15.07.2002

KITE-SURFENDruck auf der Tüte

Für die darbende Windsurf-Industrie kam der Boom der Kite-Surfer höchst gelegen. Das Spektakel stand im Vordergrund, nicht die Sicherheit. Schwere Unfälle überschatten jetzt den Höhenflug der Trendsportart. Ein erster Todesfall zwingt die Szene zum Umdenken.
Der Wind füllt zwölf Quadratmeter Segeltuch, mit leisem Zischen zieht der überdimensionale Lenkdrachen in den Himmel. Der Zug an der Lenkstange lässt nach, wenn das u-förmige Sportgerät in 30 Meter Höhe über dem Kopf in der Luft steht. Jetzt ein paar Schritte ins Wasser, die Füße tasten nach dem Surfboard. Ein leichter Ruck an der Lenkstange, der Drachen macht einen Schlenker nach vorn, der Zug wird gewaltig, und schon geht er los, der wilde Ritt über die Bucht vor Gold auf Fehmarn.
Bewegungslos steht der Drachen am Himmel, das Surfboard rast dahin, gleitet wie ein Wasserski. Kite-Surfen - nach dem englischen Wort "Kite" für Drachen - heißt dieser neue Sport, der seit zwei Jahren in Deutschland boomt wie einst das Windsurfen in den achtziger Jahren.
Könner unter den "Kitern" lenken in voller Fahrt, bei gut 40 Stundenkilometern, ihren Schirm über den Kopf, lassen sich bis zu zehn Meter hoch in die Luft reißen, verrenken den Körper zu atemberaubenden Figuren, drehen sich mehrfach um die eigene Achse und landen nach sekundenlangem Flug kontrolliert wieder auf dem Wasser - wenn alles gut läuft.
Kite-Surfen ist schnell, spektakulär, verhältnismäßig leicht zu lernen - und sehr gefährlich. Schon seit längerem raunten sich die Aktiven Geschichten von Unfällen auf See und am Strand zu, von Knochenbrüchen und monströsen Blutergüssen. Doch wie riskant ihr Treiben wirklich sein kann, erfuhr die Kite-Gemeinde Anfang Juni: In Zingst auf dem Darß, einem Ostseebad an der mecklenburgischen Küste, verunglückte Silke Gorldt, 26, tödlich.
Der Schirm der Deutschen Meisterin verhedderte sich mit den Leinen eines Konkurrenten. Die beiden Drachen schleppten die Profi-Kiterin aus Varel über den Strand, schmetterten sie gegen Buhnen und Bretterzäune. Silke Gorldt starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.
Der Unfall entflammte eine Sicherheitsdebatte, die nicht nur die Sportler mächtig beschäftigt. Schließlich markierte er den vorläufigen Höhepunkt einer Serie schwerer Vorfälle. Im vergangenen Jahr riss ein plötzlicher Windstoß eine Kiterin bei Wilhelmshaven durch die Luft gegen ein Wohnhaus. Die Frau überlebte, mit 17 Knochenbrüchen. In Dänemark brachten die straff gespannten Leinen eines Lenkdrachens einem Touristen am Strand schwerste Verletzungen bei. Auf Fehmarn stürzte ein Kiter so unglücklich, dass sein kompliziert gebrochener Fuß amputiert werden musste. "Wie viele Unfälle es wirklich bisher in Deutschland beim Kiten gegeben hat, weiß noch niemand", sagt Oliver Zernial, der an der Universität Kiel eine medizinische Studie zum Verletzungsrisiko anfertigt. Zwar schätzt er, dass die Zahl der Unfälle "weit geringer" sei als zum Beispiel beim Skaten in der Großstadt. "Ich will aber nichts herunterspielen. Die Gefahr beim Kiten ist groß."
Die größten Kalamitäten lauern in der Start- oder Landephase. Plötzlich einfallende Windstöße sind mit Kites schwer abzufangen. Ist erst einmal "Druck auf der Tüte", wie die Szene sagt, lässt sich das Gerät nur schwer wieder unter Kontrolle bringen und hebt mühelos den Piloten vom Boden. Einfach loslassen geht nicht, denn der Kiter ist über einen Trapezgurt mit seinem Sportgerät verbunden. Nur so lassen sich die enormen Zugkräfte bewältigen. Vor rund zwei Jahren veröffentlichte das "Surf-Magazin" ein Foto von der Insel Hawaii. Es zeigte einen Kiter, der unter seinem Drachen in 50 Meter Höhe über Palmenstränden schwebte. Der Mann kam mit ein paar Kratzern davon, versicherte die Bildunterschrift.
"Das Problem sind die Kiter selbst", sagt ein Hamburger Surfshop-Mitarbeiter: "Die Leute sind begeistert, stürzen bei uns rein, kaufen einen Drachen und fuchteln dann damit ohne professionelle Anleitung am Strand herum." Rund 7500 Schirme werden allein in diesem Jahr über den Tresen gehen, schätzen Kenner der Branche. Der Sport ist jung, erst 1998 aus Hawaii nach Deutschland gekommen, die meisten Aktiven haben mit den zugkräftigen Drachen nur zwei, drei Saisons Erfahrung.
Berüchtigt unter den Kite-Neulingen sind Leute, die vom Windsurfen stammen - über 50 Prozent der Einsteiger. "Die sind oft schon lange Wassersportler und nehmen das Ding da oben nicht ernst", sagt Gerd Kloos, Chefredakteur beim Magazin "Kite". Vor allem unter jüngeren Fahrern gelte Sicherheit als "uncool". Kloos: "Einige tragen da ein verantwortungsloses Extremsportler-Gehabe vor sich her." Die Windsurf-Legende Robby Naish, der mit seiner Firma Naish-Sails dem Kite-Sport merklich zum Durchbruch verholfen hat, warb gar mit Sprüchen wie: "Für 99 Prozent aller Menschen ist Kiten der falsche Sport." Seine Botschaft: Nur ganz wenige Teufelskerle sind auserwählt, dieses aufregende Hobby zu betreiben.
Auch die Hersteller der gut 1000 Euro teuren Schirme, so kritisiert Kloos, hätten sich beim Thema Unfallvermeidung "nicht mit Ruhm bekleckert". Der Boom des Kite-Surfens mit Umsatzzuwächsen von 50 Prozent pro Jahr geriet zum Rettungsanker für die chronisch krankenden Produzenten von Windsurf-Equipment. Allein 2001 hatten sie gegenüber dem Vorjahr rund 40 Prozent weniger Segelbretter verkauft.
Da durfte natürlich kein Schatten auf die neue Brancheneuphorie fallen. Probleme mit der Sicherheit wurden verdrängt, alle Energie in die Entwicklung von immer schnelleren, leistungsstärkeren Kites gesteckt. Zuverlässig funktionierende Sicherheitssysteme, die bei spektakulären Manövern nicht stören, sind deshalb bis heute kaum im Handel. Spitzenkiter wie Silke Gorldt bauten serienmäßig mitgelieferte Zusatzleinen, die ein unkontrolliertes Ausbrechen der Drachen verhindern sollen, sogar einfach ab. "Sonst würden die Fahrer sich verheddern und hätten im Wettbewerb keine Chance", sagt ein Insider.
Seit dem Tod der Ausnahmesportlerin hat der angehende Orthopäde Zernial immerhin "ein Umdenken" unter den Aktiven ausgemacht. "Innerhalb von zwei Tagen", berichtet Christian Harbacek vom Hamburger "Surfshop Handmade", seien die so genannten Notauslösehaken vergriffen gewesen. "Da habe ich überhaupt erst gemerkt, wie viele vorher ohne gefahren sind, ein Wahnsinn."
Im Internet rufen Kiter sich gegenseitig auf, Sicherheitsregeln einzuhalten. Wer nicht mitmacht, wird gemobbt: "Hey, du, mit den wuscheligen Haaren", heißt es in einem Forum: "Lass dich nicht noch einmal in Neusiedl blicken." Der Krauskopf hatte seinen Kite in einer Badezone gestartet.
Der Druck auf die Zunft ist gewaltig. An vielen Stränden denken die Kurverwaltungen schon über Kite-Verbote nach. Vorsorglich beschränken sich die Kiter im schleswig-holstei-
nischen Heidkate oder am Strand von Lindhöft bei Kiel bereits freiwillig auf bestimmte Strandabschnitte, um Badenden und Windsurfern nicht ins Gehege zu kommen.
Der Verband Deutscher Windsurfing und Wassersport Schulen (VDWS) will durchsetzen, dass die Drachen nur noch an Inhaber eines Kite-Scheins verkauft werden dürfen, der von einer anerkannten VDWS-Kite-Schule ausgestellt wurde - eine Initiative, die sogar von Händlern wie Achim Stuzmann vom Fehmaraner Shop "Windgeister" "voll unterstützt" wird.
Auch die Profis haben Besserung gelobt. Beim nächsten Wettbewerb auf Fehmarn, der Kite Surf Trophy im August, ist sicheres Equipment Pflicht. Einen Imagewandel, weg vom Draufgängertum, hält Unfallforscher Zernial für dringend nötig: "Wenn die Kite-Szene das Sicherheitsproblem nicht in den Griff kriegt, stirbt nach Silkes Tod bald der ganze Sport." JAN PUHL
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 29/2002
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