24.06.2002

DEUTSCHE NATIONALELFDie Abräumer

Um das Vorankommen ins Halbfinale zu erklären, wird gern der Mythos von deutschen Fußballtugenden bemüht. Niemand verkörpert sie mehr als der Manndecker Thomas Linke. Von Alexander Osang
Am Anfang der Woche hatte Rudi Völler angekündigt, dass Deutschland die USA auch für Fritz Walter besiegen könne, der am Montag gestorben war. Am Ende der Woche sagte Teambegleiter Reiner Calmund, dass Deutschland "Oliver Kahn und dem Papst für den Sieg danken" solle.
Die deutsche Nationalmannschaft hatte auf wundersame Weise das Halbfinale der Fußball-WM erreicht. Sie hatte schlecht gespielt, aber gewonnen. Einmal hatte Torsten Frings einen Ball mit der Hand hinter der Torlinie gestoppt, ohne dass es jemand merkte. Es ging alles. Als Oliver Kahn erklärte, dass Deutschland wieder zu den vier besten Mannschaften der Welt gehöre, klang das wie eine Lüge. Aber die deutschen Journalisten begriffen nun, dass sie noch eine weitere Woche hier bleiben mussten. Nicht alle schienen sich darüber zu freuen. Zuletzt schlug Franz Beckenbauer vor, die Mannschaft in einen Sack zu stecken und draufzuhauen. Nur Oliver Kahn müsse nicht in diesen Sack.
Niemand dachte mehr an Fritz Walter.
Da ging die Tür noch mal auf, und Thomas Linke erschien. Er kam von der Dopingkontrolle und strahlte. Thomas Linke ist Verteidiger bei der Nationalmannschaft.
Linke lobte Oliver Kahn wie alle vor ihm. Wie alle wies er darauf hin, dass sie erst ein Gegentor bekommen hatten. Zu seiner Leistung wollte er sich lieber nicht äußern.
"Ich will niemanden hervorheben", sagt er ruhig und lächelt.
Auch er hatte an diesem Abend den Trauerflor für Fritz Walter getragen.
"Fritz Walter ist ein großer deutscher Spieler gewesen, aber ich habe keine richtige Beziehung zu ihm gehabt. Ich habe ihn auch nie gesehen." Linke schweigt einen Moment. Dann sagt er: "Es klingt ein bisschen komisch, aber da ist mein Großvater wichtiger für mich gewesen. Der hat für einen kleinen Verein in Leubingen gespielt. Das ist in Thüringen. Er hat viel von früher erzählt und mit mir am Garagentor Fußball geübt."
Kann er denn was mit den deutschen Fußballtugenden anfangen, für die Fritz Walter stand?
"Sicher. Ich lebe ja von den deutschen Tugenden", sagt Linke. "Disziplin, Kampfkraft, Ordnung. Das sind ja im Prinzip meine Stärken. Das ist ja auch die Grundlage jeder Mannschaft."
Er redet oft von der Mannschaft. Er sieht die Weltmeisterschaft nicht als Chance, sich anzubieten oder vorzustellen. Er sieht den Sinn darin, sich dem Team unterzuordnen. In ihm zu verschwinden, wenn man so will.
In den letzten Wochen ist Linke oft gelobt worden. Völler hat gesagt, dass er neben Klose zu den positiven Überraschungen des WM-Teams zählt. Er ist einer der wenigen, über dessen Aufstellung nicht diskutiert wird. Er hat jede WM-Minute gespielt. Linke sagt, dass er von den Ausfällen von Wörns und Nowotny profitiert hat und dass sich das auch schnell wieder drehen kann. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass man jetzt wieder auf ihn aufmerksam wird.
Vielleicht verkörpert ein Spieler wie Thomas Linke die Idee der Mannschaft von Rudi Völler.
Es ist eine Mannschaft, die Prügel aushält und auch kleine Gegner nicht unterschätzt. Eine Mannschaft, der niemand viel zutraut, die das Glück hat, zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu sein.
Eine graue Maus. Aber eine, die es weit gebracht hat.
Linke sagt: "Ohne Disziplin in der Defensive wirst du vielleicht mal ein Spiel gewinnen, aber nie den großen Krieg."
Er ist ein Soldat. Ein Spieler, der sich auf Dinge konzentriert, die er kann.
Er wurde Weihnachten 1969 in Sömmerda geboren. Sein Vater war mal Torwart in der Zweiten DDR-Liga, aber er hat ihn nie spielen sehen. Er erinnert sich nur, wie er manchmal mit Kopfschmerzen nach Hause kam, wenn er an den Pfosten gesprungen war.
Thomas Linke ist schon als Junge Abwehrspieler gewesen. Man wurde in der DDR schneller auf eine Position festgelegt, sagt er. Er hat sich nicht gewehrt. Als er mit 13 Jahren auf die Kinder- und Jugendsportschule in Erfurt kam, war er bereits Verteidiger. Und blieb es für immer. "Ich habe mich da hinten ganz wohl gefühlt", sagt er. Er war nie ein Talent. Aber er kann sich noch an die Talente seiner Jugend erinnern. Jens Krahl zum Beispiel, der Libero der Juniorenauswahl. "Der konnte viel mehr als ich", sagt Linke. Krahl ist gerade mit der zweiten Mannschaft von Grün-Weiß Erfurt aus der Stadtliga abgestiegen. Er weiß noch, dass Linke still war und ganz gut in der Schule. An den Fußballer Linke von damals kann er sich kaum erinnern. Aber wenn er den Linke von heute im Fernsehen sieht, ahnt er auch, warum.
"Er ist halt ein Manndecker. Man sieht ihn nicht, sie beziehen ihn kaum mit ein. Er ist kein Ronaldo", sagt Krahl.
Linke war immer klein, so klein, dass sie ihn fast von der Sportschule schickten. Aber dann machten sie eine Handwurzelmessung, stellten fest, dass er doch über 1,80 werden würde und ließen ihn weitermachen. Irgendwann stieß Linke auf den Nachwuchstrainer Schnuphase. Er glaubt, dass Schnuphase sich selbst in ihm wiedererkannte. Schnuphase war Erfurter Nationalspieler, er fuhr als 20-Jähriger mit zur WM 1974 nach Westdeutschland. Heute ist er Nachwuchstrainer im Thüringer Fußball-Verband.
"Kann schon sein, dass wir uns ähnlich waren", sagt Rüdiger Schnuphase. "Ich musste mir auch alles erarbeiten. Thomas war so 16, als ich ihn übernahm. Er war ein sachlicher Spieler. Nicht spektakulär, nicht mal übertrieben ehrgeizig. Er war schnell, solide und kopfballstark. Die Zuschauer sehen diese Spieler gar nicht. Aber wir müssen sie sehen."
"Wenn ich einen anderen Trainer gehabt hätte, einen Joachim Streich zum Beispiel, der hätte mich wahrscheinlich nicht so gefördert. Der war ein Stürmer", sagt Linke.
Was erkennt Rudi Völler in ihm?
"Ich weiß nicht. Er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, denke ich."
Linke hatte viele Trainer. Kurbjuweit, Lattek, Schulte, Berger, Stevens, Vogts, Ribbeck, Hitzfeld.
Im Moment scheint Linke viel aus sich selbst zu holen. Er wirkt sicher. Im Spiel gegen die USA ist er der beste Mann neben Kahn, aber es fällt nur wenigen auf. Linke spielt wie ein Fabrikarbeiter, er sieht eine gefährliche Situation, klärt sie, klopft sich den Staub von den Sachen und wartet auf die nächste. Sein Vater ist Schlosser, sein Bruder Tischler. Er hat keine Vorbilder mehr. Er hofft, dass er selbst eins ist.
Jemand, der ihn über die letzten Jahre beobachtet hat, ist Carsten Sänger. Sänger ist sieben Jahre älter als Linke. Er spielte mit Kirsten, Thom und Sammer in der Auswahlmannschaft. Er kümmerte sich um den jungen Linke, als der in die Männermannschaft stieß. Sänger ist heute Trainer in der Landesliga. "Thomas war sicher kein großes Talent. Er ist ein Abräumer. Es war nicht immer abzusehen, dass er diese Karriere macht", sagt Sänger.
Als Sänger vor drei Jahren einen schweren Autounfall hatte, bat Linke den FC Bayern, vom Training befreit zu werden. Carsten Sänger musste ein Unterschenkel amputiert werden. Linke fuhr nach Erfurt, um Sänger zu besuchen.
Linke hat zusammen mit Sänger im letzten Jahr der Ost-Oberliga eine ausgezeichnete Saison gespielt. Rot-Weiß Erfurt wurde am Ende überraschend Dritter und qualifizierte sich damit für die 2. Bundesliga. Sie stiegen sofort wieder ab. Es war eine schlimme Zeit, Linkes Vater wurde arbeitslos, nichts schien mehr sicher. Aber es gab ein paar wichtige Europacupspiele gegen Groningen und Ajax Amsterdam und vor allem ein DFB-Pokalspiel gegen Schalke. Dort fiel Linke auf, er wechselte am Ende der Saison zu Schalke 04. Rot-Weiß-Erfurt ist nie wieder aufgestiegen.
Linke verbrachte sechs wundervolle Jahre auf Schalke, sagt er. Sie holten den Uefa-Cup. Dann meldeten sich die Bayern. Mit ihnen holte er auch die Titel, die er noch nicht hatte.
Er hat im Clubbereich alles gewonnen, was man gewinnen kann.
Menschen wie Linke werden pausenlos unterschätzt, falsch bewertet. Viele halten ihn für einen Klopper, dabei ist er einer der Spieler mit den wenigsten Fouls. Im Spiel gegen Kamerun war Linke einer der wenigen, die keine gelbe Karte bekommen haben.
Gegen die USA tackelte er den schnellen Angreifern McBride und Donovan immer wieder die Bälle weg. Er bekommt nicht mal eine Ermahnung.
Aber seine Frau hat auch für die WM-Spiele wieder schlechte Noten für ihn in der "Bild"-Zeitung gefunden. "Er bekommt auch oft schlechte Noten, wenn er gut spielt", sagt sie.
"Die Leute schauen eben bei mir nicht noch mal hin. Sie haben ein Urteil, und das war's. Ich kann die Reporter ja nicht bitten, noch einmal über mich nachzudenken", sagt Linke.
"Ich bin vielleicht der Typ, der in Medien nicht so gut ankommt. Ich bin auch kein Mensch, der seinen Namen immer in der Zeitung lesen muss. Ich bin eigentlich froh, wenn ich meine Ruhe habe. Manche raten mir: Geh mal ein bisschen offener mit der Presse um. Aber, wissen Sie, ich bin jetzt 32. Ich will mich da auch nicht mehr verbiegen. Vielleicht fällt mir so auch mein späteres Leben ein bisschen leichter. Ein Leben, in dem nicht mehr nur über den Fußballer Thomas Linke gesprochen wird. Mir wird da nichts fehlen."
Er hat eine starke Frau. Eigentlich hat sie ihn überredet, nach München zu gehen. Er wollte nicht. Schalke schien viel besser zu ihm zu passen. Womöglich stimmt es bis heute. Er hat jetzt einen Sohn. Auch deswegen wollte er nach dieser WM aus der Nationalmannschaft zurücktreten.
Vor einem Dreivierteljahr hat er das erste Mal gesagt, dass er aufhören will.
Es hat nie jemand reagiert. Nur Bundestrainer Michael Skibbe hat mal versucht, ihn zum Weitermachen zu überreden.
Sie haben ihn erst sehr spät in die Nationalmannschaft geholt. Dies ist seine erste Weltmeisterschaft. Linke hat schwere Schläge bekommen in dieser kurzen Karriere als Nationalspieler. Nach dem 1:5 gegen England, aber vor allem nach dem 0:3 gegen Portugal bei der letzten Europameisterschaft. Damals hat der ZDF-Reporter Béla Réthy mehrfach gefordert, den Linke endlich runterzunehmen.
"Ich hab gelernt, damit umzugehen. Wenn du so was mit 18 hörst, dann bist du fertig mit der Welt. Aber ich war schon relativ alt, als ich vor der gesamten Nation so kritisiert wurde. Da hatte ich schon genügend positive und negative Erfahrungen gemacht."
Linke spielt am Rande seiner Möglichkeiten, wie Deutschland. Es ist wohl kein Zufall, dass die erste WM, an die er sich erinnern kann, die von 1986 ist. Eine WM, in der sich eine durchschnittliche deutsche Mannschaft bis ins Finale durchrumpelte.
Auch Ballack, Jeremies und Schneider haben ihre ersten Erinnerungen an 1986. Sie tauchen unter den Fragen nach ihrer Individualität weg, sie verweisen auf Star-Ensembles, die ausgeschieden sind, weil sie nicht als Mannschaft funktionierten. "Ich bin kein Typ, der vorneweg rennt", sagt sogar Michael Ballack, der ja so was wie der Regisseur der Mannschaft sein sollte. "Ich will keine Sonderrolle. Fußball ist ein Mannschaftssport."
Gegen die USA wechselt Rudi Völler den Soldaten Jeremies für den offensiven Mittelfeldspieler Schneider ein. Sie haben unfassbares Glück, Kahn zieht die Bälle scheinbar an. Aber Völler sagt auch: "Es wird halt nicht immer die beste Mannschaft Weltmeister. Sonst wäre Brasilien schon vierzehnmal Weltmeister und nicht erst viermal."
Vielleicht sind die letzten deutschen Fußballtugenden die Mittelmäßigkeit, das Glück und der Glaube an die Angst der Gegner. Wer weiß. Sie stehen im Halbfinale, und jeder erzählt was anderes.
"Wir reißen uns 90 Minuten den Arsch auf", sagt Oliver Kahn.
"Es ist nicht ausgeschlossen, dass man gegen eine namhafte Mannschaft wieder besser spielt", sagt Oliver Bierhoff.
"Die Abwehr ist der Schlüssel zum Erfolg", sagt Dietmar Hamann.
Thomas Linke lächelt, als wisse er mehr, als er sagen kann. Am Tag, als die Mannschaft zum Spiel gegen die USA abflog, nannte Karl-Heinz Rummenigge die vier deutschen Spieler, die ihm bei dieser WM positiv auffielen. Oliver Kahn sei Weltklasse, sagt er. Miroslav Klose sei explodiert. Dietmar Hamann spiele intelligent. "Und Thomas Linke liefert eine prima WM ab."
Thomas Linke beklagt sich nicht darüber, dass er nicht auffällt. Er will es so. Natürlich weiß er, dass die Stimmung schnell kippen kann. "Man ist als Verteidiger immer nur das letzte Glied einer Verkettung. Aber alle sehen dich, kurz bevor das Tor fällt", sagt Linke. Es ist schwer, als Verteidiger ein Held zu werden.
Linke weiß, dass er nur mit einem Fehler in die Geschichte eingehen kann. Die Leute werden sich an den Fehler erinnern. Sie erinnern sich an Ramelows Platzverweis gegen Kamerun. Sie erinnern sich an die rote Karte von Wörns gegen Kroatien. Das ist der Preis, den die Abräumer zahlen.
Seine Frau hat ihm abgeraten, aber Thomas Linke hat jetzt noch mal überlegt. Er hat beschlossen weiterzumachen, wenn sie Weltmeister werden. Aber weil keiner richtig auf seinen Rücktritt reagiert hat, konnte auch niemand auf den Rücktritt vom Rücktritt reagieren.
Thomas Linke wird eines Tages weg sein. Man wird etwas vermissen, aber nicht genau wissen, was.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 26/2002
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