15.07.2002

SEKTENDer Brief des Johannes

Ein Empfehlungsschreiben des Bundespräsidenten verhalf einer dubiosen Glaubensgemeinschaft zu einer günstigen Immobilie.
Die Dorfidylle am Schaalsee in Schleswig-Holstein lockt seit jeher Hamburger und Berliner an, die hier in teils beeindruckenden Anwesen ihre Sommer- und Wochenendfrische verbringen. "Frischluft für die Seele", so wirbt die Gemeinde Salem-Dargow für sich.
Doch mit dem Seelenfrieden der meisten Bürger ist es jetzt vorbei - und daran hat ausgerechnet Johannes Rau großen Anteil. Denn mit Unterstützung durch den Bundespräsidenten hat "Das Leben e. V.", eine radikale Christen-Sekte, am Schaalsee eine weitläufige Immobilie in bester Lage erworben. Der ob seines christlichen Engagements auch "Bruder Johannes" genannte Bundespräsident hatte dem "Leben e. V." im September 2001 für dessen Suche nach einem neuen Gemeindehaus ein überaus wohlwollendes Empfehlungsschreiben zukommen lassen.
Nach einem kurzen Treffen auf einem Fest des Präsidialamts hatten die Sektierer eine bunte Imagebroschüre nach Berlin geschickt, Planungsskizzen für ihre Traumimmobilie anbei. Im Präsidialamt machte sich eine Sachbearbeiterin im Namen ihres Dienstherrn zügig an die For-
mulierung des Antwortbriefs, den Rau mit Datum vom 26. September unterschrieb.
Darin lobt der Bundespräsident die "Rückbesinnung auf Werte", für die "Das Leben" stehe. Schließlich brauche man in "einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen an Orientierungslosigkeit leiden" mehr "Gemeinsinn und Solidarität". Vor allem die Erziehung des Nachwuchses sei vorbildlich: "Indem Sie Ihren Kindern Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Mitgefühl vermitteln, tragen Sie zu einem stärkeren inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei." Und deshalb, so das Rau-Schreiben weiter, "haben meine Mitarbeiter Ihren Brief und die Planungsunterlagen der Hamburger Finanzbehörde mit der Bitte zugeleitet, Ihnen bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück behilflich zu sein".
Doch die derart protegierten Christen sind nach Meinung von Fachleuten keineswegs so harmlos und wohlmeinend wie im Brief des Johannes gepriesen. Denn der Verein mit rund 120 Mitgliedern und seiner Zentrale in Oststeinbek bei Hamburg ist eine von etwa 20 deutschen Gemeinden der so genannten Norweger; die fundamentalistische Bewegung aus Skandinavien weist für das Referat "Sekten und Psychogruppen" des Bundesfamilienministeriums "alle Züge einer fundamentalistischen Gruppierung mit der starken Tendenz zur Radikalisierung" auf. Die Gruppe sei "klar ausgerichtet auf eine Führerfigur und eine Führerideologie".
Vor allem die erzkonservative Auslegung der Bibel sorgt die Sektenexperten. So haben sich die Frauen innerhalb der Gemeinde "der Vormachtstellung des Mannes" zu unterwerfen, sie müssen ihr Haar bedecken und sollen in der Regel keine Ämter bekleiden. Schließlich sei "die Unterordnung", so ein interner Leitartikel, eines "der notwendigen Mittel, um Gemeinschaft und Harmonie zu schaffen".
Scheidungen sind in der Truppe verpönt, Beziehungen von Geschiedenen gelten als Ehebruch. Auch die Erziehung der oft vielköpfigen Kinderschar ist rigide: von der Kleiderordnung, die Mädchen lange Röcke vorschreibt, bis hin zur Abneigung gegen Medien, die "den Schmutz der Welt" transportieren. Stattdessen werden Kinder und Jugendliche zu Arbeitseinsätzen herangezogen, um "Fleiß und Einsatzwillen" zu schulen. Kontakte mit Kindern außerhalb der Gemeinde werden so weit wie möglich vermieden.
Diese und andere "natürlich völlig übertriebenen" Geschichten hätten dem "Leben e. V." die Suche nach einem neuen Gemeindehaus sehr erschwert, klagt Friedrich-Wilhelm Lescow, Sprecher der Bibelfundamentalisten.
Nun aber öffnete Raus Brief Türen, die bislang verschlossen waren. Zwar verweigerte die Kieler Staatskanzlei, an die Hamburger Finanzbeamte den Brief zuständigkeitshalber weiterleiteten, jede Mithilfe, nachdem deren Prüfer zur "äußersten Vorsicht" im Umgang mit dem Verein gemahnt hatten. Doch weil diese Warnung nicht weitergegeben wurde, konnte das "Leben" ein paar Ebenen tiefer mit der präsidialen Empfehlung punkten, etwa in der Verwaltung der Gemeinde Salem.
Auch der Verkäufer, ein evangelisch-lutherischer Kirchenverband, sah keine Probleme bei dem Handel und machte dem "Leben e. V." für das rund tausend Quadratmeter große ehemalige Jugendfreizeitheim auf dem knapp 11 000 Quadratmeter großen Traumgrundstück ein enorm günstiges Angebot: Für 536 856 Euro wechselte das ausgesprochen gut erhaltene Gebäude per Notarvertrag vom 21. Februar den Besitzer.
Zwar hatte selbst die Sektenbeauftragte der Nord-Elbischen Kirche, Gabriele Lademann-Primer, vor dem Verkauf an "Das Leben" gewarnt. Doch der zuständige Gemeindepastor Rüdiger Bethke ("Ich brauche keine Sektenbeauftragte, ich bin selber Theologe") ließ sich leiten vom "guten Eindruck", den die Käufer auf ihn machten - und "auch natürlich vom Brief des Herrn Bundespräsidenten".
In dessen Amt freilich will man von dem Schreiben am liebsten nichts mehr wissen: Die Sachbearbeiterin habe vorschnell gehandelt, als sie das Dekret zur Unterschrift vorbereitete. Rau-Sprecher Klaus Schrotthofer: "Auf Grund der jetzt vorliegenden Informationen wäre dieser Brief so wahrscheinlich nicht entstanden." RALF KLASSEN
* Mit Sektensprecher Lescow (4. v. l.).
Von Ralf Klassen

DER SPIEGEL 29/2002
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