05.08.2002

AKTIENHANDELDie Leiden des Mr. Dax

Jubel, Panik, Entsetzen: Der Kursmakler Dirk Müller ist das Gesicht der deutschen Börse. Fotografen lieben ihn, denn sein Platz ist direkt unter der Anzeigetafel - so wurde er zur Symbolfigur für die Dramen auf dem Frankfurter Parkett. Von Dirk Kurbjuweit
Das Erste, was Dirk Müller von seinem Feind wahrnimmt, sind die tappenden Schritte. Müller muss nicht hochgucken, um zu wissen, dass der Feind in Kürze bei ihm sein wird. Er guckt weiter auf seine Bildschirme, er hört die Schritte, Gummisohle auf Bongossi-Parkett. Der Feind rennt. Es geht um Sekunden.
Er startet von einem kleinen Büro am anderen Ende des Börsensaals. Er läuft eine lang gezogene Kurve um die Schranken herum. Sein Ziel ist Müller, der hinter der letzten Schranke steht. Der Feind ist
27 Jahre alt, klein, untersetzt. Sein Haar ist hell, vorn ausgedünnt. Er trägt eine Brille mit ovalen Gläsern. In leichter Schräglage und mit viel Schwung biegt er um die vorletzte Schranke. Jetzt muss er bremsen, stoppt hart vor Müller und macht ein Gesicht wie ein Raubtier. Sein rechter Zeigefinger schnellt hoch, zielt auf Müllers Kopf.
"Allianz, fünfhundert an dich", ruft der Feind. Müllers Blick bleibt ungerührt. "Fünfhundert von dir", sagt Müller, der seinem Feind gerade fünfhundert Aktien der Allianz abkaufen musste.
Der Feind ist zufrieden, und wenn er zufrieden ist, muss Müller unzufrieden sein. Das ist die Natur ihrer Beziehung.
Der Feind macht eine Notiz auf seinem Block. Dann geht er davon, mit breiten, unhörbaren Schritten. Seine linke Schulter hängt. Zurück bleiben zwei graue Striche auf dem Börsenparkett, die Bremsspur seiner Gummisohlen. Zurück bleibt Müller und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Seit 9 Uhr an diesem Mittwoch, dem 24. Juli, fällt der Dax, er fällt und fällt. Der Tag begann mit 3515 Punkten. Um 10.15 Uhr sind es 3355 Punkte. Müllers Telefon klingelt. "Panik", brüllt er in den Hörer, "hier herrscht Panik." Wieder hört er die Schritte, tapp, tapp, tapp. Das Hemd des Feindes ist völlig durchgeschwitzt.
Jeder kennt Müller. Das heißt, jeder hat ihn schon einmal gesehen. Dirk Müller, 33, gilt als Mr. Dax. Er steht direkt unter der Tafel mit der Dax-Kurve, er ist ein emotionaler Mensch und dazu als Schauspieler nicht unbegabt, weshalb er zu jedem Kurs das passende Gesicht machen kann. Das gefällt den Pressefotografen. Wenn die Zeitungen über die deutsche Börse berichten, stellen sie fast immer ein Foto von Müller dazu, mal heftig jubelnd, mal schwer zerknirscht. Auch im Ausland ist das so. Als "Dirk of the Dax" kennt man Müller in angelsächsischen Finanzkreisen.
Das Gesicht der deutschen Börse ist freundlich, breit, kastig, auch wegen der glatten Stoppelhaarfrisur, die Müller auf dem Kopf sitzt wie ein Brikett. Er trägt eine Brille mit dünnen Rändern und hat die Statur eines Ringers, der etwas füllig geworden ist. Er war mal Ringer.
Im Moment ist sein Gesicht eher sorgenvoll. Die Börse ist in der Krise. Seit der kurzen, heftigen Blüte der New Economy im Jahr 2000 sank der Dax von weit über 7000 Punkten auf deutlich unter 4000. Die Anleger sind enttäuscht, unsicher. Die Volksaktie Telekom war ein Reinfall, große amerikanische Konzerne wie Worldcom oder Qwest haben ihre Bilanzen gefälscht, der Kapitalismus wird hässlich. Sein Versprechen vom großen Wohlstand verblasst gegen die Angst vorm großen Crash. Der ginge wohl von der Börse aus, wo, wie es scheint, der Kapitalismus sich besonders unverfroren als Raubtier gebärdet, Zockerei, die Jagd nach dem schnellen Geld.
Dirk Müllers Rolle in diesem Spiel ist die eines Kursmaklers. Er betreut zwölf Werte, vor allem die Allianz, einen der wichtigsten Werte im Dax. Er hat vier Keyboards und vier Bildschirme. Er legt den Kurs fest, zu dem Aktien der Allianz den Besitzer wechseln. Auf seinen Bildschirmen sieht er, was die Käufer zahlen und die Verkäufer haben wollen. Dann macht er den Kurs, rund tausendmal am Tag. Er tippt ständig auf seinen Keyboards. Sein oberstes Gebot heißt "Fairness". Käufer und Verkäufer sollen den bestmöglichen Kurs bekommen.
Simpel gesagt: Sieht er auf dem Bildschirm viele Käufer für höchstens 135 Euro und viele Verkäufer für mindestens 133 Euro, legt er den Kurs, zu dem gehandelt wird, auf 134 Euro fest. Er muss auch selbst kaufen und verkaufen, um den Markt im Gleichgewicht zu halten.
Sein Feind steht ihm jetzt direkt gegenüber. Er steht breit, seine Arme stützen sich auf die Schranke, die Finger seiner linken Hand klopfen auf den Notizblock. Er lauscht der Stimme in seinem Kopfhörer, fixiert dabei die Zahlen an den Tafeln hinter Müller. Manchmal schaut er ihn an. Müller guckt nur auf die Bildschirme, macht Kurse. Beide schweigen.
Der Feind ist ein Arbitrageur, das heißt, er lebt davon, dass ein Kursmakler für einen Augenblick unaufmerksam ist. Neben dem Parketthandel, für den Müller die Kurse macht, gibt es den elektronischen Xetra-Handel. Laufen die Kurse auf beiden Märkten auseinander, nutzt das der Arbitrageur. Er kauft auf dem Markt mit dem niedrigeren Kurs und verkauft sofort auf dem anderen. Müller muss das in einem gewissen Rahmen mitmachen, so sind die Regeln.
Die Arbitrageure stehen auf der untersten Stufe der Börsenhierarchie. Sie haben keine eigene Entscheidungsfreiheit, empfangen ihre Befehle vom Kunden über Kopfhörer. Sie profitieren von den Fehlern anderer. Ihre Arbeit ist Ausdruck der reinen Gier auf den schnellen Euro, es geht nicht einmal vordergründig um Geldanlage. Der Arbitrageur steht für das Raubtierhafte des Kapitalismus.
Noch immer stehen sie sich gegenüber, ein stilles Duell, auf den ersten Blick auch ein Kampf Gut gegen Böse. Denn Müller sieht sich in einer würdevollen Tradition des Börsenhandels. Unternehmen suchen Geld, Bürger suchen Möglichkeiten der Geldanlage, alles hübsch langfristig gedacht, ein Beitrag zur Prosperität, zum Wachstum, zur Schaffung von Arbeitsplätzen.
Müller hat das Makeln gelernt wie ein ehrbares Handwerk, hat eine Prüfung abgelegt und musste einen Eid leisten, dass er faire Kurse machen würde. Er ist ein Akteur des rheinischen Kapitalismus. Geld machen ja, aber mit Moral und unter Aufsicht des Staates.
Er will auch persönlich kein Raubtier sein. Er hat das einmal so erzählt, in der Bar "Bull + Bear", direkt neben der Börse: Gerade sprach er von "Menschlichkeit", einem seiner liebsten Wörter, als vor ihm eine Fliege über den Tisch krabbelte. "Wissen Sie", sagte er, "ich käme nie auf die Idee, da einfach draufzuhauen, patsch, und tot ist sie. Es ist doch schön, dass diese Fliege leben kann." Dann kam ein Zigeunermädchen und wollte ihm für 50 Cent eine Obdachlosen-Zeitschrift verkaufen. Müller gab ihr einen Fünf-Euro-Schein und sagte, dass es okay sei.
Er mag die Show, aber er ist nicht großkotzig gönnerhaft. Man glaubt ihm das Herz. Er hat sein Auto mit allem ausgerüstet, was man im Falle eines Unfalls braucht, Feuerlöscher, Warnfackeln. Er will helfen. Er will ein guter Mensch sein. Er sagt, dass es früher mehr "Menschlichkeit" an der Börse gegeben habe, Regeln des Anstands, ungeschriebene Codes der Fairness. "Die jungen Leute", sagt er, "kennen das nicht mehr." Ein Satz aus dem Mund eines 33-Jährigen. Die Börse, an der alles rasend schnell gehen muss, macht schnell alt.
Müller weiß nicht, warum der Dax an diesem Morgen sinkt. Niemand weiß es. Um halb elf herrscht immer noch Panik. "Ficken" brüllt ein Makler, "fickt euch doch alle." Ein Kollege macht sich mit den gestreckten Fingern seiner rechten Hand ein Horn an die Stirn und rast so über das Parkett. "Telekom", schreit jemand, und im selben Moment macht Müllers Feind eine Wende aus vollem Lauf und stürmt zurück in sein Büro. Dazu zwitschern die schwarzen Anzeigetafeln, die ringsum im Börsensaal hängen. Ständig ändern sich die Kurse, und die Klappmechanik der weißen Ziffern klingt dann wie ein Vogelschwarm.
"Sieht so aus, als würde ein großer Fonds alles, was er hat, auf den Markt werfen", sagt Müller. Spekulation. Der Saal rotiert, und niemand weiß, warum. Müllers Handy klingelt. Er geht kurz weg, lächelt, als er zurückkommt. Seine Frau war beim Frauenarzt, alles gut. Ende August wird Müller Vater. Aber jetzt muss er das gleich wieder vergessen, muss rechnen, Kurse machen. Um 11.21 Uhr liegt der Dax bei 3331 Punkten. "Da klebt Blut dran", sagt Müller. Heute Morgen haben eine Menge Leute eine Menge Geld verloren.
Ein Fotograf taucht auf. Er läuft ein wenig herum, stellt sich dann so hin, dass er Müller und die Dax-Kurve zusammen ins Bild bekommt. Müller betont jetzt seine Gesten, seine Mimik changiert zwischen Sorge und Grimm, weil das zur fallenden Kurve passt. Er dreht den Kopf so, dass ihn die Kamera gut draufhat. Dirk Müller ist jetzt Mr. Dax.
Er trägt ein weißes Hemd und eine goldene Krawatte. Seine Ärmel sind hochgekrempelt. Es ist warm, aber man soll auch sehen, dass er richtig ranklotzt.
Müller lebt in einem Dorf, dessen Namen er nicht genannt haben will. Es liegt eine Autostunde von Frankfurt entfernt, 6000 Einwohner, kleine, flache Häuser. Es gibt zwei griechische Restaurants und als einzige Aufregung einen großen Streit darüber, welches das bessere sei. Müller hat sich für "Insel Kreta" entschieden.
Ein Abend dort mit Müller, seiner Frau und seinem besten Freund ist wie ein fröhliches Seminar über Heimat, über Beständigkeit, Verlässlichkeit, Bodenhaftung. Alles Gegenbegriffe zur Börse. Es gibt riesige Fleischportionen, Sirtaki und die etwas beklemmende Behaglichkeit aus dem Lied "Griechischer Wein" von Udo Jürgens. Müller fühlt sich so richtig dicke wohl hier und findet den Ausgleich für das Flatterhafte seines Berufslebens. Er hat schwer gefremdelt, als im "Insel Kreta" nach zehn Jahren die Wände neu gestrichen wurden.
Er wohnt in einem kleinen, flachen Haus, wie alle anderen hier. Man sieht Wohlstand, aber keinen Reichtum. Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen fünf Fernbedienungen, Zerstreuung ist wichtig. In einer Ecke steht eine Truhe, und aus der ragt ein großes Schwert. Man sieht auch ein Lederwams und einen Ritterhelm mit Vollvisier. An manchen Wochenenden nimmt Müller sein Schwert, setzt den Helm auf und geht mit seiner Frau, die einen Friseursalon hat, zu Ritterspielen. Ihn fasziniere das Mittelalter, sagt er, das Einfache, Ursprüngliche, Echte. Keine Computer. Er braucht sehr viel Ausgleich.
Die Zeitungen, die ihn zeigen, sammelt er in einer Mappe. Müller war auch schon in der "Los Angeles Times" zu sehen, am 11. September 2001. Es berührt ihn seltsam, dass einige dieser Zeitungen mit seinem Gesicht an jenem Morgen auf Schreibtischen in den Finanzbüros im World Trade Center gelegen haben könnten und später in den Trümmern versunken sind. Die "Washington Post" druckte am nächsten Tag Dirk Müllers Gesicht, um das Chaos und die Verzweiflung an den internationalen Finanzmärkten einzufangen.
12.55 Uhr, der Dax dümpelt bei 3400 Punkten. Die allermeisten Händler in den Banken und Investmenthäusern machen Mittag, eine Stunde der Ruhe auf dem Parkett. Es ist aus Bongossi-Holz aus Südafrika, 1690 Quadratmeter. Es hat einen rötlichen Stich und zeigt Bremsspuren vor allem dort, wo mit Aktien der Telekom und der Allianz gehandelt wird.
Vor dem großen Bildschirm mit den Xetra-Kursen stehen müßig die Parketthändler. Genau wie Müller tragen sie keine 5000-Mark-Anzüge von Möller & Schaar, obwohl der Laden, in dem sich Rudolf Scharping einkleiden ließ, gleich um die Ecke liegt. Sie sind eher praktisch gekleidet, Schuhe, mit denen man auch mal rennen kann, Hosen, bei denen Bequemlichkeit vor Eleganz geht. Es ist eine recht kleinbürgerliche Versammlung, nichts vom Geldkaisertum eines Gordon Gekko aus Oliver Stones Film "Wall Street".
Die Männer auf dem Frankfurter Parkett reden gern von früher, auch wenn sie, wie Müller, noch jung sind. Denn früher, das waren die guten Zeiten, sie kommen nicht wieder. Bei aller Hektik des Morgens war nicht zu übersehen, dass sich auf dem Börsenparkett ein langsamer Tod vollzieht. Gerade mal ein Dutzend Männer rannten zwischen den Schranken herum. Es war nicht das große Gewoge und Gebrülle, das man von einer Börse im Sinn hat.
Nur noch gut zehn Prozent des Aktienhandels spielen sich auf dem Parkett ab. Der Rest läuft über Computer, die Händler sitzen in Büros. Für Müller stirbt damit auch ein Stück "Menschlichkeit", weil Händler, die sich täglich begegnen, fairer miteinander umgehen würden. Im Xetra-Handel seien auch "unfaire" Kurse möglich, die Anleger eine Menge Geld kosten können.
Um kurz nach 13 Uhr wird das Gezwitscher wieder lebhafter. Die Pause ist vorbei, nach wenigen Minuten zeigt sich, dass die Kurse weiter wegbrechen. Gerenne, hier und dort ein Schrei. "Einer geht noch, einer geht noch rein", singt jemand. Ein älterer Mann kommt zu Müller und sagt: "Jedesmal, wenn ich Mut hatte, hat''s Geld gekostet, jetzt hab ich keinen Mut mehr."
Müllers Telefon klingelt. Er nimmt den Hörer, lauscht, sagt "okay", legt auf. "Die Zürich Rückversicherung soll pleite sein", sagt er. "Ein Gerücht, 90 Prozent dieser Gerüchte sind falsch, und trotzdem richten sich viele Leute danach." Der Dax fällt, die Hektik steigt. Ein Freihändler kommt zu Müller und fragt: "Hast du gehört?" Müller nickt. Niemand weiß, woher das Gerücht stammt, in den Nachrichten kommt nichts dazu. Die Dax-Kurve fällt steil auf den Rand der Tafel zu. Die Ziffern zwitschern wie die Vogelschwärme in Hitchcocks "Die Vögel".
Auch das Gerücht hat etwas Unheimliches, Bedrohliches. Es fliegt durch den Börsensaal, es setzt sich scheinbar harmlos auf jede Schulter. Aber es attackiert sofort. Es bringt die Händler aus der Ruhe, sie kaufen, verkaufen. Sofort werden Milliarden von Euro in Bewegung gesetzt. Leute werden reich, werden arm. Die Welt wirkt für eine halbe Stunde, bis das Gerücht erlegt wird, instabil, dem Crash nahe, ohne wahren Grund. Die Zürich Rück ist nicht pleite, wie sich später herausstellt.
Um 15.40 steigt der Dax. Niemand weiß, warum. Müllers Feind rast herbei, hat aber kein Glück diesmal. Müller hat seinen Kurs rechtzeitig angepasst. Der Arbitrageur bleibt an der Schranke stehen, ringt nach Atem, fächert sich Luft mit dem Notizblock zu. Er hat rote Flecken im Gesicht. Jetzt, in der Erschlaffung, sieht er nicht aus wie ein Raubtier. Er hat ein rundes, fast liebes Gesicht. Er ist umgänglich, offen.
Er hat Sparkassen-Betriebswirt gelernt, und dann ist er bei einer Börsenfirma gelandet, die unter anderem Arbitrage-Geschäfte macht. Zweimal die Woche muss er aufs Parkett. Wie er findet, was er da tut? "Es ist nicht gerade die Königsdisziplin", sagt er. In seinem Gesicht regt sich etwas, das Scham sein könnte. Er zuckt die Schultern. "Man kann es sich nicht aussuchen", sagt er.
"Euch muss es auch geben", sagt Müller wie zum Trost. "Wenn es euch nicht gäbe, würden der Parkettkurs und der Xetra-Kurs manchmal zu weit auseinander laufen." Es klingt nach dem Lob für die Nützlichkeit der Hyänen, schließlich muss ja einer das Aas beseitigen. Der Feind guckt Müller dankbar an.
"Achteinhalb Geld, die Allianz", sagt Müller unvermittelt, und der Arbitrageur weiß sofort, dass dies ein Geschenk ist. "Eine an dich", sagt er. "Eine von dir", sagt Müller. Der Kunde des Arbitrageurs darf sich über ein gutes Geschäft freuen.
Der Dax steigt und steigt. Die Tafeln zwitschern so rege wie am Vormittag. Es ist die gleiche Hektik, die gleiche Aufregung. "Jetzt brauche ich einen Joint", stöhnt ein erschöpfter Freimakler.
Um 16.07 Uhr landet ein neues Gerücht bei Müller. Bei der Allianz gebe es eine Hausdurchsuchung, Verdacht auf illegale Preisabsprache. Eine Viertelstunde später wird das Gerücht bestätigt. In kürzester Zeit verliert der Kurs der Allianz elf Prozent, Müller rechnet, rechnet, rechnet.
"Jetzt geht''s nicht um Milliarden, jetzt geht''s um Billionen", schnaubt er. "Bei Versicherungen hängt die ganze Volkswirtschaft dran, jeder hat doch eine, wenn da das Vertrauen verloren geht, wird es richtig schlimm." Man sieht die Anleger ja nicht auf dem Parkett, aber jetzt, nach sieben Stunden an der Börse, können sie einem langsam Leid tun: ausgeliefert den Raubtier-Spekulanten, den Gerüchten und den Kriminellen in Unternehmen. Ausgeliefert der totalen Undurchschaubarkeit. Man muss schon Optimist sein, vielleicht sogar Fatalist, um jetzt sein Glück an der Börse zu versuchen.
Dirk Müller hat sich früh für dieses Spiel begeistert. Als er 17 war, abonnierte er mit seinem besten Freund das "Handelsblatt", sie verglichen die Kurse und malten eigene Charts. Es war ein Fieber, Begeisterung für das Abenteuerliche des schnellen Geldgewinns und Geldverlusts. Von dem Lohn, den sich die beiden in einem Supermarkt verdienten, kauften sie noch als Schüler die ersten Aktien ihres Lebens, drei Stück von der BASF. Nach der Bundeswehr machte Müller eine Lehre bei der Deutschen Bank in Mannheim. Für ein paar Wochen durfte er auch in der Börsenabteilung zugucken. Für ihn war das "etwas Heiliges, ein Tempel". Leider gab es gerade dort einen Einstellungsstopp.
Eines Tages sagte einer der Händler in das Großraumbüro hinein: "Ich wäre jetzt Geld für ein paar Mohrenköpfe." In der Börsensprache heißt das, er würde jetzt gern Mohrenköpfe kaufen. Müller hörte das und erinnerte sich an einen Kontakt zu einem Hersteller von Mohrenköpfen. Dann sagte er den größten und vielleicht wichtigsten Satz seines Lebens: "Valuta Dienstag wäre ich 23 Brief für fünfzig."
Für einen Moment herrschte Stille untern den Händlern. Müller, ein stämmiger, nicht besonders auffälliger junger Mann, hatte in ihrer Sprache perfekt gesagt, dass er am nächsten Dienstag fünfzig Mohrenköpfe zum Stückpreis von 23 Pfennig liefern könne.
"Fünfzig von dir", sagte schließlich der Händler. "Fünfzig an dich, bleibe Brief", sagte Müller. Das hieß, er könne noch mehr Mohrenköpfe besorgen. "Hundert von dir", sagte ein anderer Händler. Am Dienstag darauf brachte Müller 1200 Mohrenköpfe in einer Schubkarre in die Bank. Als Anerkennung besorgten ihm die Händler einen Job bei einem Kursmakler an der Börse.
Müller kaufte sich Hosenträger, weil Gordon Gekko auch welche trug. Stolz und mit Herzklopfen ging er zu seinem ersten Tag auf das Frankfurter Parkett. Niemand außer ihm trug Hosenträger. Es war nicht die Wall Street, es war und blieb eine deutsche Börse, wo Geld immer auch ein wenig nach Mohrenkopf schmeckt und wo ein paar Leute so ehrbar sein wollen, wie es einst die Ritter waren. Aber damit ist Schluss, wenn der Parketthandel verschwinden sollte.
Um 18.09 Uhr steht der Dax bei 3599 Punkten. Er ist gegenüber dem Vortag im Plus, auch der Kurs der Allianz hat sich erholt. Jetzt läuft nur noch Geplänkel, Müllers Feind ist nach Hause gegangen, Müller hat endlich Ruhe.
Die Dax-Kurve über ihm hat nun grob die Form einer Badewanne. Erst geht es steil bergab, dann kommt eine längere gerade Strecke, am anderen Ende geht es steil bergauf, ein Sinnbild der Vergeblichkeit. In der Summe hat sich der Dax um ein paar Pünktchen nach oben bewegt, aber das hat viele Leute eine Menge Nerven gekostet, manche ein Vermögen. Ein ganzer Tag Hektik und Aufregung wegen nichts.
Um 19.30 Uhr endet der Arbeitstag von Dirk Müller. Er ist seit 8.30 Uhr an der Börse, hat elf Stunden gearbeitet, war zweimal kurz auf der Toilette, das Mittagessen, Bohneneintopf, hat er an seinem Arbeitsplatz heruntergeschlungen und dabei Kurse gemacht. Er sieht grau aus. Er nimmt seinen Aktenkoffer und verlässt die Börse. Draußen bleibt er stehen, atmet tief ein, grinst und sagt: "Es gibt sie doch, die echte Welt." Er hat Gänsehaut auf den Armen und zeigt sie gern. "Wie schön das alles ist", sagt er, "die Luft, der Himmel, die Bäume." Es sieht mal wieder ein bisschen nach Show aus, aber er ist eben so.
Im "Hard Rock Cafe" gleich um die Ecke trinkt er ein Pils und isst einen riesigen Hamburger. Seine Stimmung ist nicht schlecht. Er habe den Markt im Griff gehabt, sagt er. Er mag Turbulenzen, die schnellen Entscheidungen, die Adrenalinstöße. Er mag nicht, dass "der eigentliche Sinn der Börse verloren gegangen ist". Es würde weniger mit Aktien gehandelt als mit Derivaten, hochriskanten Papieren, die schnellen Reichtum versprechen, aber genauso schnell in die Armut führen können. "Heute ist der Markt von Zockerei bestimmt, rein, raus, ohne einen Gedanken an die Unternehmen, deren Aktien man kauft oder verkauft." Insofern ist der Unterschied zwischen Gut und Böse an der Börse, zwischen Kursmaklern und Arbitrageuren, so groß auch nicht. Sie alle dienen einem großen Geldspiel.
Müller frustiert noch eine andere Sache. Er erzählt von einem Freund, der Fliesenleger ist. "Am Ende eines Tages hat er eine wunderschöne Wand geschaffen? Aber was schaffe ich?"
Am nächsten Tag sieht sich Müller auf den Titelseiten von "Süddeutscher Zeitung" und der "International Herald Tribune". Sein Gesicht ist so, wie der Tag war: Es zeigt Skepsis, Sorge, Überraschung, aber keine Verzweiflung. Es ist ein Ausdruck irgendwo zwischen Baisse und Hausse, ein bisschen näher an der Baisse. Vor allem zeigt dieses Gesicht Ratlosigkeit.
* In Frankfurt am Main.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 32/2002
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