15.07.2002

ANSCHLÄGEPost aus dem Waffenlabor

Bei der Suche nach dem MilzbrandAttentäter gerät das FBI in die Kritik. Indizien weisen auf einen Biowaffenexperten. Ist er schuldig - oder nur ein Bauernopfer?
Die Fahnder kamen in silbernen Schutzanzügen an Bord dunkler Mini-Vans. Plastiksäcke mit Akten schleppten sie aus dem Haus von Steven Hatfill in Fort Detrick (Maryland). Während sie die Beute in einem bereitstehenden Transporter verstauten, knatterten die Hubschrauber der Presse über dem Haus, das der US-Biowaffenexperte bewohnt.
Das FBI beeilte sich zu versichern, Hatfill sei kein Verdächtiger im "Amerithrax"-Fall. Trotzdem hat seit der demonstrativen Durchsuchungsaktion am 25. Juni der Absender der Milzbrand-Briefe, deren Inhalt im Herbst 2001 fünf Menschen tötete, erstmals einen möglichen Namen - und Amerika einen handfesten Skandal.
Ist Hatfill der Milzbrand-Attentäter? Wenn ja: Warum wird er nicht festgenommen? Wenn nein: Warum durchwühlt das FBI unter den Augen von Kamerateams sein Apartment und zerrt ihn dadurch - als ersten von 25 Forschern, deren Häuser im Rahmen des Anthrax-Falls durchsucht wurden - in die Öffentlichkeit? Zunehmend gerät das FBI unter Druck, endlich Ergebnisse zu liefern. Gleichzeitig wird der Vorwurf laut, die Bundesbehörde verschleppe die Fahndung und wolle den Täter möglicherweise gar nicht finden.
"Fast jeder, der den Fall verfolgt, ist entsetzt über die Lethargie des FBI", schreibt der Journalist Nicholas Kristof in einer Kolumne der "New York Times". Und, bezogen auf Hatfill: Wenn der Verdächtige "ein Araber wäre, wäre er längst im Gefängnis - doch er ist ein waschechter Amerikaner mit engen Verbindungen zum Verteidigungsministerium, zur CIA und zum amerikanischen Biowaffenprogramm".
Wer also ist Steven Hatfill? Zweifellos zählt der 48-Jährige zu jenen 20 bis 30 Wissenschaftlern, die das FBI für fähig hält, die Milzbrand-Attacke im Oktober 2001 durchgeführt zu haben. Hatfill gilt als Vertrauter des US-Biowaffenveterans William Patrick. Von 1997 bis 1999 arbeitete er mit Ebola-Viren im U. S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases in Fort Detrick. Die Einrichtung ist neben dem Dugway Proving Ground in Utah das wichtigste Biowaffenlabor der USA und gilt inzwischen als wahrscheinlicher Herkunftsort der im Oktober verschickten Anthrax-Sporen.
1999 heuerte Hatfill bei der Firma SAIC in San Diego an, die unter anderem biologische Waffentrainingsprogramme etwa für die CIA veranstaltet. Der Forscher ist gegen Milzbrand geimpft und erfahren im Umgang mit hochgefährlichen Krankheitserregern. Vor allem aber machen ihn einige verblüffende Details verdächtig:
* Hatfill hat ein mögliches Motiv: Am 23. August 2001 - kurz vor den Anthrax-Anschlägen - verlor er aus bislang unbekannten Gründen die Zugangsberechtigung zu den Hochsicherheitsbereichen der Bioabwehr. Da seine "security clearance" nicht erneuert wurde, verlor er im März seine Arbeit.
* Zwischen 1978 und 1984 lebte Hatfill in Harare im damaligen Rhodesien in der Nähe einer Greendale School. "4th Grade, Greendale School, Franklin Park, N. J." lautete der Absender auf den Milzbrand-Briefen an die Senatoren Tom Daschle und Patrick Leahy. In Franklin Park gibt es eine solche Schule nicht.
* 1999 gab Hatfill eine Studie in Auftrag, in der erörtert wird, wie ein Terrorist Milzbrand-Sporen in einem Standardbrief verschicken könnte.
* Im Herbst 2001 soll Hatfill ein abgelegenes Haus benutzt haben, in dem er an Besucher das gegen Milzbrand wirksame Antibiotikum Cipro verteilte.
Warum steht Hatfill trotz derlei Indizien nicht unter ständiger Beobachtung? Selbst Schriftproben zum Vergleich mit den Anthrax-Briefen musste der Bioforscher offenbar immer noch nicht beim FBI ablie-
fern. "Vielleicht hat der Verdächtige in der Vergangenheit an geheimen Aktivitäten teilgenommen, die nicht an die Öffentlichkeit kommen sollen", vermutet die US-Biowaffenexpertin Barbara Rosenberg.
Rosenberg ist eine der schärfsten Kritikerinnen der FBI-Untersuchung. Einer ihrer Vorträge vor Kongressabgeordneten führte wahrscheinlich erst zur Durchsuchung von Hatfills Apartment. Schon lange vor der Aktion hatte Rosenberg - ohne einen Namen zu nennen - Details über Hatfill im Internet veröffentlicht. Der Täter sei möglicherweise "überzeugt, dass er ungeschoren davonkommt. Weiß er etwas, was ihn für das FBI unberührbar macht?", fragte die Forscherin schon im Februar.
Tatsächlich liefert Hatfills Biografie reichlich Stoff für Verschwörungstheorien. Just zu der Zeit, als der militärisch ausgebildete Forscher in Rhodesien lebte, brach dort die größte Milzbrand-Epidemie der Geschichte aus. 182 Menschen starben. 10 000 wurden krank - die meisten davon Schwarze.
Bis heute ist ungeklärt, ob die Epidemie eine natürliche Ursache hatte. Nach eigenen Angaben war der Waffennarr Hatfill zu dieser Zeit Mitglied der berüchtigten Elitetruppe "Selous Scouts", die zahllose Gegner des weißen Regimes brutal ermordet haben soll. Später arbeitete Hatfill für das Apartheid-Regime in Südafrika.
Im aktuellen Milzbrand-Fall bestreitet Hatfill alle Vorwürfe. "Über Jahre habe ich bis drei Uhr morgens gearbeitet und versucht, etwas gegen diese Massenvernichtungswaffen zu tun - und nun ist meine Karriere vorbei", klagt der Forscher. Die Öffentlichkeit fragt sich indes, warum ein Mann mit solcher Vergangenheit überhaupt in der US-Biowaffenforschung arbeiten konnte.
Ein durchgängiges Muster meint "New York Times"-Autor Kristof in der Fahndungsmüdigkeit des FBI zu erkennen. So habe das FBI noch kurz nach dem Anschlag die Zerstörung von Anthrax-Beständen an der Iowa State University erlaubt, die möglicherweise wichtige genetische Hinweise hätten liefern können. Hatfills Name soll den Agenten bereits im letzten Oktober zugetragen worden sein.
Andere Kritiker gehen noch weiter und vermuten hinter den Kulissen eine Auseinandersetzung zwischen FBI und Regierungsbehörden wie der CIA. Die Biowaffenkritikerin Meryl Nass etwa glaubt, dass Hatfill eine Art Bauernopfer in einem größeren Komplott sein könnte. "Ich habe nie geglaubt, dass die Anschläge von einer Person allein verübt wurden", sagt Nass. "Es macht alles viel mehr Sinn, wenn außer Hatfill noch andere daran beteiligt waren." Hatfill habe gar nicht die Kenntnisse, um das bei den Anschlägen eingesetzte hochfeine Anthraxpulver herzustellen, sagt die Forscherin: "Wahrscheinlich war er nur derjenige, der am meisten Risiko auf sich genommen hat."
Sollten also mehrere Experten der US-Biowaffenforschung in den Fall verwickelt sein? Offenkundig ist, dass sie die direkten Nutznießer der Anschläge sind: Der Etat der US-Bioterrorismusforschung hat sich seither um 2,4 Milliarden Dollar erhöht.
So könnte Hatfill nur eine Spielfigur in einem James-Bond-reifen Agententhriller sein. "Ich kenne Insider aus Regierungskreisen, die besorgt sind, dass eine Art von geheimer Abmachung getroffen wird und diese Person einfach von der Bildfläche verschwindet", orakelte schon im Februar die Biowaffenkritikerin Rosenberg.
Erneut könnte sich ihr Urteil als richtig erweisen: Insider-Informationen zufolge hält sich Hatfill zurzeit in Usbekistan auf. Im Auftrag des State Department soll er dort ausgerechnet einen möglichen Fall von Bioterrorismus untersuchen.
PHILIP BETHGE
* Oben: am 23. Oktober 2001 in Washington; unten: 1998 bei einer Demonstration, wie ein Terrorist Pest-Bakterien in der eigenen Küche züchten könnte.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 29/2002
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