12.08.2002

VERHALTENSBIOLOGIE„Wir neigen dazu, uns zu überschätzen“

Der Affenforscher Frans de Waal über die Kultur der Tiere und die Natur der Menschen
Der Niederländer de Waal, 53, leitet das Living Links Center an der Emory University in Atlanta - umgeben von 3000 Schimpansen, Rhesusaffen, Pavianen, Kapuzineraffen, Orang-Utans und Schweinsaffen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Professor de Waal, Sie haben früher im Zoo von Arnheim das Verhalten von Schimpansen studiert, ehe Sie 1980 nach Amerika gingen. Erkennen die Arnheimer Affen Sie noch, wenn Sie Ihren alten Zoo hin und wieder besuchen?
de Waal: Jedes Mal. Selbst wenn Hunderte von Leuten mit mir vor dem Gehege stehen, begrüßen die mich mit lautem "Uh-uh-uh!"
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch schildern Sie, wie im Brookfield Zoo bei Chicago ein dreijähriger Junge ins Affengehege fiel*. Das Go-
rillaweibchen Binti Jua hob das Kind auf, klopfte ihm sachte auf den Rücken und trug es behutsam zu den Wärtern. Was war da los?
de Waal: Das war für ein Gorillaweibchen ein ganz gewöhnliches Verhalten. Menschenaffen erkennen die Nöte anderer Lebewesen und kümmern sich gegebenenfalls um sie. Nur weil dieses Mitgefühl einem Mitglied unserer Art entgegengebracht wurde, hat es uns so tief berührt.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, dass sich das Gorillaweibchen wie ein Mensch verhalten hat?
de Waal: Natürlich. Präsident Clinton forderte damals seine Mitbürger sogar auf, sich ebenso wie Binti Jua zu benehmen.
SPIEGEL: Besitzen - abgesehen von Menschen und Menschenaffen - auch andere Tiere Einfühlungsvermögen?
de Waal: Derzeit erforschen wir diese Frage. Wir gehen davon aus, dass es eine Verbindung zwischen Empathie und der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, gibt. Bisher schienen dazu nur Menschen und Menschenaffen im Stande. Kürzlich jedoch kam heraus, dass auch Delfine ihr Spiegelbild erkennen. Und demnächst werde ich mit Kollegen im New Yorker Bronx-Zoo testen, ob sich womöglich auch Elefanten im Spiegel erkennen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch sprechen Sie Tieren nicht nur Empfindungsvermögen, sondern auch die Fähigkeit zu Kultur zu ...
de Waal: ... ja, wenn man Kultur als die Weitergabe von Wissen und Angewohnheiten definiert ...
SPIEGEL: Das heißt, Sie sprechen gar nicht von neu entdeckten Verhaltensweisen im Tierreich - Sie definieren bloß den Begriff der Kultur neu?
de Waal: Gerade weil wir Kultur neu definiert haben, gehen wir mit anderem Blick durch die Tierwelt - und haben schon viele kulturelle Verhaltensmerkmale entdeckt.
SPIEGEL: Welche?
de Waal: Bei Schimpansen haben Forscher mittlerweile 39 verschiedene ausgemacht: das Knacken von Nüssen, Handzeichen zur Verständigung, das Krachmachen mit Blättern im Mund.
SPIEGEL: Das soll kulturell sein?
de Waal: Ja, weil diese Verhaltensweisen nämlich von Gruppe zu Gruppe variieren. Die kulturelle Vielfalt zeigt sich beispielsweise sehr deutlich beim Insektenfangen: Die Mitglieder mancher Schimpansengruppen stochern mit einem langen Stock im Termitenbau; sie erwischen viele Termiten und stopfen sie alle auf einmal in den Mund. Die Mitglieder anderer Schimpansengruppen indes machen es auf eine zivilisiertere Art: Sie benutzen einen kurzen Stock und stecken immer nur eine Termite auf einmal in den Mund.
SPIEGEL: Wie werden diese Sitten weitergegeben?
de Waal: Durch bloßes Beobachten. Ein junger Affe ist vergleichbar mit dem Lehrling eines Sushimeisters: Der schaut seinem Meister einige Jahre lang bei der Arbeit zu. Dadurch hat er die Abläufe so verinnerlicht, dass er sie am Tag seiner Feuertaufe selbst ausführen kann. Zu dieser Transferleistung sind auch Affen fähig. Und das ist Kultur.
SPIEGEL: Ihre Demut vor der Kreatur mag ja politisch sehr korrekt klingen. Aber alle raffinierte Termiten-Angelei ändert doch nichts daran, dass ein Schimpanse nur die Geisteskraft eines Idioten hat.
de Waal: Der ist bestimmt kein Idiot! Der Trend geht eindeutig dahin, Mensch und Tiere einander anzunähern. Forscher beachten die genetischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens immer stärker. Und zur gleichen Zeit entdecken sie die kulturellen Grundlagen des tierischen Verhaltens. Eine sehr interessante Zeit ist angebrochen: Menschen werden biologischer, Tiere werden kultureller.
SPIEGEL: Hilft uns das wirklich, den Menschen besser zu verstehen?
de Waal: Ganz sicher. Die Menschen interessieren sich endlich mehr für Darwin, die Evolution und die Genetik. Bis vor kurzem noch war es mir kaum möglich, öffentlich zu sagen, dass Schimpansenmännchen dominant und aggressiver als Weibchen sind. Die Leute reagierten empört, weil sie jeden Vergleich von Schimpanse und Mensch unerträglich fanden.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
de Waal: Sigmund Freud und auch der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss haben uns eingehämmert, wir Menschen seien die einzigen Kulturwesen. Die Vorstellung einer tierischen Kultur war deshalb im Westen undenkbar. Im Osten war das ganz anders: Der japanische Affenforscher Kinji Imanishi hat das Konzept einer Tierkultur schon vor 50 Jahren entwickelt. Doch die Sprachbarriere und unsere Denkverbote haben lange verhindert, dass sich sein Konzept auch bei uns in Europa und in den USA durchsetzen konnte.
SPIEGEL: Haben Tiere ein Bewusstsein?
de Waal: Wir wissen ja gar nicht genau, was das ist. Aber wenn Bewusstsein bedeutet, dass man über seine eigenen Handlungen und Entscheidungen nachdenken kann, dann haben Tiere es bestimmt.
SPIEGEL: Was macht denn dann eigentlich den Menschen zum Menschen?
de Waal: Diese Frage wird gegenwärtig heftig debattiert. Ich habe das Gefühl, dass wir den Begriff Kultur schon bald in unterschiedliche Abstufungen gliedern sollten. Bis jetzt ging unser Kampf erst einmal darum klar zu machen: Tiere haben Kultur. Der nächste Kampf wird sein: Nicht alle Kultur ist gleich - das Termitenfangen der Affen etwa steht auf einer anderen Stufe als das Singen der Vögel.
SPIEGEL: Sollten Sie dem Menschen in Ihrer Kultur-Skala dann nicht ehrlicherweise eine Sonderstellung zubilligen? Schließlich schreiben Sie Bücher über Affen und nicht umgekehrt.
de Waal: Wir neigen dazu, uns zu überschätzen. Die Menschen mögen dank ihrer Sprache besonders sein, der Gebrauch von Symbolen ist vielleicht sogar einzigartig. Aber zugleich sind wir nun einmal nur gewöhnliche Primaten. Menschen sind von Schimpansen genetisch gesehen keine zwei Prozent entfernt. Aber
manche denken, sie wären zu hundert Prozent anders!
SPIEGEL: Sie studieren das Verhalten von Affen seit 30 Jahren. Was geht im Kopf eines Schimpansen vor?
de Waal: Gewiss ist er kein Philosoph. Er fragt sich nicht: Warum bin ich hier? Aber die soziale, emotionale Erfahrung ist der eines Menschen sehr ähnlich.
SPIEGEL: Inwiefern verändert die Erkenntnis, dass Tiere Kultur haben, das Bild, das sich der Mensch von sich selbst macht?
de Waal: Mein Ziel ist es, die Menschen ein bisschen auf den Teppich zu holen. Manche Geisteswissenschaftler und Philosophen halten sich immer noch für etwas Besonderes.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, es sei "viel Natur in der Kultur". Was meinen Sie damit?
de Waal: Die menschliche Kultur nimmt die menschliche Natur und biegt sie in die eine oder andere Richtung. Der Kapitalismus etwa gründet auf dem biologisch verwurzelten Interesse des Menschen, für das Fortkommen seiner Familie zu kämpfen. Die Demokratie wiederum fußt auf der biologischen Tendenz des Menschen, Machtstrukturen um sich herum aufzubauen, aber auch darauf, die Mächtigen der Welt etwas einzuschränken.
SPIEGEL: Politiker sind also nichts als Affen im Frack?
de Waal: Als Richard Nixon nach dem Watergate-Skandal die Macht verloren hatte, trommelte er vor Wut mit den Fäusten auf dem Boden herum. Bei Schimpansen beobachte ich ähnliche Wutausbrüche.
SPIEGEL: Haben auch die Sonette Shakespeares und die Symphonien Beethovens ihre Wurzeln in der Biologie?
de Waal: Warum nicht? Die Kultur des Menschen liegt gleichsam an der Leine seiner biologischen Natur. Niemals kann sich Kultur gegen die Natur des Menschen richten: In einigen israelischen Kibbuzim wollten sie früher den Müttern die Kinder wegnehmen und die Kleinen im Kollektiv heranwachsen lassen. Das Experiment scheiterte, weil die biologische Mutter-Kind-Beziehung zu stark war. Es gibt keine kulturelle Freiheit.
SPIEGEL: Würden Sie lieber in einer Gesellschaft von Affen oder von Menschen leben?
de Waal: Auf jeden Fall in einer Gesellschaft von Menschen. Schimpansen sind unglaublich stark und konkurrieren fast nur mit körperlichen Mitteln. Ich würde immer den Kürzeren ziehen.
INTERVIEW: JÖRG BLECH
* Frans de Waal: "Der Affe und der Sushimeister - Das kulturelle Leben der Tiere". Carl Hanser Verlag, München; 392 Seiten; 21,50 Euro. * Am 18. August 1996 im Brookfield Zoo.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 33/2002
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