15.07.2002

INTERNETFlucht ohne Grenzen

Jede Branche hat ihre Marotten: Bei Menschenschleppern ist es die Angewohnheit, Fußmärsche über die Grenze nachts zurückzulegen. Dabei ist es tagsüber, bei voller Sicht, sogar ungefährlicher. Das entdeckte Harald Schmutzhard, 36, Künstler und Gemeinderat in Linz. Eine Woche lang durchstreifte Schmutzhard von morgens bis abends verkleidet als Wanderer - in Knickerbockerhosen und buntem Hemd - die Wälder im österreichischtschechischen Grenzgebiet nördlich von Linz. Ergebnis: ideale Fluchtbedingungen. Die Wachtürme waren unbesetzt, gerade zweimal vernahm er eine "von weitem gut hörbare" Patrouille - bis sie auftauchte, konnte er sich in die Büsche schlagen. Schmutzhard machte elf Fluchtrouten ausfindig und stellte sie als Projekt der von ihm gegründeten Künstlergruppe "social impact" ins Internet. Die schwierigsten Routen filmen nun zwei Videokünstlerinnen. "Social impact" will illustrieren, dass Europa seine Grenzen nicht hermetisch abriegeln kann und es politische Lösungen für Konflikte geben muss. Wie einfach der Grenzübertritt gerade bei Tageslicht ist, beweist Schmutzhards Erfahrung: "Anders als nachts, wo die Patrouillen mir durch ihre Nachtsichtgeräte überlegen sind, sah ich sie bei Tageslicht genauso früh wie sie mich", berichtet er. Waren andere Wanderer in der Nähe, fiel er ohnehin nicht auf. Niemand interessierte sich für Schmutzhard, belästigt wurde er nur von Mückenschwärmen.

DER SPIEGEL 29/2002
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