05.08.2002

IRAKDer Schachzug Saddams

Mit der Einladung von Uno-Chefkontrolleur Hans Blix verschafft sich Bagdads Despot neuen Spielraum. US-Präsident George W. Bush, zum Schlag gegen den Irak entschlossen, gerät in Legitimationsnot. Washingtons Falken nehmen bereits den nächsten Schurken ins Visier - Iran.
Geheimnisvolles tut sich im türkischen Kurdenland. Während hoch droben am Himmel immer häufiger stahlgraue Kampfflugzeuge wie anatolische Geier ihre Kreise ziehen, wachsen in den Grenzstädten Silopi und Uludere gigantische Auffanglager aus dem Boden.
In einem Geheimerlass hat der gesundheitlich und politisch angeschlagene Premierminister Bülent Ecevit die "Operation Regen" angeordnet. Die Türkei rüstet für eine drohende humanitäre Katastrophe: kurdische Flüchtlinge, die - wie 1991 geschehen - zu Hunderttausenden einem neuen Golfkrieg zu entkommen trachten.
Auf Druck aus Washington, vielleicht aber auch in der Hoffnung, so die miesen Aussichten seiner Partei für die Neuwahlen im November aufzubessern, scheint sich der Premier in das offenbar Unvermeidliche zu schicken: Der Bush-Krieg gegen den ungeliebten Nachbarn Saddam Hussein, bislang in Ankara kategorisch abgelehnt, wird heimlich vorbereitet.
In Bagdad blieb kaum verborgen, dass die Zeiger auf Amerikas strategischen Uhren unaufhaltsam auf die Angriffsstunde am ominösen D-Day vorrücken: Zeit für den in Washington längst befürchteten politischen Gegenschlag.
Ohne Vorwarnung ließ Präsident Saddam Hussein, der gerade noch Uno-Generalsekretär Kofi Annan in gleicher Sache hatte abblitzen lassen, vergangenen Freitag dessen Chefinspektor Hans Blix einladen - zu Gesprächen über die Wiederaufnahme der Rüstungskontrollen. Diese waren dem irakischen Aggressor 1991 nach seiner vernichtenden Niederlage in Kuweit von der Weltorganisation auferlegt worden.
In Washington hatte man mit Saddams Verzögerungstaktik gerechnet. Es sei völlig undenkbar, raunzte etwa Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dass der Despot seine geheimen Depots und Labors wirklich für tief schürfende Inspektionen öffnen werde.
Gewiss: Viel spricht für eine Finte des Irakers. Aber der Schachzug Ende voriger Woche verschafft ihm Handlungsspielraum. George W. Bush, der eben noch wie ein wilder Stier auf sein rotes Tuch Saddam losging, könnte nun eher dastehen wie ein Don Quichotte, der sich mit seinem mächtigen Kriegsgerät in den Flügeln von Bagdads Propagandamühlen verheddert.
Doch der Amerikaner, so scheint es, lässt sich von seinem Ziel nicht abbringen. Warnzeichen, Hindernisse und Risiken zählen schon lange nicht mehr für den Mann, dessen Vater, 1991 im Golfkrieg noch Triumphator über Saddam, im April 1993 Opfer eines Mordanschlags von Bagdads Schergen werden sollte.
Nicht einmal die Aussicht auf eine - wie 1991 - kriegsbedingte Rezession schreckt Bush. Dabei müssten die USA diesmal sicher die Hauptlast der Kosten tragen, die sie 1991 noch weitgehend auf Alliierte abwälzen konnten.
Vergebens warnte Jordaniens König Abdullah II. vorige Woche Bush junior ganz undiplomatisch vor dem "schrecklichen Fehler" eines militärischen Angriffs auf den Irak, der zu "verheerenden Auswirkungen" in der ganzen Region führen werde. "Ziemlich grotesk" seien die Pentagon-Pläne angesichts des hell lodernden Nahost-Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern.
Auch Uno-Generalsekretär Kofi Annan, Lordsiegelbewahrer des Weltfriedens, machte keinen Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegen den bellizistischen Kurs der US-Administration. Sogar enge Verbündete Washingtons wie der deutsche Kanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac schränkten unter dem Eindruck des immer lauter über den Atlantik schallenden Kriegsgeschreis ihre seit den Terroranschlägen vom 11. September oft beschworene Solidarität mit der Supermacht drastisch ein: Ohne ein neues Votum des Uno-Sicherheitsrats sei ein Krieg gegen den Irak undenkbar.
Sie können sich dabei auf das Urteil führender Völkerrechtler stützen. Der Berliner Professor Christian Tomuschat etwa ist überzeugt, dass ein vom Sicherheitsrat nicht sanktionierter Angriff auf den Irak die Grundlage des Völkerrechts und der Vereinten Nationen zerstören würde - den prinzipiellen Gewaltverzicht in den internationalen Beziehungen. Fortan könne so jeder Staat unter dem Vorwand einer befürchteten Bedrohung zu den Waffen greifen - mit verheerenden Folgen für die internationale Ordnung.
Bedenken, Mahnungen und Rechtsvorbehalte finden bei den Bush-Kriegern derzeit jedoch nur eine Antwort: immer neue Pläne für Auf- und Vormärsche, Umstürze, Luftschläge und Kommandoeinsätze. Die Optionen für einen Angriffskrieg gegen den Irak werden öffentlich debattiert, als gäbe es kein Völkerrecht.
Vergangene Woche hielt der Kongress in Washington Anhörungen ab, um aus dem Dickicht von Drohungen und Kriegsszenarien herauszufiltern, was reale Planung ist und was vielleicht nur Verwirrtaktik. Selbst Parteifreunde des Präsidenten, wie der republikanische Senator Chuck Hagel, stellen bohrende Fragen:
Was geschieht mit dem Irak, wenn Saddam beseitigt ist? Muss dann eine bis zu 50 000 Soldaten starke Besatzungsarmee vielleicht ein Jahrzehnt dort stationiert bleiben? Und wie kann Saddam diesmal wirksam vom Einsatz seiner Massenvernichtungswaffen abgeschreckt werden, wenn er so oder so mit seinem Ende rechnen muss?
Selbst ranghohe Militärs verweisen inzwischen auf die wirksame Eindämmungspolitik in den Flugverbotszonen im Norden und Süden des Irak, in denen der Diktator seit elf Jahren in Schach gehalten werde. "Ich kenne keine Verbindung zu al-Qaida oder zum Terrorismus", wundert sich ein in Afghanistan eingesetzter US-General über die Obsession des jüngeren Bush mit Saddam. "Deswegen stellt sich mir die Frage, ob das irgendwie damit zu tun hat, dass sein Vater Ziel von Saddam gewesen ist."
Bush & Co. rechtfertigen sich mit dem Verhalten des gefürchteten Diktators:
Der hat seine Nachbarn wiederholt bedroht und sogar überfallen. Vor allem Saddams ungestümer Griff zu Massenvernichtungswaffen - seien es atomare, biologische oder chemische - weckt Ängste weit über die Region hinaus. Seit Bagdad die Verpflichtungen aus der Niederlage im Golfkrieg um Kuweit ignoriert und den Abrüstungskontrolleuren der Uno ab 1998 die Einreise verwehrt, gilt der Diktator in Washington als Paria.
Bush-Vorgänger Bill Clinton versuchte wiederholt, den unliebsamen Iraker mit Waffengewalt zur Räson zu bringen. Sein Nachfolger ermächtigte nun sogar seinen Geheimdienst CIA zu Mordkomplotten.
Doch Saddam ist Überlebenskünstler: Stets hat Bagdads mächtiger Sicherheitsapparat Verschwörungen und Putschgelüste aufgedeckt. Zu Tausenden wurden Saddam-Gegner exekutiert. Deswegen fanden die Strategen auch wenig Gefallen an der so genannten Bürgerkriegsoption:
Mit Hilfe der innerirakischen Opposition und abtrünniger Clans der Schiiten im Süden sowie der nordirakischen Kurdenstämme sollten amerikanische Kommandosoldaten den Sturz Saddams besorgen. Doch das "Beispiel Afghanistan" sei auf den Irak nicht übertragbar, musste selbst Verteidigungsminister Rumsfeld einräumen. Weder bringen die untereinander zerstrittenen Gruppen der irakischen Opposition die Kampfkraft der afghanischen Nordallianz auf. Noch ist Saddams 400 000-Mann-Armee in einem ähnlich desolaten Zustand wie die seinerzeit weit überschätzte Söldnertruppe des Taliban-Regimes in Kabul.
Folgerichtig wurde daher "Oplan 1003" aufgelegt: Mit massiven Bombenangriffen, Panzerarmeen und bis zu 300 000 US-Soldaten sollen Saddams Streitkräfte aus der Türkei, aus Jordanien und aus Kuweit heraus in einen zermürbenden Dreifrontenkrieg verstrickt und geschlagen werden. Entscheidender Schönheitsfehler: Die designierten Aufmarschstaaten machen nicht mit.
Deshalb kam es zur Idee der Blitzkriegsstrategie: Buchstäblich aus heiterem Himmel soll ein 50 000 Mann starkes Rollkommando direkt in der Hauptstadt Bagdad sowie wichtigen Kommandozentren landen und die Hydra des Saddam-Regimes enthaupten. Führungslos würden sich die stramm hierarchisch geführten Streitkräfte des Irak geschlagen geben, wenn die Invasionstruppe - gleichsam von innen nach außen - die Machtstrukturen des Regimes aufrollt, hoffen Pentagon-Planer.
Unerwähnt ließen die Strategen die Risiken des tollkühnen Unternehmens. Denn schwer vorstellbar ist, dass die nach wie vor durch den Vietnam-Krieg traumatisierte US-Bevölkerung tage- oder wochenlange Häuserkämpfe in irakischen Metropolen mit ansehen würde, bei denen vielleicht Tausende GIs ums Leben kämen. Zudem müsste eine Entsatztruppe von mindestens 200 000 Mann bereitstehen, die das Blitzkriegskorps im Notfall herauspauken kann. Dazu wäre ein Monate dauernder Aufmarsch ebenso notwendig wie Stützpunkte in Nachbarstaaten des Irak.
In der Region stoßen Washingtons Kriegspläne jedoch auf massiven Widerstand. Bereits im März erklärten sich alle 22 Mitgliedsländer der Arabischen Liga auf ihrem Gipfeltreffen in Beirut mit Bagdad solidarisch. Sie fürchten, wohl zu Recht, dass ein US-Angriff in den arabischen Metropolen die Straße mobilisiert - nicht nur gegen die Bush-Krieger, sondern auch gegen allzu US-hörige Potentaten.
In Kairo ist Staatschef Husni Mubarak schon froh, die anti-israelischen Proteste in den Griff bekommen zu haben. Dass Washington die Vergeltungspolitik des israelischen Premiers Ariel Scharon deckt, empört den Ägypter zutiefst.
Statt in der palästinensischen Autonomie-Regierung und in Bagdad auf einen Machtwechsel zu drängen, so die einhellige Forderung von Amman bis Riad, solle Bush erst mal Scharon eine Lektion erteilen. Eine zweite Front neben dem eskalierenden Nahost-Konflikt, so Mubarak, könne die Region nicht verkraften.
Auch bei dem strategisch wichtigsten Partner im ersten Golfkrieg kommt Washington weder mit Geld noch guten Worten weiter. In Saudi-Arabien verbietet das Königshaus die Nutzung des 1996 mit fast sechs Milliarden Dollar aus dem Wüstensand gestampften Luftwaffenstützpunkts "Prinz Sultan". Seit dem 11. September fürchten sich die Öl-Prinzen mehr denn je vor der fundamentalistischen Opposition in ihrem Reich. Immerhin waren 15 der 19 September-Attentäter und sogar Terrorchef Osama Bin Laden Landsleute.
Nicht mal Kuweit, das seine Befreiung dem Vater des US-Präsidenten verdankt, will beim Waffengang mitmachen. Die Zurückhaltung in dem Emirat erklärt sich auch mit Saddams diplomatischem Geschick. Auf dem Araber-Gipfel von Beirut garantierte Bagdad Souveränität und Sicherheit des Emirs.
Auch Jordaniens König Abdullah II., dessen Vater Hussein 1991 noch für Saddam Partei ergriffen hatte, warnt immer wieder vor dem Angriff. Saddams jüngster Schachzug stärkt den Widerstand in Amman wie bei wohl allen Gegnern der amerikanischen Kriegspläne.
Nur Briten-Premier Tony Blair, stets Washingtons treuester - und diesmal womöglich einziger - Knappe, teilt den Frust der Bush-Krieger: Sie fürchten, der Iraker könne ihnen doch noch aus der Kiste springen, die sie bereits für ihn gezimmert haben.
Deswegen glaubt bislang auch kaum jemand daran, dass die Kriegsgefahr wirklich abgewendet worden ist. Sogar in Bagdad ist Vize-Premier Tarik Asis überzeugt, dass selbst "die Rückkehr der Inspektoren einen Angriff nicht verhindern wird".
Das schürt Ängste im benachbarten Iran. Der dem Westen vergleichsweise wohlgesinnte Staatschef Mohammed Chatami warnte Washington vor dem "Anfachen der Flammen des Krieges". Seit Bush dem Mullah-Regime jeglichen Reformwillen abspricht und den Gottesstaat mit Irak und Nordkorea zur "Achse des Bösen" erklärt hat, sehen sich die Iraner als Nächste auf der Abschussliste des "großen Satans" Amerika.
Die Sorge ist nicht unbegründet. Als sei Saddam bereits besiegt, gucken die Falken um Bush schon den nächsten Gegner in ihrem Krieg gegen den Terror aus: Sollte Teheran wirklich seinen Atommeiler in Buschehr (SPIEGEL 23/2002) in gut drei Jahren in Betrieb nehmen und so seine Aussichten auf Atomwaffen verbessern, böte das vielleicht die erste Möglichkeit, die neue US-Doktrin der "vorbeugenden Angriffe auf Schurkenstaaten" anzuwenden. "In der Regierung", warnt Anthony Cordesman, einer der führenden US-Strategen, "gibt es einige Unterstützung für diesen Entwaffnungsschlag."
DIETER BEDNARZ, SIEGESMUND VON ILSEMANN,
GERHARD SPÖRL, BERNHARD ZAND
Von Dieter Bednarz, Siegesmund von Ilsemann, Gerhard Spörl und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 32/2002
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