15.07.2002

WAHLKAMPFT wie Tiefpunkt

Die Telekom in der Krise: Konzernchef Sommer musste vor der Wahl geopfert werden - um der SPD bei den Kleinanlegern Stimmen zu verschaffen. Freund und Feind sind verwirrt. Bisher hatten Regierung und Aufsichtsrat den Manager stets begleitet - mit Sympathie und starken Sprüchen.
Alle waren sie da: Im malerischen Sun Valley, US-Bundesstaat Idaho, trafen sich vergangene Woche die Bosse aus der Kommunikationsindustrie. Microsoft-Gründer Bill Gates, AOL-Time-Warner-Chef Steve Case, CNN-Gründer Ted Turner und Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff waren angereist. Wer mochte, konnte sogar seinen Nachwuchs mitbringen - für Babysitter war gesorgt.
Einmal im Jahr ruft der nur Insidern bekannte Herbert Allen zum Mediengipfel, die Oberhäupter der digitalen Welt sind geladen. Fast alle kamen auch in diesem Jahr - Ron Sommer aber hatte abgesagt. Der firmeneigene Jet war schon geordert, auch der Telekom-Chef wollte im Kreise der Großen entspannen und fernab der TV-Kameras ein wenig über die Zukunft der Medienindustrie plauschen.
Diese Zukunft findet nun fürs Erste ohne ihn statt - nicht nur in Sun Valley. Auch an der Spitze der Telekom ist für den alert-energischen Sonnyboy kein Platz mehr.
Sommer blieb zu Hause, um den Kampf seines Lebens zu kämpfen - gegen wütende Kleinaktionäre, gegen eine angriffslustige Opposition und gegen eine Bundesregierung, die ihn ohne Vorwarnung fallen ließ. Für diesen Dienstag plant der Aufsichtsrat seine Abberufung.
In hektischen Telefonaten berieten am vergangenen Freitagabend Mitglieder des Präsidiums des Telekom-Aufsichtsrats, bestehend aus zwei Vertretern der Kapitalseite und zwei Vertretern der Arbeitnehmerreihen, um Sommers Schicksal zu besiegeln. Nach quälender Kandidatensuche schien eine Minimallösung zum Greifen nahe. Nachfolger Sommers, aber nur für den Übergang, soll demnach Technikvorstand Gerd Tenzer werden.
"Die Mehrheit steht", erklärte ein hoher Regierungsvertreter. Die Gewerkschafter, sie stellen knapp die Hälfte der 20 Aufsichtsräte, wollten Sommer nur fallen lassen, wenn Tenzer seine Nachfolge antritt. Ultimativ hatten sie Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus vor die Alternative gestellt: "Tenzer oder keiner." Ein Regierungsinsider: "Auch wir unterstützen diesen Kandidaten." Die Übergangszeit solle für ein "geordnetes Personalfindungsverfahren" genutzt werden.
Wenn das Polit-Theater nicht noch eine überraschende Wendung findet, kommt es mit der Sitzung am Dienstag zu einem Showdown, wie ihn die deutsche Wirtschaftsgeschichte noch nicht erlebt hat. Sicher ist aber schon jetzt - am Ende bleiben nur Verlierer. Die Telekom ist zum Spielball der Politik geworden, mit einem schwachen Übergangsverwalter an der Spitze. Der Aufsichtsrat fiel durch Dilettantismus auf, und auch die Regierung ist lädiert. Hilflos stolperte sie durch die Kulissen, auf der Suche nach einem vorzeigbaren Sommer-Nachfolger, vergebens. Ein Kandidat nach dem anderen schlug den Job aus. Ferdinand Piëch, den niemand gefragt hatte, winkte nach öffentlicher Aufregung ab. TUI-Boss Michael Frenzel ließ aus dem Urlaub verbreiten, der Chefsessel bei der Telekom sei ihm wegen eines möglichen Kanzlerwechsels im Herbst zu unsicher.
Gerhard Schröders Rückhalt hatte Sommer zuletzt verloren. Auf die Frage eines Journalisten, was denn mit Sommer geschehen solle, hatte der Kanzler am vergangenen Dienstag nichts mehr für seinen einstigen Partner übrig - kein Dankeschön, kein Lächeln, kein In-Schutz-Nehmen. Nicht mal einen jener Sätze, die das Unvermeidliche ankündigen und dennoch ein Bedauern in sich tragen. Schröder machte vor laufenden Kameras unwillig auf dem Absatz kehrt. Das war die vorläufige Schlussszene - vielleicht nicht nur für Sommer.
Denn mit Applaus darf der Kanzler nicht rechnen. Die Entscheidung der Regierung, im Aufsichtsrat mit zwei Stimmen präsent, ist erkennbar Teil eines Wahlkampfes, der nun, da die rot-grüne Koalition in sämtlichen Umfragen hinten liegt, mit aller Härte geführt wird.
Noch bis vor kurzem stand Schröder fest zu Sommer: "Liebe Leute, es besteht kein Anlass, den Mann auszuwechseln, er hat gut gearbeitet", beschied er im "Stern"-Interview alle Zweifler. Noch Ende Juni, auf dem Weg zum G-8-Gipfel in den Rocky Mountains, waren sich Schröder und seine Wirtschaftsberater einig: keine Personalentscheidungen in Sachen Telekom, zumindest nicht vor der Wahl. Jede kritische Äußerung und erst recht jeder Eingriff würde als Politik der zittrigen Hand begriffen. Das gemeinsame Urteil der Schröder-Getreuen: zu riskant.
Die Geschichte von Sommers Absturz ist daher bei allen Fehlern, die der Konzernchef selbst zu verantworten hat, vor allem eine Geschichte von Machtspielen, eines sich ständig verändernden Wahlkampfkalküls und aufkommender Panik im Regierungslager.
Im Zentrum der Turbulenzen stehen ein Konzernchef und ein Kanzler, die beide einst als Inbegriff von modernem Management galten und die beide seit längerem schon die Fortüne verlassen hat. Den einen drücken die Tiefstände seiner Aktien, den anderen die kaum mehr aufholbaren Negativwerte bei den Umfragen. Unter dieser Belastung riss das Band, das beide Aufsteiger so lange miteinander verwob. Als Sommer die Fernsehbilder vom sich abwendenden Kanzler sah, musste er schlucken. "Das schmerzt", bekannte er im kleinen Kreis.
Doch Schröder wurde selbst von der Dynamik der Ereignisse überrascht: Er sagt, dass die Entscheidung nicht im Kanzleramt fiel, sondern im Kreise der Aufsichtsräte. Zuständig für das weitere Vorgehen war dann der Finanzminister. Der Kanzler selbst hat, außer mit Hans Eichel, in dieser Sache keine Gespräche geführt - auch nicht mit Ferdinand Piëch, wie in manchen Blättern zu lesen war.
Die Opposition konnte ihr Glück vergangene Woche dennoch kaum fassen. Edmund Stoiber betrachtete das Spektakel, das er selbst mit immer neuer Kritik an der Gehaltspolitik der Telekom angefacht hatte, mit wachsender Erregung. Auf eine Nachfolgedebatte will er sich nicht einlassen, nicht mal Sommer möchte er öffentlich kritisieren. Sein Gegner sei der Kanzler, niemand sonst, so Stoiber. Das Thema laufe, wenn man das Mitleid für Sommer hintanstelle, doch wunderbar, freute sich ein Berater des Unionskandidaten.
Im SPD-Lager wurde die Entscheidung des Finanzministeriums derweil mit großem Unverständnis verfolgt. Dass die Treueschwüre von Eichel, der kürzlich noch sagte: "Die Position von Herrn Sommer steht in gar keiner Weise zur Disposition", plötzlich wertlos sein sollten, überforderte alle. Ein SPD-Minister: "Was der da treibt, schadet unserer Glaubwürdigkeit - international und zu Hause."
Dass es kam, wie es kam, liegt vor allem an einem Mann, der bisher weder bei der Telekom noch in der Politik eine nennenswerte Rolle spielte: Bernhard Walter, Ex-Chef der Dresdner Bank, der seit Mai 1999 dem Aufsichtsrat des Telefonkonzerns angehört. In dieser Funktion suchte er in der vorvergangenen Woche den Kontakt zu einem der wichtigsten Eichel-Mitarbeiter, Staatssekretär Manfred Overhaus. Der gehört zwar offiziell gar nicht dem Aufsichtsrat der Telekom an, vertritt dort aber seinen schwer erkrankten Staatssekretärskollegen Heribert Zitzelsberger.
In dem Gespräch der beiden Finanzexperten soll es hoch hergegangen sein, ohne die üblichen Tabus sei Tacheles geredet worden - über Milliardenschulden und eine angeblich verfehlte Firmenstrategie. Sommer und der gesamte Vorstand hätten dem Aufsichtsrat über den Zustand des Unternehmens die Unwahrheit gesagt, hieß es kurz darauf in Presseberichten, die sich auf Äußerungen Walters beriefen.
Mit einem besonders hohen Risiko sei vor allem die amerikanische Mobilfunk-Beteiligung Voicestream behaftet. Bis zu 20 Milliarden Euro müssten abgeschrieben werden, da der damalige Kaufpreis (33 Milliarden Euro) heute, nach dem Platzen der Spekulationsblase, nicht mehr zu erzielen sei. Von so genannten Luftwerten war da die Rede - also von Unternehmensbewertungen, die ein hohes Maß an Goodwill beinhalten. Mit dem Goodwill wird jener Teil des Kaufpreises eines Unternehmens berechnet, der über dem tatsächlichen Vermögen des jeweiligen Unternehmens liegt.
Ähnliche Überlegungen müssten für die UMTS-Lizenzen gelten, jene Hoffnungswerte, mit denen bald das ganz große Handy-Geschäft in Gang kommen soll. Rechne man hier ebenfalls den Spekulationsaufschlag heraus, sei das Eigenkapital spürbar abgeschmolzen. "Die Banken werden nervös", fasste ein Kabinettsmitglied die Stimmung zusammen.
Walter bestritt später, die Äußerungen jemals gemacht zu haben. Intern aber wurde Overhaus aktiv. Er alarmierte Finanzminister Eichel, der aus seinem Feriendomizil in der Bretagne nach Berlin geflogen kam. Der Spitzenbeamte berichtete seinem Chef in dramatischen Worten über das, was sich auf der Kapitalseite tat.
Nach der Unterredung eilte Eichel zum Kanzler, der sich nun von drei Seiten unter Druck sah: Gegen Kleinaktionäre, Opposition und Großkapital lässt sich nur schwer regieren - Sommer war objektiv zur Belastung geworden. Eichel übernahm das weitere Prozedere.
Doch noch sollte nichts nach außen dringen. Eichel war klar, dass dieses Spiel ohne Ersatzkandidaten kaum zu gewinnen war. Die Opposition kalkulierte anders.
Der Walter-Auftritt fand auf wundersame Weise seinen Weg in die Öffentlichkeit. Und auch Stoiber schlug am vorvergangenen Donnerstag beim Kandidatenduell in der "Bild"-Redaktion plötzlich schrille Töne an, wetterte gegen Schröder und seine Telekom-Politik. Die entsprechende Passage im Interview mit Kanzler und Kandidat geriet auch noch unverhältnismäßig lang. Sie sollte gestrichen werden, und zwar ersatzlos, regten die Kanzlerberater später an.
"Kommt nicht in Frage", erwiderte Stoiber-Berater Michael Spreng. Er wollte den Kanzler verantwortlich machen für die Kapitalvernichtung, um so die diffusen Ängste der Anleger in Stimmen für Stoiber zu verwandeln. Also: Die Telekom-Passage musste bleiben - ungekürzt, unbedingt. Denn erstmals war Schröder von Sommer abgerückt: "Dieser Aufsichtsrat muss jetzt auch seine Verantwortung wahrnehmen."
Die SPD ließ nun keinen Zweifel mehr an ihrer parteiischen Haltung, die im Wahlkampf Punkte bei den Kleinanlegern bringen sollte. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering forderte geradezu apodiktisch die Kontrolleure zum Eingreifen auf. Es bestehe Handlungsbedarf, personelle Konsequenzen zu ziehen sei nun Angelegenheit des Aufsichtsrats. Der Kanzler schwieg.
Einen Tag später wollte das vierköpfige Telekom-Präsidium in einer Telefon-Schaltkonferenz die Weichen für die Ablösung Sommers stellen. Staatssekretär Overhaus, der als Gast zugeschaltet wurde, bestätigte, dass die Regierung ohne Sommer plant und hat dann, so erinnert sich Aufsichtsrat Rüdiger Schulze von der Arbeitnehmerseite, "gleichzeitig auch gefordert, dass die Ablösung von Ron Sommer vorgenommen werden soll".
Doch dazu kam es nicht. Die Konferenz war so kurzfristig angesetzt worden, dass die beiden Gewerkschaftsvertreter im Präsidium noch nicht von ihrem neuen Vorsitzenden, DGB-Chef Michael Sommer, informiert waren. Als Aufsichtsratschef Winkhaus und sein Stellvertreter den verdatterten Gewerkschaftern eröffneten, dass Sommer abgelöst werden solle, witterten die sofort einen Putsch des Kapitals.
Sie fürchteten, der vergleichsweise umgängliche und bei den Gewerkschaften durchaus beliebte Sommer solle durch einen knallharten Sanierer ersetzt werden. Namen wie die des Brutalo-Sanierers Kajo Neukirchen kursierten. Undenkbar, sagten die Arbeitnehmer. Solange kein Nachfolger präsentiert werde, würden sie über eine Sommer-Ablösung nicht mal nachdenken.
Der Vorwurf der Arbeitnehmer an die Adresse des nun ebenfalls beschädigten Aufsichtsratschefs Winkhaus: Dilettant. Am Mittwoch sickerte die Nachricht von der Uneinigkeit im Aufsichtsrat durch. Die Operation Telekom schien auf der Kippe.
Noch am gleichen Tag mussten die beiden Gewerkschafter zum Rapport in der DGB-Zentrale antreten. Die Mehrheit für die Aufsichtsratssitzung am Dienstag dieser Woche stehe, versichern nun ranghohe Gewerkschaftsbosse. Sie sahen ein, dass der angeschlagene, weil um sein Sieger-Image gebrachte Sommer für einen Neuanfang kaum mehr zu gebrauchen sei.
Denn die Probleme des Konzerns sind gewaltig. Über 67 Milliarden Euro Schulden hat die Telekom aufgetürmt, mehr als zu Beginn der Privatisierung. Von jedem Euro, den das Unternehmen von seinen Kunden einnimmt, gehen inzwischen rund zehn Cent allein für Zinsen drauf. Von Tilgung ist dabei nicht einmal die Rede.
Der Handlungsspielraum für den Konzern, stöhnte Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick auf einer Krisensitzung vergangene Woche, sei extrem eng. Seit Tagen schon arbeitet er mit einem Stab von Mitarbeitern an Plänen, die Verschuldung über weitere Verkäufe, den Aufschub von Investitionen und Kürzungen sämtlicher Budgets wenigstens abzufedern. Geplant sind Streichungen in Milliardenhöhe, die in Kürze verkündet werden sollen.
Hauptgrund für die enorme Schuldenlast ist eine ehrgeizige Expansionsstrategie, die auf geplanten Einnahmen aus immer neuen Finanzanleihen und weiteren Aktienerlösen basierte. Die längst geplatzte Börsenblase entzog diesen Finanzplänen die Grundlage, das heiße Börsengeld fehlt nun, geblieben sind die Schulden.
Viele Akquisitionen fielen in die Phase des überhitzten Marktes. Allein für die kleine US-Mobilfunkfirma Voicestream zahlte Sommer rund 33 Milliarden Euro. Gerade dieser Deal wird ihm heute von seinen Kritikern als schwerer Fehler vorgehalten. Unklar ist, ob die Firma nicht wieder verkauft werden muss.
Denn: Um im gewaltigen US-Markt erfolgreich zu sein, muss die Telekom Jahr für Jahr mehr als fünf Milliarden Euro allein in den Netzaufbau von Voicestream pumpen. Dazu kommen weitere dreistellige Millionenbeträge für Werbung, Kundengewinnung und Lizenzen.
Zwar könnte ein Zusammenschluss mit der Mobilfunktochter des US-Telefonriesen AT&T, über den die Telekom zurzeit verhandelt, die Investitionskosten verringern und das Unternehmen mit einem Schlag in die Oberliga des amerikanischen Marktes katapultieren. Ob die US-Regierung zu einem solchen Deal ihre Zustimmung gibt, ist jedoch mehr als fraglich.
Denn zu deutlich steht das Polit-Theater dieser Woche im Widerspruch zu der im September 2000 vom Kanzleramt schriftlich abgegebenen Erklärung gegenüber der US-Regierung, sich nicht in die Belange des Unternehmens einmischen zu wollen. Entsprechende besorgte Signale, bestätigt die Telekom, seien aus Washington bereits eingegangen.
Schon jetzt ist der finanzielle Bewegungsspielraum des Konzerns eher bescheiden. Denn nicht nur für Voicestream musste Sommer Milliarden investieren. Weitere zehn Milliarden Euro berappte er für die Mobilfunkfirma One 2 One in England. Dazu kamen 15,3 Milliarden Euro für UMTS-Lizenzen in Deutschland, England und Österreich. Eine ähnlich hohe Summe wird das Unternehmen in den nächsten Jahren noch einmal für die Anschaffung von Technik und den Bau neuer Netze in die Hand nehmen müssen.
Ein Aufschub der Investitionen ist so gut wie unmöglich. Denn die Bundesregierung hat mit ihrer UMTS-Lizenzversteigerung im Sommer 2000 die einst boomende Mobilfunkbranche in eine schwere Krise gestürzt. Der Erwerb der Lizenz ist auch noch an harte Bedingungen geknüpft, die für viele Telefonfirmen einer Strangulierung gleichkommen.
So mussten sich die Unternehmen verpflichten, ihre UMTS-Dienste in klar definierten Zeiträumen flächendeckend anzubieten. Geschieht dies nicht, fällt die Lizenz zurück an den Staat. Ein Verkauf an andere Unternehmen ist verboten.
Ob die Milliardeninvestitionen unter solchen, vom Staat vorgegebenen Rahmenbedingungen jemals wieder eingespielt werden können, ist fraglich - zumal sich die Begeisterung der Kunden für Vorläufermodelle von UMTS bisher in engen Grenzen hält.
Real sind derzeit nur die Schulden. Ursprünglich wollte Sommer sie in diesem Jahr unter 50 Milliarden Euro drücken. Ein Großteil des Geldes sollte aus dem Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile stammen. Doch die Vertrauenskrise der Anleger und die hohe Verschuldung der Branche führten an den Kapitalmärkten zu einem Kursverfall. Sommer hat den Termin für den Börsengang von T-Mobile bereits zweimal verschoben - vom Frühjahr auf den Herbst und schließlich ins nächste Jahr.
Auch die zum Schuldenabbau eingeplanten Einnahmen aus dem Verkauf des TV-Kabels werden dramatisch geringer ausfallen als ursprünglich geplant. Und auch daran kann weder Sommer noch sein Nachfolger etwas ändern.
Nicht ganz unschuldig ist der deutsche Staat, der seiner Telekom ein gigantisches Geschäft vermasselt hat. Jahrelang hatte die Politik das Unternehmen gedrängt, aus Wettbewerbsgründen seine Kabelnetze zu verkaufen. Doch als der Deal mit der US-Mediengröße John Malone endlich unterschriftsreif war, untersagte das Bundeskartellamt das Geschäft.
Jahrelang war der Aufsichtsrat den Plänen des Telekom-Lenkers gefolgt, auch weil sie dem entsprachen, was alle Telefon-Chefs auf der Welt sich vorgenommen hatten. Jeder wollte (und will) in allen Bereichen der Kommunikation dabei sein, bei den Handys, den Festnetzen, der Online-Technik. Und alle wollten (und wollen) globale Giganten sein, vertreten auf den wichtigsten Märkten der Welt.
Öffentlich war vom Aufsichtsratsvorsitzenden Winkhaus wie auch von seinem Vorgänger Helmut Sihler - beides ehemalige Manager beim Düsseldorfer Waschmittelkonzern Henkel - viel Lob über Sommer zu hören. Die Arbeitnehmerseite stand ebenfalls fest zum Telekom-Lenker. Dabei hatte es an Vorbehalten gegenüber dem smarten Ex-Sony-Chef nicht gemangelt, als er 1995 sein Amt in Bonn antrat. Doch spätestens seit der fulminanten Börseneinführung ist die Mehrheit der Telekom-Beschäftigten stolz auf ihren Chef.
Denn der verbreitete nicht nur Zuversicht. Sommer schaffte auch das Kunststück, Zigtausende von Stellen zu streichen, ohne mit dem Betriebsrat und der starken Postgewerkschaft aneinander zu rasseln. Und auch wenn es bei den zahlreichen Umorganisationen im alten Telekom-Gebälk bisweilen mächtig knirschte, so wusste Sommer die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat immer wieder auf seine Seite zu ziehen - zuletzt durch einen großzügigen Lohnabschluss bei der jüngsten Tarifrunde mit einem Plus von 4,1 Prozent.
Kritik im Aufsichtsrat kam erst auf, als sich der Vorstand für 2001 eine saftige Gehaltserhöhung und großzügige Aktienoptionen genehmigen lassen wollte, während gleichzeitig die Kurse immer weiter abstürzten. In der Öffentlichkeit war von einer Gehaltszulage von 90 Prozent die Rede - fälschlicherweise, denn diese Zahl enthielt auch die Abfindung für zwei ehemalige Vorstände.
Auch gegen den Ausübungspreis für das Optionsprogramm 2001, der drastisch gesenkt werden sollte, sperrte sich der Aufsichtsrat. Erst nach längerem Hin und Her genehmigten die Kontrolleure ein Programm, das dem Vorstand 1,74 Millionen T-Aktien einbringt - wenn der Kurs auf 30 Euro ansteigt. Derzeit liegt er bei etwa 12 Euro.
Als das Optionsprogramm und die Steigerung der Vorstandsgehälter bekannt wurden, war der Zorn der Aktionäre deutlich zu spüren. "Die Hürden sind so niedrig, dass die Athleten vor Lachen nicht mehr laufen können", schimpfte Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre auf der Hauptversammlung. Ekkehard Wenger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Würzburg, sprach gar von "kollektiv organisierter Selbstbedienung".
Zwar verteidigte Aufsichtsratschef Winkhaus die Vergütung tapfer als "angemessen, marktüblich, leistungs- und erfolgsorientiert". Doch die Kleinaktionäre hatten für das generöse Vorgehen nur Pfiffe und Buhrufe übrig. Da half es auch nichts, dass Sommer drei Wochen später medienwirksam verkündete, der Vorstand werde 2002 auf seine Aktienoptionen verzichten.
Die Union sah ihre Chance zu punkten - und nutzte sie. Viele Menschen hätten mit dem Telekom-Kurssturz "gewaltig verloren", beklagte Kandidat Stoiber immer wieder. Der Bayer griff Schröder persönlich an: "Gleichzeitig steigen in einem Unternehmen, das in Ihrer Hand ist, das eine Mehrheitsbeteiligung des Bundes hat, die Gehälter der Vorstandsmitglieder ganz erheblich."
Gleichwohl ist Stoiber klug genug, nicht frontal gegen den in Wirtschaftskreisen noch immer beliebten Sommer vorzugehen. So hatte es Unions-Berater Spreng den Telekom-Emissären versprochen, als die vor Wochen darum baten, man solle sie aus dem Wahlkampf heraushalten. Kein Sommer-Schlussverkauf, nur Schröder-Schelte.
Derweil organisierte Ron Sommer in den vergangenen Tagen, nicht ohne taktisches Geschick, eine Abwehrschlacht, die Schröder und seine Regierung in Verlegenheit brachte. Zunächst ließ sich Sommer-Biograf und Ex-Telekom-Aufsichtsrat Peter Glotz mit einem Treueschwur für Sommer vernehmen. "Es ist doch naiv zu glauben, dass der Kurs der Telekom schon dadurch steigt, dass ein neuer Vorstandschef antritt."
Auch die Wirtschaft sandte Solidaritätsadressen nach Bonn. Michael Rogowski, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), erklärte, er halte Sommer keineswegs für einen schlechten Manager. Sein Vorgänger Hans-Olaf Henkel rief die Politiker auf, sich endlich aus dem Unternehmen herauszuhalten.
Selbst Schröders Parteifreunde fielen dem Kanzler in den Rücken. Einer seiner Stellvertreter im SPD-Vorsitz, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement, zollte Sommer für seine Verdienste "höchsten Respekt", in demonstrativer Abgrenzung zu Schröder und Müntefering.
Am Freitag startete die Telekom eine publizistische Großoffensive gegen ihren größten Anteilseigner. So etwas hatte es in der deutschen Wirtschaftsgeschichte bis dahin noch nicht gegeben. Trotz gestutztem Werbeetat schaltete der Konzern eine Anzeige in überregionalen Tageszeitungen, in der sich 18 000 Telekom-Beschäftigte vor ihren Chef stellten.
An die "politisch Verantwortlichen" appellierten sie, sich aus den inneren Angelegenheiten der Telekom herauszuhalten - was auch die Mehrheit der Bundesbürger fordert.
Am Ende half alles nichts, am Freitag willigte Tenzer informell ein, den Sommer-Job vorübergehend übernehmen zu wollen. Ron Sommer musste einsehen, dass er wohl verloren hatte. Ende vergangener Woche kämpfte er vor allem um einen halbwegs eleganten Abgang. "Uns geht es um unsere Ehre", sagt einer der Sommer-Berater. "Wir wollen nach so vielen Jahren harter Arbeit nicht wie die Hunde vom Hof gescheucht werden." FRANK DOHMEN,
KLAUS-PETER KERBUSK, HORAND KNAUP, CHRISTIAN REIERMANN, WOLFGANG REUTER, GABOR STEINGART
Der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom AG
PRÄSIDIUM
Hans-Dietrich Winkhaus Vorsitzender, ehem. Henkel
Rüdiger Schulze Stellv. Vorsitzender, Ver.di
Wilhelm Wegner Gesamtbetriebsratsvorsitzender
André Leysen Agfa-Gevaert
ARBEITNEHMERSEITE
Michael Sommer DGB-Vorsitzender
Josef Falbisoner Ver.di Bayern
Rainer Koch Waltraud Litzenberger Michael Löffler Rainer Röll Ursula Steinke Betriebsräte
BUND
Hans-W. Reich Vorstandssprecher der Kreditanstalt für Wiederaufbau
Heribert Zitzelsberger Staatssekretär im Bundesfinanzministerium
ARBEITGEBERSEITE
Gert Becker ehem. Degussa AG
Hubertus von Grünberg Continental AG
Dieter Hundt ehem. BDI-Präsident
Wolfgang Schmitt Deutsche Telekom
Helmut Sihler ehem. Henkel
Dieter Stolte ehem. ZDF-Intendant
Bernhard Walter ehem. Dresdner Bank
Von Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk, Horand Knaup, Christian Reiermann, Wolfgang Reuter und Gabor Steingart

DER SPIEGEL 29/2002
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