15.07.2002

MOTORRADRENNEN„Immer auf vollen Touren“

Der viermalige Weltmeister Massimiliano ("Max") Biaggi über Rempeleien mit den Konkurrenten, den Vorwurf der Arroganz und Macho-Gehabe im Straßenverkehr
SPIEGEL: Herr Biaggi, wann waren Sie zuletzt Beifahrer auf einem Motorrad?
Biaggi: Ich kann mich nicht erinnern. Ich fahre nie als Sozius mit. Ich hätte, ehrlich gesagt, zu viel Angst.
SPIEGEL: Sie trauen nur sich selbst?
Biaggi: Als Rennfahrer bin ich darauf trainiert, Situationen im Voraus zu erkennen. Das könnte ich als Beifahrer nicht abstellen. Ich würde mich benehmen wie eine hysterische Frau.
SPIEGEL: Wie muss sich jemand umgekehrt fühlen, der bei Ihnen mitfährt, einem Mann, der gewohnt ist, mit Tempo 250 auf eine Kurve zuzujagen?
Biaggi: Er wäre sicher enttäuscht. Privat bin ich nämlich sehr gemütlich unterwegs. Es kommt oft vor, dass mich Fans an der Ampel erkennen. Sie spielen dann gern mit dem Gas, sie wollen mich herausfordern. Aber ich tue ihnen den Gefallen nie.
SPIEGEL: Sie enttäuschen uns ein wenig. In der Branche nennt man Sie wegen Ihres draufgängerischen Fahrstils "Mad Max".
Biaggi: Ich bin nicht so verrückt, wie viele glauben. Die Ansprüche im Rennzirkus sind enorm gestiegen. Wenn ich Erfolg haben will, muss ich im Rennen und im Training ans Limit gehen. Abseits der Piste zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie ich die Maschine optimieren kann. Sprich: Ich laufe immer auf vollen Touren. Im Privatleben suche ich daher den Kontrast zu Stress und Lärm: Ruhe, Langsamkeit. Langsamkeit bedeutet für mich Erholung.
SPIEGEL: In Ihrer italienischen Heimat hat Motorrad-Rennsport eine große Tradition. Weltweit genießen jedoch Formel-1-Piloten eine höhere Wertschätzung beim Publikum, auch die Gagen sind in der Regel höher. Haben Sie es schon mal bereut, nicht Autorennfahrer geworden zu sein?
Biaggi: Ich habe mal einen Formel-1-Wagen getestet. Was mich überraschte, war die Bremswirkung. Ich weiß jetzt, warum die Jungs wie Jet-Piloten angeschnallt sind. Ansonsten war ich nicht beeindruckt. Ein Auto zu fahren ist für mich keine Herausforderung. Es geht schon damit los, dass man damit nicht umfallen kann.
SPIEGEL: Das klingt nach Biker-Polemik.
Biaggi: Ich will die Leistung eines Michael Schumacher oder eines Rubens Barrichello nicht schmälern. Dennoch glaube ich, dass Motorradrennen spektakulärer sind, weil sie einen anderen Charakter haben. Wenn wir um die Positionen rangeln, dann setzen wir auch die Arme oder den Körper ein. Ich mag das. Man hat das Gefühl, dass da noch Menschen und nicht nur Maschinen gegeneinander kämpfen.
SPIEGEL: Beim Grand Prix vergangene Saison in Japan rempelten Sie Ihren Landsmann Valentino Rossi sogar mit dem Ellenbogen. Er geriet auf den Grünstreifen.
Biaggi: Er wollte mich außen in einer Kurve überholen. Das macht man nicht. Ich musste mich wehren.
SPIEGEL: Branchenkenner deuten diese Scharmützel eher als Generationenkampf - hier der 23-jährige Aufsteiger, dort der 31-jährige Routinier. Nach dem Rennen vergangenes Jahr in Barcelona kam es zwischen Ihnen und Rossi zu einer kurzen Boxerei. Was stört Sie an ihm?
Biaggi: Er ist ein junger Kerl, der nur die falschen Leute um sich hat. Das ist alles.
SPIEGEL: An seiner fahrerischen Klasse gibt es nichts zu rütteln. Er ist Weltmeister in der 500er Klasse. Das war Ihnen bislang nicht vergönnt.
Biaggi: Er hatte auch das beste Material. Es wäre schon interessant zu sehen, was passiert, wenn er mal nicht mit einer überlegenen Maschine an den Start geht.
SPIEGEL: Die Fans lieben Rossi auch wegen seiner Unbekümmertheit und Volksnähe. Sie indes gelten als verschlossen und unnahbar.
Biaggi: Dieser Vorwurf, ich sei arrogant, stört mich. Warum soll ich mich gegen meine Natur inszenieren? Ich habe meinen eigenen Stil. Ich will durch meine Persönlichkeit auffallen, nicht durch Show.
SPIEGEL: Dass Sie ein Mann mit Prinzipien sind, musste auch Ihre ehemalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Anna Falchi, feststellen. Es heißt, Sie, ein glühender Fan von AS Rom, hätten die Liaison beendet, weil sich die Dame bei einer Fußballfeier von Lazio Rom zu offenherzig zeigte.
Biaggi: Ach, das ist nur so eine Geschichte, die ständig kursiert.
SPIEGEL: Wie war es dann?
Biaggi: Als Lazio 2000 Fußballmeister wurde, gab es eine Party im Stadion. Sie lief aufs Feld, jemand reichte ihr ein Lazio-Trikot. Sie zog ihren Pulli aus, um das Trikot anzuziehen. Dabei verrutschte ihr BH. Mehr war nicht.
SPIEGEL: Aber Sie sind kein Paar mehr.
Biaggi: Ich sag es mal so: Meine neue Freundin ist wie ich Anhängerin von AS Rom. Jetzt gibt es keine Schwierigkeiten. INTERVIEW: DETLEF HACKE, GERHARD PFEIL
Max Biaggi
war viermal Weltmeister (1994 bis 1997) in der 250ccm-Klasse und gewann bislang 37 Grand-Prix-Rennen. Seit seinem Wechsel in die 500er Kategorie sind seine Siege jedoch seltener geworden, was der Römer mit unterlegenem Material erklärt. In der Szene, deren Protagonisten sich gern leutselig und bodenständig geben, gilt Biaggi, 31, als zu Exzentrik und Arroganz neigender Einzelgänger. Am Wochenende startet der Yamaha-Fahrer beim Großen Preis von Deutschland auf dem Sachsenring.
Von Detlef Hacke und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 29/2002
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