15.07.2002

PRESSEOperation Cross Return

Millionenforderungen, Angriffspläne, Geheimverhandlungen in Berlin: Der Ex-Botschafter Thomas Borer holt zum Gegenschlag gegen die Boulevardpresse aus. Was als diffuses Sexskandälchen begann, weitet sich zur Staatsaffäre aus.
Mal wieder nichts los in der Schweiz? Für diesen Fall gibt es bei der Zürcher Gazette "Blick" eigentlich nur eine Retterin: Nella Martinetti.
Die "Tessiner Nachtigall", 56 Jahre alt und über 100 Kilo schwer, ist beim einzigen deutschsprachigen Boulevardblatt der Alpenrepublik immer für eine Schlagzeile gut. "Ich hatte Sex mit einer Frau", bekennt "Bella Nella", wenn es sein muss. Und es muss oft sein, weil die Society-Geschäfte eher schlecht gehen. Oder auch: "Es ist aus", wenn es um ihre Beziehung zu dem 22-jährigen Rockgitarristen Hens Grubenmann geht, den hier zu Lande schon niemand mehr kennt. Bei totaler Flaute muss gar ein schlichtes "Martinetti: Ich fühle mich rundum wohl" die Leser beglücken.
Seit einiger Zeit stiehlt ausgerechnet eine ehemalige Miss Dallas der Galionsfigur alpenländischen Tratsches die Show: Shawne Borer-Fielding und ihr Gatte Thomas, bis April Botschafter seines Landes in Berlin, fesseln die Schweizer wie weiland nicht einmal klassische Traumpaare der Marke Heidi und Geißenpeter oder Paola und Kurt Felix.
Sie mit Pferd oder Cowboyhut in der Botschaft, er als Büttenredner beim Karneval: Die Borers wurden zu Medienstars nicht nur in der glamourtechnisch nicht sonderlich verwöhnten Neu-Metropole Berlin - bis eine umstrittene Sexaffäre erst die Schweizer Politik erschütterte und jetzt für einen handfesten Medienskandal rund um den Zürcher Ringier-Verlag sorgt, der den "SonntagsBlick" und den "Blick" herausgibt.
Haben die beteiligten Blätter Borer durch eine Lügengeschichte, garniert mit gefälschten Beweisfotos, eiskalt erledigt? Sind sie - fahrlässig - einer publicitysüchtigen Zeugin aufgesessen? Oder hat der nunmehr Ex-Diplomat durch ein raffiniertes Manöver die Presse ausgetrickst und über ein tatsächliches nächtliches Techtelmechtel getäuscht?
Längst ist die Sexstory zu einem Medienthriller geworden - mit verborgenen Dossiers, Geheimverhandlungen in Berlin und hohen Schadensersatzforderungen. Nie zuvor gab es in Europa ein vergleichbares Verfahren, bei dem es um derart große Summen ging: Mehrere Millionen Euro wollen die Borers als Wiedergutmachung kassieren.
Längst steht sogar die Zukunft des Schweizer Außenministers Joseph Deiss auf dem Spiel, der seinen Botschafter so hastig geschasst hat. Nun wird selbst er zum Getriebenen. Der vermeintliche Sexskandal im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten wurde zu einer Staatsaffäre, wie sie die beschauliche Alpenrepublik - trotz Nazi-Gold, Swissair-Debakel und Gotthard-Tunnel-Katastrophe - in dieser Schärfe noch nicht erlebt hat.
Längst geht es deshalb jetzt nicht mehr allein um die Frage, wer mit wem schlief.
Die Grundfrage seit dem Clinton/Lewinsky-Skandal oder den vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Caroline von Monaco und der Boulevardpresse ist auch das Thema der Diplomatenaffäre: Was darf die Presse, und wie weit ist die Privat- und Intimsphäre der Betroffenen zu schützen?
Mit einem über 150 Seiten starken Masterplan ("Operation Cross Return") holen die Borers jetzt zum Gegenschlag gegen den Verleger und begeisterten Tennisspieler Michael Ringier aus. Der Fachbegriff ist dem Wortschatz aus der Welt Boris Beckers entlehnt, der seit seinem Londoner Wäschekammer- und Samenraub-Debakel so seine eigenen Erfahrungen zum Thema Schutz der Intimsphäre beisteuern könnte. Jedenfalls wollen die Borers ihrem Kontrahenten Ringier nun einen unerreichbaren Spiel-, Satz- und Siegball servieren.
Schließlich hatte Ringiers Boulevardblatt "SonntagsBlick" als erstes an Ostern in großen Lettern ("Borer und die nackte Frau") über eine angebliche Affäre des Botschafters mit der Berliner Visagistin Djamile Rowe berichtet. Wenig später folgte "Bunte" mit Zitaten des Nacktmodells über körperliche Merkmale ("keine Brusthaare") des angesichts der Schlüpfrigkeit der Vorwürfe schnell abgesetzten Diplomaten - und über den Ort des Aktes ("großer Holztisch in den Repräsentationsräumen").
Alles Lüge? Seit seiner unfreiwilligen Demission arbeitet der einstige Artillerieoffizier der Panzerhaubitzen-Batterie II/44 mit einem Stab von Beratern und Anwälten, darunter die Hamburger Kanzlei Matthias Prinz für Medienrecht und der Berliner Andreas Schulz für Schadensersatzklagen, an einem detaillierten Rachefeldzug.
In umfangreichen Dossiers wurden zunächst die Beteiligten analysiert: zum Beispiel Rowe ("relativ unspektakuläres Leben") oder Alexandra Würzbach, die "SonntagsBlick"-Autorin der Borer-Enthüllung ("gewiefte Boulevard-Strategin").
Dann folgt das Kernstück von "Operation Cross Return", ein dreistufiger Angriffsplan für die künftige Frontalattacke.
* Erstens: Ringiers einzige Belastungszeugin Rowe widerruft ihre Vorwürfe und behauptet fortan das Gegenteil.
* Zweitens: Die Borers drohen einen Schadensersatzprozess in den USA an, der auf eine schlagzeilenträchtige Millionen-Klage hinauslaufen könnte.
* Drittens: das "financial closing" - die finanzielle Beilegung der Affäre zwischen den beteiligten Bettenkriegsparteien.
Phase eins zündete per Video am vorvergangenen Wochenende. Das Band, aufgezeichnet am 4. Juli um 19.21 Uhr, zeigt Rowe, 34, ausgerechnet in der Anwaltskanzlei des Borer-Rechtsbeistandes Schulz. Die Visagistin, die wegen einer Nasenoperation eine Gesichtsmaske trug, dementierte, was sie noch im April an Eides statt behauptet hatte: dass sie überhaupt eine Affäre mit dem Botschafter gehabt habe (siehe Ausrisse). Inzwischen hat Ringier eine einstweilige Verfügung erwirkt, wonach Frau Rowe zum Beispiel nicht mehr behaupten darf, Ringier habe sie unter Druck gesetzt oder ihr Geld geboten.
Phase zwei wird möglicherweise im texanischen Dallas spielen, in einem Bezirksgericht vor einer Jury Geschworener. Es dürfte der Auftritt der amerikanischen Staatsbürgerin Shawne Borer-Fielding, 33, werden. Die Klage nach US-Recht könnte auf "Malice", "Conspiracy" und "Complicity" lauten. Gemeint ist damit eine boshafte Melange aus Verschwörung und Komplizenschaft zu Ungunsten der Familie Borer-Fielding.
"Der Schaden ist bei den Borers evident", glaubt Anwalt Schulz. "Er hat seine gesamte berufliche Reputation und wirtschaftliche Grundlage verloren, sie ihr Kind."
Im Klartext: Ringier soll zahlen, weil Frau Fielding im Mauritius-Urlaub durch den Schock der "SonntagsBlick"-Veröffentlichung ihr ungeborenes Kind verloren habe. Fünf Tage Bettruhe, sagt der Anwalt, habe ihr anschließend der Arzt im Edel-Hotel Dinarobin verschrieben.
Ein forensisch-endokrinologisches Gutachten - eine Art Hightech-Hormontest - der Freien Universität Berlin soll außerdem untermauern, dass die Texanerin zum Zeitpunkt des Boulevard-Buheis tatsächlich schwanger war.
Die Drohungen des Borer-Paars zeigten Wirkung. Am vergangenen Donnerstag haben "SonntagsBlick"-Chefredakteur Mathias Nolte und seine Klatschreporterin Würzbach ihre Bürostühle geräumt.
Doch damit ist es nicht genug: Der von der "Neuen Zürcher Zeitung" ("NZZ") analysierte "medienethische Super-GAU" mit "Totalschaden auf dem Ringier-Boulevard" ist noch lange nicht überstanden. Es gehe darum, sagt Borer, Ringier "eine Lektion" mit jahrelanger Wirkung zu erteilen.
Die Schweizer haben verstanden. Langsam dämmerte es vergangene Woche den Juristen des Verlags, dass eine tränenreiche Klage in den USA mit dem dann zu erwartenden dramatischen Auftritt einer um ihr Kind gebrachten Mutter sehr teuer werden könnte - wenn es denn zu einer Verhandlung kommen würde.
"Wir sind an einer außergerichtlichen Einigung interessiert", sagt Ringier-Zeitungschef Bernhard Weissberg, "wenn auch nicht um jeden Preis." Die Zeit drängt: Schon jetzt ist der publizistische Image-Schaden erheblich.
"Eine massive Verletzung der Privatsphäre und der Wahrheitspflicht" hat die "NZZ" bereits bei der Konkurrenz ausgemacht: Die Ringier-Berichte seien eine "kaum mehr nachvollziehbare Mischung aus Verblendung, Leichtgläubigkeit und Rechthaberei".
Am vergangenen Dienstag fand sich Weissberg zu ersten Verhandlungen in der deutschen Hauptstadt ein. Phase drei des Borer-Plans, das "financial closing", hatte begonnen. Der Leiter des Konzernbereichs Zeitungen kam mit einer Kiste Zigarren ins noble Hilton-Hotel am Berliner Gendarmenmarkt - als Friedensgeste für den Fall einer Einigung.
Wie auf einem Basar müssen die Gespräche im "Salon Oriental" abgelaufen sein: Gibst du mir dies, geb ich dir das. Weissberg wollte eine Erklärung gegenseitigen Bedauerns und die Versicherung, dass mit einer Einigung sämtliche Probleme auch in Zukunft vom Tisch seien.
Borer dagegen wollte mehr: vor allem Genugtuung, durchaus auch Geld.
In einer dürren 13-zeiligen Erklärung kamen sich beide Seiten zunächst näher, zumindest was den immateriellen Schaden betrifft. Die Ehepaare Ellen und Michael Ringier sowie Shawne und Thomas Borer-Fielding, heißt es darin, würden die gegenseitig erhobenen Vorwürfe zurücknehmen.
Schließlich hatten beide Seiten nicht an persönlichen Vorwürfen gespart. "Wer mit einem Starcoiffeur in der Szene sitzt, wird auch wie ein solcher behandelt", hatte zum Beispiel Michael Ringier gehöhnt.
Im Gegenzug fragte Borer schon mal, ob der Verleger mit seinen Blättern "die Rolle des totalen Überwachungsstaats" übernommen habe. Den Friedensvertrag haben beide Seiten am vergangenen Dienstag nicht unterzeichnet. Die von Ringier angebotene Summe war Borer offenkundig zu gering. Weissberg packte die Zigarren wieder ein und ging.
Dann trat der Botschafter a. D., der inzwischen in der Potsdamer Villa Kampffmeyer in der Nähe von RTL-Moderator Günther Jauch lebt, in der "Stern TV"-Show seines Nachbarn im Fernsehen auf. Wie nebenbei erwähnte Borer auch die Möglichkeit einer Klage im fernen Amerika. Das brachte neuen Schwung in die Verhandlungen.
Eine Verwendung für die erhofften Millionen hätten die Borers auch schon parat: Das Geld könnte in den Kauf der Villa Kampffmeyer fließen. Und Borer denkt derweil an ein neues Projekt: eine wöchentliche Talkshow in seiner Potsdamer Ersatzbotschaft. Einen Moderator hat der Ex-Diplomat auch schon gefunden: sich selbst.
Voraussetzung für alle Beteiligten ist, dass noch ein Punkt geklärt wird, der für den Fortgang der Affäre nicht ganz unbedeutend ist: Wie ist zu garantieren, dass Djamile Rowe künftig schweigt?
Mindestens vier meist detailreiche Versionen ihrer vermeintlichen Sexgeschichte hat die Visagistin mittlerweile präsentiert - ob die jetzige die letzte war, weiß nur sie selbst. FRANK HORNIG, HOLGER STARK
Von Frank Hornig und Holger Stark

DER SPIEGEL 29/2002
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