24.06.2002

WORLD CUP 2002„Entscheidend ist der Spirit“

Arsenal Londons Trainer Arsène Wenger über modernen Arbeitsfußball, die Fehler der Franzosen und Italiener sowie den Kulturschock bei der Weltmeisterschaft
SPIEGEL: Monsieur Wenger, tragen Sie als Teammanager von Arsenal London eine Teilschuld am frühen Ausscheiden des Titelverteidigers Frankreich bei der WM?
Wenger: Als Trainer ist man ja im Prinzip immer schuld, wenn irgendwo etwas schief geht. Aber was meinen Sie genau?
SPIEGEL: In Ihrer Mannschaft, die Englischer Meister und Cup-Sieger wurde, standen mit Patrick Vieira, Thierry Henry und Sylvain Wiltord drei Ihrer Landsleute, die auch im französischen Nationalteam tragende Rollen spielen. Vor allem Mittelfeldmann Vieira wirkte ausgebrannt. Haben Sie ihm zu viel zugemutet?
Wenger: Vieira musste in der Tat 62 Saisonspiele bestreiten. Aber was kann ich dafür, wenn die WM zwei Wochen früher stattfindet als üblich? Die Spieler hatten nach dem Ende der Meisterschaften in Europa kaum Zeit, sich zu erholen - weder körperlich noch psychisch. Nehmen wir Zinedine Zidane: Der gewinnt mittwochs mit Real Madrid die Champions League, samstags wird er noch Vater, am Mittwoch darauf fliegt er nach Korea und hat eine Woche später die Weltmeisterschaft. Der kann nicht hundertprozentig bei der Sache sein.
SPIEGEL: War die Termingestaltung das entscheidende Handicap für jene WM-Favoriten, deren sonst überragende Einzelspieler bis kurz vor Turnierbeginn in Europa gefordert waren?
Wenger: Sicher hatten auch Argentinier und Portugiesen darunter zu leiden. Aber es gibt noch andere Faktoren, etwa den kulturellen Schock, den viele Mannschaften erlebten, als sie dann in Asien waren: eine völlig ungewohnte Atmosphäre, nicht nur in den Stadien. Es ist keine normale Fußballstimmung. Man braucht Zeit, sich in dieser Umgebung zurechtzufinden. Ich glaube, dass manche Spieler sich im Laufe der WM, etwa bis zum Viertelfinale, auch geistig wieder regeneriert hätten.
SPIEGEL: Da waren die Franzosen aber längst abgereist.
Wenger: Gerade die erste Runde zu überstehen ist ja unter diesen Bedingungen so schwer. Dass sie es nicht schafften, heißt nicht, dass Frankreich keine große Mannschaft hätte. Aber die Franzosen haben auch Fehler in ihrer Vorbereitung gemacht.
SPIEGEL: Welche?
Wenger: Sie haben wohl zu hart trainiert, auch mit den Spielern, die schon ausgelaugt im Camp in Clairefontaine ankamen. Fatal, dass sie den strapazierten Zidane noch im letzten Test gegen Südkorea einsetzten, wo er sich prompt verletzte. Sein Ausfall hatte eine lähmende Wirkung auf das Team. Am Ende kamen noch Selbstzweifel dazu.
SPIEGEL: Sind Favoriten wie Frankreich, Argentinien oder Italien auch daran gescheitert, dass Kreativspieler beim hier vorherrschenden Fußball kaum zur Entfaltung kommen? Die gängige Spielverhinderungsstrategie lässt Gestaltern weder Zeit noch Raum.
Wenger: Wenn es eine Nivellierung gibt, dann äußert sie sich darin, dass es taktisch und auch technisch kaum noch Unterschiede zwischen den Nationalmannschaften gibt. Bei dieser WM erleben wir erstmals unmittelbar die Folgen der Fußball-Globalisierung, des internationalen Austausches von Spielern und Trainern. Doch in der Spielweise erkennt man durchaus noch Charakteristika eines Landes. Nennen Sie mir ein Team, und ich kann es mit einem Begriff kennzeichnen.
SPIEGEL: Einverstanden. Also: Senegal?
Wenger: Athletische Power.
SPIEGEL: Irland?
Wenger: Mentale Stärke.
SPIEGEL: Die USA?
Wenger: Robust und effizient.
SPIEGEL: Und Deutschland?
Wenger: Zweckorientiert, effektiv. Die Italiener würden sagen: realistisch.
SPIEGEL: Soll das ein Lob sein?
Wenger: Es gibt etwas, das die Deutschen auszeichnet: Sie denken im Angriff auch noch kurz vor dem Tor kollektiv. Erinnern Sie sich an den Moment, in dem dieser Klose das Führungstor gegen Kamerun vorbereitet hat: Er spielt und dribbelt nur, um den Mitspieler Bode entscheidend in Szene zu setzen. Wenn Sie in gleicher Ausgangssituation etwa dem Brasilianer Ronaldo den Ball geben, handelt der allein in der Absicht, selbst das Tor zu machen. Das ist aber nicht immer intelligent.
SPIEGEL: Überrascht es Sie, dass die Art, mit der die Deutschen Fußball arbeiten, bisher so erfolgreich war?
Wenger: Deutschland hatte - ähnlich wie 1998 die Franzosen - einen einfachen Weg zurückzulegen. Wenn man sich vorher Wunschgegner zusammengestellt hätte, wären genau die dabei herausgekommen: nach Saudi-Arabien, Irland und Kamerun auch noch Paraguay und die USA. Abgesehen davon, dass es in Oliver Kahn einen Torwart hat, der wie 1998 Fabien Barthez die scheinbar unhaltbaren Bälle hält.
SPIEGEL: Erkennen Sie denn einen Unterschied zum Auftreten der Deutschen vor vier Jahren und bei der EM 2000?
Wenger: Natürlich, die Spieler scheinen besser zusammenzupassen. Es gibt mehr Harmonie, das sieht man. Dieser Geist ist wichtig - umso wichtiger, je mehr sich die technischen, taktischen und athletischen Potenziale der Mannschaften annähern. Weil keine Mannschaft mehr dominiert, entscheidet der Spirit.
SPIEGEL: Das hat dazu geführt, dass Durchschnittsteams wie die der USA ins Viertelfinale gekommen sind.
Wenger: Man muss sich generell fragen, ob Nationalmannschaften heute noch die Elite repräsentieren. Durch die Globalisierung haben die großen Vereine die besten Spieler der Welt. Die Nationalmannschaften haben nur die besten des Landes. Bei dieser WM habe ich viele Spiele gesehen, die keinen Spitzenfußball darstellten. Zum Beispiel das Abwehrverhalten bei Ecken und Freistößen: Hier gibt es Szenen, in denen ein Angreifer völlig ungehindert ein Tor köpft. Bei Spielen zwischen Spitzenclubs gibt es das eigentlich nicht mehr.
SPIEGEL: Sind WM-Turniere verzichtbar?
Wenger: Abschaffen sollte man sie nicht. Nationalmannschaften sind wichtig für die Identität eines Landes. Nur sollte man einen Titelgewinn richtig einschätzen. Man kann nicht mehr sagen: Wer die WM gewinnt, hat die beste Mannschaft der Welt. Spielen wir das Turnier drei Monate später noch einmal von vorn, scheiden ganz andere Mannschaften früh aus.
SPIEGEL: Aber es werden immer dieselben einen Wettbewerbsvorteil haben - etwa Südkorea, das keine Spieler in der aufreibenden Champions League beschäftigt. Wie bedeutsam ist es, dass das Team von Guus Hiddink sich monatelang auf dieses Event vorbereiten konnte?
Wenger: Ich habe die Südkoreaner vor einem Jahr beim Confederations Cup gesehen und erkenne sie nicht wieder. Wenn man ihre Ausdauer betrachtet, fragt man sich, ob sie einen Zaubertrank gebraut haben. Man sieht ihnen nicht an, ob sie sich gerade in der 12. oder 115. Spielminute befinden. Im Achtelfinale gegen Italien haben sie gespielt wie unter Strom. Allerdings spielen sie zu Hause. Bei einer WM in Spanien machten sie gar nichts.
SPIEGEL: Vereinzelt ist ihr aufwendiger, aggressiver Stil schon als Fußball der Zukunft bezeichnet worden. Was können intelligente Mannschaften gegen den permanenten Druck, den diese Arbeitsbienen auf den ballführenden Gegner ausüben, eigentlich ausrichten?
Wenger: Man muss sie in ihre Hälfte drängen und zu Fehlern zwingen. Die Italiener haben es genau falsch gemacht. In ihrer typischen Art haben sie sich nach ihrer Führung zurückgezogen. Natürlich sind die Koreaner beweglicher. Ein 1,80 Meter großer Koreaner wiegt fünf Kilo weniger als ein 1,80 Meter großer Europäer. Doch auch da hilft wieder nur das eine: Der den Ball hat, muss genügend anspielbare Mitspieler in seiner Nähe wissen. Schauen Sie sich Mannschaften unter Druck an und zählen Sie: Wie viele Spieler wollen den Ball? So kann man gute von schlechten Teams unterscheiden.
SPIEGEL: Haben Sie eine überragende Figur bei diesem Turnier entdeckt?
Wenger: Die Spieler müssen heute extrem viel arbeiten. Individualisten kann sich eine Mannschaft da gar nicht mehr erlauben.
SPIEGEL: Kapitulieren Sie da vor dem Primat der Athletik?
Wenger: Nein, aber heute geht es nicht mehr darum, dass ein Einzelner ständig im Blickpunkt steht. Ein Spieler wie der Deutsche Michael Ballack dagegen kommt einem wie Michel Platini am nächsten.
SPIEGEL: Viele meinen eher, Ballack habe in Asien bislang enttäuscht.
Wenger: Ballack war als Vorbereiter und Vollstrecker an entscheidenden Szenen beteiligt. Anders als früher Wolfgang Overath, der verrückt wurde, wenn er nicht ständig den Ball bekam, hat auch Platini auf seine Szene warten können. Er war wie ein Jäger. Im richtigen Moment hat er dann den Pass gespielt oder selbst das Tor geschossen. Ballack hat letzte Saison 17 Bundesligatore erzielt. Für einen Mittelfeldspieler sensationell.
SPIEGEL: Athletisch und taktisch werden Spieler in ihren Vereinen geschult. Das gilt für Senegalesen wie für Italiener. Welchen Einfluss übt ein Nationaltrainer noch aus?
Wenger: Einen sehr großen. Denn für mich ist eine WM heute mehr ein mentaler Wettbewerb als ein Fußball-Wettkampf. Man ist 40 Tage zusammen, ständig drohen Konflikte. Die Hälfte der Mannschaft ist unzufrieden, weil sie nicht spielt. Da ist der Trainer gefordert. Diese mentale Steuerung ist der einzige Bereich im professionellen Fußball, in dem nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
SPIEGEL: Das klingt, als könnte Sie der Job des Nationaltrainers reizen.
Wenger: Warum nicht? Es wäre eine interessante Erfahrung. Man sieht aber, wie groß der Druck für die Trainer bei einer WM ist. Schauen Sie sich Giovanni Trapattoni an, wie er gelitten hat, wie erschöpft er war. Er ist fast verrückt geworden.
SPIEGEL: Kennen Sie diesen Druck als Trainer in der Premier League etwa nicht?
Wenger: Doch. Schön spielen ist kein Kriterium mehr. Wenn du am Spieltag die Zeitung aufschlägst, denkst du, es sei Krieg. Als müssten wir sterben, wenn wir verlieren.
SPIEGEL: Was tun Sie dagegen?
Wenger: Ich versuche, meinen Spielern die Lust am Spiel wiederzugeben. Die Lust, die sie hatten, als sie als Zwölfjährige bolzen gingen. Sehen Sie: Wenn ich hundert Leuten in der Woche begegne, sagen mir diese hundert: Du musst am Samstag gewinnen. Ich sage den Spielern: Lasst die alle reden, wir spielen jetzt einfach mal Fußball.
SPIEGEL: Beerben Sie Frankreichs Coach Roger Lemerre, wenn man Sie bittet?
Wenger: Ich bin zurzeit mit mir im Reinen bei Arsenal. Aber es ist wie in einer Ehe: Du drängst nicht gerade auf eine Scheidung, wenn du zu Hause glücklich bist. Doch wenn du draußen eine schöne Frau siehst, kommst du schon mal ins Grübeln.
INTERVIEW: JÖRG KRAMER, MICHAEL WULZINGER
Arsène Wenger,
52, ist einer der renommiertesten Trainer des Profifußballs. Mit dem englischen Premier-League-Club Arsenal London, bei dem er seit September 1996 arbeitet, gewann der Elsässer vor vier Jahren und in dieser Saison jeweils das begehrte Double: Meisterschaft und FA-Cup. Vor seinem Engagement in England trainierte der in Straßburg geborene Diplomökonom den japanischen Club Nagoya Grampus Eight, den AS Monaco und den AS Nancy.
* Rivaldo, Roberto Carlos und Edmilson beim 2:1-Viertelfinalsieg über England am vergangenen Freitag in Shizuoka.
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 26/2002
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