15.07.2002

„Da hab ich geschrien“

Manche wollen sterben, andere ersticken fast an ihrer Wut. Seelisch krank werden kann man in den scheinbar besten Familien. Behandelt werden solche Fälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tiefenbrunn, von der viele Patienten sagen: „Das ist meine letzte Chance.“ Von Barbara Supp
Er raucht und singt und zupft die Saiten seiner Gitarre, auf dem Arm zuckt eine tätowierte Spinne, und dann sind da noch ein paar Narben auf seiner Haut, wie von Schnitten ins Fleisch. Es ist ein leises, melodisches Lied, das Joey* singt, es geht so: "Wir verlassen eure Welt, weil sie uns nicht mehr gefällt, denn wir sind suizidal, und was aus euch wird ist uns scheißegal."
Joey ist 16 und Kind aus gutem Hause, Pädagogensohn, und weiß sein halbes Leben schon, warum es ihm dreckig geht, nur seine Eltern wussten es lange nicht. Wussten nur, dass der Junge dauernd so aggressiv war, und Stress in der Schule gab es
auch. Die Lehrer mochten es nicht, dass
sich Joey im Unterricht Tätowierungen in die Haut stach, Anti-Nazi-Sprüche und diese Riesenspinne, und dann griff er auch noch einen Pädagogen an. Es reicht, fand das Kollegium, der Junge gehört in eine Therapie. Da war er 14.
Damals hat er zum ersten Mal seinen Eltern etwas von diesem Typen erzählt. Ein bisschen hat er erzählt. Sehr wenig eigentlich. Weil seine Eltern genug eigene Sorgen hatten, weil das vor allem für seine Mutter, fand er, viel zu belastend war.
So genau sollten sie es nicht wissen, was in den hässlichen zwei Jahren geschah, mit diesem Typen, der erst ein väterlicher Freund war und dann nicht mehr, dann missbrauchte er den achtjährigen Jungen, und immer wieder sagte er: "Wenn du nicht den Mund hältst, bring ich dich und deine Familie um." Also schwieg Joey, jahrelang.
An seine Wut hat er sich gewöhnt. Sie ist ein ständiger Begleiter geworden, mal leise schmorend, mal lodernd und laut. So wie vor ein paar Monaten, als er auf der Straße lebte und einem Fremden begegnete, der hatte Kinderpornos im Angebot. Er sei ausgerastet, sagt Joey, sehr sachlich sagt er das. Er habe ihn verprügelt, "und ich weiß nicht, ob der schon wieder laufen kann".
Sie ist so vertraut, diese Wut, und wärmend auch. Kann es sein, dass es ein Leben gibt ohne sie? Dass man sich sagt: Das ist Vergangenheit? Das ist vorbei?
Er hockt da mit Jakob, dem Schmalen, Dunklen, der gern Schminke im Gesicht trägt, und mit Laura, die meistens mürrisch dreinschaut, aber wenn sie Musik hört, dann wird ihr Blick weich. "Waldhaus" heißt der Flachbau, auf dessen Treppe die drei sich zusammendrücken. Es ist die Jugendstation des Krankenhauses für Psychotherapie in Göttingen-Tiefenbrunn.
Es ist Montag, oben im ersten Stock sitzen Ärzte, Therapeuten, Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter zusammen und sprechen ihre Patienten durch, wie war das Wochenende? Wem geht''s besonders schlecht?
20 Betten für Jugendliche haben sie im "Waldhaus" und 14 drüben in der Kinderstation "Rosenvilla", und wer hierher kommt, hat oft schon mancherlei Therapieversuche hinter sich. Immer wieder sagt jemand diesen hoffnungslosen, hoffnungsvollen Satz: "Das ist meine letzte Chance."
Es kommen die mit den Zwangs- oder Angststörungen, die mit den lähmenden Depressionen. Es kommen diejenigen, die sich den Körper blutig schneiden, weil sie körperliche Schmerzen erträglicher finden als seelische. Es kommen die Lebensmüden. Die Aggressiven. Die mit der stillen, zerstörerischen Wut.
Sie haben auf einen Platz gewartet, oft monatelang. Es werden immer mehr, die auf Hilfe warten; vielleicht gibt es mehr seelische Not als früher, vielleicht wurde sie früher nur häufiger übersehen. Jedes fünfte Kind sei betroffen, schätzt eine Studie der Universität Hamburg; genau wissen kann man es nicht. Aber dass man überall psychisch krank werden kann, auch in den scheinbar besten Familien, hat der Erfurter Amoklauf der Öffentlichkeit schockierend deutlich gezeigt. Die Praktiker aber wussten es längst. Viele der Tiefenbrunner Patienten sind Kinder von Lehrern, Pfarrern, Professoren; von Mittelstandseltern, bei denen lange nach außen hin alles in Ordnung scheint. Von Familien, bei denen nicht jeder sogleich denkt: Da stimmt etwas nicht.
Und dann stimmt da gar nichts, nur manchmal dauert es jahrelang, bis es jemand merkt.
Joey hat ein neues Lied geschrieben, "Kinderficker, ich jage dich, Kinderficker, ich kriege dich, bis du tot vor mir zusammenbrichst". Er sagt: "So etwas hilft." Der Boxsack hilft auch, der im Sportraum hängt; da hat er neulich eine gute Stunde lang draufgedroschen, "dann hat''s Knacks gemacht, aber ich hab weitergeboxt. Jetzt darf ich nicht mehr." Er wackelt an seinem Handgelenk, es knackt, und dann mischt sich Jakob ein, der schmale, dunkle Geschminkte. "Gedichte, interessiert Sie so was? Lesen Sie mal."
Ein schwarzes Schulheft, gefüllt mit gestochen scharfer Schrift. "Alte, verwitterte Steine mit Namen, auf denen der meine noch fehlt ... Das Gras unter meinen Füßen trägt euer Blut in sich ... Noch trägt kein Grabmal meinen Namen. Noch liege ich über euch, die ihr in ersehnter Ruhe, frei von Liebe und Hass seid. Ich beneide euch."
Manche Wörter sind verwischt und schwer zu lesen, weil so viel Blut darauf getropft ist und auf zerknülltem Papier eine befleckte Rasierklinge klebt. Auf der letzten beschriebenen Seite verrutscht die Schrift in unleserliches Gekrakel, quer über das Blatt. Kein klarer Kopf hat das geschrieben, sondern einer, der auf die andere Seite gewechselt hat. Dorthin, wo es keinen Halt mehr gibt.
Kann man so jemand zurückholen? "Man kann", sagt eine entschieden blickende Frau von etwa 50 Jahren, "es ist möglich", versichert sie. Annette Streeck-Fischer ist die Chefärztin der Tiefenbrunner Kinder- und Jugendabteilung, seit gut 18 Jahren, und sie reagiert nicht mehr so schockiert auf solche Dinge wie andere Leute. Weil sie lange schon, und immer wieder neu, nach Antworten auf diese Frage sucht: Was muss passiert sein, damit ein Kind nicht mehr leben will? Oder nur noch so, dass es sich oder andere zerstört?
Ihre Klinik hat einen Ruf, besonders im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen, weil man hier manchmal noch hel fen kann, wo andere Versuche vergebens waren. Und weil sie ein bisschen anders ist als die üblichen Kliniken, weil sie nicht aussieht wie eine Psychiatrie, eher wie ein Internat oder ein Schullandheim - ein weites Gelände im Grünen, parkähnlich, mit offenen Türen. Sie vertraue, sagt Streeck-Fischer, auf ein mühsames, anstrengendes Prinzip: "Freiwilligkeit. Kooperation".
Aber geht das? Mitbestimmung, wenn jemand sehr jung und psychisch sehr krank ist - kann das funktionieren?
Man sitzt da mit Joey und hört seine Selbstmord-Songs; man grübelt über Jakob, der sich verzogen hat, weil er im Moment niemand sehen will, man schreckt davor zurück, mit Laura zu reden, weil sie so finster blickt. Und dann trifft man Silke, klein, dünn, zappelig und neun Jahre alt, und auch Silke, so ist zu hören, sei freiwillig da. Weil sie es mit sich selbst nicht aushielt, und mit ihrer Wut. Und weil sie wissen wollte, wer sie war.
Sie kam hier an und hatte einen Therapieauftrag, den formulierte sie so: "Dass ich mit der Mama besser klarkomme. Und nicht mehr so viele Sachen zerschneide."
Silke ist das Kind einer psychisch kranken Mutter, die nicht für sie sorgen kann. Sie wurde Adoptivkind einer Adoptivmutter, die ein ordentliches Zuhause für sie schuf. Ein sehr ordentliches. Und die ziemlich verstört war, als sie in diesem Zuhause dauernd kaputte Sachen fand, und es konnte nur Silke gewesen sein. Auch in der Schule lief es schlecht. "Ritalin", sagten die Ärzte, "ein hyperaktives Kind", aber das half nichts, und als Silke in die Rosenvilla zog, setzte der dort zuständige Arzt das Medikament zügig ab.
Sie hat Fortschritte gemacht. Sie war erst in der Klinikklasse, besucht jetzt eine normale Schule draußen, sie war schon zu Kindergeburtstagen eingeladen, es läuft gut. Sie zerstört nicht mehr so viele Dinge auf der Station, und einmal, das hat sie selbst voller Stolz erzählt, war sie wieder mal wütend und wollte ein Kissen zerschnippeln, als sie eine andere Lösung fand: "Da hab ich geschrien." Die Mitarbeiter begrüßen das. Allerdings, berichtet ihre Psychotherapeutin, findet sie neuerdings immer wieder Kratzer in ihrem Auto - vor allem dann, wenn sie mit Silke in der Therapie unterschiedlicher Meinung war. Silke soll nicht kratzen. Sie soll sagen, was sie wütend macht.
"Sie machen sehr viele Fehler", schrieb Silke der Therapeutin an die Tafel. "Das meine ich ernst."
Sie hat "Wiedervorstellung" an diesem Tag, das heißt, man wird beschließen, ob sie bald nach Hause fährt oder nicht. Im Büro der Chefärztin sitzen ihre Ärzte und Betreuer und Therapeuten zusammen, und man will von Silke wissen, was sie darüber denkt. Sie hat sich auf ihrem Stuhl an die Lehne gedrückt, sie hat den Platz neben der Chefärztin, sie hört deren Fragen, sie blickt nach unten und knetet den Plüschbären auf dem Schoß.
"Hast du das erreicht, was du wolltest?"
"Ja."
"Was denn?"
"Dass ich nicht so viele Sachen kaputt mache."
"Geht das?"
"Ja. Einmal."
"Das könnte öfter passieren, oder?"
"Weiß nicht."
"Kann es sein, dass du manchmal nicht sagen kannst, was dich wütend macht?"
"Hmm."
"Ich fände es wichtig, dass du noch ein bisschen bleibst", sagt die Chefärztin. "Und du?"
Silke sagt nichts. Sie knetet ihren Bären. Will sie nach Hause? Sie neigt den Kopf, zu einem halben Nicken.
Draußen ist Joey mit der Gitarre. Als er merkt, das Silke sich herumdrückt, spielt er für sie "Cowboy Jack", ein ausnahmsweise fröhliches Kinderlied.
Joey hat ein Gedicht auf den Knien, eines über sich selbst: "Als kleiner Junge lag ich oft in meinem Zimmer / und verstand die Welt nicht mehr / Es wurde nie besser, immer schlimmer, immer schlimmer / Ich fühlte mich schmutzig, ausgebrannt und leer / Was habe ich getan? / Warum gerade ich? / Warum tut er mir das an? / Warum merken es die andern nicht?"
Es muss doch jemand merken. Es muss doch jemand was tun. Das ist die Hoffnung, die sie anfangs noch haben, und das haben sie fast alle gemeinsam, die Kinder von Tiefenbrunn: dass diese Hoffnung enttäuscht worden ist. Dass nur das Gefühl blieb: Man lässt mich im Stich.
"Manchmal habe ich den Eindruck, die sind kränker als früher", sagt Helga Schrader-Mosbach, die Schulpsychologin, und vielleicht stimmt das ja. Man kann nicht genau wissen, ob es wirklich mehr sind als früher, aber dass es viele sind, das weiß man schon.
Es gibt verzweifelte Scheidungskinder, es gibt die Kinder von Suchtkranken, gibt vernachlässigte, missbrauchte, misshandelte oder einfach nur chronisch überforderte Kinder. Und immer mehr überforderte Eltern auch, die nicht wissen, was das ist: erziehen. Die Vereinsamung wächst. Und das Schweigen zu Hause auch.
Wer nach Tiefenbrunn kommt, hat noch Glück gehabt. Weil doch noch irgendjemand auffiel, wenn auch manchmal fast zu spät: Mit dem Kind stimmt etwas nicht. Stimmt etwas Ernsthaftes nicht. Da muss etwas passieren.
Die stille Maria, eine einsame Gestalt im Gemeinschaftsraum, über ein Buch gebeugt - sie hatte sich in Drogen geflüchtet, sie hielt den Ansprüchen des Vaters nicht stand. Er wollte, dass sie studieren solle, und sie kann froh sein, wenn sie den Realschulabschluss schafft. Lizzy, die so vernünftig und klar und entschieden wirkt, sie kam mit Magersucht. Da ist Tobias, der am liebsten schlafen wollte, nur schlafen, er hatte zu gar nichts Lust, außer seinen Ritterspielen in nachgebauten mittelalterlichen Kostümen, in denen er am liebsten seine Freizeit verbringt. Oder Laura, die schon so viele Stationen hinter sich hat, Psychiatrie hier, Psychiatrie da, und deren Vater sehr darauf wartet, dass endlich jemand seine Tochter in Ordnung bringt.
Es ist ein träger Mittwochnachmittag, ruhig, therapiefrei, das sind so Momente, an denen man ins Grübeln kommt. Es hilft, wenn man jemand wie Andrea sieht, die demnächst entlassen wird, die nach Göttingen in eine Wohngemeinschaft zieht und sagt: "Mir geht''s ganz gut." Oder Matthias, der jetzt dauernd von dem Mädchen spricht, das draußen auf ihn wartet, es wird nicht mehr lange dauern, es scheint so, als habe er sein Leben jetzt im Griff.
"Aber bei mir geht das nicht so schnell", sagt Meike, die erst 15 ist, aber schon zwei Jahre in der Geschlossenen hinter sich hat. So etwas prägt. Manchmal wäre sie gern wieder hinter Gittern und Mauern, "weil es so anstrengend ist, immer selber zu entscheiden". Und dann kommt ganz langsam der grüblerische Satz, "dass man sich eben doch irgendwann entscheiden muss. Für das Leben. Oder - eben nicht".
Niemand ist gegen seinen Willen hier. Aber manchmal, im Notfall, wenn jemand zur Gefahr wird für sich und andere, wird er für eine Nacht oder ein paar Tage in die Geschlossene verlegt, ins Landeskrankenhaus. Was schon vorkam bei Meike. Öfters schon.
Die Stimmung ist gereizt am nächsten Tag im Waldhaus. Meike konnte nicht schlafen, um zwei nicht, um drei nicht, sie hatte den Kopf voller schrecklicher Bilder, "bitte! Schaltet die Bilder ab!", rief sie und weinte lange in der Nacht.
Joey hockt auf einem weißen Plastikstuhl vor dem Eingang und brütet. Er soll seine düsteren Lieder nicht mehr vor den anderen singen, weil das sowieso schon Deprimierte noch weiter deprimieren kann. Ein paar Mädchen klagen über Jakob und seine blöden Sprüche - auf der letzten Stationsvollversammlung hatte Jakob sich beschwert, dass es zu viele Regeln gebe. Er fühle sich eingeschränkt, vor allem in seiner Sexualität. Manche Mädchen stürmten aus dem Saal, wütend und verstört; Anna zum Beispiel, und die sagt jetzt: "Ich kann Jakob nicht mehr ertragen. Ich will ihn nicht mehr sehen."
Anna ist auch eine von denen, die schon jede Menge Stationen hinter sich haben. In der letzten Psychiatrie hieß es: "Wir müssen sie entlassen. Es geht nicht vorwärts. Wir können nichts tun."
Es ist einer jener Momente, an dem Anna jemand zum Reden sucht, dringend jemand zum Reden sucht. Manchmal ruft sie ihren Vater auf dem Handy an: "Ruf mich zurück." Anna ist 18 und seit fünf Monaten in Tiefenbrunn, sie weiß, dass sie diesen Leuten nicht egal ist wie so vielen vorher, aber sie weiß noch nicht, ob sie sich wirklich helfen lassen will. Sie spricht von dem Küchenmesser, das sie sich in die Pulsadern gestoßen hat, "leider nicht tief genug". Von dem Vater, den sie sehr liebt. Von den Selbstvorwürfen, weil sie damals, als sie sich nicht wehren konnte gegen Übergriffe, niemandem etwas erzählt hat, "wenn ich früher was gesagt hätte, wäre ich vielleicht nicht im sechsten Jahr in der Therapie".
Leise spricht sie, immer leiser, eine blasse Erscheinung mit dunkel umrandeten Augen, mit Gesichtszügen, die das Lächeln nicht mehr gewohnt sind. Schöne Dinge im Leben? Was für schöne Dinge? Der Bass vielleicht, den sie vom Vater zum Geburtstag bekam. Das Instrument lehnt in ihrem Zimmer am Bücherregal, so vor den anderen spielen wie Jakob und Joey, das macht sie nicht. Sehr sehr leise spricht sie. "Mir geht''s schlecht", sagt sie, kann man was für dich tun, Anna? Was? "Nein. Vielleicht ruf ich meinen Vater an."
Fast immer gibt es Hilferufe, manchmal laute, wie bei Joey, und manchmal ganz leise nur, Bauchschmerzen oder Alpträume oder selbst gemalte Bilder in düsteren Farben. Und manche schreien, aber sie tun so, als ob sie nicht wollen, dass sie jemand hört.
Joey weiß, warum es ihm schlecht geht, und Anna hat so eine Ahnung. Jakob sagt, er wisse es nicht.
Jakob wirkt nicht so, als sei die Suche nach Hilfe ein drängender Wunsch. Er lehnt da im Türrahmen, 18 Jahre alt, blass und abwehrend, klug und ein bisschen aggressiv.
Er hat sich vor fünf Monaten hierher begeben nach Tiefenbrunn, jetzt muss er sich damit abfinden, dass andere seine Abwehr durchbrechen wollen, das ist ihr Job. Jetzt behandeln sie ihn und tauschen sich aus über ihn, Ps ycho- und Ergo- und Körpertherapeuten, Ärzte, Erzieher, Kliniklehrer, dreimal die Woche ist Psychotherapie, der Sozialarbeiter macht Pläne, die Schulpsychologin erklärt ihn für teilweise hoch begabt, die Chefärztin fühlt sich zuständig für sein Befinden. Er empfinde das so, sagt Jakob, "dass dauernd jemand meinen Intimbereich verletzt".
Eine Begegnung mit ihm ist wie ein Schachspiel: Wie nahe lässt er einen heran, bevor er sich zur Attacke entschließt?
Er spricht sehr distanziert von diesem Jungen, der er war, der in der Grundschule anfing, Möbel und Mitschüler zusammenzuschlagen, warum?
Er wisse es nicht. Bis heute nicht. Wo er doch "das Gegenteil einer schlechten Jugend hatte: obere Mittelschicht, gute Schulnoten", und auch zwischen den Eltern und ihm sei nichts Problematisches gewesen. Die sahen, dass der Junge dauernd aggressiv oder melancholisch war. Aber sie dachten, dass sei eine Phase, sagt Jakob, sie dachten "typisches Pubertätssyndrom" und glaubten, das gehe vorbei.
Mit elf hat er zum ersten Mal versucht sich umzubringen, "ohne Fachwissen", die Eltern erfuhren es nicht. Mit zwölf begann er zu ritzen, mit Rasierklingen an seinem Körper rumzuschneiden, trug lange Ärmel, damit es niemand merkte, "eine Sucht", sagt er. "Warum, das habe ich selbst schon zu ergründen versucht." Er war 16, als er im Koma auf dem Bett lag und der 13-jährige Bruder kam und ihn fand, der Abschiedsbrief lag daneben. Jakob war beinahe schon tot.
Danach Psychiatrie, Zwangsernährung und der Kampf dagegen, die Schläuche reißt er sich raus, keiner soll helfen, er ist es, er allein, der über sich und seinen Körper bestimmt. Dann schließlich der Gedanke an die Eltern und den kleinen Bruder, wie der den halb toten Jakob findet, kein schöner Gedanke. Vielleicht gibt es ja doch einen Rückweg? Vielleicht lohnt sich der Versuch?
Jetzt ist er in Tiefenbrunn und könnte sich jederzeit selbst entlassen, keiner muss bleiben, wenn er nicht will. Aber er weiß auch, dass es den Leuten hier nicht egal ist, ob man geht oder bleibt. Dass die um jeden kämpfen.
"Die wollen unbedingt was finden", die in Tiefenbrunn. Hier haben sie nicht nur Medikamente, Neurocil gegen die Verzweiflung, Diazepam gegen panische Schübe, Tavor gegen die Angst. Hier wollen sie ihm ein möglichst normales Leben verschaffen, aber gleichzeitig suchen sie in seiner Geschichte herum. Wollen herausfinden, woran das liegt, dass er nachts nicht schlafen kann, er sagt, "mein Kopf ist niemals leer". Und anstatt ihn mit seinen Selbstmordphantasien in die Geschlossene zu überweisen, haben sie ihm einen Vertrag zur Unterschrift vorgelegt, den muss er täglich bestätigen: "Heute bringe ich mich nicht um."
Seinen Leib hat er zerschnitten, dass er aussieht wie ein religiöser Fanatiker nach der Geißelung, und er sagt, an komische Blicke deswegen habe er sich gewöhnt. Anders zu sein, besonders, das ist ihm wichtig. Im Moment trägt er einen langen, schmalen, geschlitzten Rock.
Manchmal sagt er, er wäre gern der "Kleine Prinz", auf seinem Planeten ganz allein. Die Therapeuten haben einen Namen dafür gefunden, sie nennen es "taktile Abwehrstörung". Es bedeutet, dass er Nähe nicht erträgt. Wenn jemand auf einen Meter Abstand zu ihm herankommt, dann ist das für ihn, als sei er hautnah. Deshalb die Panikanfälle im Bus. Deshalb hält er es nicht aus in der Klinikklasse und schon gar nicht in einer normalen Schule draußen. Deshalb die Abwehr? Oder ist die Abwehr doch erst entstanden durch eine Erfahrung, die er nicht verkraftet hat? Manchmal scheint es ihm so, als könnte da etwas gewesen sein - aber nein.
Kühl und klug und manchmal zynisch analysiert er sich selbst. Überlegt, ob sein selbstzerstörerisches Verhalten "genetisch bedingt" ist, "wofür einiges spricht". Dass er andere verstört, das bemerkt er wohl. Auch, dass er sie provoziert und manchmal ängstigt, wenn er schneidend scharf seine Interessen vertritt.
Ausgewählte Menschen dürfen ihm nahe kommen. Am liebsten hängt er nur mit Joey und Laura herum, sehr eng, oft am Rande der Regelverletzung, denn enge Körperkontakte, sexuelle zumal, sind zwischen Patienten untersagt.
Eine Balance zu finden zwischen Distanz und Nähe; schon das ist für viele schwierig. Jeder hat seine hässliche Geschichte. Es miteinander auszuhalten, schon das bedarf einiger Kraft.
Nachmittags bei der Visite sitzt Joey auf seinem Bett vor einem Ché-Guevara-Poster, er darf den Therapeuten vorspielen, er singt wirklich gut, rau und traurig, und die Chefärztin lobt seine Musik und würde ihn gern einladen zum Vorspielen auf dem nächsten Therapeutenkongress, aber das tut sie dann doch lieber nicht.
Anna in ihrem Mädchenzimmer berichtet, dass ihr diese Übung so schwer falle, sie soll die schlimmen Bilder in ihrem Kopf auf einen imaginären Fernsehschirm bannen, auf Kassette überspielen, die Kassette abschalten, wegschließen, Schluss. Sie hat Angst vor den Bildern. Sie sagt, sie könne das nicht.
Dann Jakob. Jakob hat seinen Rock an, das Gesicht dunkel geschminkt, Jakob wirkt wachsam, sein Körper sagt: Abwehr. Stopp.
"Tun Sie sich das nicht an", sagt Annette Streeck-Fischer, die Chefärztin. "Zeigen Sie nicht zu viel von sich, von Ihren Narben, von Ihren Verletzungen."
"Ich habe das unter Kontrolle", sagt Jakob. "Ich kann das einschätzen. Sie glauben, das könnte ich nicht. Ich glaube nicht, dass das mir schadet. Scham ist etwas Anerzogenes. Ich habe keine Scham."
"Sie täuschen sich", sagt der Therapeut Andreas Wagner. "Und Sie verletzen andere."
"Das sagen Sie. Sie verletzen mich auch, dauernd verletzen Sie mich, und es merkt nicht mal jemand."
"Wie?"
"Wenn ich Ihnen sage, wie Sie mich verletzen, vielleicht benutzen Sie das ja? Ich misstraue Ihnen."
"Sie haben Recht. Misstrauen Sie mir."
"Ich möchte ..."
"Was?"
"Was ich denke, ist nicht druckreif."
"Was?"
"Ich könnte eine Bombe legen, es ist so unglaublich langweilig hier. Und wenn man etwas tut, um das zu ändern, wird es verboten."
"Danke. Es ist gut, dass Sie das gesagt haben. Das müssen wir uns genauer anschauen", sagt der Therapeut.
Später, lange nach der Visite, trifft man Jakob in etwas weicherer Stimmung, er sagt: "Ich mache das nicht für mich. Nein, ich mache das nicht für mich. Für meine Freunde, meine Familie, oder ...", er schweigt. Seine Eltern, sagt er dann, haben kaum etwas von seinen Narben gesehen. Sollen sie''s wissen? Manchmal will er, dass sie alles sehen, jede einzelne Narbe an seinem Körper, jeden Schnitt. Sollen sie sich schuldig fühlen? Er überlegt. "Ich glaube nicht", sagt er dann, "dass das, was mit mir los ist, an meinen Eltern liegt."
Die Eltern - es ist ein harter Schritt, ein Kind in die Klinik zu geben; Therapeuten wissen das wohl. Es gilt das Geschwätz der Leute zu ertragen: "Wie? Die haben einen Sohn in der Psychiatrie?" Es gibt den nagenden Schuldvorwurf, den quälenden Gedanken: Wir haben versagt. Es gibt die Angst davor, dem Kind in seiner Biografie ein paar Monate Klinik zu verpassen. Aber es wächst offenbar auch die Zahl der Eltern, die sich sagen: Besser, das Kind hat ein halbes Jahr stationäre Therapie in seinem Lebenslauf, als dass es sein ganzes Leben zerstört.
Die Tiefenbrunner suchen engen Kontakt zu den Familien ihrer Patienten, weil sie deren Hilfe brauchen. Weil sie die Erfahrung gemacht haben, sagt der Arzt Guido Tietz, dass oft "das Kind die verborgenen Konflikte der Eltern austrägt". Dass dann also eher Vater und Mutter eine Therapie nötig haben und nicht so sehr die Tochter oder der Sohn. Einen Jungen mit Zwangsstörungen hat er einmal gefragt: "Was würde geschehen, wenn du dir nicht die Haare ausreißen würdest?" Der Junge sagte: "Dann würden Mama und Papa sich trennen."
Manche blocken völlig ab, wie jener Vater, der sehr empört von sich gab: "Also, a n mir kann es nicht liegen. Ich bin komplett durchanalysiert." Andere sind müde, ausgelaugt und sehr dankbar, dass man sie hier nicht schuldig spricht. Sondern das man versucht, Hoffnung zu wecken, dass es hoffnungsvolle Fallgeschichten zu hören gibt. "Man kann es nicht ganz richtig machen", sagt Tietz jenen Eltern, die sich selbst quälen. "Man kann es nur so gut wie möglich versuchen."
Das tröstet ein wenig, tröstet auch solche Menschen wie Rebeccas Mutter, eine sorgenvolle Frau, schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die sagt: "Das Kind wegzugeben, das Kind in die Klinik zu geben, das ist das Schwerste für eine Mutter überhaupt."
Sie sagt das am Samstag, am Elterntag. Es ist Zeit für Besuche und Gespräche mit den Therapeuten, Zeit für die Eltern, sich noch einmal diese Klinik anzuschauen, die ja wirklich nicht aussieht wie eine Klinik, und andere Eltern zu befragen, "meinen Sie", sagt Rebeccas Mutter, "dass man ihm hier helfen kann, dem Kind?"
Elterntag in der Kinderstation, und am Weg davor steht Joey in seinen Punk-Klamotten, er steht allein herum, weil Jakob Besuch hat von seinen Brüdern. Er schaut sich diese Eltern an, und natürlich merkt er, wie die Leute ihre Kinder von ihm wegziehen, das kennt er schon, "ein Punk, denken die, der frisst natürlich kleine Kinder".
Können die ja nicht wissen, dass er mit Kindern gut klarkommt und andere Pläne hat als früher. Dass er jetzt Pädagoge werden will. Und nicht, wie er früher immer dachte, Selbstmörder oder Terrorist.
* Die Namen der Patienten sind von der Redaktion geändert.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 29/2002
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