15.07.2002

Die große Stille

Ortstermin: Angst und Hoffnung bei Babcock Borsig in Oberhausen
Der Tag, vor dem alle Angst haben, beginnt in großer Stille. Das Werk liegt da, als wäre es schon tot, keine Geräusche, wenig Menschen. Das Gitter am Tor ist heruntergelassen. Vor dem Haupteingang von Babcock Borsig steht ein gelbes Fahrrad, wenig Post heute. Im Foyer zieht eine Putzfrau einen Lappen träge über den Fußboden. Der Himmel über Oberhausen hat die Farbe des Wassers in ihrem Eimer. Um 9.30 Uhr kommt das erste Fernsehteam.
Babcock Borsig, Hersteller von Anlagen und Maschinen, ist zahlungsunfähig, das Insolvenzantrags-Verfahren ist eröffnet. An diesem Tag sollen die Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung informiert werden, ein Tag der Ängste und Hoffnungen. Welche Betriebsteile überleben? Wie viele Leute werden entlassen? Ein Tag, wie es viele gab in diesem Jahr. Das Medienunternehmen Kirch, Photo Porst, der Flugzeughersteller Fairchild Dornier - sie alle haben Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt.
Um zehn Uhr sind es drei Fernsehteams. Der erste Mitarbeiter, der sich auf ein Interview einlässt, ist Gregor Thomaßen, seit 43 Jahren bei Babcock Borsig. Er hat als Maschinenschlosser begonnen und macht jetzt den Service für Kraftwerksbauten im Ausland. Er sagt die Sätze, die an einem solchen Tag zu sagen sind, die Ängste, die Hoffnungen, die Klagen über das Management. "Das ist alles sehr bitter für uns", sagt Thomaßen. Mindestens 1500 Arbeitsplätze gelten als bedroht, von weltweit 22 000. Die Reporterin bittet Thomaßen, filmreif durch die Tür ins Foyer zu gehen, dann wieder hinaus. Er muss das zweimal machen. Am Tag der Angst wird er zum Schauspieler.
Um 10.35 kommt der Regen. Kein Regen, eine Sintflut. Im Foyer steht ein Rentner, der etwas hilflos Leute anspricht, weil er wissen will, was mit seiner Betriebsrente wird. Er war im Vertrieb. Er hat nur einen Arm. Keiner weiß, was mit den Betriebsrenten wird. "Wir müssen die Versammlung abwarten", sagt ihm die Dame vom Empfang. "Arbeitet Dobritz noch hier?", fragt der Rentner. "Dobritz ist tot", sagt jemand. Der Rentner geht hinaus in den Regen.
Eine Frau, die sich sehr hübsch gemacht hat, kommt mit einem Papierkorb ins Foyer. Sie ist Vertreterin, sie will Papierkörbe an Babcock Borsig verkaufen, sehr schöne Papierkörbe mit Deckel, sie hat einen Termin. "Sie werden gleich abgeholt", sagt die Frau vom Empfang. Die Vertreterin ordnet ihr Haar.
Eine Sekretärin kommt und sagt, dass derzeit keine Papierkörbe gekauft werden, es täte ihr Leid. "Die Insolvenz, Sie wissen schon." Wann sie wieder kommen könne, fragt die Vertreterin. "Ich weiß es nicht", sagt die Sekretärin, "wir müssen die Betriebsversammlung abwarten, wir rufen Sie an." Die Vertreterin nimmt den Papierkorb und geht. Ihre Schultern hängen, als wisse sie, dass niemand anrufen wird.
Es ist still in der Halle, die reine Erstarrung: ein Gummibaum, zwei Aschenbecher auf Ständern, ein regloser Wachmann mit dicken Armen und dickem Schnurrbart. Plötzlich Hektik. Wolfgang Clement kommt, der Ministerpräsident von Nord-
rhein-Westfalen, verfolgt von Kameramännern. Er sagt nichts, für eine Situation wie diese hat er ein Gesicht: tief besorgter Landesvater. Er hat um Milde bei den Banken gekämpft, aber die Banken wollten nicht milde sein mit Babcock.
Das Foyer füllt sich. Es kommen die Leute, die nicht im Hauptwerk arbeiten. Sie atmen schwer, weil sie gerannt sind, nasse Haare, Wasserflecken auf den Jacken. Was man nicht sieht, sind die leeren Geldbörsen. Die Löhne vom Juni wurden noch nicht gezahlt.
Dann ist es wieder still im Foyer. In einem Saal nebenan sitzen jetzt tausend Leute und hören Sätze über ihr Schicksal. Zwei Männer kommen zum Empfang und sagen, sie müssten dringend jemanden vom Vorstand sprechen. "Alle sind auf der Betriebsversammlung", sagt die Dame vom Empfang. Trotzdem, sagt einer der Männer, sofort. Sie streiten, bis einer der beiden zornig rausgeht und telefoniert. "Er vertritt einen amerikanischen Investor", raunt der andere Mann der Dame vom Empfang zu. Sie telefoniert, sie sucht nach Leuten, die den Vertreter eines amerikanischen Investors empfangen können. Zwei Worte, die nach Hoffnung klingen. Amerikanischer. Investor. Die Dame vom Empfang erreicht niemanden. Sie sieht verzweifelt aus. Dann kommt der Pizza-Service, und sie isst. Das Foyer von Babcock riecht jetzt nach geschmolzenem Käse.
Der Erste, der die Betriebsversammlung verlässt, ist Wolfgang Clement. Er zieht das Sakko aus, rennt durch den Regen zum Foyer, wo er eine Pressekonferenz gibt. "Ich habe nichts Neues mitzuteilen", sagt Clement. Er wringt die Hände. Dann kommen die Mitarbeiter, und sie sagen, dass sie nichts Neues erfahren haben, man könne nur hoffen.
Die nächste Pressekonferenz gibt die neue Führung des Konzerns. Die Dame vom Empfang verlässt ihren Platz und stellt sich hinter die Journalisten. "Die Sanierung kann gelingen", sagt Vorstandschef Horst Piepenburg, "das wird Arbeitsplätze kosten, aber keiner weiß, wie viele." Die Dame vom Empfang verzieht das Gesicht und geht zurück zu ihrem Platz. "Wo ist denn dieser Typ hin?", fragt sie den Wachmann. Sie meint den Vertreter des amerikanischen Investors. DIRK KURBJUWEIT
* Auf dem Weg zur Babcock-Pressekonferenz.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 29/2002
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