15.07.2002

BEAMTEImmer auf See

Der neue sächsische Wirtschaftsminister Martin Gillo bringt seine Bürokratie mit verblüffenden Methoden auf Trab.
Die E-Mail war kurz und trocken, doch 50 Führungskräfte des sächsischen Wirtschaftsministeriums ahnten nach Lektüre, dass sich ihr Leben nun drastisch ändern könnte: Die Beamten, so die kurze Computerbotschaft ihres neuen Chefs Martin Gillo, 57, sollten sich doch bitte mal umgehend über ihre eigene Versetzung Gedanken machen. Denn länger als drei Jahre, so die für Staatsdiener gemeinhin schockierende Ansage, solle künftig keiner mehr auf demselben Stuhl sitzen.
Am flimmernden Bildschirm mussten die verstörten Untergebenen zur Kenntnis nehmen, dass Amtschef Gillo von Stund an "mehr Offenheit für Neues" wünsche - und bekamen als Zugabe gleich vielsagende Lyrik zur Hand, nämlich des Ministers Lieblingsgedicht, Hermann Hesses "Stufen": "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."
Neun Wochen ist es her, dass die neue Wunderwaffe von Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) bei Amtsantritt im Wirtschaftsministerium verkündete, er wolle "Bürokratie entschlacken" und "Verwaltungsprozesse beschleunigen". Inzwischen hat auch der letzte der rund 400 Mitarbeiter seines Hauses begriffen, dass es der parteilose Ex-Manager des amerikanischen Chip-Herstellers Advanced Micro Devices (AMD) offenbar tatsächlich ernst meint.
Denn die Mail war kaum verdaut, da wirbelte Gillo schon weiter. Frei nach Hesse - "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde" - schickte der Neu-Minister und studierte Sozialpsychologe urplötzlich seine beiden Staatssekretäre in den einstweiligen Ruhestand. Ein altgedienter Abteilungsleiter verschwand zeitgleich in Pension, die Chefin der Abteilung "Politikstrategien" nahm überstürzt ein Jahr Urlaub, unbezahlt.
Und das waren erst die Personalien. Als sich die Staubwolken legten, waren auch von sieben Abteilungen nur noch fünf übrig.
Zur weiteren Motivation seiner Ministerialen ließ der Ressortchef, der beiläufig in Besprechungen schon mal "die Sünde des Nichtstuns" beklagt, ein Heftchen des einstigen amerikanischen Erziehungsministers John W. Gardner in Umlauf bringen. Das Werk "Über die Kunst des Zeichnens ohne Radiergummi" enthält Passagen, die selbst hartgesottene Beamte in eine tiefe Sinnkrise stürzen können - etwa jener Abschnitt über die Lepas anatifera, die Entenmuschel.
Diese friste, wenn sie sich einmal für einen Ort entschieden habe, ihr Dasein "den Rest ihres Lebens mit dem Kopf festzementiert an einem Stein". Gardner zu diesem Phänomen: "Wir alle kennen Männer und Frauen, auch solche in verantwortungsvollen Positionen und glücklichen Lebensumständen, denen mitten in ihrer Karriere alle Energie ausgegangen ist." Behörden-Mitarbeiter forderten innerhalb weniger Wochen 210 Broschüren des jüngst verstorbenen US-Amerikaners an.
Gillos Leseoffensive fruchtete: Inzwischen rang sich etwa die Hälfte der angemailten Spitzenbeamten auf Lebenszeit eine Antwort an den Minister ab, der Rest sitzt den Angriff vorerst aus. "40 Prozent haben sich für Veränderungen ausgesprochen", zieht Gillo Bilanz: "Bisher wurden ungeliebte Beamte von ihrem Platz weggelobt. Ich will, dass die Besten rotieren."
Das Ausmisten führte bisher kaum zu offener Kritik auf den Ministeriumsfluren. "Seit elf Jahren gab es hier zum Teil keine Veränderungen mehr. Das war durchaus mal nötig", befindet Hauptpersonalrat Ewald Walisch, auch wenn er mit Gillos Küchenphilosophie aus Hesse und Gardner nicht allzu viel anfangen kann. Die Belegschaft wartet gespannt und nicht ohne Schadenfreude auf die rotierenden Referats- und Abteilungsleiter - Sekretärinnen und Sachbearbeiter hoffen zunächst auf Schonung.
Selbst Gewerkschaftler reiben sich staunend die Augen. "Unkonventionelles Zupacken" bescheinigt Sachsens DGB-Vorsitzender Hanjo Lucassen dem neuen Verwaltungschef, der, auf der anderen Seite ganz kuschelig, in der Ministeretage Geburtstagsrunden für seine Mitarbeiter ausgibt und regelmäßige Treffen mit der gesamten Belegschaft eingeführt hat.
Gillo, der deutscher und amerikanischer Staatsbürger ist und in den letzten Kriegstagen im sächsischen Leipzig zur Welt kam, hadert dennoch mit seiner neuen Rolle.
Bei AMD habe er als Geschäftsführer des hochmodernen Dresdner Chip-Werks und europäischer Personaldirektor einen Langstreckenlauf auf festem Boden zu bewältigen gehabt - der nach 22 Jahren vorläufig zu Ende ging: Als er nun in die kalifornische AMD-Zentrale befördert werden sollte, zog er es vor - auch nicht gerade beweglich -, in Dresden zu bleiben. In der Politik befinde er sich hingegen "immer auf See". "Bewegungen gehen nur sehr langsam vor sich. Es ist wie beim Manövrieren eines Tankers."
Und so ist Gillos Sieg im Kampf gegen die Bürokraten denn auch noch keineswegs ausgemacht. Weil auch der Neu-Minister bei allen Veränderungen für sich selbst immer genau darauf achtet, dass "das Überleben die Regel Nummer eins ist", hat er sich von seinem Arbeitgeber für die Zeit seines Politik-Ausflugs zunächst für zweieinhalb Jahre freistellen lassen. Dann stehen im Freistaat Neuwahlen an.
Zur ständigen Warnung vor dem Schiffbruch als Amtschef haben die Mitarbeiter seiner Pressestelle vorsorglich einen Satz an die Bürowand gepinnt, der Joschka Fischer zugeschrieben wird: "Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt." STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 29/2002
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