15.07.2002

TV-DOKUMENTATIONENDada im Netzwerk

Zum Jahrestag der gewalttätigen Proteste von Genua widmet Arte einen Abend den Globalisierungsgegnern - und die Bundeszentrale für politische Bildung hilft mit.
Anfangs hielten viele Politiker und Medienleute sie nur für ein versprengtes Häuflein von Wohlstandskindern, die sich eher zufällig den Protest gegen den rasant fortschreitenden Waren- und Kapitalverkehr im weltweiten Maßstab auf die Fahne geschrieben hatten.
Spätestens seit den Straßenschlachten während des G-8-Gipfels in Genua vor genau einem Jahr, in deren Verlauf der Demonstrant Carlo Giuliani von der italienischen Polizei erschossen wurde, wird die weltweite Bewegung der Globalisierungsgegner auch von der großen Politik ernst genommen - nicht zuletzt von den Massenmedien.
Wenn am Dienstag dieser Woche der deutsch-französische Kultursender Arte einen Themenabend unter dem erkenntnisleitenden Motto "Was tun? - Aktivismus heute" ausstrahlt (im Internet zeitgleich unter www.wastun.org.), dann ist nicht nur das ZDF beteiligt, sondern auch die "Bundeszentrale für politische Bildung" - ein reichlich verwegenes Engagement jenes Instituts, das lange als konservatives Bollwerk im antikommunistischen Abwehrkampf galt.
Der TV-Abend selbst zeigt in vier gut halbstündigen Fernseh-Features, allesamt Erstausstrahlungen, das Panorama einer Protestbewegung, die viele Beobachter schon als zeitgemäße Erbengemeinschaft der 68er betrachten. Hier mischt sich, so lernt der Zuschauer, offenbar eine Art Protest-Revival der siebziger Jahre mit immer neuer Kritik an einer Welt, die vielerorts Vernunft und Moral aufgegeben zu haben scheint.
Im Beitrag "Deportation Class" von Kirsten Esch etwa wird eine Kampagne gegen die Abschiebepraxis auf deutschen Flughäfen geschildert - eine witzig-böse Attacke auf die Lufthansa, die mit einer "gezielten Imageverschmutzung" überzogen wird; ein weiterer Film beschäftigt sich mit den "Tute Bianche", militanten Globalisierungsgegnern in Italien, und in der Reportage "Die Unorganisierbaren" wird von Arbeiterkämpfen um Lohn und Status in Kalifornien erzählt.
Die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Anti-Globalisierungsbewegung bringt ebenso wie ihre globale Kommunikation übers Internet eine neue Qualität des Protests hervor - internationaler, bunter, effektiver, schneller, aber eben auch: virtueller. Im Eröffnungsfilm von Florian Schneider unter dem Titel "Eine Welt zu erfinden - Aussichten auf eine andere Globalisierung" spiegelt sich diese Virtualität auch in den Äußerungen der führenden Köpfe der Bewegung, die im Gegenschnitt zu Bildern von Demonstrationen und lokalen Projekten in aller Welt zu Wort kommen.
Dabei zeigt sich, dass die Theorie der Globalisierungskritiker ihrem Gegenstand, was den Aggregatzustand betrifft, durchaus ähnelt. So unüberschaubar das hochflüchtige Kapital kreuz und quer über die Erdkugel saust, so diffus und abstrakt schwirren den Zuschauern auch die Antworten seiner kämpferischen Antipoden auf die gut leninistische Frage "Was tun?" um die roten Ohren.
Der italienische Staatsrechtler Toni Negri etwa, führender Kopf schon der radikalen Linken in den siebziger Jahren und heute Doyen der Globalisierungskritiker, ist ein wahrer Meister des ebenso kritischen wie kreisförmigen Diskurses, dessen metaphysische Schwurbeleien zuweilen an dadaistische Sinnzertrümmerung erinnern:
Im Inneren der Entscheidungen, die im Netzwerk fließen, gibt es Kräfte, die sich ausdrücken, Kräfte und Prozesse der Subjektivierung, Prozesse der Produktion von Subjektivität. Dann wird aus dem Problem des "Was tun?" ein "Wie kann das Gemeinsame im Inneren des Prozesses aufsteigen?"
Auch der verteufelt gut aussehende amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt, mit dem Negri das jüngst publizierte theoretische Manifest der Globalisierungsgegner - Titel: "Empire" - verfasste, bewegt sich vorwiegend im Reich einer zirkulären Abstraktion, die im Bruchteil einer Sprechsekunde eine tautologische Bauchlandung auf dem nächstliegenden Allgemeinplatz vollführt:
Im Gegensatz zur Masse, die immer passiv bleibt, ist die "Multitude" aktiv. Es geht um die Fähigkeit, bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam handeln zu können.
Multitude, die kreative "Vielheit" der Betroffenen, so viel muss man wissen, ist der Neologismus für die revolutionäre Gegenmacht zum Empire, jener akuten Herrschaftsform des Kapitals, die dezentral und universal in einem ist, global und total.
Einen "verzweifelten Planeten in Flammen" sieht der in Bologna lebende Schriftsteller Franco Bifo Berardi - doch vor diesem recht unfreundlichen Hintergrund nimmt sich seine Beantwortung der Praxisfrage wie ein Rezept aus dem Kochbuch für die internationale Gourmetküche aus. Wortreich empfiehlt er eine "Kultur der Vernetzung" und des gegenseitigen Austauschs - vor allem aber "Freundschaft" als das Antidot gegen die verheerende Logik von Markt und Wettbewerb. In einem Wort: "Es gilt nur noch, eine Welt zu erfinden." Dabei kann es sich nur um eine Welt der Freundschaft handeln.
"Raum für die Multitude" und eine "neue politische Architektur" fordert die Chicagoer Soziologin und Urbanistin Saskia Sassen, die "Vervielfältigung des Lokalen" im Geiste eines globalen Netzwerks gegen die raumgreifende Herrschaft des Kapitals - der Denkraum im Kopf des Zuschauers wird derweil arg strapaziert.
Autonomie, Geist, Wahrheit, Bewusstsein, Perspektiven, Projekt - wie in einem Paternoster der Zeitgeschichte rauschen die Begriffe und Beschwörungsformeln der siebziger Jahre vorbei, und wie damals sind es vor allem die Literatur- und Geisteswissenschaftler, die global denken und lokal handeln wollen, die das stets "Unvorhergesehene" herbeiwünschen und ganz genau wissen: "Das Kapital kann nicht kreativ sein", wie "Empire"-Co-Autor Hardt meint.
Dass diese Behauptung die Geschichte des Kapitalismus seit seinen Anfängen in der protestantischen Arbeitsethik negiert, mag beim Arte-Themenabend nur am Rande interessieren. Spannender sind schon die grellbunten Widersprüche, wenn es um den revolutionären Zeithorizont der Multitude geht. Da scheint man sich in der Vielfalt noch nicht ganz einig zu sein: "Wir haben keine Zeit", sagt Franco Bifo Berardi. "Wir müssen warten, geduldig sein", sagt Toni Negri.
Gut, dass Florian Schneiders Dokumentation selbst auf jede Kritik verzichtet - denn gerade dadurch verstärkt sie den Eindruck, dass die Globalisierung auch bei den Aktivisten des radikalen Protests eher zeitlose Ratlosigkeit als historische Siegeszuversicht provoziert.
Was also tun? Globalisierungskritiker Hardt weiß zeitlosen Rat, der freilich eher an Seneca als an Marx erinnert: "Tu, was du willst. Folge deinen Wünschen und Bedürfnissen." REINHARD MOHR
Themenabend "Was tun? Aktivismus heute"
Dienstag, 20.45 Uhr: "Eine Welt zu erfinden"
Dienstag, 21.25 Uhr: "Ganz in Weiß - Tute Bianche"
Dienstag, 21.55 Uhr: "Deportation Class"
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 29/2002
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