15.07.2002

KULTURPOLITIKSubkultur für Lederhosen

Die Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl sorgt für jede Menge Zoff - und will nun mit einem hochtrabenden Medienkunst-Projekt ihren Ruf reparieren.
Mit klinisch auffälligen Überreaktionen kennt sich Lydia Hartl bestens aus: Als Humanmedizinerin und Psychologin erforschte sie einst das Mysterium der Hysterie. Seit zwölf Monaten versucht sich Hartl nun als spät berufene Politikerin im Amt der Münchner Kulturreferentin - und ihre Arbeit sorgt für massive Dauerempörung mit durchaus hysterischen Zügen.
Das erste Jahr ihrer Amtszeit sei eines "voller Gegenwind gewesen", sagt sie; im zweiten "wird sich daran nicht viel ändern". Das zeugt von nüchternem Realismus - darf aber durchaus auch als Drohung verstanden sein.
Denn nicht nur in Berlin und Hamburg herrscht dauerhaft Lärm und Streit um die Kulturpolitik; in München hat es die resolute Kulturdame Hartl, 46, geschafft, für besonders ausgiebigen Terz zu sorgen.
Erbost zetert etwa die Münchner "Abendzeitung" über die "verblasene Amtsträgerin" und fragt in einer Überschrift schon mal, ob die frühere Vorzeigeakademikerin den Titel "Frau Prof. Dr. Dr. überfordert" verdiene. Die "Süddeutsche Zeitung" vermisst im Gebaren der Referentin "Geschick und Lust am Taktieren, an Lobbybildung und Intrige" und konstatiert, Hartl habe "fast die ganze Stadt gegen sich aufgebracht". Die "Frankfurter Allgemeine" hämt: "Hartl dekonstruiert sich selbst."
Nur die Zyniker der bayerischen Künstlerwelt gewinnen dem Streit um Hartl auch Positives ab: Immerhin, so heißt es mitunter, werde die Münchner Kulturszene endlich wieder bundesweit wahrgenommen.
Kurioserweise hat Hartl bisher ihre Gegner vor allem dadurch erzürnt, dass sie in schwer verständlichem, aber hochtrabendem Kauderwelsch allerhand verkündete, aber weitgehend untätig blieb - und nebst wolkigem Gerede brav städtische Sparbeschlüsse umsetzte, etwa bei städtischen Büchereien, Museen und Bühnen.
Nun aber möchte die gelernte Medizinerin, die in den neunziger Jahren als Expertin für Neue Medien an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrte, richtig auftrumpfen: Am Donnerstag dieser Woche will Hartl ihr lang erwartetes "Konzept zur Förderung der Medienkunst in München" präsentieren. Der Versuch, in München mit einer trendigen Internet- und Multimediakunst-Einrichtung eine Art späten Urknall der virtuellen Kultur auszulösen, soll die rotgrün regierte Stadt eine knappe Million Euro kosten.
Für Ärger sorgt Hartls Plan unter anderem, weil er als erste Zukunftsmaßnahme vorsieht, eine bestehende Institution für Internet-Kultur aufzulösen: das Münchner Medienforum. An dessen Stelle möchte die Politikerin ein zeitlich befristetes Projekt mit dem hippen Namen "Lab21" gründen - und sich dazu mit dem technisch hoch aufgerüsteten Forschungsinstitut Fraunhofer verbünden. Sie ahnt da "auch für die Wirtschaft enorme Impulse".
Pech für Hartl, dass selbst im gerade noch so fortschrittsseligen Bayern die Cyberspace- und Dot.com-Euphorie mittlerweile verpufft ist - da wirkt ihre immer wieder verschobene Medienkunst-Offensive plötzlich merkwürdig deplatziert.
Hartl indes drängt nun zur Eile. Es bestehe sonst die Gefahr, warnt sie in ihrem
Papier, dass München "den Anschluss an die kulturellen Anliegen der jüngeren Generationen verpasst".
Peinlich nur, dass sich ausgerechnet die jungen ortsansässigen Medienkünstler und Ausstellungsmacher in offenen Briefen beschweren - etwa darüber, dass sie nicht in die Zukunftsplanung eingebunden wurden. Fast täglich, mitunter sogar stündlich, werden in München zwischen Zeitungsredaktionen, Künstlern und dem Kulturreferat Vorwürfe, Gegenvorwürfe, Stellungnahmen und Dementis ausgetauscht - es scheint so, als stritte in der städtischen Kunstszene jeder mit jedem und alle mit Hartl.
Mit so viel Zoff dürfte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nicht gerechnet haben, als er Hartl im Juli 2001 einstellte: als Ersatz für den zum Kulturstaatsminister beförderten Julian Nida-Rümelin - und als hoch qualifizierte Wunderwaffe. Damals kriselte die Münchner Old und New Economy zwar schon (einschließlich Kirch-Konzern und dem einstigen Börsenliebling EM.TV), noch hoffte man aber den Mythos von Laptop, Lederhose und TV-Zukunft retten zu können; und die neue Kulturreferentin schien die Richtige zu sein, um ihn mit intellektuellem Internet-Glamour anzureichern.
Schon ihren Amtsvorgänger Nida-Rümelin beriet Hartl in Sachen Neue Medien; umgesetzt habe der aber, wie sie sagt, nur wenige ihrer Ideen: "Wohl deshalb, weil er am Widerstand der Anhänger der so genannten Hochkultur gescheitert ist."
Einwenden ließe sich, dass die angebliche Subkultur der Medienkunst längst selbst etabliert ist - nur hieße das, eine schöne Münchner Tradition zu verkennen: Hier werden die Kulturkämpfe noch mal ausgefochten, die sich anderswo längst erledigt haben; manchmal ein wenig hysterisch, aber immer voller Lust. ULRIKE KNÖFEL
* "Dropshadow" von Andreas Siefert in der städtischen Münchner Galerie Lothringer 13.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 29/2002
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