15.07.2002

LITERATURDie Hölle von 1941

Beim Lesen von Goethes Tagebüchern notierte Franz Kafka: "Die Ferne hält dieses Leben schon beruhigt fest, diese Tagebücher legen Feuer daran." Das gilt, ins große Historische gewendet, auch für das riesige "Echolot"-Projekt des Schriftstellers Walter Kempowski, 73, jenes "kollektive Tagebuch", von dem der Arrangeur in der neuesten Ausgabe sagt, es sei eine "Vergegenwärtigung der Welthöllen", der menschgemachten Höllen des Zweiten Weltkriegs. Kaum einer kann sich beim Eintauchen ins Stimmengewirr der Zeitzeugen des Gefühls erwehren, sich "unter die toten Seelen" (Kempowski) zu mischen, hineingerissen zu werden ins Chaos der Ereignisse. Statt kühl-distanzierter Berichte der Geschichtsforschung werden hier die vor Panik oder falscher Erwartung lodernden O-Töne serviert: aus Briefen und Tagebüchern. Nach den ersten beiden, jeweils vierbändigen "Echolot"-Sammlungen mit Stoff aus den Jahren 1943 und 1945 (Umfang jeweils mehr als 3000 Seiten) wirkt die jetzt dritte, chronologisch davor angesiedelte Folge geradezu diszipliniert: In einem einzigen Band (auf gut 730 Seiten) werden das zweite Halbjahr 1941 und der deutsche Angriff auf die Sowjetunion ("Unternehmen Barbarossa") vergegenwärtigt - in diesem Fall erstmals mit Zeugnissen von beiden Seiten, was dem Erzählmosaik dialogische Struktur verleiht. Kempowski, Herr über ein Archiv von mehreren tausend Nachlassdokumenten, hat in Anatolij Platizyn aus Tiraspol (Moldawien) einen Partner für diesen Band gefunden, der mit vergleichbarem Eifer Originaltöne aus der ehemaligen UdSSR zusammengetragen hat - eine erste Probe aus diesem Konvolut war schon im SPIEGEL (26/2001) zu lesen. Erschütternd vor allem die Zeugnisse aus der von deutschen Truppen belagerten Stadt Leningrad, Dezember 1941: "Hungrige Ratten huschten quiekend durch unsere Wohnung. Sie nagten die Tapeten an, wegen des Mehlkleisters."
Walter Kempowski: "Das Echolot. Barbarossa ''41". Albrecht Knaus Verlag, München; 736 Seiten; 49,90 Euro.

DER SPIEGEL 29/2002
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