15.07.2002

STEUERHINTERZIEHUNGDer letzte Tie-Break

Dramatische Wende im Fall Boris Becker: Alle Einigungsversuche sind gescheitert, die Staatsanwaltschaft München klagt den dreimaligen Wimbledon-Sieger an. Nun wird es zum Prozess kommen, und dem Weltstar droht das, was bislang unvorstellbar schien - Gefängnis.
Es gibt keinen zweiten Star wie ihn, hier auf dem roten Teppich nicht und nirgendwo in Deutschland. Als Boris Becker in das Sony Center am Potsdamer Platz schreitet, schlagen sich die Kameramänner, und die Mädchen kreischen, und Politiker und Chefredakteure und Industrielle sind von nun an Randfiguren. Sie suchen seine Nähe. Alle.
Und Boris Becker, der Star, lächelt gütig.
Es war am vergangenen Mittwoch, es war die "AOL Media Night" in Berlin; ziemlich müde Augen hatte der berühmteste Deutsche, aber sonst sah er prima aus: schwarzes Hemd, schwarze Lederjacke, dazu diese neuen Levi's, deren Taschen sehr tief hängen und deren Nähte seltsam verdreht aussehen. Sein Tisch stand rechts hinter dem Eingang, zwei Wächter wachten, Becker trank Champagner und Wasser; dann durften die Damen von "Bild" und "Gala" vortreten zu dreiminütigen Audienzen. "Ich habe viele Höhen und Tiefen schon erlebt", sagte Boris Becker.
Berauschende Höhen hat der "siebzehnjährigste Leimener", wie er sich manchmal selbst nennt, zweifellos hinter sich, aber kennt er die Tiefen des Lebens wirklich schon? Anders gefragt: Wie weit kann ein Mensch stürzen - ein Mensch zum Beispiel, der ungeschickte Berater hatte und leichtsinnig war und dessen Leben sich die Steuerfahndung dann mal gründlich vornimmt?
600 Kilometer südlich von Berlin braut sich in diesen Wochen etwas zusammen, was das vorläufige Ende des Volkshelden Becker bedeuten könnte, das Ende einer Legende, vor allem das Ende der dicken Gagen: Die Staatsanwaltschaft München I hat Anklage gegen Boris Becker erhoben. Der Vorwurf ist gewaltig: Steuerhinterziehung in Höhe von 10,41 Millionen Mark in den Jahren 1991 bis 1993.
Vom 25. Juni 2002 datiert die "Anklageschrift in der Strafsache gegen Becker, Boris, geboren am 22. 11. 1967 in Leimen, deutscher Staatsbürger". Das Verfahren stützt sich auf etwa tausend Ordner Ermittlungsakten; die Anklage selbst hat 46 Seiten. Sie liegt nun bei der 4. Strafkammer des Landgerichts München I, und die wird bis Ende August über die Zulassung entscheiden. Eine Formsache. Dann wird der Prozess beginnen. Die Steueraffäre Becker hat sich zugespitzt wie ein Tie-Break im Wimbledon-Finale - doch diesmal kann Becker sich nicht mehr selbst retten.
Denn die Steuerfahnder haben ein imposantes Bündel von Indizien zusammengetragen, um zu beweisen, dass der Volksheld in den Jahren seiner größten Triumphe nicht im Steuerparadies Monte Carlo lebte, sondern in München-Bogenhausen, in einer Wohnung, die offiziell seiner Schwester Sabine gehörte.
Da sind verräterische Briefe seines Vaters, Schreiben von Fremden oder die Aussagen eines Heizungsinstallateurs. Und dann ist da noch ein Fax vom 8. August 1993, in dem Becker selbst seine Anschrift nennt: "Gaußstraße 4, 81679 München".
Das Spiel steht auf der Kippe, das Ende ist offen. Denkbar ist, dass der Prozess schon nach einem Tag mit einem so genannten Deal beendet wird - Becker könnte gestehen und mit zwei Jahren auf Bewährung und einer Nachzahlung von 10 Millionen Mark plus Zinsen, insgesamt etwa 13 Millionen Mark (umgerechnet 6,5 Millionen Euro) davonkommen.
Denkbar ist auch, dass er freigesprochen wird. Beckers Mannschaft - die Münchner Anwälte Jan Olaf Leisner und Jörg Weigell sowie der Kieler Professor Erich Samson - ist eine der besten, die man aufstellen kann, wenn man Ärger mit dem Fiskus hat.
Denkbar ist aber ebenso, was vor sechs Jahren, als der Rechtsstreit begann, keiner für möglich gehalten hätte. Die Summen, um die es geht, sind derart hoch, dass bei einem Schuldspruch nur eine Strafe bliebe: Gefängnis. Zehn Jahre wären das Maximum, zwei bis drei Jahre wahrscheinlich.
Boris Becker im Knast? Unvorstellbar? "Es könnte passieren, es ist realistisch", sagen selbst Kenner des Falles, die Becker mögen.
Denn in der bayerischen Justiz hat sich viel geändert in den letzten Jahren; Münchner Steueranwälte sprechen inzwischen von einem Prominenten-Malus. Das bedeutet, dass eine Einigung auf außergerichtlichem Weg, die die Oberfinanzdirektion (OFD) mit einem namenlosen Mittelständler vielleicht noch eingehen würde, für einen wie Becker nicht mehr in Frage kommt. Spätestens seit dem Ermittlungsverfahren gegen den Kauferinger CSU-Spezl Karlheinz Schreiber, bei dem sich die bayerische Justiz eine Behinderung der Fahndungsarbeit nachsagen lassen musste, sind die Staatsanwälte sensibel, wenn bekannte Namen auf dem Aktendeckel stehen. Nun sind Wahlkampfzeiten, und niemand soll später behaupten, dass einer, nur weil er berühmt ist, geschont wird im Freistaat des Kandidaten Edmund Stoiber.
Darum sind die Ermittler so hartnäckig in diesem Fall, in dem vieles Auslegungssache ist. Im Kern geht es darum, dass Becker in den strafrechtlich relevanten Jahren von 1991 bis 1993 offiziell in Monte Carlo gewohnt, aber viel Zeit in München verbracht hat. Wenn er in München war, übernachtete er meistens in der Gaußstraße 4, in jener Wohnung seiner Schwester, deren Miete seine Eltern bezahlten. War Monte Carlo also ein Scheinwohnsitz? Zur Umgehung deutscher Steuern?
Der Staatsanwalt Matthias Musiol, der die Anklage verfasst hat, ist sich ziemlich sicher. Er glaubt, der Mietvertrag vom 2. August 1991 sei zur Verschleierung des Wohnsitzes des Angeschuldigten zwischen der Vermieterin und den Eltern abgeschlossen worden. Beckers Steuererklärungen, abgegeben für einen im Ausland Lebenden und deshalb "erweitert beschränkt Steuerpflichtigen", seien durchweg zu mickrig ausgefallen. Für den Zeitraum von September bis Dezember 1991 habe er ein Einkommen von 808 897 Mark verschwiegen, und darum sei der Steuerbescheid vom 25. Juni 1993 um 349 135 Mark zu niedrig. Im Jahr 1992, das dürfte der Schlüssel im Prozess werden, habe Becker sogar 7 286 435 Mark verschwiegen, was die Einkommensteuer um 2 733 404 Mark reduziert habe.
Sollten die Jäger dem Gejagten für dieses Jahr wirklich Vorsatz nachweisen können, wird es gefährlich. Unter Eingeweihten gelten die so genannten Münchner Tarife: Von hinterzogenen 500 000 Mark an aufwärts gebe es in der bayerischen Landeshauptstadt "freie Kost und Logis", also Haftstrafen. In seiner Vermögenssteuererklärung von 1992 habe Becker ein zu versteuerndes Vermögen von 10 123 000 Mark genannt, meinen die Ankläger. Korrekt wären 37 999 000 Mark gewesen; hier fehlen also angeblich fast 28 Millionen.
Als der ebenso einsame wie eifrige Münchner Steuerfahnder Walter F. 1996 den Fall "B. B.", wie er in den Akten heißt, in die Finger bekam, ging es um noch irrwitzigere Beträge. Schon damals hatte der Fahnder das Thema "Scheinwohnsitz" im Visier, aber da gab es noch einen zweiten Schwerpunkt, und der hieß "Scheinfirmen". Beckers einstiger Manager Ion Tiriac hatte die Einkommen des Profis an Firmen in Amsterdam und auf den Antillen abgetreten, die Becker dafür ein ziemlich läppisches Gehalt zahlten, und deshalb witterte der Fahnder Verschleierung überall.
35 Millionen Mark Nachforderung standen anfangs im Raum, später waren es 25, dann 18, dann nur noch 14 Millionen. In dicken Schriftsätzen, in langen Gesprächen konnten Beckers Verteidiger diesen Teil der Affäre beinahe erledigen. Strafrechtlich waren Tiriacs Schachtelverträge verjährt, und ein Vorsatz wäre dem jungen Boris, der an Wimbledon und sonst an wenig dachte, kaum nachzuweisen gewesen.
Aber es bleibt noch Stoff für reichlich Streit. 1000 Bände haben die Ermittler zusammengetragen, und der Band XIV enthält den Bericht des Fahnders F.; Knackpunkt ist die Wohnung in Bogenhausen. Zwischen September und Dezember 1991 soll sich Becker 59 Tage in München aufgehalten haben, aber nur 18 Tage in Monte Carlo; 1992 habe das Verhältnis 80 zu 43 betragen und im folgenden Jahr 95 zu 54.
Auf Becker muss das Ganze heute, ein Jahrzehnt danach, sehr surreal wirken. Er hat sich freigeschwommen in den vergangenen Monaten, hat die privaten Affären, die öffentliche Scheidung und das genauso öffentliche Baby in London anscheinend hinter sich gelassen und mit Freundin Patrice Farameh wieder Tritt gefasst. Mit dem Schweizer Geschäftsmann Hans-Dieter Cleven hat er einen diskreten Berater gefunden, und zusammen mit Cleven hat er seine ein wenig wirren Geschäfte neu geordnet. Becker plant Showkämpfe mit Michael Stich und war während des Wimbledon-Turniers Kommentator für BBC und die "Times", und all das versteht er als Aufbruch - in eine Rolle als Elder Statesman seines Sports, weltweit geachtet und verkaufbar.
Und nun soll der Weltbürger Becker in eine Zelle, etwa in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim? Er glaube es einfach nicht, sagen Vertraute, er halte es schlicht für einen absurden Gedanken.
Aber niemand wird seine Vergangenheit los, und im Fall "B. B." haben vor rund zehn Jahren zwei Männer, denen Becker sehr nahe stand, eine Menge Fehler gemacht. Sein Vater Karl-Heinz Becker und der Münchner Anwalt Axel Meyer-Wölden konnten sich von Briefen und mitgeschnittenen Telefonaten, von Notizen, Faxen mit Nummer des Absenders und Grundrissen nicht trennen - auf diesen Papieren, die bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt wurden, fußt heute die Anklage.
Im November 1984 hatte Tiriac den jungen Boris nach Monte Carlo verfrachtet, und von da an hatte er auch im Elternhaus kein eigenes Zimmer mehr. Das Steuersparmodell Becker war noch wasserdicht.
Von 1988 an sei Becker allerdings zunehmend in München aufgetaucht, so die Staatsanwaltschaft, und im Jahr 1990 habe er sich entschlossen, ein Haus oder eine Wohnung für eigene Wohnzwecke zu kaufen oder zu mieten. Worin das Problem bestand, wussten damals schon alle Beteiligten. Beckers Steuerberater Hans-Dieter Stolley trug bei der OFD vorsichtshalber vor, dass der Weltreisende eine solche Wohnung nicht mehr als 42 Tage pro Jahr nutzen werde. Egal, nach Paragraf 8 der Abgabenordnung, das entgegneten die Beamten, habe er einen Wohnsitz in München, und dieser führe zur "unbeschränkten Einkommensteuerpflicht". Und deshalb sei die "zeitlich unschädliche Limitierung" für München nicht möglich.
Becker durfte also gar keinen Wohnsitz in München haben; seine Anwälte argumentieren in ihren Schriftsätzen denn auch, ihr Mandant sei in den folgenden Jahren vor allem deshalb nach München gekommen, weil dort sein Trainer, sein Anwalt und sein Arzt gewohnt hätten. Das alles ist richtig. Doch die Staatsanwaltschaft hat trotzdem ein grundlegend anderes Bild von derselben Sache.
Es gibt da nämlich beispielsweise diese Notiz, die Karl-Heinz Becker verfasst hat. "B. B. München, 12.11.1990" steht da, und dann: "Tel. geheim" und "Wasserdruck bis D.G.". Vater Becker, im April 1999 verstorben, war Architekt; wollte er sich um die Einrichtung für seinen Filius kümmern, um die Dusche im Dachgeschoss? Es wurde eine Wohnung besichtigt, und der Vater hob die Fotos auf. Im April 1991 erwähnte schließlich eine Maklerin in einem Brief an die Beckers die Suche "nach einer passenden Wohnung für Ihren Sohn".
In einer Notiz des Vaters vom 29. Juli 1991 taucht dann erstmals die Gaußstraße 4 in Bogenhausen auf. Es gab eine Besichtigung, anwesend waren die Eltern, Schwester Sabine und Boris selbst.
Wieso Boris, der Bruder der Mieterin?
Der Vertrag wurde unterschrieben, und Sabine zog ein. 114 Quadratmeter hatte die Wohnung im zweiten Stock, 89 Quadratmeter hatte das Dachgeschoss. Die alles entscheidende Frage ist: War dies von nun an Boris Beckers wahres Zuhause - oder war es nur eines von vielen Nachtlagern eines Menschen, der vor drei Tagen in New York ein Finale gewann, vorgestern in Monte Carlo war und gestern in München die müden Muskeln kneten ließ?
Die Steuerfahndung hat gesammelt, was sie kriegen konnte. Neben Beckers Fax mit Münchner Adresse tauchen da die Aufzeichnungen der Mama auf, die notierte, dass Boris nach einem Turnier zurück nach München gefahren sei. Und es gibt Menschen, die im Treppenhaus gesagt haben sollen, hier hause ein echter Prominenter.
Es gibt einen Brief des Vaters, in dem von der "Wohnung von Boris" die Rede ist; es gibt Schreiben von Beckers Freunden, die Gleiches behaupten - sein Schlägerbespanner Ulrich Kühnel etwa oder sein Begleiter Carlo Thränhardt; es gibt sogar die Aussage des Heizungsinstallateurs, der in der Wohnung einen Haufen Tennisschläger und T-Shirts gesehen haben will.
Wird es also wirklich eng? Beckers Anwälte möchten "keinen Kommentar zu einem laufenden Verfahren" abgeben, und ob die Staatsanwaltschaft aufs Ganze geht, wird sich erst vor Gericht zeigen. Ein Signal könnte sein, dass Beckers Leute schon mehrfach Frieden schließen wollten und üppige Zahlungen angeboten haben - und dass die Ankläger stur blieben.
Dabei ist schon der finanzielle Aspekt dieser Geschichte heikel genug. Boris Becker hatte erhebliche Ausgaben in den vergangenen Jahren. Eine Nachzahlung von 13 Millionen Mark könnte er aus so genannten liquiden Mitteln wohl kaum noch bestreiten. KLAUS BRINKBÄUMER,
CONNY NEUMANN
Von Klaus Brinkbäumer und Conny Neumann

DER SPIEGEL 29/2002
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