24.06.2002

HOLLYWOODDurchbruch für Franka

Nun ist die Schauspielerin Franka Potente auch in den USA ein Star: Ihr neuer Thriller „Die Bourne Identität“ spielte in nur drei Tagen fast 30 Millionen Dollar ein.
Sie wechselt die Farbe ihrer Haare öfter und schneller als andere Menschen ihre Hemden. Und dennoch gilt Franka Potente bis heute noch immer als die rote Lola, die sie vor vier Jahren berühmt machte. Wohin sie auch kam, der Berliner Feuerkopf mit den schnellen Beinen war schon vor ihr allgegenwärtig.
In ihrem neuen Film, dem Thriller "Die Bourne Identität", trägt die 27-jährige im Münsterland geborene Schauspielerin zu Beginn lange braune Haare, doch wenn sie sich bewegt, erkennt man rote Strähnen. Bleibt sie ihrem Image verhaftet? Nein, die Strähnen wachsen heraus - und eine neue Franka Potente kommt zum Vorschein.
Über 27 Millionen Dollar hat der Film auf dem nordamerikanischen Markt am Startwochenende eingespielt - viermal so viel wie "Lola rennt" während seiner gesamten Laufzeit in den Staaten. Und bereits nach zehn Tagen hat "Die Bourne Identität" Potentes US-Debüt "Blow" an der Kasse hinter sich gelassen. Im Eiltempo ist es der Schauspielerin gelungen, in Hollywood ein Star zu werden.
Während sie in "Blow" an der Seite von Johnny Depp kaum eine Hand voll größerer Szenen hatte und bereits nach 30 Minuten aus dem Film schied (weil die von ihr Dargestellte stirbt), spielt sie diesmal neben Matt Damon die zweite Hauptrolle, und das über die volle Distanz. Und schauspielerisch kann sie dem Star, der sie auch an Körpergröße nicht überragt, durchaus Paroli bieten.
Der Thriller erzählt, nach einem Bestseller von Robert Ludlum, von einem Mann, der aus dem Mittelmeer gefischt und plötzlich von Killern verfolgt wird. Warum, weiß er nicht, denn er hat sein Gedächtnis verloren. Dafür findet er in Zürich die Deutsche Marie Kreutz (Potente), die ihn quer durch Europa kutschiert. Die Farbe ihres Wagens: Rot.
Die amerikanischen Kritiker sind begeistert. Die "Chicago Tribune" schwärmt von "ihrer unkonventionellen Schönheit" und ihrem "erdverbundenen Sex-Appeal", das Branchenblatt "Variety" hebt ihre Wärme und ihr uneitles Spiel hervor.
"Die rote Lola" - so heißt ein berühmter amerikanischer Film mit Marlene Dietrich, und so verwundert es kaum, dass die Journaille sofort zu Vergleichen mit dem größten Filmstar greift, den Deutschland je hervorgebracht hat. Dabei könnten die Unterschiede kaum größer sein.
Erscheint die Dietrich in ihren Filmen oft wie eine glamouröse Lichtgestalt, die nie den Boden der Tatsachen betritt, so wirkt die Potente noch immer wie das Mädchen von der Straße, natürlich, offen und auf eine bezwingende Art spröde. Für den Glamour scheint sie nicht geboren. Doch der Boulevard hat entschieden: Franka muss für Deutschland spielen. Die nationale Vereinnahmung des Stars ist in vollem Gange.
Ähnliches geschah vor über 20 Jahren bei Nastassja Kinski, der man damals ein vergleichbares internationales Potenzial zutraute wie heute der Potente. Doch für die Kinski blieb die große, kontinuierliche Hollywood-Karriere nur ein unerfüllter Traum.
Potente dagegen hat nach dem Überraschungserfolg von "Die Bourne Identität" nun die Chance, ihre kluge und bedachte Karriereplanung wie bisher fortzuführen - allerdings auf höherem Niveau. Genauso wichtig wie die Rollen, die man spielt, sind die, die man ablehnt.
So sieht sie ihre Zukunft auch nicht allein in Hollywood, sondern wird noch in diesem Sommer in Deutschland für Rolf Schübels "Blue Print" in einer Doppelrolle als menschlicher Klon vor der Kamera stehen. Und danach steht "The Tulse Luper Suitcases" an, das neue Kino-Experiment des britischen Starregisseurs Peter Greenaway. Potente wird vorerst eine Wandlerin zwischen den Welten bleiben.
Dennoch ist es für sie gewiss nicht leicht, sich aus der drohenden Umarmung Hollywoods zu befreien: Anfang Juni stand sie neben Matt Damon bei der Verleihung der MTV Movie Awards auf der Bühne und vergab einen der Preise - ein Ritterschlag der Jugendkultur.
Die Schattenseiten des Ruhms bekam sie aber genauso schnell zu spüren - allerdings eher in Deutschland. Die Trennung von Tom Tykwer, ihrem Lebensgefährten und Regisseur bei "Lola rennt" sowie "Der Krieger und die Kaiserin", wurde in der Presse breit ausgewalzt. Und ihre Affäre mit dem Schauspieler Elijah Wood, mit dem sie in diesem Frühjahr die Komödie "Try Seventeen" drehte, wird von Paparazzi verfolgt.
Doch sie wird sie alle abhängen, auch ohne Jogging und mit einer Packung Zigaretten am Tag. Wer sie einmal aus der Nähe erlebt hat, macht sich aus der Ferne um sie wenig Sorgen: Menschen, die abheben, sehen anders aus. Wenn sie in einer Szene in "Die Bourne Identität" aufwacht und sich umsieht wie ein neugeborenes Kind, weiß der Zuschauer auf Anhieb: Diese Augen lassen sich so leicht nicht blenden. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 26/2002
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