15.07.2002

TERRORISMUS„Strategie der Schwäche“

Der Extremismusforscher Peter Waldmann über das Gefahrenpotenzial des Qaida-Netzwerks, die Psyche radikaler Attentäter und den Einsatz von Gewalt als Fanal
Waldmann, 65, ist Ordinarius für Soziologie an der Universität Augsburg und Autor des Standardwerks "Terrorismus - Provokation der Macht". -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Professor Waldmann, das Qaida-Netzwerk scheint zerschlagen, die Taliban sind entmachtet. Trotzdem werden die Warnungen vor neuen Anschlägen immer lauter. Wie wirksam war denn der Feldzug gegen den Terrorismus bisher?
Waldmann: Terrorgruppen profitieren immer von Rückzugsräumen, in denen sie sich ungestört organisieren können. Zwar ist schon ein gewisser Erfolg zu verzeichnen, aber al-Qaida ist lediglich zersprengt, nicht vernichtet. Und solche Organisationen wollen in Bedrängnis erfahrungsgemäß um jeden Preis beweisen, dass sie noch aktionsfähig sind.
SPIEGEL: Das entschlossene Vorgehen der Anti-Terror-Allianz beeindruckt sie nicht?
Waldmann: Selbst ein offenkundiges Scheitern kann religiöse Fanatiker noch beflügeln. Deswegen sind Siege im Kampf gegen solche Terroristen trügerisch. Den harten Kern schreckt nichts.
SPIEGEL: Die Zahl der Sympathisanten dürfte sich im islamischen Raum sogar noch stark erhöht haben.
Waldmann: Weil die westlichen Mächte als demütigend empfunden werden. Deswegen halte ich militärische Kampagnen auch für kontraproduktiv. Unmittelbar stellt sich durchaus ein Effekt ein, das ist wahr, aber Terroristen haben andere Zeithorizonte und Erfolgskriterien als unsere Politiker.
SPIEGEL: Die Attentäter wenden sich gegen eine Staatsgewalt, der sie ohnmächtig unterlegen sind. Dies Bewusstsein hat der Anti-Terror-Feldzug noch verstärkt - und damit auch den Rachedurst?
Waldmann: Sicher. Terrorismus ist eindeutig eine Strategie der Schwäche, die ein Mehrstufenkalkül verfolgt: den Gegner reizen, in der Hoffnung, dass er überreagiert, zurückschlägt und dadurch die Mobilisierung der Massen auslöst. Die Pläne für die großen Anschläge stammen immer von einer intellektuellen Elite. Das Fußvolk sind disponible Leute, blinde, emotionale Fanatiker, aber die Köpfe haben alle ein gewisses Niveau.
SPIEGEL: Was haben diese Köpfe aus den vergangenen zehn Monaten gelernt?
Waldmann: Dass selbst eine gewaltige Provokation der USA und die folgende Reaktion nicht ausreichen, um den Heiligen
Krieg zu entfesseln, dass sie aber der Supermacht einen ungeheuren ökonomischen
und sozialpsychologischen Schaden zufügen können. Sie haben sie gezwungen, autoritärer zu werden, als das in ihrer demokratischen Verfassung vorgesehen ist.
SPIEGEL: Hat auch die Anti-Terror-Allianz etwas gelernt?
Waldmann: Die Amerikaner wollen sich nicht für alle Zeiten in Afghanistan festsetzen, das ist sicher klug. Aber ihr manichäisches Denken von einer Achse des Bösen ist kein Fortschritt.
SPIEGEL: Immerhin wurde die Kommandoebene der Qaida zerstört. Wie gefährlich sind die verbliebenen autonomen Zellen?
Waldmann: Einen Anschlag vom Kaliber des 11. Septembers halte ich für unwahrscheinlich. Der würde eine gehörige Vorbereitungsarbeit voraussetzen, wozu es wohl im Augenblick nicht reicht. Eher zu Gelegenheitsaktionen, um zu beweisen, dass noch Schlagkraft existiert.
SPIEGEL: Die zweite Stufe des Anti-Terror-Feldzugs richtet sich gegen Separatisten wie etwa die Abu Sayyaf auf den Südphilippinen, also gegen ganz andere Radikale.
Waldmann: Es gibt drei Grundformen des Terrorismus. Die eine war marxistisch beeinflusst - die deutsche Rote Armee Fraktion beispielsweise und die italienischen Roten Brigaden. Dieser Zweig ist derzeit bedeutungslos, könnte allerdings im Zuge der Anti-Globalisierungsbewegung wieder aufleben. Der zweite Typus, der religiöse Terrorismus, ist zwar im Vordringen begriffen, aber ich bin skeptisch, ob er dem dritten den Rang abläuft: dem zähen und heute bei weitem dominierenden ethnischen Nationalismus.
SPIEGEL: Konzentriert sich die Allianz nun aus Verlegenheit auf diese Guerrilla? Weil der Religionsfanatiker Osama Bin Laden verschollen ist?
Waldmann: Kennzeichen der Allianz ist bislang ein krasses Missverhältnis zwischen Aufwand und Resultaten. Sie hat weder Bin Laden gefasst noch den religiösen Terrorismus so recht in den Griff bekommen. Also weicht sie auf andere Schauplätze aus, und zwar mit Erfolg. Für die baskische Eta etwa wird es immer enger, weil die Franzosen besser mit den Spaniern zusammenarbeiten.
SPIEGEL: Sie haben Terrorismus als Mittel der Kommunikation bezeichnet, als radikalen Weg, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gibt es eine weltweite Botschaft?
Waldmann: Nein. Ethnische Bewegungen nutzen zwar die Öffentlichkeit als Resonanzboden, aber im Grunde geht es ihnen um ihr Territorium, um ihre Selbständigkeit. Der islamische Terrorismus wendet sich gegen die Globalisierung, und zwar unter einem bestimmten Vorzeichen: Der säkularisierte, hedonistische, machtbewusste Lebensstil, wie ihn die USA repräsentieren, ist für überzeugte Muslime eine wirkliche Herausforderung.
SPIEGEL: Warum geben heutige Terroristen ihrer Kritik kein Fundament, warum entwerfen sie kein gemeinsames Gegenkonzept zur Welt des verhassten Feindes?
Waldmann: Weil es sich um ein Nebeneinander von Gruppen handelt, deren Hierarchie meistens ziemlich flach ist. Allenfalls werden noch Geistliche als Autorität anerkannt. Die treten fallweise miteinander in Beziehung, aber zu einer einheitlichen Ideologie reicht es nicht. Jeder Imam hat seine eigene Apokalypse.
SPIEGEL: Macht es dann überhaupt Sinn, sich mit ihrem Kosmos zu befassen?
Waldmann: Die USA kommen nicht mehr umhin, denn diese Fanatiker sind rückschlagfähig. Sie können Fürchterliches anrichten. Und mit etwas Phantasie können sich säkularisierte Menschen an deren Gedankenwelt zumindest herantasten. Auch in unserem Kulturkreis hat es immer wieder Menschen gegeben, die bereit waren, für ihr Anliegen im Dienste der Allgemeinheit ihr Leben zu opfern - etwa Widerstandskämpfer im Dritten Reich.
SPIEGEL: Ihren Studien zufolge gingen bis Mitte der neunziger Jahre höchstens zehn Prozent aller Anschläge auf das Konto des internationalen Terrorismus, pro Jahr zwischen 323 und 665. Und heute?
Waldmann: Die Zahl ist vermutlich leicht rückläufig, die der Opfer allerdings enorm gestiegen, während der Aufmerksamkeitswert stark abnutzt. Zumindest in Israel haben wir es mit einer Rachespirale zu tun. Es geht gar nicht mehr in erster Linie um Botschaften an die Öffentlichkeit, sondern um den Beweis, dass man sich wehren will.
SPIEGEL: Angeblich wurden im Nahen Osten in jüngster Zeit viele Programme zur Energiesteuerung via Internet geknackt. Richten sich künftige Anschläge mehr gegen Computersysteme, oder rechnen Sie mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen?
Waldmann: Bis jetzt galt eigentlich, dass Terroristen radikal in ihren Zielen, aber konservativ in ihrer Waffenwahl sind. Ich behaupte, dass selbst religiöse Gewalttäter noch an diese Welt denken und kein Interesse daran haben, jedermann gegen sich aufzubringen. Wenn also Bomben eingesetzt werden, die genozidal wirken, oder biologische Waffen, dann bringt der Anschlag keine Botschaft mehr rüber. Und dass es den Terroristen nur noch um Zerstörung per se geht, glaube ich nicht.
SPIEGEL: Also hat auch der religiös motivierte Terrorismus ein rationales Moment?
Waldmann: Das belegt sogar der 11. September. Der Einschlag des zweiten Flugzeugs in New York war genau kalkuliert und ein Beispiel für kommunikative Gewalt. Der Pilot wusste, dass die Welt nun zusieht. Der primäre Wille war nicht, möglichst viele Menschen sterben zu lassen, sondern möglichst große Aufmerksamkeit zu erregen.
SPIEGEL: Einspruch. Die Attentäter wussten, dass die Türme mit verheerenden Folgen einstürzen konnten.
Waldmann: Wenn die Piloten ein möglichst großes Chaos hätten anrichten wollen, dann hätten sie eine Maschine auf einen Atommeiler gelenkt. Ich sage nicht, dass sie Menschenleben nach Kräften schonten, aber sie wollten in erster Linie ein Fanal setzen.
SPIEGEL: Steuern wir, trotz aller Sicherheitsmaßnahmen und Allianzen, in eine vom Terror geprägte Welt?
Waldmann: Terrorismus ist letztlich immer nur punktuelle Gewalt. Und als Fanal muss er sich abheben von einem relativ gewaltarmen Hintergrund. Ob wir allerdings einem gewaltarmen Zeitalter entgegengehen, das scheint mir sehr die Frage zu sein. INTERVIEW: RÜDIGER FALKSOHN
* Links: in Pakistan; rechts: während der sowjetischen Besatzung Afghanistans in den achtziger Jahren.
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 29/2002
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