15.07.2002

„Da kriege ich richtig Hass“

Ein missbrauchter Junge und seine Mutter über die Qualen der Opfer
Michael S. war 9 Jahre alt und Ministrant in einer bayerischen Pfarrgemeinde, als er vom Pfarrer Wolfdieter W. missbraucht wurde. Erst heute, er ist inzwischen 24 Jahre alt, kann das Opfer die Vorgänge reflektieren. Auch bei seiner Mutter, einst eine gläubige Katholikin, ist der Glaube in Wut auf die Verantwortlichen in der Kirche umgeschlagen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Wie hat denn alles angefangen?
Michael: Der Pfarrer hat uns Ministranten öfter zu sich eingeladen. Dann war es eigentlich immer dasselbe. Ich kam rein in sein Arbeitszimmer, manchmal zusammen mit einem Freund. Es gab Kekse. Er hat mich auf seinen Schoß gesetzt, schob seine Hand bei mir in die Hose, dann in die Unterhose und berührte meinen nackten Hintern. Dann rieb er so an der Seite, Richtung Genitalien. Dazu hat er mit seinem Mund am Ohrläppchen geknabbert, am linken. Das fühle ich noch heute genau.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich nicht gewehrt?
Michael: Als Neunjähriger wusste ich natürlich nicht, was der Pfarrer da von mir will. Es ging so ein Jahr lang. Ich habe aber daheim nie was dazu gesagt. Mir war gar nicht bewusst, dass der was Schlimmes mit mir macht. Aber es hat mich so gestört, dass ich nicht mehr zu ihm hin wollte.
SPIEGEL: Woran haben Sie gemerkt, dass Ihr Sohn offensichtlich ein Problem hat?
Mutter: Es gab an der Schule Gerüchte über den Pfarrer. Da habe ich dann überlegt, warum mein Sohn immer so komisch ist, warum er nicht mehr Ministrant sein wollte. Zuletzt wollte er sogar nicht mehr zum Pfarrer ins Auto steigen.
Michael: Irgendwann habe ich zu meiner Oma mal gesagt: "Der langt mir immer in die Hose." Die hat das dann meiner Mutter gesagt. Meine Mutter wusste aber nicht, an wen sie sich wenden sollte. Dann gab es eine anonyme Anzeige im Ort, und die Kripo kam zu uns. Die Gemeindekinder wurden ausgefragt, man merkte rasch, dass alle übereinstimmten, er hatte sich an vielen vergangen.
SPIEGEL: Wie reagierte die Kirche?
Michael: Man hat alles runtergespielt und vertuscht. Der Direktor des zuständigen Priesterseminars, mit dem ich Jahre später mal drüber redete, sagte mir: "Ja, ja, er ist schon ein armer Mann." Mehr nicht. Das hat mir so gestunken, dieses "das ist ein armer Mensch, und wir müssen Mitleid mit ihm haben".
SPIEGEL: Haben Sie keins?
Michael: Wer hat denn Mitleid mit uns? Ein Pfarrer kann seine Macht wie ein Pistole benutzen - ich kann damit Leben verteidigen, ich kann auch jemanden erschießen.
Mutter: Ich habe, nachdem ich erfuhr, der Pfarrer habe nach seiner Versetzung erneut Kinder missbraucht, dem Generalvikar in Würzburg einen Brief geschrieben und ihn gebeten, er möge sich darum kümmern, dass es den Familien nicht genauso geht wie uns.
SPIEGEL: Haben Sie darauf eine Antwort bekommen?
Mutter: Ein lapidares Schreiben kam zurück, dass ich jederzeit mal mit ihm reden könnte. Das war sein einziges Angebot. Wenn ich daran denke, wie mit den Opfern umgegangen wird, kriege ich richtig Hass. Unser Kind, die Familie, wir alle waren in psychologischer Betreuung, weil wir das bis heute einfach nicht verkraftet haben. Das merk ich immer wieder. Neulich rief mich mein Sohn aufgeregt an: "Mutti, ich habe den Pfarrer in Würzburg gesehen, ich bin weggerannt." So viele Jahre nach der Tat!
SPIEGEL: Sie haben nie Schadensersatz für die nötigen Therapien oder Schmerzensgeld bekommen?
Mutter: Wir haben nie was gekriegt. Ich hätte aus Wut und Verzweiflung damals wohl auch gar kein Geld angenommen. In Amerika kam das jetzt ja nur hoch, weil die Opfer - wenn auch spät - die Kirchenoberen verklagt haben. Anscheinend setzt nur so was die Kirche unter Handlungsdruck. Wir sollten es genauso wie in Amerika machen.

DER SPIEGEL 29/2002
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