15.07.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas falsche Haus

Wie in Groß Mühlingen ein Stück DDR illegal entsorgt wurde
Vorsichtig trugen die Arbeiter das Dach ab, es war asbestverseucht und musste sicher entsorgt werden, 14 Tage zog sich das hin, ein kniffliger Job. Dann rammte der Bagger die Wände nieder, und niemand hinderte ihn daran. Niemand schien etwas dagegen zu haben, dass die Kaufhalle von Groß Mühlingen, Sachsen-Anhalt, niedergerissen wurde. Dann stand nur noch eine Wand.
Am Tag, als die letzte Mauer fallen sollte, klingelte beim Abrissunternehmer Rudolf Gander in einem Nachbarort das Telefon. Er hob ab. Den Namen der Person am anderen Ende der Leitung hat er vergessen. Nicht aber die Frage des Anrufers: "Haben Sie eigentlich eine Abrissgenehmigung?" Eine Formalie, dachte Gander, seit zehn Jahren ist er im Geschäft und kennt die Gesetze, er holte den Ordner aus dem Regal.
Er fand das Blatt - auf dem sich eindeutig keine Genehmigung befand, den Supermarkt platt zu machen, den sein Angestellter gerade mit einem 30-Tonnen-Bagger niederriss.
Tagelang machten sie sich lustig in der Groß Mühlinger Dorfkneipe über Gander und seine Leute. Boulevardzeitungen berichteten über den "tranigen Baggerfahrer", Presseleute versammelten sich in diesem 1150-Seelen-Dorf und ergötzten sich an der ostdeutschen Torheit, es kamen Fernsehteams, sie baten und drängten Gander vor ihre Kameras.
Er zog sich zurück, ging nicht mehr ans Telefon. Er hatte einen Fehler gemacht, das wusste er. Aber deswegen war er doch kein Idiot. Es war nur ein Irrtum, ein ganz kleiner eigentlich, er hatte sich nur um zwei Kilometer und eine Vorsilbe vertan: "Der Auftrag galt für den 'Konsum' in Klein Mühlingen. Aber ich bin schon für den Kostenvoranschlag nach Groß Mühlingen gefahren. Da hab ich auch meine Männer hingeschickt."
2500 Euro kostete ihn der Einsatz. Die Summe kann seine Firma locker verkraften, die zahlt er selbst, da schaltet er keine Versicherung ein. Doch dass ihn jetzt wildfremde Leute als Deppen darstellen, das verkraftet er nicht. Schließlich wür den doch überall mal Fehler gemacht: "In Frankreich, das hab ich jetzt noch in der Zeitung gelesen, haben Bauarbeiter das falsche Dach abgedeckt. Und nur ein paar Kilometer von hier hat jemand ein Haus direkt neben das Grundstück gebaut, das er eigentlich gekauft hatte. Dafür interessiert sich kein Mensch."
Gander, kämpferisch, streckt sich in seinem Bürostuhl, unter seiner Weste kommen Hosenträger zum Vorschein, die über seinem Bauch spannen. Darauf sind Bierkrüge gedruckt und der Spruch: "Man gönnt sich ja sonst nichts". So einer ist er. Kein Typ für Luxus. Er läuft in seinen verstaubten Halbschuhen über das Firmengelände und zeigt stolz den Containerpark, die Werkstatt, die Bagger und Sattelschlepper. Dieses Gelände, dieser Betrieb, diese Geräte - sie sind sein Leben. Hart erschuftet. Seine Karriere zu DDR-Zeiten begann als kleiner Vorarbeiter am Elbehafen Schönebeck. Er brachte es dort bis zum Betriebsleiter.
Dann kam die Wende, und Gander wusste, womit im Osten wirklich Geld zu verdienen ist: Abriss. Entsorgung. Bevor das Neue kommt, musste ja erst mal das Alte weg. Gander hat Trabis recycelt, die niemand mehr fahren wollte. Als keine mehr übrig waren, kaufte er Bagger, Abrissbirnen, Schwertransporter - die Gemeinden ließen Plattenbauten und ganze Silos abreißen, das Zeug musste weg, und Gander hatte ein Gefühl dafür, was das ist: der Markt. Dem passt man sich an.
Er hat gelernt, an den Nutzwert der Dinge zu denken. Bei jenem Flugzeug beispielsweise, 22 Meter lang, Spannweite 32 Meter, das er unbedingt haben musste, aber Geld einbringen sollte es schon. Er stellte das Ding in seinen Vorgarten, als Flugzeug-Café. Doch alle Auflagen zu erfüllen hätte seinen finanziellen Rahmen gesprengt. Also wollte er die IL-14 als Werbeträger für seine eigene Firma nutzen, durfte aber nicht: das Ordnungsamt. Gander stellte die Maschine dem Dessauer Technikmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung und konzentrierte sich wieder auf seinen Job.
Aufbau durch Abriss - er ist ein Erfolgsmensch, ein Macher, der ursprünglich alles nur unternahm, "um selbst Arbeit zu haben", sagt er. Und nun kann er 20 Männern Arbeit geben, sommers wie winters, das ist viel im trostlosen Sachsen-Anhalt, wo jeder Fünfte keinen Job hat. Aber nun lachen alle über ihn. Im Moment jedenfalls. Das schmerzt. Auch weil es unfair ist, denn eigentlich, findet Gander, "könnten die doch froh sein, dass ich die Kaufhalle abgerissen habe". Und wenn sie nicht gerade lachen, dann sind sie das auch. Sehr sogar.
Bevor Ganders Bagger kam, stand ein verrotteter Supermarkt in Groß Mühlingen herum, der jahrelang für Ärger gesorgt hatte. Von dem lange unklar war, wem er eigentlich gehörte und für den niemand Schadensersatz verlangt hat, bisher. Ein Schandfleck, ein Stück DDR, das keiner mehr sehen wollte, "die Baracke war zu einem gefährlichen Abenteuerspielplatz für die Kinder geworden. Aber die Verwaltung hatte kein Geld für den Abriss", sagt Ute Möbius, die Bürgermeisterin. Sie ist begeistert.
Ganders Irrtum - ein Glücksfall für die Gemeinde, und der blieb so lange unbemerkt, wie es nötig war. Schräg gegenüber vom Abrissplatz steht das Haus der Bürgermeisterin, jeden Morgen fährt sie am Kaufhallengelände vorbei, aber vom Baggereinsatz, sagt sie, habe sie überhaupt nichts bemerkt.
Bis zu jenem Tag, an dem fast nichts mehr stand. Da ist sie "aufgeschreckt". Da hat sie "sich gewundert" und mit dem Ordnungsamt telefoniert. Und von dieser Behörde aus rief dann an jenem Dienstag jener Mann bei Rudolf Gander an: "Haben Sie eigentlich eine Abrissgenehmigung?" MELANIE HANSTEIN
Von Melanie Hanstein

DER SPIEGEL 29/2002
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