15.07.2002

Vulkan im Kopf

Lange galt ADS ausschließlich als Leiden von Kindern. Doch zunehmend wird das Syndrom auch bei Erwachsenen diagnostiziert.
Den Journalisten Alexander S., 42, ereilte die Erkenntnis ausgerechnet beim Kinderarzt. In einer Hamburger Praxis hörte er sich an, warum sein hellwacher, aber eigensinniger Sohn Max ADS-krank sei. Da plötzlich begriff er: "Das bin ja ich!"
Auf einmal ergab ihm die eigene wechselvolle Biografie einen Sinn. Miserable Zeugnisse, reihenweise Schulverweise - trotz großer Talente. Schon mit knapp fünf Jahren hatte es Alexander verstanden, ein erstes Wort zu buchstabieren: D-o-r-n-k-a-a-t.
Als Pubertierender verfiel er den Automaten. 19 Jahre lang zockte er; irgendwann beliefen sich seine Schulden auf 100 000 Mark. Heute erklärt Alexander S. die Faszination für die Glücksmaschinen mit "diesem obskuren ADS". Endlich habe sein Kopf sich statt mit allen möglichen Ideen nur mit einer einzigen Frage beschäftigt: Gewinnen oder verlieren.
Inzwischen verschaffen ihm Nächte vor dem Videorecorder einen ähnlich erholsamen Tunnelblick. "Nur dann fühle ich mich allein", sagt er. "Ich kann sonst nicht abschalten. In meinem Kopf laufen ständig vier Fernsehprogramme gleichzeitig."
Nach dem Aha-Erlebnis beim Kinderarzt grübelte der Journalist ein halbes Jahr: Litt er tatsächlich an einer Krankheit? Bislang hatte er für den Stress mit Vorgesetzten, die vielfachen Jobwechsel und Ehekrisen immer nur eine Erklärung gehabt: Schuld waren die anderen.
Alexander S. landete bei Victor-Felix Mautner, Neurologe und Psychiater am Hamburger Klinikum Nord - ein Spezialist für Aufmerksamkeitsstörungen im Erwachsenenalter.
Dort sollte der Journalist viele Fragen beantworten: Wie war ich als Kind? Unglücklich, traurig, eigenwillig, stur, schüchtern. Wie bin ich heute? Sehr zufrieden, zufrieden, sehr unzufrieden mit Beruf, Finanzen, Ehe. Kann ich zuhören, fühle ich mich übermäßig gestresst, bin ich vergesslich, selbstkritisch, ein Morgenmuffel? Habe ich eine schlampige Handschrift?
Der Arzt ergründete den IQ seines Patienten, ließ ihn sein Leben aufschreiben und setzte ihn der Eintönigkeit des T.O.V.A.-Computertests aus. 20 Minuten lang drückte Alexander S. immer dann auf einen Knopf, wenn am oberen Rand des Bildschirms ein schwarzes Viereck erschien. Am Ende stand fest: Der Patient hatte häufig zu spät, zu schnell oder gar nicht reagiert - Diagnose ADS.
"Der Test ist nicht das Gelbe vom Ei", gesteht sein Arzt, "aber er entlarvt jeden, der sich hinter ADS verstecken will." Mautner hat jede Menge Fälle gesehen, die sich als drogenabhängig, psychotisch oder depressiv erwiesen. "Gottes Zoo ist eben groß", sagt er.
Der Mediziner weiß, dass die Diagnose ADS anfechtbar ist, weil die Symptome recht unspezifisch sind. Manchmal verschreibt er Ritalin, manchmal Antidepressiva, meistens rät er zu einer Verhaltenstherapie. Wer Ritalin nimmt, tut es auf eigene Gefahr: Das Mittel ist für das Krankheitsbild bei Erwachsenen nicht zugelassen, entsprechende Medikamentenstudien fehlen bislang.
"Die Grenze zu anderen psychischen Störungen ist fließend", sagt Mautner, "und die Patienten wirken auf den ersten Blick unauffällig." Zappelnd oder tobend zeigen sie sich selten. Ihre motorische Unruhe äußert sich eher beiläufig. Auf Langstreckenflügen halten sie das Sitzen schlecht aus; sie wippen häufig mit den Füßen, trommeln mit den Fingern oder blicken ziellos umher.
Im Alltag fallen sie leicht aus dem Rahmen: Sie haben Probleme mit der Kindererziehung, der Partnerschaft, dem Job, sind zerstreut, vergessen Schlüssel, Brillen, Vereinbarungen. Sie können Stress schlecht ertragen und ordnen sich Konventionen nicht unter. "So was fällt in unserer effizienz-orientierten Gesellschaft stärker auf", sagt Mautner. "Die Spinnerten haben es heute schwerer als früher."
Etwa 300 Erwachsene mit ADS haben das Klinikum Nord in den vergangenen zwei Jahren aufgesucht: Frauen, die am Chaos ihres Haushalts verzweifeln und die Kinder schlagen. Männer, die ihre Wohnungen in Trümmerhaufen verwandeln. Menschen, die auf belebten Straßen durchdrehen, weil sie der Reizüberflutung nicht standhalten.
Alexander S. gehört zu denen, die trotz ihrer Störung erfolgreich sind. Nach fünf Jobwechseln arbeitet er heute als Drehbuch-Autor und Texter. Seine Ehe hält schon 17 Jahre, er hat drei Kinder, einen Hund und ein Haus im Grünen.
Über Kleinigkeiten kann er sich schrecklich erregen: Er findet sein Lieblingsfeuerzeug nicht. Der Motorradhelm ist verschwunden. Die Rasierklingen sind stumpf, weil die 15-jährige Tochter sich damit die Beine geschabt hat. "So etwas bedeutet eine existenzielle Bedrohung meines Gemüts", sagt er und weiß selbst, wie lächerlich das klingt.
Die Sitzungen mit Mediziner Mautner brachten Alexander S. die Einsicht, dass er lernen muss, seinen "Vulkan im Kopf" zu bezwingen. Mautner verordnete ihm eine Therapie. Ritalin nimmt der Journalist nicht.
Viel hat ihm Fußball geholfen: Beim Mannschaftssport muss er sich Regeln und Vereinsleben unterordnen. Den Kumpeln sind krankhafte Zustände wie "motorische Unruhe" so fremd, dass sie es allenfalls als schlechtes Benehmen werten, wenn er seinen Blick nicht kontrolliert: "Mensch, Alexander, guck mich an, wenn ich mit dir rede."
Mit Sohn Max versteht sich der Vater am besten. Über ihre Störung reden die beiden nie. "Max soll gar nicht erst auf die Idee kommen, seine Schwierigkeiten mit einem Syndrom zu entschuldigen", sagt der Vater. Er sträubt sich zunehmend, ADS ernsthaft als "Krankheit" zu bezeichnen. "Automatische Disziplin- und Sorglosigkeit" nennt der Journalist sein Befinden - eine Diagnose, die mehr fordert als nur ein Medikament.

DER SPIEGEL 29/2002
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