15.07.2002

LITERATURBlindekuh im Gebirg

Manchen Kritikern gilt Andreas Maier schon als Star unter den jüngeren deutschen Autoren. In seinem Roman „Klausen“ schildert er ein Alpenkaff als Gerüchteküche.
Nichts Präzises weiß man nicht. Leider herrscht "ja keine Kenntnis von den genauen Zuständen", weswegen alle Menschen leider immerzu "auf bloße Gerüchte angewiesen" sind, "und erzählt wurde jede Menge".
Irgendetwas einigermaßen Rätselhaftes ist im Gange in dem kleinen Ort Klausen, der droben im Eisacktal liegt und nicht allzu weit entfernt vom Brennerpass - nur was genau?
Also, halbwegs sicher ist: Einige Naturschützer oder sonstwie Sensible finden das Getöse der sehr nahe an Klausen vorbeiführenden Brenner-Autobahn störend, weswegen sie erst Lärmmessungen anstellen und dann eines Nachts die Autobahn blockieren. Andere Menschen dagegen finden das Treiben der Naturschützer störend, vor allem für die Klausner Wirtschaft, weswegen sie schon mal einen der Antilärmkämpfer des Nachts verprügeln.
Was weiß man sonst? Ein junger Mann namens Josef Gasser kehrt als verlorener Sohn aus dem fernen Berlin nach Klausen zurück; seine schöne Schwester, von Beruf Schauspielerin, verdreht vielen Klausner Männern den Schädel, welchen sie sich im Übrigen gern im Wirtshaus mit Südtiroler Wein zupicheln; auch Touristen bevölkern die Szene: "Die Deutschen tragen nicht selten Kniebundhosen und rote oder grüne Kniestrümpfe, dazu haben sie Kappen auf dem Kopf ..."
So zünftig geht es zu in "Klausen", dem zweiten Roman des deutschen Erzählers Andreas Maier, 34*. Maier lebt selbst seit einiger Zeit (zwei Jahre, heißt es, aber weiß man''s genau?) in Brixen im Eisacktal und ist insofern im Südtirolischen schon fast daheim. Hat er also einen Heimatroman geschrieben, wie manche behaupten?
Das darf man bei aller Ungewissheit dann doch verneinen. Das Klausen, von dem Maier erzählt, hat mit dem gleichnamigen realen Ort nur sehr bedingt zu tun. Der Schauplatz dieses Romans ist ein bedrohliches, von Enge und Finsternis geprägtes, vor allem aber durch und durch künstliches Alpenkaff - und in dem ist eine besondere Form jenes "Hochgebirgsstumpfsinns" h eimisch, von dem das Andreas Maiersche Vorbild Thomas Bernhard einst schrieb.
Freundlich formuliert, ist "Klausen" eine virtuose Fleißarbeit aus dem literarischen Experimentierbaukasten. Der Erzähler Maier, der schon in seinem Erstling "Wäldchestag" ein ganzes Buch lang im Konjunktiv schrieb und sich so als Favorit für jedweden Sprachgeschicklichkeitswettbewerb qualifizierte, berichtet nun einen ganzen Roman lang vom Hörensagen.
In der Welt von "Klausen" müssen alle Geschehnisse mühsam anhand von Rapporten und Gerüchten rekonstruiert werden. Eine unmittelbare Wahrnehmung existiert offenbar nicht.
Unfreundlicher formuliert: "Klausen" ist ein Buch, in dem sich alle Figuren dumm stellen, eine Art literarisches Blindekuh-
Spiel. Als hätten sie einen Fetzen Stoff vor die Augen gebunden, durch den sie allenfalls Schemen wahrnehmen können, berichten die Zeugen, die der Autor aufmarschieren lässt, von Pöbeleien, Saufereien, geheimnisvollen Zusammenrottungen und bedrohlichen Vorfällen - aber nie kann, will, darf sich irgendwer festlegen. Schon der erste Satz behauptet: "Der Unterwirt in Feldthurns konnte später niemandem mehr sagen, ob es sich bei seinem Gast mit eindeutiger Sicherheit um Josef Gasser gehandelt hatte oder nicht."
Einerseits ist das natürlich ungeheuer kritisch und neunmalschlau vom Autor Maier konzipiert: Alles irgendwie Greifbare wird zerrieben im Mahlstrom des alltäglichen Geredes. Die Gebirgsmenschen sind nicht nur unfähig, ihre tagtägliche Umwelt zu gestalten, sondern sie sind schon außer Stande, sie überhaupt korrekt wahrzunehmen - dafür ahnen sie immerzu diffus etwas von großen, mutmaßlich verschwörerischen Zusammenhängen, trauen etwa dem Politiker Delazer, dem "Haider Südtirols", jede Strippenzieher-Schurkerei zu. Nur sie selbst wissen leider nix. Ist das nicht ein Gleichnis auf den Zustand unserer großen weiten, an Informationsüberfluss und Dauergerede zugeschwallten Welt?
Ja, das schon. Andererseits ist es auch eine durch und durch verschmockte Konstruktion. Denn dieses Buch, das fortwährend so heimlich tut, zelebriert das allerdeutlichste Beweisführungstheater. Die unentwegt quatschenden, ansonsten aber gesichtslosen Marionetten, die ganze Maiersche Umstandskrämerei zielen ab auf einen einzigen Lehrsatz: "Man konnte glauben, dass die Öffentlichkeit nichts weiter als eine Form des Wahnsinns sei."
Der Wahnsinn aber wohnt weniger in den rebellischen Reden, Streitereien und Aufruhrakten, die erst getreulich abgeschildert und dann mit viel Kraftanstrengung wieder verwischt, verundeutlicht, vernuschelt werden müssen, er wohnt allein im Kopf des Erzählers. Der kommentiert schon mal den Bericht von einem Saufgelage in krummem Deutsch: "Möglicherweise aber auch stimmte das nicht, denn Auer erfand oft solche Geschichten oder übertrieb sie maßlos."
Handelt es sich vielleicht auch um maßlose Übertreibung, dass einige Kritiker den Schriftsteller Maier nach "Wäldchestag" und "Klausen" bereits zum jungen Star der deutschen Literatur ausgerufen haben? Erzählt wird ja jede Menge - und doch trauen wir uns zu behaupten: Bisher ist der Ruhm des Autors Andreas Maier nicht mehr als ein Gerücht. WOLFGANG HÖBEL
* Andreas Maier: "Klausen". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 216 Seiten; 18 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 29/2002
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