15.07.2002

KARRIERENDer Einwechselspieler

Horst Seehofer wäre beinahe an einer Herzmuskelentzündung gestorben. Die Ärzte sagten, er könne geheilt werden, wenn er sich schone - jetzt macht er Wahlkampf. Der frühere Gesundheitsminister will es noch einmal wissen. Von Matthias Geyer
Im Esszimmer von Horst Seehofer steht ein kleiner Bildschirm, er ist schwarzweiß und ungefähr 30 mal 30 Zentimeter groß. Man kann darauf beobachten, was draußen vor seinem Haus in Ingolstadt-Gerolfing passiert. Die Bilder werden von einer Kamera aufgenommen. Man sieht die Haustür und die Terrasse und den Garten. Aber es passiert nichts draußen.
Die Anlage ist vor vielen Jahren vom Bundeskriminalamt installiert worden. Sie diente seinem Personenschutz. Es war die Zeit, als Horst Seehofer von der CSU noch Bundesminister für Gesundheit unter Helmut Kohl war.
Der Bildschirm war mal ein kleines Zeichen seiner Macht. Als er sie verlor, hatte die Anlage keinen Sinn mehr. Aber er hat sie nie ausgeschaltet. Es ist, als seien die letzten vier Jahre, in denen Rot-Grün re-
gierte, nur eine Werbeunterbrechung in einem Spielfilm gewesen. Bleiben Sie dran, gleich geht es weiter.
Horst Seehofer, 53, glaubt fest daran, dass er bald wieder Minister ist.
Er steht an seinem Esstisch, er ist 1,92 Meter groß und blass. Er sagt: "Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man einfach ausgewechselt wird? Haben Sie mal Sport getrieben, so richtig um Punkte gespielt? Wenn man ausgewechselt wird, steht man draußen und würde ein paar Dinge gerne korrigieren. Es geht darum, diese Auswechselung durch den Wähler auszumerzen, es geht darum, wieder eingewechselt zu werden."
Es geht um die Rückkehr zur Macht. Er nennt es seine "Lebenszielsetzung".
Vor ihm auf dem Tisch liegt eine grüne Mappe, in der er Papiere gesammelt hat. Es sind Berichte aus Krankenhäusern, Zahlen, Kurven, Befunde. Darin kann man nachlesen, dass nicht viel gefehlt hatte, und Seehofer wäre tot gewesen.
Es ist im Dezember des letzten Jahres, als Horst Seehofer, ein einfaches Mitglied des Deutschen Bundestages, Schüttelfrost bekommt. Er fühlt sich müde und schlapp und kauft sich in der Apotheke eine Packung "Grippostad". Er hofft, "dass es vergeht, so wie es immer vergangen ist". Es vergeht nicht. Im Januar ist es wieder da, es wird stärker, je näher die Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth rückt.
Er glaubt, dass ihn Kreuth seiner Lebenszielsetzung näher bringen wird. Seehofer, der Sozialpolitiker, war von Edmund Stoiber beauftragt worden, eine Stoffsammlung für das Wahlprogramm zu entwerfen. Er war wieder wichtig geworden. Er hatte den Vortrag in einem Benediktiner-Kloster ausgearbeitet, um Ruhe zu haben. Er hatte geschrieben und gebetet.
Jetzt ist er in Kreuth, er hat starken Husten und Atemnot. Vom Parkplatz muss er eine kleine Anhöhe hochlaufen, und als er oben ist, kann er kaum noch sprechen. Er hält seinen Vortrag im Sitzen. "Das hier ist ein bedeutungsvoller Vorgang, den will ich unbedingt selber gestalten", sagt er.
Als er wieder zu Hause ist, verbringt er zwei Nächte im Sitzen, auf der Bettkante. Er hat geschwollene Beine, in denen sich Wasser abgelagert hat. Seehofer glaubt, er habe Lungenkrebs. Er bittet seine Frau, den Hausarzt anzurufen. Der misst ihm den Puls - 220.
Seehofer soll in das Ingolstädter Klinikum überwiesen werden. Aber er will abends einen Vortrag vor Zahntechnikern in Frankfurt halten. Er will seine Kompetenz beweisen. "Ich möchte nicht, dass es heißt: Der will nicht", sagt er. Dann geht er doch ins Krankenhaus.
Professor Conrad Pfafferott ist Chefarzt in Ingolstadt. Er braucht nicht lange für die Diagnose. Horst Seehofer hat eine virale Myokarditis - eine Herzmuskelentzündung, die entstand, weil er einen Virus verschleppt hatte. Der hatte die Herzmuskelzellen angegriffen. Auf dem Ultraschall sieht sein Herz so groß aus wie ein Kürbis. Es hat noch eine Pumpleistung von zehn Prozent.
Pfafferott zieht einen Hocker an Seehofers Bett und sagt: "Das ist lebensbedrohlich." Es könne sein, dass es ausheilt - "Sie müssen in Monaten denken" -, es könne aber auch sein, dass es nicht ausheilt. Es gebe nur eine Therapie bei dieser Krankheit: Ruhe. Die Hälfte der Patienten mit Seehofers Befund stirbt innerhalb weniger Jahre nach der Diagnose. "Sie müssen loslassen von Ihrem Job. Sie haben keine andere Wahl", sagt Pfafferott.
Seehofer fragt, was passiert wäre, wenn er zu den Zahntechnikern nach Frankfurt gefahren wäre. "Sie hätten Frankfurt nicht erreicht", sagt der Professor. Es ist Freitag, der 11. Januar. Es ist der Tag, an dem Angela Merkel zum Frühstück nach Wolfratshausen fährt und Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur der Union anbietet. Seehofer war Stoibers Mann für das Monstrum Gesundheitspolitik. Jetzt ist er Patient - "Sie müssen in Monaten denken". Es sieht so aus, als ende die Lebenszielsetzung in einem Krankenhauszimmer von Ingolstadt.
Er soll loslassen, hat der Professor gesagt. Nur: Kann er das? Und: Lassen die anderen ihn los? Es gibt in der Union keinen, der so viel von Sozialpolitik versteht wie er.
Sie brauchen ihn. Sie rufen ihn an, Merkel, Merz, Stoiber, Glos. Sie sagen ihm, dass er auf die Ärzte hören soll. Loslassen. Dann erzählen sie ihm, was in der Partei so alles passiert: Stoiber und Merkel können miteinander, hätte man nicht gedacht. Die Umfragen? Werden immer besser. Es läuft, auch ohne ihn.
Manchmal liegt er im Bett und fragt sich, ob er irgendwann überflüssig sein wird. Stoiber ruft an und sagt, dass er die frühere bayerische Sozialministerin Barbara Stamm in seine Mannschaft holen wird, weil er nicht ohne Fachverstand auskommen kann. Seehofer soll das nicht aus der Zeitung erfahren. Dann ruft Glos an und behauptet: "Die Planstelle wird freigehalten." Nach jedem Telefonat ist Horst Seehofer so erschöpft, dass er sofort einschläft.
Vielleicht hat ihm nur Alois Glück wirklich geholfen. Der CSU-Fraktionschef in Bayern hat einen schwer behinderten Sohn, seine Schwester hatte Kinderlähmung, sie ist gestorben. Er weiß, wie die Gesellschaft auf Menschen reagiert, die nicht der Norm entsprechen. Glück ist einer der wenigen in diesem Betrieb, der Politik macht, um Menschen zu helfen und nicht allein der Partei oder sich selbst. Er kennt Seehofer als jemanden, "der nie Interesse an Fragen der Psychologie hatte, nie Interesse an etwas, das über die Machbarkeit hinausgeht".
Am Aschermittwoch bekommt Horst Seehofer Besuch von Edmund Stoiber. Der Professor ist dabei. "Vor August brauchen Sie nicht mit ihm zu rechnen", sagt Pfafferott. "Wichtig ist ab Oktober", sagt Stoiber. Als Seehofer den Kanzlerkandidaten sieht, geht sein Puls hoch.
Es ist nicht nur ein privater Besuch, wie Stoiber behauptet. Es ist eine Konfrontation mit der Politik. Es geht wieder um die Lebenszielsetzung.
Seehofer und Stoiber haben sich nie sehr gemocht. Der Bundesminister sah im Ministerpräsidenten einen Populisten, dem seine bayerischen Interessen wichtiger waren als die Bundespolitik der Union. Stoiber störte an Seehofer, dass der auf CSU-Parteitagen immer die besseren Wahlergebnisse bekam. Einmal sagte Stoiber zu ihm: "Gell, aber nicht übermütig werden."
Trotzdem war Seehofer für Stoiber und gegen Merkel. Zum einen hält er Merkel für berechnend und kalt. Für eine, die die katholische Soziallehre nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Zum anderen glaubte er, dass Stoiber mehr Prozente kriegen würde. Er ahnte, dass er unter der Kandidatin Merkel nicht mehr eingewechselt würde.
Horst Seehofers Vater war Lastwagenfahrer und Bauarbeiter. Der Sohn machte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten. Er hat kein Abitur, aber im Gesundheitsbetrieb war er trotzdem gefürchtet bei diesen ganzen schlauen Akademikern. Er kommt von sehr weit unten, und selbst als er oben war, hat er immer daran gedacht, was Franz Josef Strauß einmal riet: Vergiss nie, wer im Wahlkampf deine Plakate klebt. Seehofer findet selbst, dass sein Weg "eine phantastische Geschichte" war.
Zum Ende von Kohls Regierung machte er eine Politik, die keiner mehr verstand. Erst hatte er sich mit den Ärzten angelegt, dann war er auf die Patienten losgegangen, und dann wurde er abgewählt. Der ganze Rausch - "dass man die Spielregeln der Gesellschaft mitbestimmt, und dass das, was man tut, bestimmend für 80 Millionen Menschen ist" - war an einem Tag vorbei.
Seehofer sagt, es gebe vier Politiker, an denen man die Wahlniederlage im September 1998 festmachen könne: Kohl, Blüm, Waigel - und ihn.
Er fühlt sich schuldig an dieser Niederlage. Er ist wie der Torwart Oliver Kahn, der glaubt, dass die Deutschen nicht Weltmeister wurden, weil ihm ein Ball aus der Hand flutschte. Seehofer bewundert Kahn. Kahn hatte überlegt, ob er aufhören solle bei der Nationalmannschaft. Aber er will nun noch 2006 Weltmeister werden.
Auch Seehofer hätte aufhören können. Vielleicht wäre er Bürgermeister von Ingolstadt geworden und hätte greise Großmütter zum Geburtstag im Altersheim besucht.
Einmal stand er nach dieser Niederlage mit seinem Freund Theo Waigel in den neuen Wohnungen für Bundestagsabgeordnete in Berlin-Moabit. Es gab keine Vorhänge und keine Jalousien, und die beiden Bewohner waren klein und unbedeutend geworden. Aber Waigel war Finanzminister gewesen, an der deutschen Vereinigung und an der Einführung des Euro beteiligt. "In ein paar Jahren wird die Geschichte ein gerechtes Urteil darüber schreiben", sagt er heute sehr gelassen.
Sollte sich die Geschichte einmal mit Seehofer befassen, würde wohl kaum viel mehr dabei herumkommen, als dass er sich an der Gesundheitspolitik verhoben habe.
Deshalb beschloss er, dass er noch einmal Weltmeister werden will.
Am 26. Juni steht Horst Seehofer vor der bayerischen Landesvertretung in Berlin und wartet auf Journalisten. Er gibt seine erste Pressekonferenz in der Hauptstadt, seit er ins Krankenhaus kam. Er begrüßt die Journalisten mit Handschlag. "Ich möchte mich bei Ihnen zurückmelden", sagt er. Und er liefert guten Stoff. Er legt sich mit der Hartz-Kommission an und nimmt den Arbeitsminister auseinander. Riester sei "ein begnadeter Murkser".
Seehofer ist wie Kahn. Wenn Kahn gewinnen will, geht er seinen Gegnern an den Hals.
Er sei jetzt wieder gesund, sagt Seehofer. Ist er das?
Er muss jeden Tag Beta-Blocker und ACE-Hemmer und Tabletten schlucken, die für die Entwässerung sorgen. Sein Professor Pfafferott sagt: "So wie es jetzt aussieht, darf er an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Krankheit überwunden ist."
So wie es jetzt aussieht. Er soll schwere körperliche Anstrengungen vermeiden und langsam anfangen; erst in Bayern, dann im Bund. "Man muss unterscheiden zwischen anfangen und anfangen", sagt Conrad Pfafferott. "Wie er seine Termine staffelt, bestimmt er selber."
Horst Seehofer sagt, er habe durch seine Krankheit einen neuen Blick auf sich bekommen. Er nehme sich nicht mehr so wichtig. Er müsse sich nicht mehr beweisen, dass er Minister sein könne. Er nehme nicht mehr an jeder Sitzung teil. Neulich sei er abends um neun in München gelandet. Der "Männerturnverein Ingolstadt" - sein Turnverein - habe gerade eine Versammlung gehabt. Er sei nicht hingegangen. Seine elfjährige Tochter habe ihm am Krankenbett gesagt, das sei das erste Mal, dass sie mit ihm reden könne. Er wolle sich mehr um die Familie kümmern.
Es gibt Tage, an denen er zu Hause ist und dort sechs Stunden am Stück mit Journalisten redet. Seine Frau kommt ins Esszimmer und bringt frischen Kaffee. Sie möchte lieber nichts sagen, sagt sie.
Er ist die Hälfte der Woche in Berlin. Neulich gab es einen Tag, der von sieben am Morgen bis halb zwei in der Nacht dauerte. "Ich war voll geschäftsfähig am nächsten Tag."
Er geht ins Fernsehstudio, zu Maischberger und Koschwitz, er geht auf öffentliche Plätze, um vor demonstrierenden Apothekern zu sprechen. Demnächst tritt er in Bierzelten auf, und dann wird er in Stoibers Kompetenzteam vorgestellt, als Superminister für Gesundheit, Arbeitslosenversicherung und Rente.
Er macht jetzt piano, sagt er. Wenn die Wahl gewonnen ist, will er weniger arbeiten, "vielleicht von sieben bis 22 Uhr, das halte ich für eine Entlastung."
Es soll bald eine ganz neue Gesundheitspolitik geben. Es soll nicht mehr um Sparpläne gehen, sondern um Qualitätsmedizin. Vielleicht ist es das, was er in seiner Krankheit wirklich gelernt hat.
Die Reform muss in zwei Jahren abgeschlossen sein - "damit man sie in vier Jahren beweisen kann". Vielleicht wäre er dann so weit wie Theo Waigel. Vielleicht würde dann die Geschichte ein gerechtes Urteil über ihn fällen.
Horst Seehofer guckt auf den Bildschirm in seinem Esszimmer. Es passiert noch immer nichts draußen. Es kann schrecklich einsam sein in Ingolstadt-Gerolfing. "Ich bin noch zu jung", sagt er, "ich möchte nicht ausscheiden, jetzt nicht." Er weigert sich darüber nachzudenken, was wäre, wenn er nicht mehr eingewechselt würde.
* Am Dienstag vergangener Woche im Berliner Jacob-Kaiser-Haus.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 29/2002
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