15.07.2002

TV-Rückblick

Bilderstreit
9. Juli, 3sat
Seit der großmächtige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sein "Literarisches Quartett" aufgelöst hat, dürfen sich im deutschen Fernsehen andere kulturkritische Viererrunden versuchen: zum Beispiel unter Anleitung des notorisch schwirrköpfigen Wuppertaler Ästhetikprofessors Bazon Brock, 66, der vergangene Woche eine Karriere als "Wundergreis" androhte. Zu einem "Bilderstreit", so der Titel der Sendung, hatte Brock in das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie geladen - und gebärdete sich wie ein unfehlbarer Oberlehrer. Drei Gäste hatte er um sich drapiert: Ursula Bode, Kunstkritikerin aus Essen, Carla Schulz-Hoffmann, Direktorin der Staatsgalerie moderner Kunst in München, und Jean-Christophe Ammann, früherer Museumsdirektor und renommierter Ausstellungsmacher aus Frankfurt. Als Gesprächsstoff gab Brock das größte Kunstereignis des Jahres vor - es ging um die Kasseler Großausstellung Documenta. Tatsächlich aber hatte sich der berüchtigte Begriffsjongleur offenbar vorgenommen, in 60 Minuten die einzig zulässige Deutung dieses Welt-Ereignisses durchzusetzen: seine. Von einer umfassenden Kritik der westlichen Dominanz im Kunstbetrieb - vorgebliches Ziel der Ausstellung - wollte er nichts wissen. Seine These: Kunst sei immer westliche Kunst. Widerspruch seitens der Gäste gegen dieses Dogma war zwecklos, wenn sie denn überhaupt zu Wort kamen. Der Professor schleuderte seine Thesenblitze, bis seine Mitdiskutanten klein beigaben - da konnte es der unerbittliche "Wundergreis" der Kunst mit Reich-Ranicki aufnehmen. Das Einzige, was Brock nicht in Theorie auflösen konnte, war die Praxis der Kunst: Im Hintergrund der Sessel-Runde lärmte eine Multimedia-Ausstellung.

DER SPIEGEL 29/2002
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