15.07.2002

15. Juli 2002 Betr.: Titel

Immer mehr Kinder, so scheint es, sind psychisch labil. Bis zu zwei Schüler in jeder Klasse gelten als hyperaktiv oder aufmerksamkeitsgestört. Kinder schlucken 20-mal so viele Psychopillen wie noch vor zehn Jahren; das Therapieangebot kann der Nachfrage kaum folgen. Wächst in Deutschland eine Generation von Neurotikern, Hektikern, Nervensägen und Transusen heran? Die SPIEGEL-Wissenschaftsredakteure Jörg Blech, 35, und Katja Thimm, 33, sprachen mit Eltern, Lehrern, Ärzten und Therapeuten über das so genannte Zappelphilipp-Syndrom. "Viele Mütter und Väter hoffen auf Hilfe von Medizinern und Psychologen", sagt Blech, "ob aber die eigene Erziehung die richtige ist, stellen sie selten in Frage." Dabei ist unstrittig, dass manchen kleinen Patienten mit so genanntem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) durch Medikamente - wie etwa Ritalin - geholfen werden kann: "Die Verschreibung ufert inzwischen aber aus", so Thimm, "es gibt erhebliche Mängel bei der Diagnose von psychischen Störungen" (Seite 122). Nachweislich schwer an der Seele erkrankt sind Kinder und Jugendliche, die SPIEGEL-Reporterin Barbara Supp, 43, auf der Jugendstation des Krankenhauses für Psychotherapie in Göttingen-Tiefenbrunn traf. Hier sind junge Patienten untergebracht, die nicht mehr leben wollen, sich selbst mutwillig verletzen, besonders aggressiv sind oder infolge unterschiedlichster Ereignisse und Erlebnisse erheblich traumatisiert. "Die meisten haben schon etliche erfolglose Therapien hinter sich", sagt Supp, "viele sehen hier ihre letzte Chance." Eine Woche konnte sich die Journalistin in der Klinik umsehen, mit Kranken, Ärzten und Eltern sprechen. Fast alle Patienten haben Monate auf einen Platz in Tiefenbrunn gehofft, die Wartelisten in jugendpsychiatrischen Einrichtungen sind überall lang. "Vielleicht gibt es heute tatsächlich mehr psychisch Kranke als früher", so Supp, "vielleicht hat man die schwere seelische Not mancher Kinder früher aber auch nicht erkannt oder nicht ernst genommen" (Seite 132).

DER SPIEGEL 29/2002
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