15.07.2002

TOUR DE FRANCEJobbörse am Berg

Die Dopingaffären zeigen Wirkung bei Sponsoren. Radrennställe schließen, fusionieren oder geraten in Finanznot. Im Profigeschäft werden die Arbeitsplätze knapp.
In dem Bus, der außen mit bunten Bauklötzchen bemalt ist, sitzt Direttor Aldo Sassi und grübelt, wie es weitergehen mag mit seinem Rennstall. Ein wenig sentimental blickt er Richtung Heck des komfortabel ausgestatteten Fahrzeugs, dorthin, wo eine Küche samt Mikrowelle eingebaut ist und eine Dusche für die Radprofis. "Ein Geldgeber, der unser hohes Budget finanzieren würde", sagt Sassi, "ist so schnell nicht zu finden."
Erst Ende Juni hat der Hauptsponsor Mapei, ein Mailänder Fabrikant von Baumaterial, angekündigt, zum Jahresende aus dem Berufsradsport auszusteigen. Seit 1993 schickt Mapei Rennfahrer in farbenfrohen Trikots auf Werbetour für grauen Wandputz und Betonzusätze. Lange war die Mannschaft die größte, bestbesetzte, erfolgreichste und mit zehn Millionen Euro teuerste der Welt. Firmenpatriarch Giorgio Squinzi wetterte lautstark gegen Doping. Doch im Mai, beim Giro d'Italia, wurde der eigene Teamkapitän positiv getestet.
Es gab in der Vergangenheit eine Menge Rennstallbesitzer, die solche Dopingaffären wie lästige Schuppen von den Schultern wedelten und ungerührt weitermachten. Squinzi fühlte sich persönlich beschämt. Nun droht die Equipe zu zerfallen wie schlecht angerührter Mörtel.
Die Tour de France 2002 gerät damit für das Team um den spanischen Weltmeister Oscar Freire, 26, zur Jobbörse. Mit Tagessiegen wie dem von Freire am vergangenen Montag auf der Etappe nach Saarbrücken hoffen die Radprofis von Mapei, neue Sponsoren zu begeistern und sich ihren Arbeitsplatz zu erhalten - oder sich anderen Mannschaften aufzudrängen.
Doch bei der Konkurrenz sieht die Lage vielfach nicht minder trübe aus. So zahlte Kelme monatelang keine Gehälter, weil der Geldgeber, ein Sportschuhfabrikant, in der Krise steckt. Bei Lotto und bei Domo werden Co-Sponsoren abspringen; für die neue Saison haben sich die beiden belgischen Ställe deshalb auf eine Fusion verständigt, die Zahl der Planstellen wird folglich um die Hälfte reduz iert. Und was aus dem Team Telekom nach dem Vertragsablauf Ende 2003 wird, scheint ungewisser denn je.
Es fällt Teammanagern wie Sassi zusehends schwerer, Firmen für ein Engagement zu gewinnen. Nicht bloß die Flaute in der Weltwirtschaft zeigt Wirkung, sondern auch die Dopingskandale schrecken potenzielle Geldgeber ab. "Man kann mit Radsport-Sponsoring viele Leute erreichen", sagt Sassi, "aber stets schwingt das Risiko mit, das Image womöglich zu beschädigen." Künftig müssten die Profiställe wohl mit "15 bis 20 Prozent geringerem Etat" auskommen. Insgesamt etwa 100 Radprofis, schätzt ein Mapei-Sprecher, versuchten derzeit, für 2003 einen Job zu finden.
Wie Gerhard Trampusch, 23. Der Österreicher fährt für Mapei die erste Tour de France seiner Karriere. Er sieht sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, als "das beste Pflaster, um sich für andere Mannschaften zu empfehlen".
Trampusch ist klein und schmächtig, ideal gewachsen für die steilen Anstiege hinauf zu den Pässen der Pyrenäen und Alpen. In der zweiten Hälfte der Tour erreicht der Tross endlich die Berge. Dann wird das Peloton schnell auseinander reißen und Trampusch, Startnummer 129, nicht länger in der Anonymität der Masse stecken. Einen Tag bloß, einmal den flinksten Kletterern auf den Fersen bleiben - das würden viele wichtige Leute sehen: "Wenn der eine oder andere Lichtblitz aufgeht, dann kommen die Verträge von selbst."
Der Australier Robbie McEwen, einer der großen Rivalen des Telekom-Fahrers Erik Zabel um das grüne Trikot, hat seinen schon verlängert. Doch er fürchtet, dass das Papier wertlos ist.
Nur kurz währte bei McEwen, 30, die Freude über den Etappensieg in Reims am Dienstag voriger Woche, dann kehrte die Unsicherheit zurück. Vor einiger Zeit hat der Sprintspezialist beim Lotto-Rennstall für zwei weitere Jahre unterschrieben, doch ob das Abkommen auch nach dem Zusammenschluss mit Domo gilt, daran zweifelt er. "Es heißt, laufende Verträge werden anerkannt - bestätigt hat es mir noch niemand. Ich weiß nicht mehr, als in den Zeitungen steht", sagt McEwen. Auch die Teamkollegen lebten in der gleichen Ungewissheit: "Viele Fahrer warten auf Klarheit über die Fusion."
Für den Herbst, wenn die meisten Verträge ausgehandelt werden, erwartet McEwen "eine schwierige Transferzeit. Eine Menge Profis drängen auf den Markt". Als Etappensieger bei der Tour und einer der weltbesten Sprinter wird er sicher irgendwo unterkommen. Aber wo? Und zu welchem Preis?
Verlässliche Fachkräfte, also die Zuarbeiter der Stars, verdienen pro Jahr rund 200 000 Euro. "Doch die Gehälter werden sinken", ahnt Telekom-Profi Udo Bölts, 35. Der deutsche Stall wird den Pfälzer nach zwölf Jahren ausmustern. Aber Bölts würde woanders gern eine Saison dranhängen.
Selbst seine Kollegen, die bis 2003 gültige Kontrakte haben, beobachten den Markt mit Argwohn. In der Telekom-Zentrale kursieren Konzepte, die eine massive Kürzung des Marketingetats vorsehen. Und Jan Ullrichs Drogeneskapade rüttelt an den Grundfesten sinnvollen Sportsponsorings. "Eins ist klar", sagt Erik Zabel, "die aktuellen Nachrichten sind nicht gerade förderlich." DETLEF HACKE
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 29/2002
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