15.07.2002

TERRORISMUSOperation Zartheit

Amerikanische Ermittler attackieren deutsche Kollegen - die hatten einige Täter und Verdächtige des 11. September schon vor Jahren im Visier.
Es wurde nur eine kurze Visite: Kaum hatte der deutsche Staatsbürger Mohammed Haydar Zammar, 41, Ende Oktober 2001 das Flugzeug in Casablanca verlassen, nahmen ihn auch schon marokkanische Sicherheitsleute fest. Sie erklärten ihn kurzerhand zur Persona non grata und verfrachteten ihn in die nächste Maschine. Doch statt zurück nach Deutschland hob der Jet ab in Richtung Syrien.
Dort sitzt der schwergewichtige Muslim Zammar nun im Gefängnis und beantwortet Fragen, die US-Ermittler ihren syrischen Kollegen schriftlich überstellen. Denn mit den Vernehmungsmethoden wollen die Amerikaner lieber nichts zu tun haben. Zammar gilt als einer der Hauptverdächtigen im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September, als einer der Drahtzieher - und syrische Fahnder halten von Menschenrechten nicht so viel: Unter den geübten Händen seiner Befrager soll der Islamist schon viel erzählt haben.
Von den wohl quälenden Verhören ihres Landsmannes erfahren deutsche Behörden freilich nichts - und das ist derzeit längst nicht der einzige Grund für transatlantischen Zoff um Zammar. Denn während die US-Fahnder von FBI und CIA daheim einräumen müssen, dass sie vor den Anschlägen von New York und Washington ernste Hinweise auf einen bevorstehenden Terroranschlag hatten, attackieren sie ihrerseits intern die Kollegen in der Bundesrepublik: Zammar und andere Verdächtige der deutschen Terrorzelle waren nämlich teilweise schon seit Jahren im Visier deutscher Geheimer.
Der gebürtige Syrer Zammar, der seinen deutschen Pass seit 1982 besitzt, sei dem Verfassungsschutz, so Beamte, schon seit Ende der achtziger Jahre als militanter Muslim und Werber für den Dschihad bekannt. Mehrfach reiste er nach Afghanistan, wo er sich an der Waffe ausbilden ließ. Vor Glaubensbrüdern rühmte er sich, auch in Bosnien und Tschetschenien gegen Ungläubige gekämpft zu haben. Türkische Fahnder steckten ihren deutschen Kollegen, der Bud Spencer des internationalen Terrorismus sei mehr als 40-mal über Istanbul und Ankara in Krisengebiete geflogen oder aus ihnen zurück.
Die Verfassungsschützer konnten ihn jahrelang trotzdem nur beobachten, denn nach deutschem Recht war nichts von alldem illegal. 1997 setzte das Kölner Bundesamt unter dem Decknamen "Operation Zartheit" sogar eine eigene Ermittlungsgruppe auf den stämmigen Islamisten an.
Bald galt Zammar als wichtiger Kontaktmann deutscher Islamisten zur Qaida - und "Reisebüro nach Afghanistan", so ein Ermittler: Schon damals habe der Verdacht bestanden, dass er angehenden Märtyrern aus dem Westen Schießkurse in den Lagern Osama Bin Ladens vermittle.
Wenig später, im Herbst 1998, wurde das weltweite Netz, das Zammar umgab, noch deutlicher: Als Fahnder bei München den mutmaßlichen Qaida-Finanzchef Mamduh Mahmud Salim verhafteten, führte die Spur zu einem Hamburger Freund Zammars: Gegen den Geschäftsmann Mamoun Darkazanli, 44, ermittelt die Bundesanwaltschaft inzwischen ebenfalls.
1999 schon tauchte in Zammars Umfeld auch erstmals der Name des Todespiloten Mohammed Atta auf: Am 17. Februar belauschten Verfassungsschützer ein Telefonat. Darin erkundigte sich ein Anrufer in Zammars Wohnung nach dem Hausherrn. Der sei, so die Antwort, in Hamburg-Harburg - bei Mohammed, Ramzi und Said. Dort, in der Marienstraße 54, so fanden die Ermittler heraus, wohnte Mohammed Atta - zusammen mit Ramzi Binalshibh und Said Bahaji; die beiden werden jetzt weltweit mit Haftbefehl gesucht.
Dass die drei in der Wohnung damals womöglich schon den größten Terroranschlag der amerikanischen Geschichte planten, wurde den Lauschern freilich erst nach dem 11. September klar.
Aber schon lange zuvor waren US-Geheimdienstler unruhig geworden. Seit der Verhaftung Salims hatten sie ihre deutschen Kollegen immer wieder gedrängt, stärker gegen Zammar und Darkazanli vorzugehen. Doch die Erkenntnisse reichten weder Generalbundesanwalt Kay Nehm für ein Ermittlungsverfahren gegen Darkazanli, noch konnten die Verfassungsschützer Entscheidendes tun. Die Amerikaner, so ein Ermittler, hätten von ihnen mehr verlangt, als deutsche Gesetze hergeben.
Als die CIA-Kollegen etwas zu unruhig wurden, hätten die Deutschen, so ein Geheimer, sogar einen Warnschuss abgeben müssen: Dem getarnten Hamburger CIA-Residenten Thomas V. bedeuteten sie, mit eigenen Aktionen könne er sich hier strafbar machen.
Erst seit Zammar in Syrien verhört wird, haben die Amerikaner mehr Erfolg - Zammars Freund Darkazanli war da schlauer: Seit dem 11. September 2001 reist er nicht mehr. Er habe Angst, Deutschland zu verlassen, sagte er unlängst der "New York Times". Zwar würden auch hier die Gesetze immer strenger, "aber noch habe ich Vertrauen in das deutsche Rechtssystem". ANDREAS ULRICH
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 29/2002
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