15.07.2002

SUDANTrübes Blutmeer

Seit 1983 tobt im Sudan Krieg zwischen dem islamischen Norden und dem christlich-animistischen Süden des Landes. Ein Waffenstillstand in den Nuba-Bergen nährt die Hoffnung auf Frieden.
Jeden Morgen um sieben Uhr - gerade wenn die Sonne aufgeht in den Bergen - hallt das immer gleiche Lied durch das Tal. "Doktor Garang, narfa alam al-Sudan al-dschadid, dscheischuna wassal, moral dscheischina faudsch." Begleitet wird die kriegerische Weise vom rhythmischen Aufschlagen mehrerer Dutzend Marschstiefel. Eine Stunde ungefähr geht das so. Manchmal aber auch länger: "Doktor Garang, wir hissen die Flagge des neuen Sudan, unsere Soldaten sind angekommen, die Moral der Kämpfer ist groß."
Von seiner Lehmhütte aus verfolgt Gouverneur Abd al-Asis al-Hillu zufrieden den Aufmarsch der rund 50 grün uniformierten Männer, die im Kreis martialisch um das Hauptquartier herumtanzen. "Wir werden siegen, denn wir träumen einen großen Traum", verkündet der Kommandeur des Trupps in seinem weißen Kaftan pathetisch: "den Traum von einer eigenen Regierung, von Frieden und Gerechtigkeit."
Dann zieht er sich mit seinem Hofstab zur morgendlichen Lagebesprechung zurück. Die Soldaten verschwinden in ihre Rundhütten. Es dauert nicht lange, dann ist in der staubigen Ebene niemand mehr zu sehen als dann und wann ein paar Hirten, die ihre ausgemergelten Rinder zum kilometerweit entfernten Markt treiben, und Frauen, die schwere, mit Wasser gefüllte Kalebassen auf dem Kopf balancieren.
Kommandant Hillu nennt sich "Gouverneur des freien Nuba-Landes"; in Wirklichkeit herrscht er über einen ziemlich desperaten Flecken Erde, der mit seinen 80 000 Quadratkilometern zwar doppelt so groß ist wie die Schweiz, wo 17-Jährige aber keinen anderen Zustand als den des Krieges kennen, kaum eine Straße existiert, eine staubige Piste Flughafen heißt und es noch nicht einmal Strom gibt. Geografisch liegen die Nuba-Berge im Zentral-Sudan, kontrolliert werden sie allerdings von der südsudanesischen Rebellenbewegung SPLA, deren Führer John Garang meist im kenianischen Exil weilt.
Seit einem halben Jahr herrscht hier ein brüchiger Waffenstillstand, ausgehandelt in der Schweiz zwischen Vertretern der Regierung des islamistischen Putschistengenerals Omar al-Baschir aus Khartum und SPLA-Mann Hillu, und seit beide Parteien am 4. Juli den Vertrag um ein halbes Jahr verlängert haben, keimt in den Bergen Hoffnung, dass daraus ein Zustand entstehen könnte, der dem Begriff von Frieden nahe kommt.
Zu Stande gekommen war das Abkommen auch durch die Vermittlung des amerikanischen Sondergesandten für den Sudan, John Danforth. "Ein Sudan, zwei Systeme" heißt das Konzept der US-Regierung, die das Land vor nicht allzu langer Zeit noch in die Reihe der "Schurkenstaaten" einordnete. Der neue Plan sieht eine Übergangszeit vor, in welcher ein säkularer Staat im Süden und ein islamischer im Norden parallel existieren sollen.
Die Geschichte des Sudan sei "durch das Blut von Tausenden, der Habgier und Rache geopferten Menschen verwischt worden", resignierte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der deutsche Forschungsreisende Alfred Edmund Brehm und sprach angesichts der "Unterjochung seiner Völkerschaften durch die türkisch-ägyptischen Truppen" von einem "trüben Blutmeer".
Türkisch-ägyptische Verbände stehen lange schon nicht mehr im Sudan, und doch sind Gemetzel dem Land treue Begleiter geblieben. Seit 1983 herrscht Krieg zwischen dem christlich-animistischen Süden und dem islamischen Norden, rund zwei Millionen Menschen sind dem postkolonialen Morden zum Opfer gefallen.
Es ist ein Krieg zwischen Schwarzen im Süden und etwas hellhäutigeren Arabern im Norden; zwischen denen, die immer schon versklavt wurden, und denen, die ihre menschliche Ware auf Märkten verkauften wie Vieh; zwischen denen, die nach christlichem Glauben leben oder Naturgötter anbeten, und denen, die die Scharia anwenden. Und es ist ein Krieg um Öl, das dem Land Reichtum bescheren könnte und es doch in den Abgrund stößt.
Mit einer Förderung von über 200 000 Barrel täglich hat der Sudan mittlerweile Beobachterstatus bei der Opec. Ausländische Firmen haben im Süden des Landes, wo das Öl hauptsächlich gefördert wird, über zwei Milliarden Dollar investiert, und besonders Chinesen und Kanadier machen dort gute Geschäfte.
Keine 500 Meter vom Hauptquartier der Rebellentruppen entfernt ducken sich ein paar Lehmhütten in den Fels. Deutsche Mitarbeiter des Notärztekomitees Cap Anamur haben hier ein Krankenhaus errichtet, das eher an ein Notlazarett erinnert, denn die Versorgung des Hospitals ist mühsam. Nur gelegentlich bringen Hilfsmaschinen aus dem kenianischen Lokichokio lebensrettende Medikamente über die Frontlinien.
"Wir sind hier eher symbolisch", resümiert Cap-Anamur-Helferin Ina Hammesfahr, 29. In den letzten Wochen war in der Region Kauda eine Meningitis-Epidemie ausgebrochen. Über 600 Menschen suchten Hilfe bei den Deutschen, und doch starben über 30 in den Armen der Helfer. Es mangelt an fast allem. "Wir haben weder einen OP-Tisch noch einen richtigen Kreißsaal", klagt die Hebamme, "ich habe schon Entbindungen mit der Taschenlampe unter dem Arm vorgenommen."
"Unbelastet von allen Einrichtungen unserer Zivilisation zu leben" habe "etwas Befreiendes", schwärmte Hitlers einstige Muse Leni Riefenstahl, als sie in den sechziger Jahren die Nuba besuchte und durch ihre Fotos weltberühmt machte - ein Enthusiasmus, den Hammesfahr nicht teilen
kann: "Weit und breit gibt es keinen einheimischen Arzt, die Unterernährung ist das größte Problem, die Kindersterblichkeit ist hoch. Und wenn wir nicht vor Ort wären, sähe es noch schlimmer aus."
Immerhin wird das Sterben jetzt von einem Tross internationaler Beobachter protokolliert. Unter einem Affenbrotbaum schwitzt der Norweger Tore Christian Jenssen, 49, und trinkt lauwarmes Bier. Jenssen wurde extra von den Lofoten geholt, um an der "Joint Military Commission" teilzunehmen, die den Waffenstillstand überwachen soll. Jetzt fährt der Mann vom nördlichen Polarkreis immer mal wieder mit einem kleinen gelben Geländemobil, das aber meistens irgendwo kaputt herumsteht, zur holprigen Landepiste nach Kauda, um zu sehen, wie ein paar Säcke mit Reis entladen werden.
"Dieser Waffenstillstand ist eine Farce", meint Jenssen und deutet auf eine Antonow am Himmel: "Diese Maschine fliegt nach Süden, wo sie Bomben abwerfen wird." Während er hier herumsitze, werde "ein furchtbarer Krieg geführt".
Wenn er die wenige Kilometer entfernte Frontlinie überschreite, sehe er nur noch leere Kasernen der Regierungsarmee: "Sie haben alle ihre Garnisonen nach Süden verlegt, um den Kampf dort fortzusetzen." Das wüssten auch seine Vorgesetzten, doch die interessiere das nicht.
Mit seiner Einschätzung ist Jenssen nicht allein. US-Geheimdienste berichten, dass die Regierung Soldaten aus den Nuba-Bergen in die Regionen Wahda
und Westlicher Oberer Nil im Süden des Landes verlegt habe. Zehntausende sind dort vor den Angriffen der Regierungssoldaten in die riesigen unwegsamen Sümpfe geflüchtet. Ein Gruppe ausländischer Menschenrechtler hatte Gelegenheit, dort mit Bauern und Hirten zu sprechen. Kampfhubschrauber würden auf "alles schießen, was sich bewegt", hätten die Befragten berichtet. Viele, die Schutz im Wasser suchen mussten, seien aber auch dort unter Feuer genommen worden. Doch auch Verbrechen der SPLA an der Zivilbevölkerung wurden von den Menschenrechtsorganisationen dokumentiert.
Nicht alle, die derzeit im Sudan unterwegs sind, sehen die Situation ausschließlich pessimistisch. Als Sprecher der internationalen Beobachter ist Thomas Jenatsch, 38, aus der Schweiz gekommen. Während Jenssen eher die militärischen Aktivitäten in der Region beobachtet, müht sich Jenatsch darum, einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen vorzubereiten.
Gerade plant er ein Theaterstück, an dem sich Sudanesen von beiden Seiten der Front beteiligen sollen, und hat schon einmal bei Kommandant Hillu angefragt, ob dieser "Musiker mit Percussions" zur Verfügung stellen könnte. Auf ungetrübte Liebe zu seinem "Versöhnungsprojekt" ist er dabei nicht unbedingt gestoßen.
"Wir haben mit den Arabern nichts gemein", sagt Hillu: "nicht die Hautfarbe, nicht die Sprache und nicht die Kultur." Der Konflikt sei das Resultat absurder Grenzziehungen. Als die Briten 1956 das Land endgültig in die Unabhängigkeit entließen, sei als Erbe ein Staat geblieben, dessen Grenzen lediglich den Interessen der Kolonialmächte gedient hätten.
"Schlimm ist, dass auch Schwarze gegen Schwarze kämpfen", meint Father George Otuma, 31, ein katholischer Missionar aus Uganda, der in den Nuba-Bergen eine Schule betreut. "Hier kämpfen sie auf der Seite der SPLA, und im Norden werden sie von der Regierungsarmee gezwungen, auf ihre Brüder zu schießen."
"Wir wehren uns nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen die ganze arabische Welt", behauptet Hillu. "Wenn wir heute das von uns kontrollierte Gebiet für unabhängig erklären, stehen morgen zwei ägyptische Divisionen vor der Tür."
Sein Ziel sei ein laizistischer Staat für den gesamten Sudan. In den Nuba-Bergen sei man auf dem richtigen Weg. Doch erst müsse die Regierung auch alle anderen Bedingungen des Abkommens erfüllen: die Grenzen öffnen und Hilfslieferungen zulassen. Geschehe das nicht, werde wieder gekämpft, sagt Hillu: "Ein gerechter Krieg ist besser als ein schlechter Frieden." THILO THIELKE
* Bei einer Meningitis-Impfung im Cap-Anamur-Krankenhaus.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 29/2002
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