15.07.2002

STARS„Rassismus wird anerzogen“

Der Musiker und Hollywoodstar Will Smith über die nun startende Kinokomödie „Men in Black II“, seine neue CD „Born to Reign“ und prügelnde weiße US-Polizisten
SPIEGEL: Mr. Smith, als Außerirdischen-Jäger in den höchst erfolgreichen "Men in Black"-Filmen tragen Sie immer einen schwarzen Anzug, hier zum Interview tragen Sie einen weißen. Können Sie kein Schwarz mehr ertragen?
Smith: Im Moment nicht. Ich mache seit Wochen Werbung für "Men in Black II" und laufe dafür fast dauernd in Schwarz rum. Es reicht einfach. Wenn ich diesen Rummel hinter mir habe, bleibt alles Schwarze im Schrank - bis zum dritten Teil.
SPIEGEL: Auch in "Men in Black II" bewähren Sie sich als großer Komiker. Waren Sie schon in der Schule der Klassenclown?
Smith: Na sicher. Aber mein wahres Genie bestand darin, dass ich im Unterricht dauernd Scherze machte und trotzdem mitbekam, was der Lehrer erzählte. Also hatte ich immer gute Noten.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Ihnen Ihr Sprachfanatismus schon früh den Spitznamen "Captain Correction" eingebracht hat?
Smith: Klar, meine Frau nennt mich noch heute so. Meine Mutter hat in der Schulbehörde gearbeitet; wenn meine Geschwister oder ich schlampig mit der Sprache umgingen, bekamen wir Ärger. Für schlechtes Englisch gab es Hausarrest.
SPIEGEL: Wie passt das dazu, dass Sie mit 20 als HipHop-Musiker Millionen CDs verkauften - in einem Genre, in dem Fluchen zum guten Ton gehört?
Smith: Wir waren in unseren Songs nie rüde, wir waren charmant. Das habe ich meiner Großmutter zu verdanken - als ich zwölf Jahre alt war, entdeckte sie das Buch, in das ich meine ersten Rap-Texte geschrieben hatte, voller Flüche und Schimpfworte. Sie hat die anstößigen Stellen unterstrichen und ans Ende geschrieben: "Lieber Will, wirklich intelligente Menschen brauchen diese Sprache nicht, um sich auszudrücken." Daran halte ich mich bis heute.
SPIEGEL: Dürfen Ihre Kinder fluchen?
Smith: Bei uns gilt die Regel, dass Fluchen nur im Badezimmer erlaubt ist. Seitdem hängt mein ältester Sohn mit seinen Freunden nur noch im Badezimmer rum.
SPIEGEL: Wie steht's mit den CDs v on HipHop-Schandmäulern wie Eminem?
Smith: Musik mit solchen Texten ist bei uns im ganzen Haus verboten.
SPIEGEL: Außer in "Men in Black II" sind Sie bald auch in der Titelrolle des Boxerfilms "Ali" zu sehen, und gerade kommt Ihre neue CD "Born to Reign" in die Läden. Ist die Musik Ihr Hauptberuf oder die Schauspielerei?
Smith: Ganz klar - in erster Linie bin ich Musiker. In meinem Studio zu Hause nehme ich eigentlich ständig Musik auf, ich verbringe dort mehr Zeit als auf Film-Sets. Musik ist die aktuellste Form von Entertainment, lebendiger und näher am Zeitgeschehen als Film und Fernsehen.
SPIEGEL: Sie sind einer der beliebtesten Stars der USA und haben mehrfach geäußert, dass Sie sich vorstellen könnten, den Job des Präsidenten zu übernehmen. Deutet der CD-Titel "Born to Reign" darauf hin, dass Sie demnächst Ernst machen?
Smith: Ich glaube tatsächlich, dass ich Präsident werden könnte, wenn ich es darauf anlege. Aber ich bin erst 33, noch habe ich keine politischen Ambitionen. Ich habe einige Zeit mit Bill Clinton verbracht, als er noch im Amt war. Ich versichere Ihnen: Präsident zu sein ist ein verdammt unangenehmer Job. Alle haben ständig schlechte Laune, du arbeitest rund um die Uhr, hast immer nur Ärger, und niemand dankt es dir.
SPIEGEL: Könnten Sie sich einen schwarzen US-Präsidenten vorstellen?
Smith: Unbedingt. Es wird sicher noch etwas dauern, aber in Zukunft werden Frauen und Schwarze ins Weiße Haus einziehen. Amerika hat vom Prinzip her die beste Verfassung der Welt. Aber unsere Regierung kann nur so gut sein wie unser Volk. Das Problem in den USA ist die Apathie der Bevölkerung.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie den aktuellen Skandal in Ihrem Wohnort Los Angeles um weiße Polizisten, die einen schwarzen Jungen brutal zusammenschlugen und dabei gefilmt wurden?
Smith: Ich bin ein Schwarzer, der in Amerika aufgewachsen ist - das ist unser Alltag. Das Besondere ist nur, dass es mal wieder gefilmt wurde und ein paar Menschen mehr den Ernst unserer Lage begreifen. Schauen Sie sich diese Aufnahmen genau an, und Sie werden erkennen, dass diese Polizisten so etwas nicht zum ersten Mal machen. Die prügeln sehr routiniert.
SPIEGEL: Haben Sie selbst ähnliche Übergriffe erlebt?
Smith: Natürlich. Auch ich bin von Polizisten geschlagen worden.
SPIEGEL: Wofür?
Smith: Für gar nichts. Nur weil ich schwarz bin. Die Illusion, dass alle Menschen gleich sind, endete auch für mich schon in der Kindheit. Ich war zwölf Jahre alt, als einer meiner Schulfreunde mich nicht auf seinen Geburtstag einladen durfte, weil er weiß war und ich schwarz. Seine Eltern wollten keine Schwarzen im Haus haben. Rassismus ist nicht angeboren, er wird anerzogen. Kinder achten nicht auf Hautfarbe. Aber schwarze Kinder müssen irgendwann lernen, mit Rassismus zu leben.
SPIEGEL: Wie ausgeprägt ist der Rassismus in Hollywood?
Smith: Hollywood ist wie der Rest Amerikas. Nur dass dort die Gier glücklicherweise noch mehr Macht hat als der Rassismus. Die einzige Farbe, die in Hollywood wirklich zählt, ist das Grün der Dollarscheine. Solange sie mit dir Geld verdienen, ist sogar deine Hautfarbe egal.
SPIEGEL: Die "Sunday Times" hat behauptet, Ihre Karriere beruhe darauf, dass Sie es geschafft haben, Ihr Publikum farbenblind zu machen.
Smith: Stimmt. Das funktioniert aber nur bis zu dem Punkt, an dem ein schwarzer Mann wie ich auf der Leinwand eine weiße Frau küsst - das kuriert jedes weiße Publikum sofort von seiner Farbenblindheit.
SPIEGEL: Ist Humor Ihre Waffe gegen den Rassismus?
Smith: Humor ist eine Waffe gegen alles Böse. Er ist wie Medizin, er heilt Wunden, stillt den Schmerz und gibt dir die Kraft weiterzumachen. Ohne Humor würde man am Leben schnell verzweifeln.
INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM, CHRISTOPH DALLACH
Von Jörg Böckem und Christoph Dallach

DER SPIEGEL 29/2002
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