15.07.2002

MUSIKVon deutschem Schrot und Klang

Bei den Bayreuther Festspielen, die nächste Woche beginnen, gibt der Dirigent Christian Thielemann den Ton an. Hat der Musikchef der Deutschen Oper Berlin auch das Zeug zum neuen Herrn des Grünen Hügels? Von Klaus Umbach
Seit ein paar Wochen ist er wieder im siebten Himmel, "auf einem anderen Planeten". Da hockt er, fast wie ein Outcast des Musikbetriebs versteckt, irgendwo in diesem "Heiligtum, dem man sich mit Ehrfurcht nähern muss", und kifft sich schon bei den Proben voll mit dem ersehnten "Gift": Wagner, Wagner, nichts als Wagner, "eine wirkliche Sucht", "herrlich".
Als er 13 war, hat ihn die heiße Ware zum ersten Mal gepackt, da hat er "Die Walküre" erlebt mit ihrem wotanischen Tremolo und ihrer sündhaft schönen Inzest-Lyrik, und war ganz weg. "Das musst du dirigieren", will sich der Teenager damals geschworen haben; "deswegen bin ich überhaupt Dirigent geworden", gestand der gemachte Mann.
Für den Stardirigenten Christian Thielemann, 43, jedenfalls ist Bayreuths Grüner Hügel inzwischen der gnadenreiche Gipfel der Tonkunst und das Festspielhaus eine gebenedeite Lasterhöhle. Hier darf er regelmäßig mit hellwachem Verstand durchknallen - ein wahnwitziger und deshalb reinrassiger Wagnerianer.
Vor zwei Jahren, im August 2000, machte er in Bayreuth seinen Antrittsbesuch. Der greise Komponistenenkel und Festspielchef Wolfgang Wagner hatte sich mit Daniel Barenboim, seinem langjährigen Statthalter am Pult, überworfen; nun durfte Thielemann die "Meistersinger" dirigieren. Das Publikum honorierte das Debüt mit 20 Minuten Applaus, die Feuilletons adelten den Novizen mit spaltenlangen Ritterschlägen. Über Nacht hatte die gute alte Backsteinscheune einen neuen Star - und der internationale Musikbetrieb einen sauber gescheitelten Hoffnungsträger.
Vorigen Sommer setzte Thielemann nach; diesmal verabschiedete er den 13 Jahre alten "Parsifal", auch der eine Wolfgang-Wagner-Inszenierung mit der "auratischen Kraft eines alten Lampenschirms", wie die "Frankfurter Allgemeine"" lästerte. Thielemann focht die verstaubte Optik nicht an. Genussvoll geleitete er die Ritterrunde auf Wagners diatonischer Kriechspur zum Gral, und nett frivol, fast lüstern ließ er danach die verruchten Blumenmädchen der Unzucht frönen. Wieder Jubel, wieder eine Stufe höher in Bayreuths Beletage.
Jetzt, in seinem dritten Festspieljahr, dirigiert Thielemann vor Ort erstmals eine Premiere, die einzige dieser Spielzeit: Am Donnerstag nächster Woche darf der Star aus Berlin die Wagner-Feiern mit (von dem Franzosen Philippe Arlaud inszenierten) "Tannhäuser" eröffnen. Daneben betreut er weiterhin die "Meistersinger".
So, mit einem populären und gewichtigen Doppeljob im Geschäft, gilt Thielemann längst als Seele des fränkischen Unternehmens, und Lästermäuler spotten, in Anspielung auf den Vornamen des Umbuhlten, bereits von einer drohenden "Christianisierung" des ganzen Festspielbezirks. Spätestens wenn Thielemann heuer im "Tannhäuser" den Venusberg so richtig unkeusch kreißen lässt, wenn er den heiligen Bimbam und die bacchantische Wolllust des Dreiakters so richtig saftig aufmischt, dürfte die Hügel-Gemeinde ihren neuen Darling endgültig ins Pantheon applaudieren - als Mann von deutschem Schrot und Klang.
Dass in Bayreuth endlich mal wieder ein landeseigener Stabführer den Ton angibt, begrüßen nicht nur die alten Kameraden des Grünen Hügels mit nationalem Frohlocken; auch aus dem Ausland klingt Beifall, wenn auch mit spöttelnden Spitzen. Thielemann, schrieb beispielsweise die Pariser Zeitung "La Tribune", sei "der unbestreitbare Erbe der deutschen Orchestertradition", ein Dirigent "mit dem Aussehen eines preußischen Offiziers", wie "Le Figaro" ergänzte, und "mit stahlblauen Augen".
Thielemann weiß, dass sein Image im internationalen Musikbetrieb immer noch Schrammen hat und hässliche Flecken. Schon vor Jahren, als sich sein Aufschwung unter die dirigierenden VIPs gerade anbahnte, hatte er die Berliner "Schnauze voll" von "Unterstellungen und Verdächtigungen" böswilliger Neider, die ihm Schädliches anhängten und Schändliches nachsagten.
Etwa, dass er bei einem Silvesterkonzert in Nürnberg am liebsten auch den "Badenweiler", Hitlers (verpönten) Parademarsch, aufgespielt hätte, dass er 1992 während einer Plattenproduktion bei laufendem Tonband allerlei nationalistisches Gewölle von sich gegeben haben soll (wofür sich später kein O-Ton-Beweis erbringen ließ) oder dass er bei einer Probe vor zwei Jahren in Berlin öffentlich gegen die "Juderei" im hauptstädtischen Musikleben gepoltert haben soll (was auch nach einem Prozess nicht restlos geklärt werden konnte). Von all dieser "übelsten Nachrede" sei irgendwas hängen geblieben, stellte Thielemann fest, und das sei "Scheiße".
Er könne seine "Herkunft nicht verleugnen" und wolle für seine Gesinnung nicht an den Pranger. "Ein deutscher Dirigent" dürfe man "ja wohl noch sein", und das bedeute eben "mehr als nur Berlin als Geburtsort im Reisepass": "In diesem Land bin ich aufgewachsen, ich atme und arbeite in dieser Tradition", "det jilt". Stimmt.
Aber es stimmt auch, dass ein Dirigent wohl doch verdächtig deutschelt, wenn er sich am liebsten im hochromantischen Gedünst von Richard Wagner und Richard Strauss austobt, das Schaffen des Nazi-Sympathisanten Hans Pfitzner hochhält und sich voll Inbrunst für so schrullige Oldies wie das "Hexenlied" des reaktionären Epigonen Max von Schillings stark macht. "Ich bediene die deutsche Schublade besonders schön", gestand Thielemann. Nur: Den teutonischen Bannerträger will er nicht spielen.
Dabei ist es keine Frage, so was kann er: richtig saftig in die "dunklen Farben" eintauchen, die er über alles liebt; dem Klangbild mit schwerem Blech güldenen Glanz verpassen oder den vollen, satten Streicherapparat mit Schmackes auf Hochtouren bringen. Wenn es in der Partitur dicke kommt, kommt er in Fahrt.
Er hat ein Händchen für schwere Brocken. Dann baggert und schürft und walkt seine Rechte fahrig herum, und die Finger der Linken zittern daneben wie Espenlaub. Wuchtet er ein Crescendo hoch, springt er auf, gespannt wie ein Flitzebogen, und beugt sich gefährlich weit hinab in den Graben; lässt die Spannung nach, fällt der stämmige Körper wie ein Mehlsack zurück. Er kann einen Wagner-Akt, so knappe zwei Stunden, durchziehen, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne eine Miene zu verziehen: Der Herr Kapellmeister - er bevorzugt diese altbackene Berufsbezeichnung - ist dann im Dienst.
Und wenn Thielemann im Dienst ist, ruft ihn, nach seinen eigenen Worten, stets irgendeine Pflicht, und in die "muss ich mich halt nehmen". Sein gusseisernes Leitmotiv ist das hohe P: "das 150-Prozentige, die totale Pflichterfüllung", alles ums Verrecken.
Er will "Verantwortung" tragen, "Selbstdisziplin" üben, "Vorbild sein". Er fühlt, wie auch anders, vor allem "eine Pflicht der Musik gegenüber" und sieht es beispielsweise als seine "Pflicht" an, am Tag vor einem "Tristan" einem "Besäufnis" oder "ähnlich exzessiven Annehmlichkeiten zu entsagen."
Klar, es war für ihn "Pflicht", "angesichts der maroden finanziellen Lage" Berlins dieser Stadt treu zu bleiben, und er empfindet es deshalb als seine "Pflicht, auf manches Angebot und manche Gage andernorts zu verzichten". Nun fühlt er sich als "der erste Diener der Deutschen Oper Berlin". Thielemann - das sind 1,90 Meter Pflichterfüllung, mit Preußens Gloria auf der Zunge und dem Bild vom Alten Fritz über dem Schreibtisch. Ein Tick, sicher, aber wohl auch ein Trick.
Denn komisch: In der just ausklingenden Spielzeit hat sich Thielemann, offiziell der "Generalmusikdirektor und Künstlerische Leiter der Konzerte des Orchesters der Deutschen Oper Berlin", an seiner Wahlstatt kaum blicken lassen. In der kommenden Saison speist er seinen Laden mit 14 Terminen ab, eine Wiederaufnahme des betagten Nibelungen-"Ring" inklusive. Bei keiner Premiere steht er am Pult. Der Chef hat offenbar keine Probleme, sich zu entpflichten, wenn es genehm ist: Nach der Pflicht kommt die Kür.
Er macht lieber, gleich im kommenden September, mit den Wiener Philharmonikern eine Tournee, dirigiert künftig bei den Salzburger Festspielen jeden Sommer wenigstens eine Oper von Richard Strauss, übernimmt dort auch die Uraufführung des jüngsten Bühnenwerks von Hans Werner Henze, hat der Wiener Staatsoper einen neuen "Tristan" zugesagt und verhandelt seit Monaten mit den Münchner Philharmonikern (und deren kommunalen Sachwaltern) um ein bayerisches Standbein.
Da beide sich mögen und wollen, wird man sich einigen; vorausgesetzt, die
Apanage fällt standesgemäß aus. Schließlich hat James Levine, der bisherige Philharmoniker-Chef, für gerade mal 24 Konzerte 970 000 Euro kassiert; da dürfte sich ein Thielemann für die erhofften 34 Termine kaum mit kleineren Brötchen abspeisen lassen. Aber keine Sorge, München wird tief genug in die Tasche greifen.
Und so - in der lukrativen Grätsche zwischen Berlin und Bayern, von Wien, London, New York hofiert und in Bayreuth als führender Stabführer inthronisiert - wird Thielemann bei der internationalen Dirigenten-Rallye schon bald da stehen, wo er zumindest noch nicht hingehört: auf Pole-Position.
Noch machen andere das Rennen, etwa Sir Simon Rattle, der ihn mit seiner weltläufigen Bravour an die Wand spielt, oder der genialische Finne Esa-Pekka Salonen, dessen Repertoire nicht im Plusquamperfekt stockt. Noch hat Thielemann nichts von dem mitreißenden Schneid und der soghaften, trunkenen Intensität, mit denen einst Carlos Kleiber das Publikum in Taumel versetzte. Weder gelingt ihm Bernsteins dampfende Ekstase noch die lukullische Eleganz, mit der Karajan an seinen besten Tagen glänzte.
Und mit Wilhelm Furtwängler, seinem Hausgott, hat er bislang vor allem ein seltsames Handgemenge als Dirigierstil gemein; mit den Wundern, die der Alte dabei vollbrachte, hapert es bei dem Jünger noch.
Auch Thielemanns Schallplatten, seit 1996 exklusiv bei der Deutschen Grammophon in Umlauf, sind durchweg Mittelklasse. Zwei in London produzierte Beethoven-Sinfonien beispielsweise klingen platt, derb, streckenweise klumpfüßig; Orffs "Carmina burana" erweist sich als die gewohnt große Sause, aber ohne persönliche Note; und seine (Wiener) Einspielung der "Alpensinfonie" von Richard Strauss protzt als philharmonisch gestyltes Matterhorn aus Zuckerwatte.
Was immer dieser emsige Kapellmeister noch bewerkstelligen oder verbumfiedeln mag - der definitive Sprung in die Welt-elite kann ihm, so viel ist sicher und wohl auch ihm bewusst, nur in Bayreuth glücken, auf dem deutsch-romantischen Mutterboden des Grünen Hügels. Und der Termin steht auch schon fest: Sommer 2006. Dann wird Thielemann vor Ort den neuen "Ring" aufführen, und darauf ist die Wagner-Gemeinde schon heute heiß.
Denn für die Inszenierung wagte Festspielchef Wolfgang Wagner, einen Außenseiter anzuheuern, dessen Nominierung die Szene verblüfft hat und dessen Name stockkonservative Bayreuth-Pilger nur mit Schaudern nennen: Lars von Trier.
Igittigitt - der? Ja, der; dieser unnahbare Neurotiker und genialische Chaot, der aus einer kommunistischen Nudistenfamilie stammt, sich während seiner Studienzeit selbst geadelt hat, in seiner Produktionsfirma Zentropa Pornos drehte, seine schwangere Frau sitzen ließ, mit dem Babysitter zusammenzog und sich - nach allerlei kunterbunten Eskapaden in der schillernden Kinowelt - mit seinem Musical-Film "Dancer In The Dark" die Goldene Palme von Cannes holte. Genau der.
Nun wird diesem Ausbund sein angeblich innigster Wunsch, sein "Traum", erfüllt: in Bayreuth eine Oper zu inszenieren; vielleicht holdseliges Verlangen, vielleicht nur Schnapsidee.
Jedenfalls hat der Regisseur trotz "Momenten der Überwältigung" bei seinem Bayreuth-Besuch von Wagner, Oper, Bühne kaum Ahnung. Aber da ist einer, der ihm das alles nahe bringen und vom Klavier aus einpauken will: Thielemann. Eine seltsamere Paarung als der gestriegelte "Superpreuße" ("Die Zeit") und das irisierende Nordlicht ist kaum denkbar.
Sie hätten, sagte Thielemann der Zürcher "Weltwoche", zunächst "viel über Respekt und Demut gesprochen"; das lässt sich hören. Trotz Einsatz "moderns-ter visueller Mittel" zielten sie nicht "auf Schocks": keine "plumpen Anspielungen auf den Faschismus", keine "Götterdämmerung" in Hitlers Reichskanzlei. Mit ihrer Sichtweise hätten sie "absolut übereingestimmt", und schon klopfen sie sich die Schulter: "Mensch, das haut hin!"
Für Thielemann allerdings steht im Juli 2006 womöglich mehr auf dem Spiel als nur der "Ring". Denn als musikalischer Triumphator über die gigantische Tetralogie würde er sich wohl endgültig für jenes Amt qualifizieren, das ihm eingefleischte Wagnerianer am liebsten schon heute andienen möchten: die Herrschaft über den ganzen Grünen Hügel. Im Sommer 2006 wäre Wolfgang Wagner 87 Jahre alt - eigentlich Zeit, in Rente zu gehen.
* Links: bei der ersten diesjährigen Orchesterprobe im Bayreuther Festspielrestaurant; rechts: bei der Aids-Gala 2000 in der Deutschen Oper Berlin.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 29/2002
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