19.08.2002

FERNSEHFILMÜbermacht des Schicksals

Der Regisseur Jo Baier, für Werke wie „Wambo“ und „Der Laden“ viel gelobt, beschwört im ARD-Film „Verlorenes Land“ die Nachkriegszeit auf dem bayerischen Dorf.
Er hat als Aufnahmeleiter, Kameraassistent oder Tonmann gearbeitet, bevor er das erste Mal Regie führte, er war nie auf einer Filmhochschule, und er kennt sich nicht bloß im Reich der Fiktion aus: Der Regisseur und Autor Jo Baier, 53, gebürtiger Münchner und promovierter Theaterwissenschaftler, ging in die Lehre der Praxis und werkelte an über 70 Dokumentationen und Features, bevor er ins Fernsehfilm-Fach wechselte.
Dieses gründliche Eindringen ins Medium machte sich bezahlt. Baier wählte seine Stoffe mit Bedacht, beobachtete seine Figuren mit großer Genauigkeit und mied die Spekulationen der herrschenden Filmkunstmoden. Dabei entwickelte er sich zum Film-Archäologen der jüngeren Vergangenheit: In "Wambo", einem Sat.1-Drama über die Ermordung des homosexuellen Münchner Volksschauspielers Walter Sedlmayr etwa, erzählte er von der unberechenbaren Gewalt der Gefühle - und bekam dafür ebenso den Adolf-Grimme-Preis wie schon drei Jahre zuvor für die Verfilmung der Erwin-Strittmatter-Autobiografie "Der Laden".
In seinem Element aber ist Baier, wenn es um Geschichten und Geschichte auf dem bayerischen Dorf geht. Da zeigt sich, dass der Autor und Regisseur unlösbar an seine Heimat gekettet ist. In solchen Filmen glühen die Farben, da stimmt in den Dialogen jedes Wort, da quillt in andächtigen Kameraeinstellungen die Liebe Baiers zu seinen Schauspielern über. Mit dem Nachkriegsdrama "Verlorenes Land" wagt der Filmemacher an diesem Mittwoch in der ARD erneut den Tanz um den dörflichen Maibaum.
Schon der Titel "Verlorenes Land" sagt allen Illusionen, die deutscher Film und später die Ideologen der Öko-Bewegung genährt haben, den Kampf an: Nichts kommt zurück, nicht die biedersinnige Frömmigkeit der Nachkriegszeit, nicht die ruhigen Abende nach der Arbeit, nicht die kindliche Technikbegeisterung, nicht die strengen Gestalten der gestrengen Alten, nicht die Qualen der unterdrückten Sexualität. Heimat - für immer verstorben.
Bereits in der Tragikomödie vom "Hölleisengretl", auf einer Erzählung von Oskar Maria Graf beruhend und 1994 Baiers TV-Durchbruch, räumte der Regisseur mit den Gutmenschen-Illusionen von den lieben Leuten auf dem Lande auf. Die bucklige Bäuerin (Martina Gedeck), die von bayerischen Dörflern gequält wird, lässt unentdeckt ihren Ehetyrannen ermorden, und siehe da - das Leben wird für sie erträglich.
Jetzt, acht Jahre später, erzählt Baier im "Verlorenen Land" eine nicht ganz unähnliche Geschichte - die Bauernstube als Mördergrube. Gedeck spielt diesmal die Bäuerin Maria, die mit einem in Russland vermissten Mann auf dem Papier verheiratet ist, aber den ehemaligen französischen Kriegsgefangenen Jean-Pierre (Merab Ninidze) lieben gelernt hat. Das Drama will es, dass der rechtmäßige Mann - von der Schufterei in russischen Bleiminen völlig debil geworden - zurückkehrt, der Franzose verschwindet nach Hause, und die verzweifelte Frau erstickt den hilflosen Kranken. Was sich grausam anhört, erscheint auch im "Verlorenen Land" als gleichsam völlig natürlicher Vorgang. Die bürgerlich-christliche Gewissens- und Schuldkultur mit ihrem absoluten Tötungsverbot wirkt in einer ländlichen Welt fremd, in der das Überleben und das Recht des Stärkeren oberstes Gebot sind. Eine irritierende Sicht auf Heimat.
Die Geschichte der unglücklichen Maria spiegelt Baier in den Reaktionen ihrer Schwiegermutter (Monica Bleibtreu). Das ist glänzend gelungen. Diese alte Frau durchlebt ihren inneren Niedergang als Patriarchin. Am Beginn hält sie die Zügel der Sitte fest in der Hand, verachtet die Liebe Marias zum falschen Mann und bewahrt ihren vermissten Sohn in Ehren. Doch dann, als sie feststellen muss, dass er zum Wrack geworden ist, verfällt ihre Kraft. Mit sparsamen Gesten verrät sie plötzlich Verständnis für das Leben der Jüngeren.
Aber eine feministische Schnulze der Verschwesterung über die Generationsgrenzen hinweg vermeidet Baier klug: Am Ende versinkt die alte Frau in verwirrtes Schweigen - für die strenge Mutter Heimat ist die Gegenwart unerreichbar.
Doch warum nur hat es Baier nicht bei diesem von Gedeck und Bleibtreu großartig gespielten Drama unter Frauen belassen? Warum hat er seine 90 Minuten mit weiteren (unbedeutenden) Geschichten voll gestopft? Mit der langsam zum Klischee gewordenen Story vom an der Enge der Verhältnisse verzweifelnden Erfinder, vom unsteten Liebchen der amerikanischen Soldaten, vom netten Kriegsversehrten, der ein spätes Glück findet, vom frühgeilen Mädchen?
So wirkt dieser Film mitunter, als erzwinge die immer schneller rotierende Erzählmaschine Fernsehen einen Überdruck von Schicksalen und Geschichten: Wenn sich nun auch ein Großmeister wie Baier dieser Klischee-Raserei glaubt beugen zu müssen, wird das filmische Erzählen aus der Vergangenheit demnächst wohl endgültig zum verlorenen Land.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 34/2002
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