15.07.2002

NATOAngst vor Abkopplung

Ein Brief aus Washington löste im Brüsseler Nato-Hauptquartier Unruhe aus, die schon an Panik grenzt. Unerwartet hatte US-Präsident George W. Bush die Allianz gebeten, den amerikanischen General William F. Kernan von seiner Aufgabe als Nato-Kommandeur Atlantik (Saclant) zu entbinden. Was aussieht wie eine Personalie, gilt in Brüssel als politisches Alarmzeichen, das die Abkehr der Neuen von der Alten Welt signalisieren könnte. Denn ein Nachfolger für Kernan, gleichrangig mit dem Nato-Oberbefehlshaber für Europa höchster militärischer Führer der Allianz, wird vorerst nicht ernannt. In Washington gilt der Saclant-Posten weithin als überflüssig. Würde das in Norfolk (Virginia) stationierte Kommando jedoch aufgelöst, wäre die Nato in den USA kaum noch vertreten. Mit seiner Abschaffung zerbräche das wichtigste transatlantische Bindeglied. Zentrale Aufgaben wie die Sicherung der Seewege zwischen Amerika und Europa oder der Oberbefehl über die amerikanischen Raketen-U-Boote, die im Kriegsfall Saclant unterstehen, müssten neu geregelt werden. Entscheidende Bereiche werden jedoch schon heute der Bündnisplanung entzogen. So wird am 1. Oktober das neue Northern Command (USNorthcom) geschaffen, das für die Heimatverteidigung der USA verantwortlich ist. In dessen Zuständigkeit fallen auch große Teile des Atlantiks, den die U. S. Navy bislang gemeinsam mit den Bündnismarinen überwachte. Die Abkopplung der Vormacht von der Allianz zeigt sich in Washingtons neuer Militärdoktrin auch bei der Zusammenlegung des Weltraumkommandos mit der strategischen Einsatzzentrale. Damit werden alle Angriffsoperationen unter alleiniger US-Hoheit gebündelt, auch konventionelle Optionen, die bislang von der Nato geplant wurden. Militärs in Brüssel befürchten zudem, dass dadurch der Unterschied zwischen herkömmlicher und nuklearer Kriegführung verwischt werden könnte.

DER SPIEGEL 29/2002
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