15.07.2002

Start-Wahn Ost

In den neuen Ländern flossen Millionensubventionen in den Bau von Flughäfen - doch die liegen weitgehend brach.
Die Manager aus dem fernen Erie (Pennsylvania) schritten am vergangenen Donnerstag über die gepflasterten Vorfelder des Flughafens Cottbus-Drewitz und durchmaßen das gerade fertig gestellte Terminal. Was sie sahen, stimmte die Geschäftsleute zufrieden: Das Land Brandenburg hat den ehemaligen Fliegerhorst mit 1,6 Millionen Euro aufgerüstet.
Doch den Amerikanern, für die die Anlage zu einem Frachtzentrum mit 24-Stunden-Flugbetrieb ausgebaut werden soll, reicht das noch nicht: Sie wollen ihre Pläne erst dann konkretisieren, wenn die Brandenburger mehr Staatsknete für Fracht-Terminals und größere Hallen bereitstellen.
Die etwas schwammige und an erhebliche Bedingungen geknüpfte Zusage versetzte den Cottbuser Landrat Dieter Friese gleichwohl in Verzückung. Eine "Nutzwertstudie", die er sofort nach Pennsylvania schickte, legt einen weiteren Ausbau nahe - und Brandenburgs Verkehrsminister Hartmut Meyer signalisiert vorsorglich entsprechende Unterstützung.
Wo die Wirtschaft lahmt, muss erst einmal eine lange Landepiste her, scheint das Motto östlicher Landesfürsten zu sein, die in den neuen Bundesländern Flughafen an Flughafen gebaut haben. Cargojumbos und Charterflieger als Job-Maschinen - das klingt gut, doch bei aller Begeisterung über mögliche Luftdrehkreuze oder 24-Stunden-Frachtverkehrszentren hat sich noch keiner der Flughäfen als Konjunkturmotor etablieren können.
Mecklenburg-Vorpommern klammert sich besonders stark an die Hoffnung, dass mit den Landeplätzen die ersehnten Arbeitsplätze entstehen. Das Land funktionierte in Parchim ein altes Russen-Flugfeld zu einem Regionalflughafen um, investierte insgesamt mehr als 35 Millionen Euro und schwärmte von einem Frachtzentrum für ganz Norddeutschland, das rund um die Uhr angeflogen werden würde.
Aber die Flieger blieben aus, öde und leer liegt der Platz in der Mecklenburger Pampa - ganze 11 000 Fluggäste starteten 2001 von Parchim aus oder landeten dort. Zum Vergleich: Den Mini-Flugplatz der ostfriesischen Nordseeinsel Juist frequentierten im selben Jahr knapp 80 000 Passagiere.
In Parchim steht nicht das einzige Luftschloss des Landes. Mecklenburg-Vorpommern leistet sich fünf defizitäre Verkehrsflughäfen für jährlich kaum 200 000 Passagiere. Die mageren Zahlen beflügeln die Politiker offenbar, jetzt erst recht Geld in ihre Projekte zu stecken: Ende Juni entschied der Airport Rostock-Laage, ein neues Passagierterminal für 20,5 Millionen Euro und 300 000 Fluggäste zu bauen. Der Zuschuss aus der klammen Landeskasse beträgt 18,5 Millionen Euro.
Das sind noch geringe Summen gegen die Megapleite, die Sachsen-Anhalt hingelegt hat. Gut in Erinnerung ist der Subventions-GAU in Cochstedt: Dort investierte die Magdeburger Landesregierung unter Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) 45 Millionen Euro in einen kaum genutzten Flughafen, der dann wegen Insolvenz Ende vergangenen Jahres dichtmachen musste (SPIEGEL 16/2002).
Der Startbahn-Wahn im Osten lässt sogar die fast bankrotten Berliner Regenten unbeeindruckt - sie wollen südlich der Hauptstadt zügig das nächste Großprojekt in den märkischen Sand setzen: Am neuen Airport Schönefeld, verkündet Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), wird "nicht gerüttelt". Er soll zum Luftdrehkreuz des Ostens aufsteigen. Anwohner und Bürgerinitiativen sehen das anders: 133 000 Einsprüche gegen den Mammutausbau sind bereits eingegangen, und auch Experten gehen auf Distanz: Für einen dritten Knotenpunkt nach Frankfurt am Main und München, so Fachleute der Unternehmensberatung Roland Berger, bestehe schlicht "kein Bedarf". Denn im Einzugsgebiet des Flughafens leben weit weniger als die erforderlichen 15 Millionen Einwohner, die ein solcher "Hub" für einen rentablen Betrieb benötigt.
Erhebliche Bedenken angesichts der unkoordinierten Flughafenpolitik gibt es auch in den neuen Ländern. Vergebens forderte der mittlerweile verabschiedete sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) eine Holding für ostdeutsche Flughäfen ein, um eine einheitliche Strategie für Linien-, Charter- und Cargoverkehr zu entwickeln. "Riesige Summen werden ausgegeben, um Prestigeobjekte nach vorn zu bringen", klagte er, "statt sich Gedanken zu machen, wie man die Region gemeinsam entwickeln kann." PER HINRICHS
Von Per Hinrichs

DER SPIEGEL 29/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Start-Wahn Ost

  • Folgen des Brexit: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • 73-jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße