01.07.2002

PROTESTDie Weltbürger

Es sind Anarchisten und Wissenschaftler, Ökonomen und Öko-Freaks. Sie sitzen in Washington und Neu-Delhi, in Bangkok und Paris: Die Rädelsführer der Globalisierungsgegner denken und handeln genauso global wie die Weltwirtschaft, die sie bekämpfen. Von Ullrich Fichtner
Es jagen die Tage über die Welt, nie endet Geschichte, jede Minute geht irgendwo die Sonne auf, und es geht wieder ums Große und Ganze. In Calgary, Kanada, demonstrieren Nackte gegen die mächtigsten Männer dieser Welt. In London, Großbritannien, stehen Pakistaner und Inder am Trafalgar Square vereint gegen den Krieg. In Berlin, Deutschland, marschieren Kinder für bessere Schulen. In Accra, Ghana, kommt Post an aus aller Welt gegen die Privatisierung von Wasser. "Dies sind Zeiten", sagt Bernard Cassen, "so fordernd, dass einen allein die Aktualität völlig in Atem hält."
Paris, Frankreich, 13. Stadtbezirk, im Redaktionshaus von "Le Monde diplomatique" telefoniert der Attac-Präsident mobil, er sitzt an einem alten Schreibtisch aus dunklem Holz hinter Mauern aus Büchern, notdürftig nur beruhigt er sich durch Züge an einem Tabakstummel.
150 E-Mails erreichen Cassen jeden Tag, manchmal 200, Botschaften aus aller Welt, Bitten um Grußworte, Gastbeiträge. Sein elektronisches Postfach quillt über, nach einem Urlaub, wie kurz er auch sei, hilft nur noch die Löschtaste. Die Revolution frisst an den Nerven ihrer Kinder.
Kaum fünf Jahre ist es her, dass die "Monde Diplo" um Direktor Cassen und Chefredakteur Ignacio Ramonet im Leitartikel ihrer Dezember-Ausgabe 1997 die "Entwaffnung der Märkte" forderte. Jetzt hat Attac 30 000 Mitglieder allein in Frankreich, es gibt Gründungen in Italien, in Schweden, in Deutschland, in Japan und Kanada, in über 50 Ländern mittlerweile hat man von Tobin gehört und der Steuer auf Devisengeschäfte, die er entworfen hat.
Auf den Leitartikel damals, 180 000-mal gedruckt, kamen über 4000 Leserbriefe, das ist gewaltig, längst ist diese Anekdote ein Gründungsmythos dieser neuen Weltbürgerbewegung. 4000 Leserbriefe, das soll sagen: Der Unmut war riesig, damals.
Seitdem ist Revolution. Attac ist nur eine von Tausenden kleinen und großen Zirkeln, in denen es gegen die Globalisierung geht oder zumindest für eine andere; eine neue, ungekannte Apo schart sich hinter Spruchbändern: "Global denken, lokal handeln", "Ihr G-8 - wir sechs Milliarden".
Die Botschaft ist klar, jedenfalls das Gefühl dahinter. Unklar ist, ob das ein altes Lied ist oder ein neues. Ob es eine neue Strophe gibt. Oder wenigstens einen neuen Vers. Wer sind diese Leute, die sich neuerdings zur Familie erklären, obwohl heillos über fünf Kontinente verstreut? Was verbindet einen indischen Reisbauern mit einem brasilianischen Straßenkind? Einen mongolischen Hirten mit einem kanadischen Inuit? Einen deutschen Winzer mit einem malaysischen Arbeiter?
Attac sei eine Initiative für Aufklärung und Aktion, sagt Bernard Cassen, das ist bescheiden. Was Attac nicht ist, kann man fast wortreicher sagen. Keine Partei. Kein Verein. Keine Internationale. "Keine Komintern". Aber was dann? Ein "loser Verbund", sagt Cassen, 64. Es komme nun darauf an, mit langem Atem den "liberalen Virus" zu bekämpfen, "der unsere Köpfe seit 30 Jahren verseucht".
Symbolische Siege gibt es. Die Mitglieder von G-8, EU, Weltbank, Währungsfonds, Welthandelsorganisation tagen neuerdings auf isolierten Inseln im Süden Japans, hinter eisernen Vorhängen in Genua, in einsamen Bergregionen Kanadas, immer beschützt von Polizeikräften in Armeestärke, gerüstet wie zu einem Bürgerkrieg. Ein neuer Gruß hat Karriere gemacht: Another world ist possible, un autre monde est possible, eine andere Welt ist möglich.
Es jagen die Tage über die Welt, nie endet Geschichte, 24 Stunden können den Stand der Dinge gehörig verrücken, das war so am 30. November 1999 in Seattle, USA, als eine Koalition von unten gegen das Gipfeltreffen der noch jungen Welthandelsorganisation WTO aufstand. Seattle 99, das heißt bis heute: Tränengas und Pfefferspray, Straßenschlachten, Days of Action.
Lori Wallach war damals, was sie heute ist. Wirtschaftsjuristin mit Harvard-Abschluss, Direktorin der Bürgerinitiative "Global Trade Watch", Mieterin eines engen Büros in Washington D. C. voller Revolutionskitsch und Andenken an frühere Erfolge, Niederlagen, Kampfgefährten. Sie hätte viel Geld verdienen können in den oberen Etagen der US-Wirtschaft. Sie wollte lieber Geschichte machen.
Man kann über Lori Wallach große Sätze schreiben, die nach Cäsar klingen. Dass sie 1997 die Ausweitung der nordamerikanischen Freihandelszone nach Süden verhinderte. Dass sie 1998 das Multilaterale Abkommen über Investitionen, MAI, zur Strecke brachte. Dass sie 1999 das Scheitern der WTO-Tagung von Seattle organisierte. Natürlich, sie war nicht allein, aber sicher ist: Ohne Lori Wallach wäre es nicht gegangen.
Eine kleine Frau ist sie mit gewaltiger Körpersprache, die an Rednerpulten wirkt, als müsste sie eine Boeing in die Parkposition lotsen. "Hier", die Rechte fährt aus und steht im 90-Grad-Winkel zum Körper, "die Entwicklungsländer. Dort", die Linke geht hoch, jetzt steht sie da wie gekreuzigt, "die Handelsorganisation".
Früher oder später hebt sie das WTO-Vertragswerk in die Höhe, dick wie die Berliner Telefonbücher, und fragt, warum es für so einfache Ziele wie den Ausgleich zwischen Reich und Arm so viele Regeln und Ausnahmen brauche. "WTO - Whose Trade Organization?" (Wessen Organisation?) heißt das wichtigste ihrer Bücher, ein Standardwerk der Globalisierungskritik - und natürlich ist Lori Wallachs Antwort klar: Die WTO gehört den Reichen.
Das Gegengift heißt Öffentlichkeit. Den Männerrunden und heimlichen Handschlägen gilt der Kampf, Lori Wallach geht uneingeladen in Hinterzimmer und verfährt mit Papieren nach der "Dracula-Taktik": Jedes greifbare Geheimdokument, jedes Abkommen wird sofort veröffentlicht. Am Licht der Welt, sagt sie, können schlechte Verträge zu Staub zerfallen, zerstört von der Kritik wie Vampire vom Tageslicht.
Wenn in Seattle, Genua, eine Familie gegründet wurde, so könnte Lori Wallach, 38, geboren in Wausau, Wisconsin, USA, gehänselt als Kind wegen ihrer jüdischen Herkunft, eine sehr resolute Tante sein.
Ihr Ziel: Kein Missstand mehr, der geheim bleiben darf; keine wirtschaftliche Transaktion mehr ohne Echo, keine Umweltschweinerei mehr ohne Publizität. Die Oppositionellen von heute haben viel von den Pionieren der Action-Agitation gelernt. Die Happenings von Greenpeace, Terre des Hommes, Amnesty International haben so manchen heute 25- bis 40-jährigen Zeitgenossen davon träumen lassen, selbst eines Tages ein Held für die gute Sache werden zu wollen.
Längst hat sich der Protest professionalisiert. Wer immer sich an Bahnschienen oder Fabriktore kettet, wer immer höchste Schornsteine erklettert, Gen-Felder besetzt oder große Tanker im kleinen Schlauchboot neckt, hat nicht vergessen, ein paar TV-Teams und Berichterstatter dazuzubitten. Die Revolution findet im Fernsehen statt.
Die Tage jagen um die Welt, rund um den Erdball senden "Indymedia.org", "protest.net", "commondreams.org" und "zmag.net". Sie sind die Vereinsblätter der Bewegung, gebastelte Cyber-Zeitungen für die Arbeit an einer anderen Welt.
Die Redaktionen sind klein, gegründet nach Protestaktionen oder, wie "Indymedia", direkt aus der Battle of Seattle geboren. Die "dot.orgs" und "dot.nets" liefern der Bewegung den Stundenplan, die Orte, Ziele. Sie basteln an einem neuen Alphabet - von A wie Attac bis Z wie Zapatisten.
Alle wissen von allen, das ist neu an dieser neuen Internationalen. In Argentiniens Provinz Tucuman rufen Aktivisten weltweit zum Protest gegen französische Wasserkonzerne auf. In Navarra, Spanien, suchen sie Beistand in ganz Europa für den bedrohten iberischen Luchs. In Singapur verschicken sie Kettenbriefe in ganz Asien gegen Gen-Versuche an Zebrafischen.
In Indien geht es um Reis, um Bäume, um Shrimps, um "Wirtschaftswachstum, das in Wirklichkeit eine Form des Diebstahls ist". Vandana Shiva sagt das so, in ihrem Buch "Stolen Harvest", gestohlene Ernte, sie sagt es gleich im ersten Satz, weil sie die "World Tyranny Organization" für eine Agentur des Kolonialismus hält.
"Wasser, Land und Luft", sagt sie, promovierte Physikerin, ihr Englisch very british, "sind die einzigen Besitztümer der Armen. Sie sind nicht der Luxus der Reichen." 50 Jahre ist Vandana Shiva alt, eine Aktivistin ihr halbes Leben lang, eine "ganzheitliche Intellektuelle", die im Einklang leben will, mit anderen Menschen, mit den Tieren, den Pflanzen, mit der Welt.
Ihr Protest ist gemacht aus alten und neuen Strategien. Sie kettete sich an Bäume vor heranrollenden Baggern, setzte sich auf Ackerland, um Straßenbauten zu verhindern, sie stand in Menschenketten gegen immer neue Shrimp-Farmen. Aber den Protest gegen die Agrar- und Pharmakonzerne Monsanto, Novartis, RiceTec, gegen die "Bio-Piraten" aus der Ersten Welt, legte sie von vornherein größer an.
Sie verbündete sich mit Monsanto-Gegnern in den USA, in Europa, in Asien. Sie fütterte Freunde in Washington mit Fakten aus Neu-Delhi. Die Multis, sagt Vandana Shiva, nehmen den Armen, egal, wo auf Erden, auf kurz oder lang das Land weg. Indien aber lebe von seinen Kleinbauern. Sie sollten nun verbogen werden "von Produzenten nachhaltiger Landwirtschaft zu Konsumenten patentgeschützter US-Gen-Produkte".
1998 startete Vandana Shiva die Kampagne: "Quit India!", Monsanto raus aus Indien. Dasselbe riefen Gandhi und seine Leute den britischen Kolonialherren zu. Wenn sie zu einer Demonstration ruft in Indien, kommen 100 000 Menschen, und wenn sie spricht, hält man den Atem an.
In Europa, in Nordamerika erfährt man über Vandana Shiva und ihre Arbeit nicht viel. Im Falle Indiens springen die Nachrichtenagenturen noch immer erst an, wenn ein Atomkrieg droht, CNN geht erst auf Sendung ab 100 Tote aufwärts, bei Erdbeben, Sturmfluten, Unfällen.
Wir stellen die falschen Fragen und geben falsche Antworten auf Grund falscher Annahmen." London, Großbritannien, Zac Goldsmith spricht, 27 Jahre alt, seit fünf Jahren Chefredakteur des legendären Magazins "The Ecologist". Die Redaktion sitzt in einem engen alten Haus auf dem Chelsea Wharf an der Themse, im ersten Stock stehen die Schreibtische dicht an dicht, junge Frauen tippen in bunte Computer. An den Schränken kleben Protestplakate, es sieht aus wie im Studentenausschuss einer deutschen Universität vor 20 Jahren.
Goldsmith redet schnell, viel, er ist ein jungenhafter Typ, Pullover, offenes Hemd, er holt Kaffeebecher. "Wussten Sie, dass wir Briten pro Jahr 60 000 Tonnen Geflügel aus Holland importieren und dass wir 33 000 Tonnen Geflügel nach Holland exportieren? Das ist verrückt, nicht wahr?"
Er hat viele solcher Zahlen. Dass von 100 in England verkauften Früchten nur noch 5 im Land selbst produziert wurden; dass für Karotten, eingeflogen aus Südafrika, pro Kalorie des Gemüses 66 Kalorien Treibstoff verbraucht werden; dass in Großbritannien 15-mal mehr öffentliches Geld in die Biotechnologie investiert wird als in ökologischen Landbau. "Was meinen Sie", fragt er, "ob die Wähler das wirklich wollen?"
19 000-mal verkauft sich das Magazin, monatlich, weltweit, berauschend ist das nicht, aber dafür ist die Leserschaft speziell. In den siebziger Jahren war das Heft ein wichtiges Forum für die aufkommende grüne Bewegung. Jetzt ist es zu einem Zentralorgan der Globalisierungskritik geworden.
Vandana Shiva schreibt im "Ecologist". Lori Wallachs Gruppe schickt Material. Im Beirat sitzen 15 Nichtregierungsorganisationen. In der Familie von Seattle, Porto Alegre, ist der "Ecologist" so etwas wie die Wohnküche, und Zac Goldsmith wäre eines der hoffnungsvollen Kinder.
Goldsmith hat Geschwister ohne Zahl. Naomi Klein, 1971 in Montreal, Kanada, geboren,die sich vom markensüchtigen Teenie zur Autorin des Weltbestsellers "No Logo" entwickelte. Felix Kolb, 28 Jahre alt, der gemeinsam mit Freunden ausgerechnet in Verden an der Aller die deutsche Attac gründete. Oronto Douglas, 25, geboren im Niger-Delta, Anführer der größten nigerianischen Umweltschutzgruppe "Environmental Rights Action".
Junge Weltbürger sie alle, aber das ist ein Zufall, die "Bewegung der Bewegungen" kennt keine Altersbegrenzung nach oben oder unten, sie ist kein Aufstand der Jugend gegen die Alten, wie das bei den "Halbstarken" war in den fünfziger Jahren, bei den 68ern in den Jahrzehnten darauf.
Noreena Hertz, Jahrgang 1969, in London geboren, Dozentin in Cambridge, sie isst gerade japanisch mit Stäbchen, sie sieht dabei sehr gut aus, sie sagt: "Der Markt kann alles selbst regeln, heißt es immer. Aber soweit ich weiß, wurde die Sklaverei nicht vom Markt abgeschafft, sondern von der Politik."
Wegen solcher Sätze wird sie in Talkshows eingeladen oder zu Radiodiskussionen, das passiert ständig seit dem Erfolg ihres Buchs. "Wir lassen uns nicht kaufen!" Es hat die Koordinaten ihres beschaulichen Lebens als Wissenschaftlerin gesprengt. Noreena Hertz muss sich neuerdings entscheiden, ob sie bei den belgischen Grünen oder der deutschen IG Metall eine Rede halten will - oder ob sie die Einladung der Weltbank zum Dinner mit Bill Clinton annimmt.
Dabei hat sie im Grunde nur geschrieben, dass die Politik am Ende ist und dass die Wirtschaft jetzt an ihre Stelle tritt. Sie hat dafür Hunderte Beispiele gefunden, bestürzende Sachen, die sie sammelte in jahrelanger Kleinarbeit. Aber das alles ist es nicht. Nicht die Materialfülle, nicht die Analyse. Das Buch hat Erfolg, weil es den Lesern erst ein schlechtes Gewissen macht - und dann Mut.
Noreena Hertz sagt, dass eine andere Welt möglich ist, wenn jeder Einzelne sie täglich erschafft. Die Konzerne möchte sie lenken durch veränderten Massenkonsum. "Die Konzerne heute wissen genau, dass sie ein sauberes Image brauchen", sagt sie. "Also kann man sie auch dazu bringen, in Umweltschutz zu investieren oder in den Arbeitsschutz in Entwicklungsländern." Die ganze Bewegung glaubt das, hofft das.
Vom Establishment müssen sie sich den Vorwurf anhören, sie seien naiv. Aber Noreena Hertz etwa macht keinen naiven Eindruck. Sie hat die US-Eliteschule Wharton absolviert, sie hat promoviert, sie hat in Russland gearbeitet und in Israel, und sie klingt vernünftig, wenn sie sagt: "All die Fakten der Wirtschaftswissenschaft sind auch nur Thesen, abgesehen von ein paar Gesetzen. Und wenn das so ist, dann kann auch alles ganz anders sein, als wir gerade glauben."
Noreena Hertz trinkt eineinhalb Flaschen Wasser zum Abendessen. Sie weiß von fast jeder Firma, ob ihre Produkte korrekt sind oder nicht, mit oder ohne Tierversuche entstanden, wieder verwertbar, fair. Politiker schicken ihr per E-Mail Heiratsanträge. Sie ist ein Popstar; das kann helfen, heutzutage, in der Politik.
Sind wir Anti-Globalisierer?", fragt John Cavanagh, Washington D. C., USA, Institut für Politikstudien, Aktivist im "International Forum on Globalization", ein Graswurzel-Lobbyist, Vollbart, Hornbrille, ein sanfter Intellektueller, dem keine Podiumsdiskussion zu viel wird.
"Sind wir Anti-Globalisierer?", fragt Cavanagh zu Beginn vieler Veranstaltungen, und dann sagt er: "Die Antwort ist ,Ja', sie ist ,Nein', und oft ist sie: 'Kommt drauf an'."
Zwei Visionen von Gesellschaft, sagt Cavanagh, streiten sich derzeit um die Deutungshoheit in der Welt. Die ökonomistische Vision der Konzerne und die demokratische Vision ihrer Kritiker. Das Verrückte sei, dass zwischen beiden kaum mehr zu vermitteln sei, als würden beide nicht einmal mehr von derselben Realität sprechen. "Die Freihandelsideologen sagen: Wir haben den Plan zur Rettung der armen Länder. Die armen Länder sagen: Euer Plan bringt uns um."
Es läuft etwas total schief, sagt Cavanagh, wenn die Weltbank selbst 1999 wortwörtlich in Papiere hineinschreibt, dass die Globalisierung "Armut und Ungleichh eit zu vergrößern scheine". Wenn die Weltbank selbst sagt, dass an der Jahrtausendwende 100 Millionen mehr Menschen in Armut gelebt haben als zehn Jahre zuvor.
Aber was kann man tun? Vieles, sagt Cavanagh, bald werde ein Buch erscheinen mit konkreten Vorschlägen für ein Programm. Noch ein Buch? Noch ein neues Programm? Gegen 100 Millionen mehr Arme als vor zehn Jahren?
Die Welt ist groß, es jagen die Tage, 24 Stunden, jede Minute geht irgendwo gerade die Sonne auf. In Penang, Malaysia, stellt das "Third World Network" eine Analyse der WTO-Erklärung von Doha ins Netz, in Bangkok, Thailand, veröffentlicht "Focus on the Global South" Thesen zur Asien-Krise. Dahinter stecken Martin Khor und Walden Bello, die Theoretiker der Bewegung. Wissen sie, was zu tun ist? Haben sie einen gangbaren Plan? Einen Ansatz? Die Lösung?
Die "Financial Times" hat Khor "das höfliche Gesicht der Anti-Globalisierer" genannt. Der Satz ist falsch, nicht weil Khor unhöflich, sondern weil er kein Anti-Globalisierer ist. "Ich bin für gerechte Globalisierung", sagt er, "wir alle waren dafür."
Das war damals, Uruguay-Runde, als die Welthandelsorganisation geboren wurde. Die Entwicklungsländer hätten ihrer Gründung zugestimmt, weil die Erste Welt versprochen hatte, ihre Agrar- und Textilmärkte zu öffnen. "Aber das", sagt Martin Khor, "ist nicht geschehen."
Seit 30 Jahren reibt er sich auf für die Sache des Südens, seit er aus Cambridge zurück nach Malaysia gekommen ist, 1974, da war er 25 Jahre alt, politisiert im fernen Europa und schockiert über den Abstand seiner Heimat zu jener Heimat, die man sich in England leisten konnte.
Mittlerweile ist Khor so profiliert, dass ihn die Weltwirtschaft an den Tisch bittet, nach Davos, nach New York, nach Genf, aufs Podium mit WTO-Chef Mike Moore, zum Streitgespräch mit Weltbank-Präsident James Wolfensohn.
Khor will die Welt retten mit dem bestehenden System. Er fordert eine Wiederbelebung der Uno, eine Teilentmachtung von WTO, IWF, Weltbank, seine Texte sind sachlich, er kann so gut Erbsen zählen wie Visionen erträumen, und nur wenn er Reden hält, wenn er sich abarbeitet an den Widersprüchen, Lügen und Selbsttäuschungen der Ersten Welt, leistet er sich manchmal Spitzen.
Fragt, was Freihandel ist. Fragt, warum es dann Schutzzölle gibt in den USA, gegen Entwicklungs- und Schwellenländer gerichtet, Zölle auf Weizen, Butter und Fleisch, auf Fernseher, Maschinenteile und Dosengemüse. Schließt: "Freihandel ist der Name des Protektionismus heutiger Tage."
Martin Khor sagt ziemlich unangenehme Dinge. Ein Anti-Globalisierer ist er nicht. Er kann analysieren. Die große Asien-Krise hat er kommen sehen, und als Berater hat er die malaysische Regierung bekniet, sich der Politik der Nachbarn nicht anzuschließen. Sie tat es nicht - das Land zog sich besser, viel besser aus der Affäre als die "Tiger" ringsum.
Walden Bello wollte die Philippinen retten. Die ganze Marcos-Zeit über saß er im Exil in Washington D. C., ein Absolvent aus Princeton, Doktor der Soziologie, Direktor des Netzwerks "Focus on the Global South", und versuchte, die US-Regierung, die Weltbank, die Wirtschaft von Krediten für die Diktatur in seiner Heimat abzubringen. Später konnte er die Schuhschränke der Imelda Marcos besichtigen, zusammengekauft mit all dem Geld, das trotzdem geflossen war.
Wenn Bello "die Machenschaften einer Washington-Wall-Street-Mafia" beschreibt, lacht es bitter aus ihm heraus, illusionslos zerlegt er die Funktionsweise der Apparate und Agenturen, die er in- und auswendig kennt, als Lobbyist gegen Marcos, als Entwicklungshelfer bei "Food First", als Forscher an der Chulalongkorn Universität von Bangkok, Thailand. Anders als Khor glaubt Bello nicht mehr an eine Reform der einschlägigen Organisationen. Er will sie abschaffen, zuerst die WTO. "Weltregierungen", sagt er, "funktionieren nicht. Der Schlüssel für die Zukunft ist Dezentralisierung." Das ist ein blasser Satz. Jede Regierung redet von Dezentralisierung. Aber wenn damit Ernst gemacht würde - könnte dann alles anders sein? Besser? Eben: Global denken, lokal handeln? Und steht das nicht auch in den Papieren der Europäischen Union, wenn sie mühsam "Subsidiarität" zu buchstabieren versucht?
Bello hat über ein Dutzend Bücher geschrieben, 800 große Artikel in Zeitschriften, Interviews hat er gegeben in Zeitungen auf der ganzen Welt, Reden gehalten vor Arbeitsgruppen der Vereinten Nationen, vor Wirtschaftsforen, Gewerkschaftsführern, in Porto Alegre, in Seattle. Wer seine Botschaft hören wollte, konnte sie hören. Ist sie also verpufft? Nicht angekommen? Absichtlich überhört worden? Ist die Familie von Genua, Porto Alegre, Sevilla nur ein Phantom der Medien? Ein Liebling der Bürger, aber den Mächtigen gleichgültig? Ein globaler Workshop für Schüler, Studenten und Hausfrauen, sich über die schlechte Welt zu beruhigen? Oder reifen in 1000 Splittergruppen die richtigen Antworten? Oder sind sie längst gegeben? Findet die andere, bessere Welt längst statt, in einem Dorf in Indonesien vielleicht, in einer Siedlung im Mekong-Delta, in einer Stadt in den Anden?
Es jagen die Tage um die Welt, 24 Stunden für Weltbürger, mit jedem Internet-Anschluss wächst das globale Wissen ein bisschen mehr. Auch das Wissen darüber, dass nicht alles so bleiben muss, wie es angeblich immer war.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 27/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROTEST:
Die Weltbürger

Video 01:14

El Salvador Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus

  • Video "Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll" Video 04:23
    Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "Lage in Nordsyrien: Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen" Video 02:25
    Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Video "Videoanalyse aus Brüssel: Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden" Video 03:08
    Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Video "Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor" Video 01:19
    Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Video "Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause" Video 01:27
    Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Video "Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen" Video 01:39
    Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Video "Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling" Video 01:29
    Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Video "Videoanalyse zum Brexit-Deal: Für Johnson wird es sehr knapp werden" Video 01:39
    Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus