Verwandten", sagt Takafuji, "wäre ich vor Angst gestorben."
Da die Invasion der Barbaren in Ibaraki ausblieb, kam es beim nächsten Spiel drei Tage später zu einer ungeahnten Völkerverständigung. Irgendwann läutete ein irischer Fan bei Hausherrin Takafuji und bat darum, die Toilette benutzen zu dürfen. Am Ende verrichteten überschlägig 200 Iren bei Frau Takafuji ihre Notdurft. "Das waren fröhliche Männer mit gutmütigen Bäuchen", registrierte sie erstaunt, "und keine Schlägerbanden."
Wie irritiert das Land auf die friedlichen Gefühlsausbrüche reagiert, die der Fußball hervorrufen kann, zeigte sich vorvergangenen Sonntag nach dem 1:0 gegen Russland. Nach Mitternacht waren einige tausend Jugendliche in Tokios Vergnügungsviertel Shibuya und Roppongi geströmt. Dort trafen sie auf ein monströses Aufgebot an Sicherheitskräften - das sich vergebens mühte, wie zur Rushhour den Verkehr zu regeln und die Menschen auf den Trottoirs zum zügigen Schritt aufzufordern.
Doch Japans Kinder wollten feiern: den Sieg ihrer neuen Idole, vor allem aber sich selbst. Es war die Demonstration eines Lebensgefühls, für das auch die junge Generation japanischer Fußballer steht: flippig, frech und fordernd zu sein - und sich frei zu wähnen.
Und so fielen in jener Nacht eine Menge Tabus. Teenager tanzten auf den Dächern ihrer Autos, sanken sich in die Arme, skandierten hüpfend "Nippon, Nippon", klopften entgeisterten Polizisten auf die Schultern, tranken Bier aus der Dose - und ließen achtlos ihren Abfall liegen.
Ein heiterer Bruch mit japanischen Traditionen und für viele ein Kulturschock. "Dass so etwas hier möglich ist", sagte eine Augenzeugin aus Yokohama, die in Holland studiert hat, "hätte ich niemals geglaubt."
In nur drei Spielen hat die Mannschaft eine Eruption ausgelöst. Dabei galt noch in der ersten WM-Woche alle Aufmerksamkeit der Japaner internationalen Stars wie Portugals Luís Figo oder dem Engländer David Beckham, den die Jugendlichen besonders anhimmeln. "Viele kommen und wollen seinen neuesten Schnitt", sagt der Trendfriseur Terumitsu Wada, der in Kashima auch Nationalspielern die Haare färbt, "Beckham ist einfach der Coolste." Immer häufiger wird nun in Wadas Salon das Styling japanischer Kicker kopiert.
Raketengleich emporgeschossen in der Gunst der Fans ist vor allem der blondierte Mittelfeldspieler Inamoto, 22, der bei Arsenal London nur zum Reservisten taugte. Sein Trikot mit der Nummer fünf verkauft sich in diesen Tagen besser als die seiner Kollegen - selbst der Preis von umgerechnet rund 160 Euro schreckt die frisch entflammten Fußballfreunde nicht ab.
Dass die meisten Japaner die Regeln des Spiels kaum kennen, schadet der Euphorie ebenfalls nicht. So bringt das Massenblatt "Yomiuri Shimbun" den Lesern die Grundbegriffe des Fußballs in kleinen Lektionen bei. Die Zeitung heizt den momentanen Hype um Japans Heroen kräftig an - allein in den zehn WM-Städten sind mehr als 160 Reporter und Fotografen unterwegs.
Ob das WM-Hoch dem Fußball in Japan nachhaltig nutzt, erscheint allerdings fraglich. Die Nation feiert ein Happening, keine Sportveranstaltung. Selbst einflussreiche Clubbosse machen sich da wenig Illusionen. Der Präsident der "Kashima Antlers", Hiroshi Ushijima, sitzt in seinem wohl temperierten Büro und trägt die Uniform des Geschäftsmanns: dunkler Anzug, dunkle Krawatte, weißes Hemd. Sechs Spieler seines Teams, das die beiden letzten Meisterschaften gewann, gehören zum Nationalkader; die Mannschaft spielt im schmucken Stadion von Ibaraki, das eigens für die WM errichtet worden ist; und in seinem Rücken sieht man die Schornsteine des Industriegiganten Sumitomo qualmen, der den Club finanziell gut polstert.
Doch seine besten Kicker werden nach der WM wohl kaum in Japan bleiben. "Für uns geht es darum", sagt Ushijima lakonisch, "bei den Transfers ins Ausland einen möglichst guten Preis herauszuholen."
Der Club hat gepflegte Trainingsplätze, aber Kashima ist ein ödes Nest. Nichts gegenüber Madrid oder London. "Außer Fußball spielen", fügt sein Pressesprecher hinzu, "kann man hier nur angeln und baden." WIELAND WAGNER, MICHAEL WULZINGER
Von Wieland Wagner und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 25/2002
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