15.07.2002

GESUNDHEITTamtam auf der Barrikade

Medizinfunktionäre und Pharmaindustrie bekämpfen den Versuch der Regierung, die sechs Millionen Zuckerkranken in Deutschland billiger und besser zu behandeln.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, 53, genoss das Gefühl, sich durchgesetzt zu haben. Auf dem Sommertreff der SPD-Fraktion, spät nachts beim Bier mit Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, lobte sie sich vorvergangene Woche für ihren "Durchbruch in der Versorgung chronisch kranker Menschen". Nun werde auch für sie die Stimmung besser.
Irrtum. Zwar hat die Ministerin noch knapp vor der Bundestagswahl ein ehrgeiziges Projekt auf den Weg gebracht. Bis zu sechs Millionen Diabetes-Patienten sollen in den nächsten Monaten von ihrer Krankenkasse das Angebot erhalten, sich für spezielle Behandlungsprogramme - neudeutsch "Desease Management" - einzuschreiben. Die Ärzte müssen sich dann an von unabhängigen Experten entwickelten Therapierichtlinien orientieren und auf umstrittene Medikamente verzichten.
Aber die Medizinfunktionäre stehen schon wieder auf der Barrikade. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft, ermuntert von der Pharmaindustrie, kündigte "massiven Widerstand" an. Ärzte aus Brandenburg legten in den Praxen bereits vorformulierte Protestnoten aus ("Wir Diabetiker sind entsetzt!").
Der medizinisch-industrielle Komplex und vor allem die Pharmaunternehmen fürchten, wenn Schmidts Projekt realisiert wird, erhebliche finanzielle Einbußen. 20 Milliarden Euro wurden vergangenes Jahr mit der Behandlung von Diabetikern in Deutschland umgesetzt - ein gut Teil davon, so Experten, für schiere Scharlatanerie.
Mit viel Reklame-Tamtam war es beispielsweise dem Pharmakonzern Bayer gelungen, sein umstrittenes Präparat Glucobay in den Markt zu drücken. Laut internem Rundschreiben umgarnte der Arzneimittelhersteller gezielt junge Ärzte und warf "Beratungshonorare" für Mediziner aus, die sich nachweislich als "Glucobay-Freunde" erwiesen.
So machte Bayer mit dem - wie die Stiftung Warentest herausfand, "wenig geeigneten" - Mittel mehr als 60 Millionen Euro Jahresumsatz. Einen ähnlichen Erfolg feierte Pharmaproduzent GlaxoSmithKline mit dem Präparat Avandia, gegen das der unabhängige Branchendienst "Arznei-Telegramm" "wegen Leberschädigung, Herzinsuffizienz, Gewichtszunahme und mangelnder Langzeiterfahrungen" erhebliche Bedenken anmeldet.
Die Behandlung von Diabetikern sei ein "Paradebeispiel" dafür, wie das Gesundheitssystem "wenig Gutes, viel Schlechtes und oft Falsches leistet", urteilt der Kölner Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Jährlich erblinden infolge der Krankheit etwa 2000 Zuckerkranke in Deutschland, anderen müssen Körperteile amputiert werden, oder sie leiden unter Nierenversagen, klagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Andererseits geben Patienten nach Schätzung von Peter Sawicki, Chefarzt im Kölner St. Franziskus-Hospital, pro anno 500 Millionen Euro für überflüssige Diabetes-Präparate aus.
Eine Summe, auf die die Pharmaindustrie nicht verzichten möchte. Alternativ zu Schmidts Plänen beteiligte sie sich an der Entwicklung einer "Nationalen Versorgungsleitlinie", welche die Bundesärztekammer wohlwollend absegnete.
Auf den ersten Blick wirken die Verfasser vertrauenserweckend: honorige Professoren unter Regie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, laut Satzung "selbstlos tätig". Mit an den Schreibtisch ließen sie jedoch die Pharmazeuten.
Ein Brief des Industrieforums Diabetes (IFD), einer Vereinigung aller namhaften Pharmaunternehmen, an den Düsseldorfer Diabetes-Professor und Klinikdirektor Werner Scherbaum belegt das trauliche Bündnis. Die Erstellung einer Leitlinie werde "aktiv durch das IFD unterstützt, wobei dem IFD eine beratende Rolle zukommt", versprachen die Pillendreher dem Arzt.
Im Gegenzug sei die Diabetes-Gesellschaft jedoch "gegenüber den Mitgliedern des IFD zur solidarischen Zusammenarbeit verpflichtet". Scherbaum räumt den Deal ein - das sei ein "Commitment" gewesen. 180 000 Mark zahlten die Pharmahersteller dafür in drei Raten auf das Konto der Diabetes-Gesellschaft.
Am Ende gefiel die "Nationale Versorgungsleitlinie" den Pharmaherstellern sehr viel besser als die des Gesundheitsministeriums. Zielstrebig wollen sie die Ärzte nun davon abbringen, die Patienten nach dem Regelwerk der Ulla Schmidt zu behandeln.
Dabei setzt die Industrie erneut auf die Unterstützung der ärztlichen Standesfürsten. Für vergangenen Mittwoch luden die im baden-württembergischen Villingen zu einer Protestveranstaltung ein. Das "mit freundlicher Unterstützung der Firma Aventis" vorbereitete Treffen, lockten die Organisatoren, sei "bei der Landesärztekammer angemeldet" - "als zertifizierte Fortbildung". ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 29/2002
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