08.07.2002

ALPINISTENDer einzige Zeuge

1970 begann am Nanga Parbat im Himalaja die Karriere von Reinhold Messner. Zurück am Berg aber blieb sein Bruder Günther. Nach Jahrzehnten des Schweigens ist nun ein hässlicher Streit entbrannt zwischen Messner und den anderen Teilnehmern der Expedition: Wer ist schuld am Tod des Bruders? Von Carsten Holm
Immer nur kurz, ein paar Lidschläge lang, wagen es die drei Männer, sich umzuschauen. In ihrem Rücken ein weißes Meer namenloser Berge, das bis zum Horizont reicht, über ihnen ein endlos blauer Himmel und unter ihnen, viereinhalb Kilometer entfernt, ein Mosaik aus gelb und weiß auf sattem Grün - die Zelte des Basislagers auf einer Hochweide.
Freitag, der 26. Juni 1970, die Brüder Reinhold und Günther Messner und der Kameramann Gerhard Baur sind 7000 Meter hoch in der so genannten Rupalwand des Nanga Parbat im Himalaja. Ihr Puls rast, ihre Lungen schmerzen, mit ihren Steigeisen suchen sie Halt in dieser höchsten Eiswand der Erde, eine Mordswand, die bisher unbezwingbar war.
Nur ein paar hundert Meter noch sind sie entfernt vom Zeltlager V, das zwei Teamkollegen am Tag zuvor in die senkrechte Wand geschlagen haben - die letzte Rastmöglichkeit vor dem Gipfel.
Ein paar Meter noch, es ist acht Uhr abends, sie sehen tief unter sich eine rote Leuchtrakete aufsteigen. Es ist das mit dem Basislager verabredete Signal für schlechtes Wetter. Der geplante Aufstieg zum Gipfel gilt damit als abgesagt - für fast alle.
Nicht aber für Reinhold Messner. Für ihn heißt das Signal: Nun darf er es allein versuchen. So hat er es mit dem Leiter der Expedition Karl Maria Herrligkoffer vereinbart. Messner gilt als bester Kletterer unter den 18 deutschsprachigen Alpinisten dieser Expedition, und er ist zweifellos der ambitionierteste. In den Alpen hat er schon die waghalsigsten Touren in Rekordzeiten gemeistert, aber einen Achttausender auf einer neuen Route im Alleingang zu bewältigen - das ist seine große Chance.
In der Nacht macht sich Messner auf den Weg. Zügig klettert er nach oben, nach ein paar Stunden bemerkt er, dass ihm jemand gefolgt ist: sein Bruder Günther, zwei Jahre jünger, genauso ehrgeizig und ambitioniert, ist ihm auf eigene Faust, auf eigenes Risiko, ohne Absprache mit der Expeditionsleitung nachgestiegen.
Erst Tage später trifft Reinhold Messner die anderen wieder. Da hat er nicht nur den Nanga Parbat bezwungen, sondern auch noch den Abstieg über die Diamirflanke gewagt, eine weitere Erstbegehung, und das innerhalb von zwei Tagen. Ein weiterer Weltrekord. Messner muss einen hohen Preis zahlen: Beim Abstieg ist sein Bruder Günther ums Leben gekommen. Begraben unter einer Eislawine liege er irgendwo dort oben, glaubt Messner.
Der Nanga Parbat gilt unter Bergsteigern als Schicksalsberg der Deutschen, weil dort etliche deutschsprachige Alpinisten starben. Für Messner wurde die Tragödie dort zum Lebenstrauma. Die Besteigung steht am Anfang seiner Karriere, sie begründet seinen Weltruhm, der Tod des Bruders aber hat tiefe Furchen auf seiner Seele hinterlassen.
Angespannt sitzt Reinhold Messner hoch über dem Etschtal beim "Schlosswirt", einem kleinen Wirtshaus unterhalb seiner Burg Juval bei Meran. Er ist jetzt 57 Jahre alt, und er hat alles erreicht: Er ist der erfolgreichste Bergsteiger aller Zeiten. Er hat als Autor und Werbeträger Millionen verdient und ist Dauergast im Fernsehen. Er betreibt einen Öko-Bauernhof und ist Europa-Abgeordneter der Grünen. Mit seiner Freundin Sabine Stehle und seinen Kindern Magdalena, 14, Gesar Simon, 12, und Anna Judith, 6 Monate, lebt er im Sommer auf seiner Südtiroler Burg, im Winter in Meran.
Das Trauma vom Nanga Parbat aber quält ihn immer noch, 32 Jahre danach. So heftig, dass er sich seinen Schmerz in einem neuen Buch vom Leib schrieb. "Der nackte Berg" heißt es; mehr als 40 Bücher hat er geschrieben, auch dies ist ein Bestseller**. Selbstquälerisch erzählt er darin seine Version der Ereignisse. Dass er es niemals darauf angelegt habe, den zweiten Weltrekord zu wagen, den Abstieg über die unbekannte Diamirflanke. Dass der Abstieg aus höchster Not geschehen sei, weil die Rückkehr über die Aufstiegsroute für seinen höhenkrank gewordenen Bruder viel zu gefährlich geworden wäre. Dass Günther schließlich von einer Eislawine begraben worden sei. Und dass er, Reinhold Messner, nicht die alleinige Schuld trage für den Tod seines Bruders.
Die sucht er vor allem bei anderen. Schon 1970, nach der Rückkehr aus Pakistan, hatte Messner den Expeditionsleiter, den Münchner Arzt Karl Maria Herrligkoffer, wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung angezeigt; das Verfahren wurde eingestellt. Zusammen mit Horst Höfler, einem Autor aus München, hat Messner ein Buch verfasst über Herrligkoffer, in dem der Mannschaft unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen wird***. Messner selbst hat die Crew bei der Vorstellung dieses Buches heftig attackiert.
Die Teilnehmer der Expedition von 1970 haben lange geschwiegen, aber seit der Veröffentlichung dieser beiden Bücher wehren sie sich. Sie zweifeln an Messner und seiner Version. Einige von ihnen glauben sogar, dass Günther Messner sterben musste, weil sein Bruder berühmt werden wollte. Und sie decken eine Reihe von Merkwürdigkeiten auf, die sich zutrugen, als Günther Messner starb.
Nun muss Reinhold Messner Schlagzeilen lesen, die seinem Ruf abträglich sind. Eine Titelstory des Wiener Nachrichtenmagazins "Profil", gefüttert mit Informationen aus der Crew vom Nanga Parbat, fragte: "Ist Reinhold Messner schuld am Tod seines Bruders?"
Messner ist wütend. Seine Stirn legt sich in Falten, seine grünblauen Augen, die von allen 14 Achttausendern dieser Erde herabgesehen haben, wirken starr und kalt. Und wenn die Wut aus ihm herausplatzt, wird er so laut, dass sich im offenen Hemdkragen sein tibetisches Halsband rührt.
Atemlos hebt Messner an zu einer Tirade gegen all das Widerwärtige, das er jetzt über sich lesen muss in den Blättern dieser Welt, und gegen all die Widerwärtigen, die es schreiben. Verantwortungslos, niveaulos, skrupellos seien diese Leute, schreit er, "infamer Rufmord, einfach schäbig" sei das. Ja, er habe Fehler gemacht - aber auch eingeräumt. Die Verantwortung habe er übernommen. "Sofern man das für den Tod eines Menschen überhaupt kann", sagt er, wieder ruhiger. Es gebe doch nur einen lebenden Zeugen für das, was geschah. "Und dieser Zeuge bin ich." Messner wirkt nachdenklich, eindringlich, authentisch, wenn er so spricht. Man mag
ihm glauben - aber ist Messner ein guter Zeuge seiner selbst?
Im Mai 1970 windet sich eine Monumentalexpedition vom pakistanischen Gilgit aus hinauf zum Nanga Parbat. 400 Träger schleppen 8 Tonnen Last ins Basislager: 220 Kilogramm Brot, 100 Kilo Fleischkonserven unter anderem, 400 Tafeln Schokolade, 2 Kilo "Atemgold".
Für Herrligkoffer, damals 54 Jahre alt, ist der Nanga Parbat eine Obsession. Sein Halbbruder, der Bergsteiger Willy Merkl, war dort 1934 umgekommen, ohne den Gipfel zu erreichen. Herrligkoffer will das Lebensziel seines Bruders verwirklichen. Aber weil er weiß, dass er nicht der Mann ist, der so etwas schaffen kann, lässt der Arzt bergsteigen. Er besorgt die Sponsoren und engagiert die besten Alpinisten. Zwischen 1953, Herrligkoffers erster Expedition, und 1986, seiner letzten Himalaja-Fahrt, "kam im deutschsprachigen Raum niemand an ihm vorbei, der auf die höchsten Berge wollte", sagt der Bergfotograf Jürgen Winkler, 62, ein Teilnehmer der verhängnisvollen Expedition von 1970.
Mehrfach machen in jenem Spätfrühjahr Wetterstürze die Gipfelpläne zunichte. Am 26. Juni 1970 aber sind alle optimistisch: Reinhold Messner spricht im Lager IV, 6700 Meter hoch, über Funk mit Herrligkoffer. Er kündigt an, mit seinem Bruder und Gerhard Baur, dem Kameramann, am Abend ins Lager V auf 7350 Meter aufzusteigen. Sie machen ab, dass die Messners und Baur die so genannte Merkl-Rinne mit Seilen sichern; der Österreicher Felix Kuen und der Deutsche Peter Scholz sollen dann als erstes Team zum Gipfel steigen. Die Messners und Baur sollen folgen. Die Sache mit der Rakete wird abgesprochen: Ist gutes Wetter zu erwarten, will Herrligkoffer im Basislager eine blaue zünden, droht schlechtes, eine rote.
Reinhold Messner macht einen Vorschlag. Bei schlechter Prognose will er allein losgehen, Herrligkoffer stimmt zu. Kameramann Baur ist da schon klar, dass Messner "die Chance nutzen wird, allein zum Gipfel zu steigen".
Der Wetterbericht ist gut, versehentlich aber wird eine falsche, eine rote Rakete gezündet. Um zwei Uhr in der Nacht steht Messner auf, drei Hosen trägt er und fünf Schichten Kleidung am Oberkörper, er zieht noch eine Überhose und seinen Anorak an. Er setzt seine Stirnlampe auf und tritt in die Nacht. Er nimmt keinen Schlafsack mit, keinen Proviant. Bis zum Abend wolle er zurück sein, sagt er. Er klettert zügig. Vom Basislager sieht Herrligkoffer gegen sechs Uhr früh mit seinem Fernglas "einen schwarzen Punkt sich rasch nach oben bewegen". Später zieht Nebel auf. Dann ist von Messner nichts mehr zu sehen.
Bei einer Rast schaut Messner zurück und erkennt, dass ihm sein Bruder folgt. Der hat am Morgen, wie abgesprochen, zunächst mit Gerhard Baur begonnen, die Merkl-Rinne zu sichern. Dann rutscht das Seil von der Holzrolle. Es gibt Seilsalat. Günther Messner wird wütend. "Der Reinhold wird heute sicher auf dem Gipfel stehen. Los, komm mit", sagt er zu Baur.
"Zweimal hat Günther mich bearbeitet, damit ich mit ihm hinter seinem Bruder hersteige", erinnert sich Baur. Er habe gespürt, dass Günther "mithalten wollte mit seinem Bruder, bei dieser einmaligen Chance, berühmt zu werden". Dem Kameramann ist das zu gefährlich - ohne Proviant, ohne zusätzliche Kleidung, auch, weil er Halsschmerzen hat. "Dann versuche ich es allein", sagt Günther Messner.
Er hat wohl keine andere Wahl. "Er litt als ewig Zweiter, zu stark war sein Drang, herauszutreten aus Reinholds Schatten", sagt Baur. Es ist ein enges, aber schwieriges Verhältnis, das die Brüder verbindet seit jenem Sommertag im Jahr 1957, als Günther, zwölf Jahre alt, einen der schlimmsten Momente seiner Jugend erlebte.
Sein Vater, der Dorflehrer von St. Peter im Südtiroler Villnösstal, reagierte seine Wutanfälle auch an seinen neun Kindern ab. Dieses Mal traf es Günther. Mit einer Hundepeitsche verprügelte er ihn so, dass der, so Reinhold Messner, "nicht mehr laufen" konnte. Schwer gedemütigt verkroch sich Günther Messner in der Hundehütte vor dem Elternhaus, Reinhold fand ihn dort und kümmerte sich um ihn.
Die furchtbaren Schläge des Vaters, erinnert sich Messner, schweißten beide zusammen - "zu Komplizen gegen den Rest der Welt". Gemeinsam kletterten sie die verwegensten Routen. Bergsteigerisch stand der Jüngere dem Älteren kaum nach, "wie selbstverständlich", sagt Reinhold Messner, fügte sich der Bruder dennoch in die Rolle des Seilzweiten.
In diesem Augenblick, einige Stunden vom Gipfel entfernt, begehen die Brüder einen schweren Fehler. Sie wollen weiter, obwohl es zu spät ist, bei Tageslicht würden sie es nicht mehr zurück schaffen ins Lager V. So steht ihnen ein lebensgefährliches Notbiwak irgendwo in der Todeszone bevor, die bei 7500 Metern beginnt, und in der so viele sterben, weil Lunge und Gehirn wegen des Sauerstoffmangels zu versagen drohen. "Im Grunde hätte ich, als mein Bruder nachkam, sagen müssen, das wird jetzt zu riskant", sagt Messner heute. Aber für beide gibt es nur noch einen Weg: nach oben, zum Gipfel.
"Nie", sagt Messner, hätte er Günther aufgefordert, allein zurückzugehen - er ahnt wohl, was es seinem Bruder bedeuten würde, den Achttausender mit ihm zu besteigen. Um 17 Uhr stehen die Brüder auf dem Gipfel des Nanga Parbat, 8125 Meter hoch. Sie reichen sich die Hände, fotografieren sich und genießen den Triumph, eine ganze Stunde lang.
Ein Wahnsinn um diese Tageszeit.
Das Abendrot leuchtet, als sie absteigen. Günther Messner ist bereits völlig erschöpft und bleibt immer weiter zurück. Sie suchen einen Biwakplatz. In Astronautenfolien gehüllt kauern sie in fast 8000 Meter Höhe in einer Mulde, bei minus 30 Grad. "Wie Zombies", erzählt Messner, und bald "verwirrt vor lauter Verzweiflung".
Günther Messner ist nun schon deutlich höhenkrank. Er halluziniert und bittet um die Decke, die da vor ihm liegt.
Aber da liegt keine Decke.
Reinhold Messner sagt heute, sein Bruder habe darauf gedrängt, nach Westen abzusteigen, zur Diamirseite, weil der Rückweg über die Aufstiegsroute zu schwierig sei. Die Diamirflanke halten beide im oberen Teil, in der Todeszone, für einfacher.
Sonderbar findet es die Crew, dass die Brüder in unbekanntes Gelände absteigen. Zudem ist die Diamirflanke lawinengefährdet. Auf der Aufstiegsroute der Messners gibt es eine Kette von fünf Lagern und Seile über Tausende Meter. An der Diamirflanke gibt es nichts.
Oder war alles ganz anders?
Fassen die Messner-Brüder in der Euphorie der Gipfelbezwingung plötzlich den Plan, den Nanga Parbat zur anderen Seite zu überschreiten? Auf der Jagd nach einem zweiten Weltrekord? Drängt Reinhold Messner seinen kranken Bruder etwa zum spektakulären Abstieg ins Ungewisse?
Zu keinem Zeitpunkt habe Messner einen Abstieg über die Diamirflanke geplant, heißt es in dem Buch des Münchner Autors Horst Höfler über die Nanga Parbat Expedition, jenem Buch, das er zusammen mit Reinhold Messner geschrieben hat. Ein Freispruch dritter Klasse.
Teilnehmer der Expedition haben erheb-
liche Zweifel an Messners Darstellung. Für Gerhard Baur, den dritten Mann in der Messner-Seilschaft, ist es "ganz klar", dass die Messners über die Diamirseite absteigen wollten: "Dreimal war allein ich dabei, als Reinhold mit leuchtenden Augen davon sprach, dass man da doch hinkommen müsse, dass die Überschreitung der nächste Sprung im Alpinismus sei." 32 Jahre lang, so Baur, habe er darüber geschwiegen, "um Messner zu schonen, der mit dem Tod seines Bruders genug gestraft war".
Merkwürdig: Die Idee, den Nanga Parbat zu überschreiten, spielte für Messner offenbar eine große Rolle. In seinen Büchern dazu hat er sie unterschlagen.
Am nächsten Morgen ist Reinhold Messner verzweifelt. Kurz verlässt er seinen immer schwächer werdenden Bruder und geht an eine Stelle, an der er hinabschauen kann in die Merkl-Rinne. Er weiß, dass
dort irgendwann die Seilschaft Kuen und Scholz auftauchen muss, die zum Gipfel will. Von etwa sechs Uhr an schreit er sich zwei bis drei Stunden lang die Seele aus dem Leib, bis er heiser ist. "Hilfe, wir brauchen ein Seil", habe er immer wieder gerufen. Kuen und Scholz, noch weit entfernt, glauben, Hilferufe zu hören, verstehen zunächst aber nichts.
Gegen 9.30 Uhr sieht Messner, 80 bis 100 Meter unter sich und von einer senkrechten Eiswand getrennt, zwei Gestalten. Felix Kuen geht voran. Kuen und Messner versuchen, sich zu verständigen, obwohl es stürmisch ist und mitunter nur Wortfetzen zu verstehen sind. Messner behauptet, mit seinem Bruder auf die beiden gewartet zu haben, um sie um Hilfe zu bitten. Als sie auftauchen, kommt es zu einem Dialog, der fatale Folgen hat.
"Seid ihr okay?", fragt Kuen.
"Ja, alles in Ordnung, Felix", ruft Messner.
Alles in Ordnung? Obwohl sein Bruder sich in Lebensgefahr befindet, obwohl er zuvor stundenlang um Hilfe gerufen hat? Messner sagt nicht: "Günther ist schwer höhenkrank." Er ruft nicht: "Ich habe Angst, dass er stirbt". Er schreit nicht: "Helft uns!"
Es ist dieser Wortwechsel, der unter etlichen Teilnehmern der Expedition den Verdacht nährt, dass da etwas nicht stimmen kann in Messners Darstellung. Er verpasst die Chance, Hilfe herbeizurufen für seinen Bruder. Und sagt "alles in Ordnung", obwohl das Gegenteil richtig ist.
"Ich atme auf, denn ich hatte nach den Hilferufen befürchtet, dass etwas passiert sei. Und nun trägt mir Reinhold auf, den anderen auszurichten, er wolle über eine andere Route absteigen", schreibt Kuen in seinem Expeditionsbericht.
"Wir hätten geholfen", so Kuen damals, "wir hätten vielleicht fünf Stunden gebraucht, aber wir wären mit kompletter Ausrüstung dort gewesen. Wir hätten nicht nur helfen können. Wir hätten geholfen."
Offenbart sich hier die Schlüsselstelle der Tragödie? Hätte Günther Messner mit Kuens Seil die Rupalflanke hinab abgeseilt und gerettet werden können? Wurde sein Tod zum Trauma, weil Reinhold Messner ihn hätte verhindern können - wenn er nur um Hilfe gebeten hätte?
Die Überzeugungskraft der Erklärungen, die Messner heute für diesen seltsamen Dialog findet, ist gering. "Kuen hat meine Rufe offenbar ganz anders verstanden, als ich dachte", sagt Messner heute, "ein Missverständnis." Messner begibt sich danach aus der Sichtweite von Kuen und Scholz, die eine Stunde lang in der Nähe rasten. Eine geschlagene Stunde lang hätte Messner Zeit gehabt, das Missverständnis auszuräumen.
Man kann es waghalsig nennen, wie Messner sich heute seine Wahrheit zurechtlegt. Die Frage von Kuen, ob "alles in Ordnung" sei, habe er so verstanden, dass Kuen wissen wollte, ob "beide noch am Leben" seien, sagt Messner heute. "Wie zur gegenseitigen Beruhigung" habe er diese Frage bejaht. In der Todeszone sei "gesund sein relativ". Nur: Kann Lebensgefahr "relativ" sein? Und: Er will Kuen beruhigen, obwohl sein Bruder zwischen Leben und Tod schwebt?
Expeditionsleiter Herrligkoffer war schon immer davon überzeugt, dass Messner den Abstieg über die Diamirseite ohne Not plante, aus Ehrgeiz. Der Prozess, den Messner gegen seinen Expeditionsleiter anstrengt, und die Folgen der Auseinandersetzung kosten Messner 50 000 Mark. Das Münchner Landgericht stellt das absurde Verfahren, das den Bergsteiger fast ruiniert hätte, 1972 ein - schließlich hat sein Bruder den Expeditionsvertrag gebrochen und ist eigenmächtig seinem Bruder zum Gipfel gefolgt.
Auf dem Höhepunkt des Streits macht Herrligkoffer das Angebot, die Fehde mit Messner zu beenden. Dafür hätte Messner aber Herrligkoffers Version der Wahrheit zustimmen müssen: "Reinhold Messner", heißt es in einem schriftlichen Kompromissvorschlag, "gibt zu, dass er den Abstieg über die Diamirflanke geplant hatte, als er auf der Diamirseite biwakierte. Erst in den Morgenstunden wurde sein Bruder schwer höhenkrank, und die beiden Messners riefen von sechs bis neun Uhr um Hilfe. Noch bevor die zweite Seilschaft Hilfe bringen konnte, starb sein Bruder Günther den Bergtod." Für Messer war das unannehmbar. Er hätte eine Lüge zugeben müssen.
Aber Herrligkoffers Theorie wäre eine plausible Erklärung dafür, dass Messner erst mehr als zwei Stunden um Hilfe schrie und dann, als die Retter nahten, plötzlich "alles in Ordnung" rief. In dieser Zeit könnte sich die Lage dramatisch verändert haben: Der todkranke Bruder, mutmaßt der Münchner Expeditionsteilnehmer Max von Kienlin, "könnte gestorben sein, Hilfe wäre dann nicht mehr nötig gewesen". Verzweifelt habe Messner dann den Abstieg über die Diamirseite versucht - allein.
Es gibt freilich auch vage Indizien, die Messners Version stützen. Der österreichische Extrembergsteiger Hans Schell stieg 1976 zum Nanga Parbat auf - über eine Route, zu der Messner ihm geraten hatte. Sie führte an der Stelle vorbei, an der der tote Günther Messner liegen könnte - wenn Herrligkoffer Recht haben sollte. Doch Schell fand keine Leiche. "Welcher Teufel könnte ihn geritten haben, uns genau in diese Gegend zu schicken? Er wäre ja Gefahr gelaufen, dass er einer großen Lüge überführt worden wäre", sagt Schell.
Vielleicht hatten die Messners die Lage falsch eingeschätzt. "Unser Zustand", erinnert sich Messner, "war der von Narkose-Patienten - zwischen Dasein und Weiterwollen das Gefühl, dass mich der Verstand im Stich lässt."
Als die Messners ins Diamirtal absteigen, passieren sie die Schlüsselstelle, eine blanke Eiswand. Gegen Mitternacht wollen sie ein zweites Mal biwakieren, Günther Messner scheint es langsam besser zu gehen. Im Mondlicht sind die Konturen der Flanke erkennbar, kurz nach Mitternacht entschließen sie sich, weiter abzusteigen bis zum Boden des Gletschers vor ihnen. Denn mit Sonnenaufgang wächst die Lawinengefahr.
Reinhold Messner geht zum Teil weit voraus, bis zu anderthalb Stunden, um den Weg zu suchen. Er will seinem Bruder, so sagt er, Umwege ersparen, obwohl er selbst völlig ausgezehrt ist. Jetzt aber unterläuft ihm womöglich ein weiterer, schlimmer Fehler. "So weit voraus zu gehen, widerspricht den Grundregeln des Bergsteigens", sagt Expeditionsteilnehmer Jürgen Winkler, der jahrzehntelang als Bergführer im Himalaja gearbeitet hat.
Aber können Grundregeln noch gelten, wenn einer am Ende seiner Kraft ist?
Plötzlich, am Vormittag, kommt sein Bruder nicht mehr nach. Reinhold Messner sucht, das erzählt er heute, bis in die Nacht und am nächsten Tag noch einmal. Das Einzige, was er entdeckt, sind riesige, übereinander getürmte Eisbrocken einer Lawine. Messner glaubt, dass sie seinen Bruder begraben hat.
Messner taumelt talwärts. "Schleichend kommt das Einverständnis mit dem Tod", beschreibt er den Abstieg. Der ganze Körper schmerzt. Seine Zehen sind schwarz, erfroren, sechs müssen später amputiert werden. Dann sieht er drei Holzfäller. Er berührt einen, er will sicher sein, nicht zu halluzinieren. Sie geben ihm ein Stück Chapati, ein Fladenbrot. Zehn Stunden lang schleppen ihn die Träger über steile Felswände hinab ins Industal. Kurz vor Gilgit trifft Messner Herrligkoffer und die Expeditionsmannschaft wieder.
Seine Verzweiflung vertraut Messner dem Münchner Baron Max von Kienlin an. Die beiden kommen sich so nah, dass Messner Kienlin sogar als künftigen Expeditionsleiter empfiehlt. Merkwürdig nur: Von einer Eislawine, die seinen Bruder begrub, sei damals, direkt nach dem Unglück, keine Rede gewesen, sagt der Baron.
Messner sei völlig am Ende gewesen und habe "schlichtweg keine Ahnung gehabt, wo sein Bruder abgeblieben war", sagt Kienlin. Damit es nicht so aussehe, als habe Reinhold seinen Bruder beim Abstieg im Stich gelassen, hätten beide gemeinsam "eine für die Familie und die Öffentlichkeit taugliche Version" des Geschehens entwickelt. "Dazu passte die Eislawine gut. Der Tod seines Bruders war so eine Folge höherer Gewalt, nicht seines Versagens."
Messner bestreitet eine solche Absprache.
Und noch etwas Seltsames passierte. Wiederholt rief Messner: "Wo ist Günther?", als er die Gruppe nahe Gilgit traf. "Er war der Einzige, der es wissen konnte", sagt Kienlin. "Wir schauten uns wortlos an", erzählt Crewmitglied Hans Saler.
Auch Kienlin schwieg all die Jahre, weil sein Verhältnis zu Messner, wie er sagt, "zeitweise delikat" gewesen sei. Seine Frau Ursula Demeter und Messner verliebten sich ineinander, sie verließ den Baron und die Kinder; das Jüngste war noch ein Säugling. Sie heiratete Messner, die Ehe hielt nicht lang.
Messner hat in den 32 Jahren seit dem Unglück so gut wie nie darüber gesprochen, seiner Frau Ursula aber öffnete er sich in all den Jahren ein wenig. 1972, zwei Jahre nach dem Tod des Bruders, fuhr er mit ihr zum Nanga Parbat, zur Diamirseite. "Immer wieder", erzählt die Südtirolerin, sei Messner "in den Gletscher losgezogen, um ihn zu suchen, und nachts hat er geweint und geschrien im Schlaf".
Nun aber sucht Messner die Öffentlichkeit. In dem Höfler-Buch über den Expeditionsleiter Herrligkoffer, für das auch Messner als Co-Autor verantwortlich zeichnet, taucht plötzlich ein anonymer Chronist auf und fragt, "warum aus der Expeditionsgruppe nicht ein paar Leute Manns genug waren", nach Messner und seinem Bruder zu suchen. Die Männer vom Nanga Parbat werden zu einem Haufen von Feiglingen gemacht, die zwei Menschen in Schnee und Eis verrecken lassen. Damit aber will Messner nichts zu tun haben. Er habe doch nur ein Vorwort geschrieben. Höfler sei nicht der Chronist. Er teile dessen Meinung nicht.
Kann das sein? Messner hat sich nicht durchsetzen können, obwohl er Messner heißt und der andere Höfler?
Bei der Vorstellung der Herrligkoffer-Biografie in München klang das ganz anders. "Das war nicht ein Herrligkoffer-Fehler, sondern das war eher ein Fehler der Teilnehmer", sagt Messner dort, und dann greift er, vor einer Kamera des Bayerischen Rundfunks, zum ganz großen Hammer: "Einige, älter als ich, hatten ja nichts dagegen, dass die beiden Messners nicht mehr auftauchten, und das ist die Tragödie."
Gleichgültigkeit, stille Zustimmung oder gar Freude unter den Expeditionsteilnehmern, als sie die Messners für tot hielten?
"Als ich das hörte, packte mich die kalte Wut, und es war das Ende einer 32-jährigen Freundschaft", sagt Gerhard Baur. Er hatte, wie auch Kienlin und Saler, Messner in dem Streit mit Expeditionsleiter Herrligkoffer zur Seite gestanden, sogar vor Gericht. "Das ist ungeheuerlich", sagt das Expeditionsmitglied Jürgen Winkler. Er ist fünf Jahre älter als Messner.
Tief gekränkt sind die Bergsteiger des Nanga-Parbat-Teams, weil alle, die klettern konnten, in der Rupalwand unterwegs waren, als Reinhold Messner mit seinem Bruder verschwand. Niemand konnte helfen, weil niemand etwas wusste von der Bergnot der beiden - Messner hatte sie schließlich den Expeditionskollegen Kuen und Scholz verschwiegen.
Tief gekränkt sind die Alpinisten auch, weil sie später, ausgelaugt im Basislager, überlegten, wie den Brüdern noch geholfen werden könnte. "Die beiden Messners sind immer noch vermisst. Alle machen sich Sorgen um den Verbleib der beiden. Hoffentlich kommen sie heil wieder. Die Überlebenschancen werden von Tag zu Tag geringer", schrieb der Teamkollege Werner Haim damals in sein Tagebuch.
Was aber treibt Messner zu diesem gefährlichen Krieg gegen frühere Kletterfreunde, der seinen Ruf lädieren könnte? Will er provozieren, um lange Jahre nach seinen letzten Erfolgen am Berg öffentliches Aufsehen zu erregen - und sein neues Buch ins Gespräch zu bringen?
Die Lust am Streit gehört zu Messners Leben wie die Berge. "Er polarisiert gern", sagt der Österreicher Peter Habeler, 59, der 1978 mit Messner ohne Sauerstoff auf den Mount Everest stieg. Die Freundschaft zerbrach nach den großen gemeinsamen Erfolgen. "Er teilt hart aus, kann aber nicht einstecken", sagt der ehemalige Kletterfreund Hans Kammerlander, 45. Auch diese Freundschaft gibt es nicht mehr, obwohl beide gemeinsam auf sieben Achttausendern standen.
"Messner ist ein ausgesprochener Narziss mit einem unglaublichen Geltungsbedürfnis. Leider hat er überhaupt keine Nehmerqualitäten", sagt der Abenteurer Arved Fuchs. Er durchquerte mit Messner in 92 Tagen die Antarktis, zu Fuß. Messner stellte die Expedition später so dar, als hätte er den lahmen Kompagnon zum Südpol treiben müssen. Daraufhin trennten sich ihre Wege.
Ganz unbekannt sind Messner seine Schwächen nicht. "Ich habe große Probleme, die Leistung anderer anzuerkennen. Ich kann motivieren, aber kritisieren kann ich besser", offenbart er in seinem Buch "13 Spiegel meiner Seele". Es gibt aber auch Expeditionsteilnehmer wie Werner Haim, der heute 61 Jahre alt ist und querschnittsgelähmt seit einem Absturz in den Alpen. Die Besteigung des Nanga Parbat wäre sein größter Erfolg gewesen, und noch immer leuchten seine Augen, wenn er von dieser Expedition erzählt. Obwohl das Verhalten der Messner-Brüder dazu führte, dass er auf den Gang zum Gipfel verzichten musste.
Haim war "ziemlich sauer" damals, aber "was da oben wirklich passiert ist, wird nicht mehr geklärt werden". Wer nie in der Todeszone war, solle sich mit Kritik zurückhalten an denen, die Entscheidungen unter solch extremen Bedingungen fällen. "Das ist eine Welt", sagt Haim, "die mit der hier unten wenig gemein hat."
Unten im Tal fragte Messner: "Wo ist Günther?" Dabei war er der Einzige, der das wissen konnte.
"Einige, älter als ich, hatten ja nichts dagegen, dass die beiden Messners nicht mehr auftauchten."
* Verfasst von Crew-Mitglied Werner Haim. ** Reinhold Messner: "Der nackte Berg. Nanga Parbat - Bruder, Tod und Einsamkeit". Malik Verlag, München; 320 Seiten; 19,90 Euro. *** Horst Höfler, Reinhold Messner: "Karl Maria Herrligkoffer. Besessen, sieghaft, umstritten". AS Verlag, Zürich; 296 Seiten; 26,80 Euro. * Markiert (v. l.): Kienlin, Kuen, Herrligkoffer, R. Messner; sitzend: Baur, G. Messner, Haim.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 28/2002
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