15.07.2002

AFFÄRENSchürzen-Jagd an der Wall Street

Wegen Verdachts auf Insiderhandel ermitteln US-Staatsanwälte gegen den TV-Star Martha Stewart. Es ist nicht der erste Fleck auf der Schürze der Superhausfrau.
Zum Börsengang hatten sich die schweren Jungs des Catcher-Weltverbands eine originelle Show ausgedacht. Ihr Vorsitzender Vince McMahon brachte eine lebensgroße Pappfigur seines Brutalo-Superstars "The Undertaker" mit zur Wall Street. Stolz posierte sein Team um den schwarzledrigen "Leichenbestatter". Sie schienen unschlagbar.
Am Abend mussten die Haudraufs erkennen, dass sie von einer Blondine auf die Bretter geschickt worden waren. Martha Stewart, die US-Superhausfrau, war ebenfalls am 19. Oktober 1999 mit ihrer Lifestyle-Firma Martha Stewart Living Omnimedia an die Börse gegangen. In einem mit Kürbissen verzierten Zelt offerierte sie Börsenpräsident Bill Johnston und den Brokern Selbstgebackenes. Zum Handelsschluss lag ihre Aktie 98 Prozent über dem Ausgabepreis, die der Catcher war nur um 48 Prozent gestiegen.
So kennt man die Frau in den USA - unbesiegbar, ob in Küchenschürze oder Gummistiefeln. Die ebenso perfektionistische wie kreative Unternehmerin, die sich aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist die Ikone des guten Geschmacks.
Mit Argusaugen herrscht sie über ihr 296-Millionen-Dollar-Stil-Imperium. Ihre Kreativtipps zum Pflanzen, Kochen und Dekorieren finden sich im Magazin "Martha Steward Living" (Auflage zwei Millionen), im eigenen Kabel-TV-Programm, in über 40 Büchern, ihrer Zeitungskolumne "Frag Martha", ihrer Radioshow, dem Internet-Shop oder bei Gastauftritten großer Fernsehsender. Mit Martha-Stewart-Produkten von der Gartenschippe bis zum Seifenhalter machen die 1800 Filialen der Discount-Ladenkette Kmart mehr Umsatz als mit jeder anderen Marke.
Stewart brutzelt, bastelt meist selbst auf allen Vermarktungskanälen und erreicht 88 Millionen Menschen im Monat. Marthas perfekter Welt kann niemand entkommen - nicht einmal sie selbst. Ihre mediale Omnipräsenz hat die Marke untrennbar mit der Person verbunden.
Das bedeutet im Gegenzug, dass sich jegliches persönliche Fehlverhalten sofort auf den Absatz auswirken kann. Immer wieder wird beschrieben, mit welcher Besessenheit die herbe Praktikerin ihre ästhetischen Stilvorstellungen durchsetzt.
Mal nagelt die Haushalts-Domina angeblich wutentbrannt einen Gärtner mit der Stoßstange ihres Autos an die Wand oder faltet einmal mehr lautstark ihre Mitarbeiter Ecke auf Kante zusammen. Und wer sie besuchen kommt, muss Gerüchten zufolge einen vorgeschriebenen Weg zur Haustür gehen - damit der Rasen gleichmäßig abgenutzt wird.
Solcherlei Eskapaden regen gewöhnlich nur die Klatschreporter auf. Die letzte Fragwürdigkeit der 60-jährigen Küchen-Heroine jedoch hat ernster zu nehmende Gegner auf den Plan gerufen: Die Staatsanwälte blasen zur (Küchen-)Schür-
zen-Jagd. Stewart hat sich des Insiderhandels und der Justizbehinderung verdächtig gemacht.
Sie habe, so die Vorwürfe, nach einem Tipp ihres Brokers knapp 4000 Aktien der Biotech-Firma ImClone verkauft, bevor tags darauf bekannt wurde, dass deren Krebsmittel keine Zulassung erhalten würde. Delikat daran: Sam Waksal, mittlerweile festgenommener Chef von ImClone, zählt zu Stewarts besten Freunden. Dessen Broker Peter Bacanovic von Merrill Lynch, inzwischen entlassen, ist auch der von Frau Stewart.
Nun wird untersucht, ob Bacanovic sie vorzeitig gewarnt habe - das wäre ein Verstoß gegen die Insiderregeln. Stewart und Bacanovic behaupten, dass seit langem eine mündliche Absprache bestünde, die Aktien beim Stand von 60 Dollar zu verkaufen. Dort notierte das Papier kurz vor Bekanntwerden der schlechten Nachricht. Doch Bacanovics Assistent gestand unter dem Druck der Ermittler, dass es diese Vereinbarung nie gegeben habe. Auch Unwissenheit taugt Stewart als Ausrede kaum: Einst hat sie kurzzeitig selbst als Aktienhändlerin an der Wall Street gearbeitet.
Ist und hat Stewart also ausgekocht? Angesichts der Skandale von Enron bis WorldCom sind die Staatsanwälte entschlossen, hart durchzugreifen. Und was böte ein schöneres Exempel, als die Sauberfrau der Nation zu belangen, die nun ein teures Anwälteteam anheuerte.
Tatsächlich wirkt es skurril, dass sie wegen Aktien im Wert von 227 000 Dollar ihr wohl gehütetes Millionenimperium aufs Spiel setzen würde. Ihre Anhänger jedoch sind skeptisch. Die Stewart-Aktie zerkochte seit Bekanntwerden der Vorwürfe um über 40 Prozent - von 19 auf 11 Dollar. Ein Verlust für Hauptaktionärin Stewart von rund 95 Millionen Dollar.
Doch die gibt sich hartleibig wie eh und je. Als die Co-Moderatorin des CBS-Küchenstudios versuchte, die Starköchin wegen ihres Finanzskandals verbal zu grillen, wurde sie brüsk abgebügelt: "Ich möchte mich auf meinen Salat konzentrieren", sprach Martha - und sagte die nächste Sendung ab. MICHAELA SCHIESSL
* Mit Börsenpräsident Bill Johnston beim Börsengang ihres Unternehmens am 19. Oktober 1999 in New York.
Von Michaela Schiessl

DER SPIEGEL 29/2002
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