22.07.2002

GLÜCKSSPIELVirtueller Strohhalm

Mit Online-Casinos wollen deutsche Spielbanken ihre Krise im klassischen Roulette-Geschäft wettmachen. Doch die ersten Testläufe sind umstritten.
Steif und einsam steht die Dame vor Flachbildschirm und Webcam. Kein Stimmengewirr. Keine Champagnerlaune. Keine Freudenschreie um sie herum. Das elegante Ambiente ihrer Croupier-Kollegen hat der Cyberspace verschluckt.
Im neunten Stock des Hamburger Hotels Inter-Continental gibt die Frau zurzeit der New Economy die Kugel. Ihre einzige Realität ist noch der Roulette-Kessel, selbst der grüne Zahlenfilz ist digitalisiert. Die Zocker füttern die vorgelagerten Terminals mit Banknoten - oder setzen direkt auf der Homepage der Spielbank.
Noch läuft das erste offizielle Cyber-Casino Deutschlands nur mit Spielgeld im Testbetrieb. Doch schon bald wollen die Hanseaten wahres Bares von den Kreditkarten ihrer Online-Kunden abbuchen. Immerhin müssen bereits jetzt satte Entwicklungskosten von 3,5 Millionen Euro wieder eingespielt werden.
Dass die Hamburger-Spielbank-Manager einen derart hohen Einsatz riskieren, hat nichts mit Spielsucht zu tun. Die branchenweite Krise zwingt zur Erschließung neuer Zielgruppen. "Das klassische Spiel leidet unter Umsatzrückgängen", klagt Geschäftsführer Otto Wulferding.
Bundesweit frönen die Deutschen immer seltener dem einstigen Freizeitkick. Während das Automatengeschäft noch brummt, herrscht an den Roulette-Tischen oft schläfrige Leere. Zudem wächst keine junge Kundschaft nach. Der Altersdurchschnitt der passionierten Jetonkäufer "steigt kontinuierlich an", beobachtet Karen Krüger von den Spielbanken Niedersachsen.
Der drohenden Rentnerfalle will man nun auf der Datenautobahn entkommen. "Jedes Casino in Deutschland beschäftigt sich derzeit mit Online-Projekten", sagt Matthias Hein, Chef der Spielbank Schleswig-Holstein und Sprecher der Deutschen Spielbanken Interessen- und Arbeitsgemeinschaft (Desia). Teilweise laufen schon Kooperationsgespräche mit großen Internet-Portalen.
Neben Hamburg haben auch die Bundesländer Niedersachsen und Hessen den gesetzlichen Weg für Online-Konzessionen geebnet. In Nordrhein-Westfalen steht Marktführer Westspiel in intensiven Gesprächen mit Software-Anbietern und den zuständigen Behörden.
"Für das Jahr 2005 liegen die Schätzungen bereits bei weltweit zehn bis elf Milliarden Dollar", erklärt Wulferding die Umsatzprognosen fürs Online-Glücksspiel, die Spielbankmanager und den mitverdienenden Fiskus gleichermaßen faszinieren.
Die Hoffnung auf den Cyberspace wirkt wie ein virtueller Strohhalm. Zwar werden staatlich konzessionierte Anbieter bei den Spielern mit dem Seriositätsargument Punkte sammeln. Aber im Gegensatz zu den über 1000 oft geldwäsche- und manipulationsverdächtigen Offshore-Konkurrenten aus der Karibik steckt man hier zu Lande in einem engen gesetzlichen Korsett.
Bis zu 90 Prozent des Bruttospielertrags kassiert das jeweilige Bundesland. Zudem müssen die Betreiber der Internet-Casinos mit technischen Kniffen sicherstellen, dass sich die Online-Zocker tatsächlich im Konzessionsgebiet aufhalten. Spielbanken sind Ländersache.
Im Zeitalter globaler Vernetzung führt der alte Föderalismus zu absurden Regeln. So darf sich etwa ein in Bayern wohnender Spieler nicht von seinem heimischen PC bei den Hamburgern einloggen. Damit aber schrumpft das Kundenpotenzial gewaltig.
Bei den Online-Casinos brauche es deshalb "länderübergreifende Kooperationen", fordert Manager Hein. Im Internet konkurriere man schließlich mit den ganz Großen. "Da darf es keinen deutschen Kleinkrieg geben."
Neben den betriebswirtschaftlichen Risiken lauern noch andere Gefahren. Für Kreditkartenbetrüger und Hacker tut sich ein neues Eldorado auf. Und die traurige Fraktion der Spielsüchtigen, die oft zu spät auf die Sperrlisten gesetzt werden, dürfte laut Fachleuten kräftigen Zuwachs erhalten. "Die Abrechnung läuft einfach über die Kreditkarte", warnt der Bremer Suchtforscher Gerhard Meyer, "was zu höheren Einsätzen verleitet und den Kontrollverlust fördert."
Solche Bedenken lassen auch die öffentliche Debatte anschwellen. Für den 20. August hat beispielsweise die Hamburger Bürgerschaft eine Expertenanhörung angesetzt, um die Risiken auszuloten.
All das kümmert Marc West wenig. Unter diesem Pseudonym gibt sich ein deutscher Rentner als Ex-Chefcroupier aus und führt seit vergangenem September im karibischen Curaçao eine deutschsprachige Online-Spielhölle. "Mit durchschnittlich 1200 Spielern pro Tag", prahlt West, zu dessen Geldgebern angeblich Techniker deutscher und österreichischer Casinos gehören. West erwartet für dieses Jahr einen "Gewinn von 2,5 Millionen Dollar".
Neuerdings arbeitet seine fragwürdige Geheimtruppe allerdings vor allem am eigenen Image. West möchte "raus aus der illegalen Ecke". Dieses Jahr wollen er und seine Mitstreiter eine Million Dollar spenden - an SOS-Kinderdörfer. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 30/2002
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