15.07.2002

Carina und Luziferus

Zwei Liechtensteiner Stiftungen bescheren den Opel-Erben Ärger mit dem Fiskus.
Beim Weiler Neuhaus, weit im Südwesten der Republik, gibt es einen verschwiegenen kleinen Grenz-übergang zur Schweiz. Viel Verkehr ist selten, vor allem in den Abendstunden werden die Beamten von Zoll und Bundesgrenzschutz kaum je in ihrer Ruhe gestört.
Am 30. Juni gegen 21 Uhr, es war ein Sonntag, aber dann doch: Ein dunkler Opel Omega mit Frankfurter Nummernschild kam aus Richtung Schaffhausen. Auf Oberklasselimousinen mit Kennzeichen aus Wirtschaftsmetropolen sind die Zöllner an dieser Grenze inzwischen geeicht. Auch diesmal bewiesen die Beamten Egon K. und Alfons Z. Instinkt und schauten nach.
In einer Aktenmappe auf dem Beifahrersitz entdeckten sie Unterlagen und vor allem ein Memo über eine Zusammenkunft bei einem Basler Anwalt, datiert auf den 17. Juni. Gegenstand des Gesprächs war eine Liechtensteiner Stiftung mit dem schönen Namen Carina, deren Vermögen laut Notiz 224 Millionen Schweizer Franken (rund 153 Millionen Euro) beträgt. Außerdem fanden sich Hinweise auf eine weitere Millionen-Stiftung mit dem Namen Luziferus, ebenfalls in Liechtenstein.
Für den Mann am Volant, den hessischen Industriellenspross Gregor von Opel, und einige seiner Verwandten ist das ein ausgesprochen misslicher Fund. Denn nun prüft die Steuerfahndung, ob das Millionen-Vermögen am deutschen Fiskus vorbei illegal ins Schwarzgeld-Dorado Liechtenstein floss.
Die Carina-Millionen sollen Teil eines Erbes sein, das Sophie Binding, die einst mit Hans von Opel verheiratet war, hinterlassen hat. Hans von Opel war ein direkter Nachfahre des Autobauers Adam Opel. Sophie Binding starb 1989. Gregor und dessen Bruder Georg sind neben zwei Binding-Nachfahren die Begünstigten der Stiftungsgelder, die diskret von einem Treuhänder in Liechtenstein verwaltet werden. Für ein Erbe dieser Größenordnung müssen mindestens 30 Prozent Erbschaftsteuer gezahlt werden, also rund 50 Millionen Euro. Doch bei deutschen Finanzämtern ging das Geld nicht ein.
Georg von Opel beteuert gleichwohl, dass "alles regulär abgelaufen ist". An Einzelheiten könne er sich aber nicht erinnern. Sein Bruder Gregor lehnt jede Stellungnahme zu dem Vorgang ab.
Das Memo, das den Argwohn der Fahnder erregte, war offenbar ein fataler Fauxpas. Eindringlich war Gregor von Opel in Basel gewarnt worden: "Es darf kein Papier entstehen" - so steht es in den aufgefundenen Papieren. Nach Deutschland gar dürfe in der Sache überhaupt nichts gelangen. Niemand in dem Kreis habe Interesse daran, "dass solche Dokumente deutschen Steuerbehörden zur Kenntnis gelangen".
Doch hatte Gregor von Opel, 34 - "womöglich zur Absicherung", spekuliert der Chef des Hauptzollamts Werner Eberhardt -, von seiner Rechtsanwältin das Memo verfassen lassen. Denn die Wege der Brüder Gregor und Georg von Opel hatten sich nach der Ausbildung in Schweizer Internaten weit getrennt. Gregor, der in Kronberg im Taunus lebt, stieg in die Fußstapfen seines Vaters und übernahm, ganz bodenständig, 25 Autohäuser in der Rhein-Main-Region. Mittlerweile sind es rund 35 Niederlassungen bundesweit, der Opel-Nachfahre stieg zum größten Privathändler von Opel-Fahrzeugen in der Republik auf. Sein Unternehmen macht rund 500 Millionen Euro Umsatz.
Bruder Georg zog in die Schweiz und nach London und stieg groß ins internationale Finanzbusiness ein. Mitte der neunziger Jahre übernahm er die Hansa AG. Die Firma mit Sitz im schweizerischen Basel beteiligte sich an Vermögens-Trusts in Schottland und an russischen Anlagen. Die Brüder, sagt ein Ex-Geschäftspartner, seien sich geschäftlich immer mit sehr großer Vorsicht begegnet, sie hätten sich auch "finanziell nie was gegönnt". Und mancher macht Fehler eben aus Angst vor Fehlern. FELIX KURZ, ANDREAS WASSERMANN
* Mit den Fußballern Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer bei der Verleihung des Opel-Preises für ehemalige Athleten am 14. Mai in Berlin.
Von Felix Kurz und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 29/2002
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